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„Ich wurde vielfach angefeindet und bedroht, das bringt die Arbeit mit sich“


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die Stuttgarter - epaper ⋅ Ausgabe 2/2022 vom 04.04.2022

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Bildquelle: die Stuttgarter, Ausgabe 2/2022

Sibel Yüksel verzichtet seit sieben Jahren auf ein eigenes Auto und nutzt Carsharing und die öffentlichen Verkehrsmittel, aber auf ihre Vespa will sie nicht verzichten und fährt damit auch oft zum Gericht

die Stuttgarter: Frau Yüksel, Sie sind seit dem Jahr 2000 Rechtsanwältin.

Sibel Yüksel: Ja, im Jahr 2022 bin ich seit 22 Jahren Rechtsanwältin.

Und seit 2014 sitzen Sie im Gemeinderat. Das sind auch schon acht Jahre.

Stimmt, aber ich werde nicht nochmal kandidieren. Zwei Amtszeiten reichen.

Wie ist das Arbeitspensum, wenn man im Gemeinderat tätig ist?

Das ist unterschiedlich, je nachdem, ob sie in einer großen oder in einer kleinen Fraktion sind. Als kleine Fraktion müssen sie auch das alles abdecken, was die großen Fraktionen mit viel mehr Leuten abdecken können, da bleibt viel Zeit hängen. Ich habe eine eigene Kanzlei. Beides zusammen ist eine große Aufgabe. Da brauchen sie viel Durchhaltevermögen und den Willen, in der Stadt etwas verändern zu wollen. Sonst tun sie sich das nicht an.

Das bedeutet, Sie hätten in eine andere Partei eintreten müssen. Zu den Grünen oder der CDU. Das sind große ...

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... Fraktionen.

Ja, aber vom Freiheitlichen her bin ich in der FDP richtig. Ich sehe mich als Sozialliberale. Es ist nicht so, dass ich mit allen Positionen der FDