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»Ich wollte nicht die verwöhnte Wessi sein«


Der Spiegel Sonderheft - epaper ⋅ Ausgabe 1/2019 vom 25.09.2019

Zeitzeugen Millionen Menschen zogen in den vergangenen 30 Jahren von Ost nach West und von West nach Ost. Sie erzählen von Verletzungen und Glück, von ihrer Leidenschaft für Stoffreste oder ihrer Kapitulation vor Kohleöfen.


Geschichte setzt sich aus Geschichten zusammen. Lebens - geschichten ergeben ein Bild. Immer noch sprechen wir in Deutschland von Ost- und Westdeutschen, sogar die Worte der Wendezeit »Ossi« und »Wessi«, die nicht so nett gemeint sind, wie sie klingen, halten sich. Diese Begriffe aber ergeben nur ein ungefähres Bild, randvoll mit Klischees.

In den drei Jahrzehnten nach dem Mauer fall ...

Artikelbild für den Artikel "»Ich wollte nicht die verwöhnte Wessi sein«" aus der Ausgabe 1/2019 von Der Spiegel Sonderheft. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Der Spiegel Sonderheft, Ausgabe 1/2019

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... hat sich ein neuer Typus herausgebildet, der sich Klischees entzieht: Deutsche, deren Identität von beiden Teilen des Landes geprägt wurde, weil sie von Ost nach West zogen oder umgekehrt.

Von Halle an der Saale nach Braun - lageAntje Eimbeck stört sich an der westdeutschen Wegwerfkultur und verwendet Sachen gern wieder.


Antje Eimbeck, 47
Heilpraktikerin für Physiotherapie, Yogalehrerin, von Ost nach West

Ich bin einen Tag vor der Grenzöffnung aus der DDR geflohen. Es war der 8. November 1989. Ich war gerade erst 17 Jahre alt. Keiner hatte ja eine Ahnung, dass die Grenze geöffnet werden würde.

Warum ich wegwollte? Ich fühlte mich sehr wohl in Halle an der Saale. Uns ging es eigentlich immer gut. Aber dieses ständige auf der Hut sein, diese erzwungene Abgrenzung vom Rest der Welt, auf keinen Fall systemkritische Fragen stellen, das wollte ich nicht mehr. Wir hatten oft Verwandtschaft aus dem Westen zu Besuch, und so kannte ich beide Seiten. Einmal kam meine Tante bei uns an und schimpfte: »Das darf ja wohl nicht wahr sein, jedes Mal muss man hier Eintritt bezahlen für jeden Tag, das ist ja wie im Zoo!« In dem Moment wurde mir bewusst, wie abgegrenzt wir waren. Im Zoo!

Was mir nach der Flucht als Erstes aufgefallen ist: diese bunte Werbung überall, die Leuchtreklamen – das war die totale Reizüberflutung nach dem ganzen Grau. Einkaufen war eine Überforderung: Wofür soll ich mich entscheiden, wenn da 15 verschiedene Flaschen vom gleichen Produkt stehen?

Heute noch, wenn ich eine Dokumentation über die Flucht aus der DDR sehe, sitze ich aufrecht, weil so eine Spannung in mir ist. Ich habe dann Gänsehaut von oben bis unten, nehme ein Taschentuch nach dem anderen, weil der Stress wieder da ist, diese wahnsinnige Angst.

Seit der Flucht lebe ich in Braunlage, also im damals westlichen Teil des Harzes. Wir sind hier viel im Wald unterwegs, suchen Pilze und spazieren oft am früheren Grenzstreifen entlang. Jedes Mal, wenn wir an einen kleinen alten Grenzstein kommen, erinnere ich mich an die Zeit mit der Mauer. Die ersten 20 Jahre hatte ich noch ein beklemmendes Gefühl, die letzten 10 Jahre hat das nachgelassen.

Da ich bei meiner Flucht erst 17 Jahre alt war, ging ich zu meiner Tante nach Braunlage, die 1961, zwei Tage vor Schließung der Grenze, in den Westen gegangen war. Sie hat in der Gastronomie gearbeitet, und auch ich habe schnell einen Job im Service gefunden. Doch mir war bald klar, dass das nicht meine Erfüllung ist. Früher hat meine Mutti mal zu mir gesagt: »Werde doch Krankengymnastin«, da ich entweder in die künstlerische oder die sportliche Richtung gehen wollte. Damals konnte ich mir noch nicht vorstellen, was dieser Beruf genau bedeutet. »Physiotherapie«, wie es im Westen hieß, klang da schon anders, und ich entschied mich, in diese Richtung zu gehen.

Ich liebe meinen Beruf und seine vielfältigen Möglichkeiten. Ich besuche regelmäßig Fortbildungen. Das brauche ich für meinen Geist. Durch Yoga finde ich relativ schnell meine innere Ruhe und übe mich in Achtsamkeit. Man kommt zu sich und sieht alles ein bisschen entspannter, offener. Früher war ich sehr kontrolliert. Ob das an meinem Aufwachsen in der DDR liegt, kann ich nicht sagen.

Ich hatte aber auch Glück, dass ich jung war, als die Einheit kam. Für viele Ältere war es schwieriger. Zu meiner Mutti, die Ingenieur-Ökonomin ist und eine neue Anstellung suchte, wurde gesagt, sie müsse »sich jetzt gut verkaufen«. Sie wusste gar nicht, wie das geht, »sich gut verkaufen«.

In der DDR hatte niemand Angst vor Arbeitslosigkeit. Es wurde halt alles vom System organisiert.

Ich bin dankbar für alles, was ich habe, und muss nicht in Saus und Braus leben. Vielleicht bin ich da noch der kleine Ossi, der alles dreimal umdreht. Andererseits merken wir ja jetzt durch den Klimawandel und die Angst um unseren Planeten, dass es auch gute Verhaltensweisen im Osten gab. Aufgrund des Mangels sind wir viel sparsamer mit allem umgegangen.

Es wurde nicht so viel sinnlos verschwendet, sondern wiederverwertet. Bei uns gab es keine Plastiktüten einfach so im Laden. Wir haben Beutel oder Körbe mitgebracht, und es wurde auch mal etwas in die Tageszeitung von gestern eingepackt. Meine Mutti hat damals schon Plastiktüten ausgewaschen, um sie wieder zu benutzen. Auch ich habe vorhin erst eine ausgewaschen. Zur Jugendweihe habe ich mir eine Nähmaschine gewünscht und schon damals Kleidung selbst genäht oder verändert. Neulich in Berlin habe ich Geschäfte gesehen, wo genau solche Kleidung verkauft wird. Heute ist »upcycling« eine schöne Alternative zur alten Wegwerfmentalität. Auch meinem kleinen Enkel nähe ich Kleidung aus gebrauchten Stoffen.

Ja, ich habe schon einen Enkel. Meinen Sohn habe ich bekommen, als ich 20 Jahre alt war. Jetzt, mit 47, kann ich mit meinem Enkel auf Bäume klettern, Yoga machen und auf dem Hof Hockey spielen, das ist doch super. Mein Sohn ist Mediengestalter. Unter anderem hatte er sich in Leipzig um einen Ausbildungsplatz beworben. Es waren unglaublich viele Bewerber, und er war unter den letzten drei. Der Chef war stolz auf seine Firma und hatte sich leider negativ über den Westen geäußert. Da hat mein Sohn zu mir gesagt: »Da will ich nicht hin. Ich mag es nicht, wenn jemand diskriminiert wird.« Wenn es gegen den Osten geht, verteidigt er den Osten, und wenn es gegen den Westen geht, den Westen. Ich mache das genauso. Wir sind auf beiden Seiten zu Hause.

Christiane Filius-Jehne, 63
Stadträtin, von West nach Ost

Ich bin gern nach Dresden gezogen, es ist meine Wahlheimat, ich arbeite hier auch gern politisch. Wir sind hier freundlich empfangen worden vor 26 Jahren, Aber dass es auf einmal immer wieder heißt: »Es hat Sie keiner gebeten herzukommen«, das verletzt mich manchmal.

Von München nach DresdenChristiane Filius-Jehne engagiert sich für ihre Wahlheimat, muss sich aber anhören, sie stamme ja nicht daher.


Ost-West, dieses Thema begleitet mich schon mein ganzes Leben. Ich bin in eine geteilte Stadt hineingeboren worden. 1956 war das. Wir haben zwar in West-Berlin gewohnt, aber mein Vater hatte die ursprünglich im Ostteil angesiedelte Uhrenfirma seiner Familie übernommen. Im April 1961, also ein paar Monate vor dem Mauerbau, sind wir dann nach Ulm umgezogen, weil der Handel für die Firma meines Vaters von Berlin aus zu schwierig geworden war. Er hat dann in Ulm eine für ihn lukrative Anstellung in seiner Branche gefunden. Ich erinnere mich noch an das zerstörte Berlin und die späteren Besuche in der DDR.

Ich war nach dem Studium fest angestellt in München, mein Mann war Wissenschaftler, wir pendelten acht Jahre lang hin und her, wir bekamen dann ein Kind, also habe ich gesagt: »Wenn es den Herrn Wissenschaftler mal an einen spannenden Ort verschlägt, dann komme ich mit und mache mich selbstständig.« Er ist dann 1993 nach Dresden berufen worden, ich habe die erste Zeit dort als wahnsinnig positiv empfunden: wie schnell sich da alles bewegte!

Ein Vorteil war auch die völlig andere Einstellung gegenüber berufstätigen Müttern. Im Westen durfte man damals vielleicht gerade mal eben so Karriere machen, aber dann bestimmt keine Kinder kriegen. Im Osten gab es eine gute Infrastruktur für die Kinder, sie wurden betreut bis zum Nachmittag. Mein Sohn ist herzlich in der Kita aufgenommen worden, die Nachbarn haben zum ersten Weihnachten Süßigkeiten vorbeigebracht.

Im Jahr 2000 war ich Mitglied und später Vorsitzende einer Bürgerinitiative. Der amtierende Oberbürgermeister war ein integrer Mann, aber nicht der Richtige für eine Halbmillionenstadt, das fanden sehr viele hier in Dresden. Die CDU hielt jedoch an ihm fest. Wir haben dann einen überparteilichen Kandidaten durchgebracht, es war eine große Sache damals, wir kamen in die ARD-»Tagesthemen«, in einem roten Kleid war ich da zu sehen.

Damals habe ich gemerkt: Wenn man hier Kräfte bündelt und sich reinhängt, kann man eine ganze Menge bewegen. Die Grünen haben mich angesprochen, ob ich für den Stadtrat kandidiere, das habe ich gemacht. Jetzt bin ich schon 15 Jahre Stadträtin, viele Jahre lang als Parteilose.

Erst vor fünf Jahren bin ich den Grünen beigetreten. Im Stadtrat war übrigens immer eine klare Mehrheit ostdeutsch.

Als wir dann 2008 erbittert gegen den Bau der Waldschlößchenbrücke und damit für die Erhaltung des Welterbes für Dresden gekämpft haben, hörte ich auf einmal Sprüche, die ich vorher nie vernommen habe. »Sie haben ja keine Ahnung. Sie sind ja nicht von hier.« Parallel zu Pegida entwickelte sich dann verstärkt diese Stimmung gegen Westdeutsche.

In der Welt geht es ja jetzt überall um Identität, auf einmal zählt die Frage, wo man geboren ist. Nun haben mein Mann und ich als Kinder hier und dort gewohnt, sind umgezogen, wir beide waren an keinem anderen Ort so lange wie in Dresden. Für eine Wahlheimat entscheidet man sich doch bewusst, das gilt doch etwas. Mein Mann hatte auch einen Ruf nach Zürich, hätte dort Professor werden können. Wir haben Zürich besucht, die Schweizer kamen uns jedoch abgeschottet vor; die hatten gerade angefangen, sich schwer gegen die Deutschen einzuschießen. Ich hatte das Gefühl: In Dresden kannst du dich in ganz anderer Weise mit einbringen.

Ich empfinde es als vollkommen un - gerecht, jetzt in eine Ecke gestellt zu werden, als Wessi, und gesagt zu bekommen: Ihr habt uns nie geachtet, ihr habt uns einfach eingeatmet. Ich war 33 Jahre alt, als die Mauer fiel, ich war immer schon politisch, hatte Verwandtschaft und Freunde in Ostdeutschland. Mir hat damals vieles nicht gefallen, was passierte. Ich habe nicht schon Ende ’89 gerufen, »Wir sind ein Volk«, ich habe nicht Ende ’89 gesagt, die D-Mark müsse überallhin. Nun hat es halt nach dem Willen einer Mehrheit in diesem Land, die Kohl gewählt hat, so sein sollen. Kohl hätte doch ohne den Osten damals keine Bundestagswahl mehr überstanden.

Und wenn es heißt, die Westdeutschen hätten die Lebensgeschichten der Ostdeutschen nicht genug gewürdigt, dann sage ich: Das Interesse an meiner Lebensgeschichte hat sich hier in 26 Jahren auch sehr in Grenzen gehalten. Vielleicht ist es generell ein Problem der Gesellschaft, dass wir uns zu wenig füreinander interessieren.

Christian Bahnsen, 59
Buchhändler, von West nach Ost

Ich habe 29 Jahre lang in Hamburg gelebt und bin nun seit 30 Jahren in Dresden. Die eine Hälfte des Lebens hier, die andere Hälfte dort. Erst in Dresden konnte ich das machen, was ich immer machen wollte, erst hier habe ich so richtig meinen Weg gefunden.

In Hamburg habe ich Kfz-Mechaniker gelernt, habe Fahrzeugbau studiert, habe dann lange in der Pflege gearbeitet, und irgendwann dachte ich: Da muss etwas passieren in meinem Leben. Ich hatte mich schon in Hamburg um Arbeit im Buchhandel gekümmert und musste feststellen, dass man mit dem Geld, das für Buchhändler gezahlt wird, in Hamburg eigentlich nicht leben kann. Mit einem Freund aus Dresden kam mir die Idee, eine Buchhandlung dort zu eröffnen.

Von Hamburg nach DresdenChristian Bahnsen ging in den Osten, weil er sich im Westen ein Leben in seinem Traumberuf nicht leisten konnte.


Wir haben das dann auch beschlossen – noch bevor es endgültig um Wieder - vereinigung ging. Es gab ja 1989/90 noch so Überlegungen einer Konföderation. Ich wäre auch mit Haut und Haaren in die DDR gezogen, die Wiedervereinigung war keine Voraussetzung für mich. Ich habe im September 1990 im Dresdner Rathaus die Einbürgerungsurkunde der DDR unterschrieben. Seit dem 13. November 1990 bin ich offiziell in Dresden ansässig.

Wenn ich auf den 29-Jährigen von 1989 schaue, der hier angekommen ist, denke ich: Das war ein ganz unreifer Knochen. Auch die Gleichaltrigen in Hamburg waren noch sehr auf der Suche. In Dresden traf ich auf Gleichaltrige, die zum Beispiel schon seit Jahren Lehrer waren und zwei Kinder hatten.

Wer wie ich im Westen nicht zielstrebig war, konnte das im Osten besser aushalten. Hier wurde man sehr viel mehr an die Hand genommen, an der Universität oder Fachhochschule war es erheblich durch - organisierter als bei uns, und es wurde staatlicherseits auch Einfluss darauf genommen, was man studiert. Der Staat hat alles deutlich mehr gesteuert, als es im Westen möglich und gewollt war.

Insgesamt habe ich den Eindruck, dass das Leben hier doch einen ganzen Zacken bodenständiger ist als im Westen. Und darin fühle ich mich eigentlich recht wohl. Ich kann mit gewissen Erscheinungen des Westens nicht viel anfangen. Wenn ich in Hamburg bin, halte ich mich im wohlständigen Hamburger Norden auf, weil mein Vater da noch lebt – dieser doch sehr nach außen getragene Luxus ist mir fremd geworden. Im Alstertal-Einkaufszentrum werden mit wunderbarster Freundlichkeit kleine Mengen Käse für ungeheure Mengen Geld angeboten. Ich bin jedes Mal völlig beeindruckt von dieser wahnsinnigen Freundlichkeit der Verkäuferinnen und geplättet von den Leuten, die da herum laufen, als sei ihnen das Geld auf den Leib geschneidert.

Es ist schwer zu beschreiben, Dresden ist ja überhaupt nicht ärmlich, aber die Atmosphäre ist einfach anders. Ich kann heute noch gut unterscheiden, wenn jemand bei uns in die Buchhandlung kommt, ob das einer aus dem Westen ist oder aus dem Osten. Die Körpersprache und das Auftreten sind immer noch eigen.

Was ich überhaupt nicht verstehe, ist diese DDR-Nostalgie, die es am Anfang hier schon gab, die mal weg war und jetzt zurückgekehrt ist. Wie kann man der DDR nur eine einzige Träne nachweinen? Als jemand, der sich in Hamburg immer als Linker verstanden hat, kam ich hier mit einem ziemlich geschönten Bild an. So schlimm ist es ja auch nicht, dachte ich damals. Ich hatte aber dann bald engen Kontakt mit der sächsischen Gedenkstättenszene, und da ist mir klar geworden: Das war auf politischer Ebene brutal.

Aber ich äußere mich hier darüber sehr vorsichtig, weil ich schon verstehen kann, dass man, wenn man hier zu DDR-Zeiten gelebt hat, ein durchaus gutes Leben haben konnte. Die Leute haben hier ihre Ausbildung gemacht und studiert und hatten ihre Familie, das ist natürlich ein ganz anderer Blick auf die DDR, als wenn man sie politisch sieht. Es gibt also keinen Grund, das Leben in der DDR im Ganzen für schlecht zu erklären. Sonst haben die Leute hier das Gefühl, sie müssten ihr vergangenes Land verteidigen. Insofern sage ich nur etwas, wenn ich die Leute gut kenne.

Wally Hase, 49
Musikerin, von West nach Ost

Ich war zufälligerweise in Hannover, als die Mauer fiel. Ich bin ohne Pass in den Zug gestiegen und direkt nach Berlin gefahren. Als sogenannter Mauerspecht war ich dabei, als Checkpoint Charlie aufgemacht wurde. Ich bin die ganze Nacht glücklich und überwältigt in Berlin umhergelaufen, bis ich nicht mehr konnte. Mir war klar, ich war dabei, als »deutsche Geschichte geschrieben wurde«. Davor bin ich ab und zu in Berlin gewesen und habe es stets als beklemmend empfunden, über die bunte Mauer im Westen hinüber in den Osten zu schauen, alles war so grau und so weit weg.

Als dann 1992 eine Stelle in der Staatskapelle Weimar ausgeschrieben war, habe ich mich beworben. Nach bestandenem Probespiel im Juli hatte ich noch ein Probekonzert. Ich war noch so jung, erst 22 Jahre, dass der damalige Chefdirigent meinte, er möchte mich vor dem Enga ge - ment erst einmal in einem Konzert erleben und danach entscheiden, ob man mir die Stelle geben könnte. Dieses Konzert fand am 3. Oktober, zum Jahrestag der Einheit, in der Kölner Philharmonie statt, zu dem die Staatskapelle Weimar einge - laden war.

Danach wurde ich einstimmig genommen, die Musiker haben mich herzlich willkommen geheißen und mir geholfen, dass ich etwas zum Übernachten fand. Ich habe die erste Zeit bei der Arbeiterwohlfahrt wohnen dürfen, wusste allerdings nicht, wie ich den Kohleofen warm bekomme, und es war mir zu peinlich, die Kollegen zu fragen, wie das geht. Ich wollte nicht so die verwöhnte Wessi sein; aber als ich krank geworden bin, habe ich jemanden gefragt, wie das geht, und er war völlig verblüfft, dass ich das nicht weiß, und noch verblüffter, dass ich mich nicht zu fragen getraut habe. Anschließend konnte ich in ein Seniorenheim für Künstler ziehen, das Marie-Seebach-Stift, dort war es regelrecht luxuriös, Zentralheizung, mit einer warmen Dusche für die älteren Herrschaften und für mich auf dem Flur. Und mit reizenden Menschen um mich herum.

Dann bin ich etwas außerhalb von Weimar gezogen, anderthalb Jahre ohne Telefon. Ich habe Telegramme bekommen und viele tolle Briefe, die ich nicht missen möchte. Wenn ich telefonieren wollte, habe ich lange an der Telefonzelle an - gestanden, es gab damals noch nicht so viele – heute gibt es ja gar keine mehr.

Von Stuttgart nach WeimarWally Hase bekommt im Osten ambivalente Komplimente: Man merke nicht, dass sie westdeutsch sei, sie sei so nett.


Es war Anfang der Neunziger ein völlig anderes Leben im Osten, und auch daran sieht man, was für immense Veränderungen und Einschnitte diese Einheit im Alltag der Leute war. Vor Kurzem bin ich von Weimar nach Österreich gezogen. Ich habe mich von Anfang an über alles durch das Internet informieren können, es war ganz anders als damals beim Umzug von Stuttgart nach Weimar. Damals war ich ausschließlich auf die Menschen angewiesen.

Weimar ist eine unglaublich schöne Stadt mit vielen Facetten, dieser humanistische Geist, Goethe, Schiller, das Bauhaus und dann das unglaublich grauenvolle Buchenwald – ein Konzentrationslager hoch über der Stadt. Für Gäste von überallher gibt es tatsächlich viele Anknüpfungspunkte und gemeinsame Themen jenseits von Ost und West. Weimar ist für mich ein Ort, der zeigt, wie schnell das Gute, das hier ja sogar im Übermaß vorhanden war und ist, kippen kann in etwas Grauenvolles.

Die Weimarer Republik, dieser Teil der Zeit zwischen den Weltkriegen, der ist doch spannend. Da war viel Offenheit und so viel Neugierde auf der einen Seite und dann das abgrundtief bornierte dumme und stumpfsinnige Gedankengut der Rechten auf der anderen Seite.

Ein Kollege hat mir zu meinem Abschied einen Zeitungsartikel geschenkt, auf dem Bild sind wir beide zu sehen. Im Frühjahr 2002 gab es einen rechten Aufmarsch in Weimar. Auch wir haben bei der Gegeninitiative mitgemacht: bunte Vielfalt gegen braune Einfalt. Wir Musiker von der Staatskapelle haben uns organisiert und spielten vor dem Theater Auszüge aus der »Königin von Saba« von Händel und aus der »Entführung aus dem Serail« von Mozart. Das Studentenwerk hat einen ganz großen Schokoladenpudding gekocht, nach dem Motto: Wir fressen die braune Masse auf.

Ich möchte meine Jahre in Weimar niemals missen, ich habe unglaublich viel gelernt und wunderbare Freundschaften geschlossen.

Leider habe ich mich auch öfters schämen müssen, aus dem Westen zu sein. So viele Menschen im Osten sind zum Beispiel von Versicherungsmaklern, Autoverkäufern et cetera schamlos rein - gelegt worden. Dies waren Erlebnisse für Ostdeutsche, die das anfängliche Ver - trauen erschüttert haben. Deshalb hat sich bei einigen Menschen schnell ein negatives Bild der Westdeutschen aufgebaut. Ein bezeichnendes Erlebnis war mal, dass ich abends in der Kantine von einem Bühnentechniker des Theaters gefragt wurde, woher ich kommen würde. Ich sagte, aus Süddeutschland, und bekam das ambivalente Kompliment: »Das hätte ich nicht gedacht, du bist ja eigentlich total nett.«

Von München nach DresdenRoderich Kreile kannte es, dass Kultur von Konzernen gesponsert wird, im Osten aber war das erst mal nicht erwünscht.


Es ist traurig, dass vieles schiefgelaufen ist, denn die Einheit und die Öffnung der Grenzen in Europa sind für mich ein Riesengeschenk. Die Auseinandersetzung mit rechten, mit autoritären Tendenzen sehen wir jedoch nun überall auf der Welt, auch hier in Österreich. Ich war im Sommer bei den Salzburger Festspielen und musste ein paarmal rüber nach Deutschland – und da stand ich wieder an der Grenzkontrolle, wie früher. Die Freiheit, die zurückgedreht wird: Jetzt zählen zu meiner großen Sorge wieder verstärkt Nationalismus und Grenzen.

Roderich Kreile, 62
Kreuzkantor, von West nach Ost

Ja, es stimmt, es ist immer mal wieder ein Thema, dass mit mir ausgerechnet ein Westdeutscher eine Institution leitet, die so sehr mit Ostdeutschland verbunden wird – aber die Unterscheidung Ost-West ist ja angesichts der 800-jährigen Geschichte des Kreuzchors eine Kategorie, die eigentlich keine große Bedeutung hat. Und bei meinen Kruzianern heute gibt es die separierende Wahrnehmung nicht mehr.

Die ersten Gerüchte, dass man sich für mich als Kantor des Dresdner Kreuzchores interessiert, drangen schon Ende 1995 an mein Ohr. Ich habe mir gedacht: Das ist eine große Ehre. Und als ich dann erfuhr, dass in der engeren Wahl noch zwei Kandidaten aus dem Osten waren und beide aus Sachsen, da dachte ich mir: Okay, dann bin ich halt der Alibi-Wessi. Die Findungskommission war gesamtdeutsch besetzt. Zu meiner Überraschung wurde dann doch ich gewählt. Aus dem Umfeld des Kirchenvorstands hörte ich anschließend ein paar unerfreute Stimmen: Man wolle nicht noch einen Kolonialoffizier – der Kulturbürgermeister Dresdens war ja schon aus dem Westen und der Kulturamtsleiter auch. Ich hatte dafür Verständnis. Gerade das Amt des Kreuzkantors ist in Sachsen von hoher Bedeutung und stiftet Identifikation.

Zugleich habe ich aber auch verstanden, dass sich die Findungskommission von mir einen Neuanfang versprochen hat. Ich kam ja nun wirklich von ganz außen, zu einer Zeit, in der der Chor noch sehr von der DDR geprägt war. Einerseits waren da et - liche Schüler aus einem kirchennahen Umfeld. Die hatten sich zu DDR-Zeiten um die Aufnahme in den Chor bemüht, denn nur dann haben sie hinterher auch studieren dürfen – was sonst für Kinder aus diesem Milieu in der DDR ja nicht gut möglich war. Auf der anderen Seite hatte es auch Bestrebungen des Staates gegeben, Kinder aus staatsnahen Familien im Chor unterzubringen. Das war also eine komplexe Gemengelage, die in der Wendezeit nachwirkte.

Ich war der einzige Wessi in einem Betrieb mit immerhin 40 hauptamtlichen Mitarbeitern. Aber fremd war mir Dresden nie. Es ist eine Residenzstadt mit gewissem Stolz auf die Vergangenheit, auf die Traditionen und auf das kulturelle Leben. Meine Heimat München ist da ähnlich.

Ich habe überhaupt den Osten besser kennengelernt und wahrgenommen, dass Thüringen und Sachsen Kernländer der deutschen Kultur sind. Kultur, Wissenschaft und Bildung hatten in der DDR einen hohen Stellenwert. Gut, nach der Wende hatte sich gezeigt: Man konnte es so nicht weiterfinanzieren.

Daraus ergaben sich tatsächlich in den vergangenen Jahren Konflikte. Für mich ist die Zusammenarbeit mit Sponsoren aus der Wirtschaft kein Problem, ich kenne das aus München. Ich habe mich gefreut, wenn es möglich war, zum Beispiel bei Siemens Gelder für bestimmte Konzerte zu erhalten. Aber hier gibt es doch eher eine kritische Haltung den Konzernen gegenüber, da wird schnell unterstellt, es gehe nur um Gewinn und Produktplatzierung.

Ich selber habe erlebt, dass bei den Konzernen auch ein Bewusstsein da ist, eine gewisse gesellschaftliche Verantwortung zu übernehmen. Mir ist es aber nicht gelungen, das so zu kommunizieren, dass es nicht erst zu Konflikten kommt. Das hätte ich bes - ser machen können. Denn die Menschen hier haben den Kapitalismus nach der Wende nicht immer positiv erlebt, sodass es viele Verletzungen gibt. Ich finde nur, die Kirche darf sich nicht abwenden von der Welt. Das funktioniert im Osten besser, weil die Kirche hier eine Minderheit repräsentiert. Die kleinen Kämpfe und theologischen Spitzfindigkeiten, die man sich im Westen vielleicht noch leisten kann, kommen hier gar nicht infrage. Zwar hat der Atheismus hier durchgeschlagen, aber Kirchenmusik wird als kulturell wertvoll wahrgenommen. Ich kenne eine ganze Reihe Atheisten, für die das Hören der Matthäus-Passion einfach zum Jahreszyklus dazugehört. In der Stadtverwaltung arbeiten Leute, die mit dem Christentum nichts am Hut haben, die aber unser Tun in der Kreuzkirche hoch schätzen und uns unterstützen.

Man kann ja das Christentum auch als Wahrheitslehre interessant finden und sich auf die Spur philosophischer Fragen machen: Was wollte der Sozialismus, was will der Buddhismus, und was will das Christentum? Ein intellektuell aufgeschlossener Mensch wird da auf interessante Erkenntnisse stoßen, und das kann auch eine Chance für die Kirche hier sein.

Ralf-Raffael Brentano, 55
Fachpsychologe und Psychoanalytiker, von Ost nach West

Ich bin 1988 über Jugoslawien abgehauen, da war ich 24 Jahre alt. Warum? Mir waren Osteuropa und die Sowjetunion als Außenbereich zu klein. Ich fühlte mich in meinem Reisebegehren stark beengt. Im Prinzip mochte ich die DDR bis dahin gern. Sie war für mich wie eine erweiterte Mutter, hat für mich gesorgt, aber irgendwann hat sie mich eben zu stark beschränkt, und ich musste mich lösen, letztlich auch schon ein psychoanalytisches Thema.

In der Bundesrepublik angekommen, rief ich meine Mutter an. Sie hat dann immer und immer wieder denselben Satz gesagt: »Du setzt dich jetzt in den Zug und kommst zurück. Ich habe Kirschkuchen gebacken.« Ich habe gesagt: »Das geht nicht mehr.« Plötzlich war sie ganz still. Und dann habe ich durch dieses Telefon einen entsetzlichen Schrei gehört. Und schließlich: Stille. Dieser Schrei war das Schlimmste an der Flucht. Die innere und äußere Trennung war vollzogen, und mein leichtsinniges »Abenteuer« bekam den ersten großen Riss. Ich hatte mit Schuldgefühlen zu kämpfen, weil meine Mutter von der Stasi mehrfach zum Verhör abgeholt wurde. Man wollte sie zwingen, nach Hamburg zu fahren, mich nach Hause zu bringen. Sollte sie ohne mich kommen, wäre sie eingesperrt worden. Sie ließen dann von dieser Forderung ab, weil sie ihr kein Mit - wissen an der Flucht nachweisen konnten.

Mit dem Zug bin ich dann nach Hamburg zu Verwandten gefahren. An der Grenze blühten die Rapsfelder im Osten so schön wie im Westen. Dieses Bild machte die Grenze so unerträglich, so absurd. In Hamburg wollte ich Slawistik weiterstudieren, trug mich an der Uni ein, aber die Ärzte haben mich sofort krankgeschrieben und gesagt: »Wir kennen die typischen Verläufe schon.« Ich habe gesagt: »Nein, ich bin doch voll fit.«


»Ich wurde als Rarität aus Dunkeldeutschland vorgeführt wie ein Zootier.«


Sie sollten jedoch recht behalten, und ich bekam eine tiefe Erschöpfungsdepression, eine Art Burn-out, weil ich zwei Jahre vor der Flucht innerlich auf Hochtouren lief und alle wichtigen Informationen (Telefonnummern, Straßen- und Stadtpläne) im Kopf abspeichern musste. Darüber zu sprechen war für mich sehr gefährlich. Ich bin wirklich nicht mehr aus dem Bett gekommen, konnte mich nicht konzentrieren, Licht und Geräusche bedeuteten Dauerstress für mich. Es dauerte ein halbes Jahr, bis ich wieder so langsam an meine Kraft kam, dann ging es voll bergauf. Die Frau am Institut sagte: »Vergessen Sie die Slawistik, Sie sind darin zu gut, da kommen die Westdeutschen nicht mit. Studieren Sie noch einmal etwas anderes. Außerdem kommt der Russe die nächsten hundert Jahre nicht auf die Beine.«

Obwohl sie aus heutiger Sicht recht hatte und es mit Sicherheit gut meinte, war das so eine typisch unreflektierte Haltung, die viele Ostdeutsche erlebt haben. Die Westdeutschen wissen, was besser ist für die Ostdeutschen. Und so sind sie von einer Ohnmacht in die nächste gekommen. In der DDR wurde oft über ihren Werdegang entschieden, nach der Wende haben sie etwas Ähnliches erlebt. Firmen wurden geschlossen, und die plötzlich Arbeitslosen harrten jahrelang in Angst, Verzweiflung und Hilflosigkeit aus, was jetzt mit ihnen gemacht wird. Diese Erfahrung von Ohnmacht, die hat sich wiederholt. Und das ist eine doppelte Traumatisierung.

Ich habe zwar schnell Freunde gefunden in Hamburg, wurde aber auch als Rarität aus Dunkeldeutschland vorgeführt, eher wie ein Zootier. Ich hatte das im Spaß abgegriffen, dann konnte ich damit so einigermaßen umgehen, und man sah mir ja auch nicht an, dass ich aus dem Osten kam. Aber diejenigen, denen man das ange - sehen haben will, weil Stil und Verhaltensweisen andere waren, sind zum Beispiel in den U-Bahnen schonungslos und offen diskriminiert worden. Man hat sich demonstrativ angewidert abgewandt. Weil man es mir wiederum nicht ansah, woher ich kam, also in der Verkennung als Westdeutscher, ist mit mir sehr offen gesprochen worden, was über die Ostdeutschen gedacht wurde. Ich habe oft erst mal zugehört, bevor ich mich outete, aber ge - outet habe ich mich immer, denn sonst rutscht man in etwas Gefährliches hinein.

Diese Mechanismen sind mir natürlich durch meine Arbeit als Psychoanalytiker noch viel klarer geworden. Statt Slawistik weiterzumachen, habe ich mich in Berlin für Medizin eingeschrieben. Nach dem Physikum studierte ich Klinische Psychologie, unter anderem in Sydney, und bin dabei geblieben. Heute reise ich sehr viel in der Welt umher. In den USA wurde ich sehr oft mit stark negativen Meinungen über Ostdeutschland konfrontiert, und immer wieder zeigte sich, dass westdeutsche Meinungsbildung dahintersteckte. Das hat mich wirklich genervt, und ich setze regelmäßig zur Korrektur an, beschönige aber auch nichts. Schweizer, Österreicher und Skandinavier hingegen fühlen sich in unsere Situation sehr gut ein. Da gibt es mehr Gemeinsamkeiten als mit Altbundesdeutschen. Man musste auch erst mal verstehen, wie die anderen Deutschen reden. Viele Wörter oder auch Sätze haben im Westen eine andere emotionale Unter - legung. Man spricht zwar dieselbe Sprache, aber meint ständig etwas anderes.

Wir aus dem Osten haben uns aus Anpassungsgründen selbst verlassen müssen und sind dann aufgesprungen auf diesen anderen Sprachduktus, um uns verständigen zu können. Und das hat bei vielen zusätzlich zu einer Entfremdung geführt.

Mit Abstand betrachtet, denke ich: Es war aus emotionalen Gründen ein Fehler, dass die beiden Teile Deutschlands zusammengegangen sind. Wir haben uns etwas vorgemacht. 40 Jahre Kulturunterschied werden nicht anerkannt, andererseits konnte der Osten auf die enorme Vielfalt und entwickelte Geschmacksverfeinerung des Westens aufspringen, und das wird sehr anerkannt und gewertschätzt.

Wenn ich jetzt träumen könnte, würde ich mir nachträglich eine zeitlich befristete ostdeutsche Autonomie innerhalb Deutschlands wünschen, ähnlich wie Hongkong als Sonderverwaltungsregion, und eine friedliche und respektvolle Koexistenz herstellen. Ostdeutsche müssen sich selbst verwalten, um ihr kollektives Selbstwert - gefühl durch Selbsteinbringung, eigene Strukturentwicklung und selbst machen wie auch ausprobieren heben zu können. Sie erleben aber derzeit etwas anderes. Der Verlust der Staatssouveränität und letztlich auch die Infragestellung der eigenen Identität führten zu einer enormen Einengung des Gestaltungsspielraumes im Gegensatz zu den anderen ehemaligen Ostblockstaaten. Oft blicke ich wehmütig auf die Möglichkeiten der Polen und Tschechen, die genau das machen, was uns fehlt, um kollektiv zu uns zu finden.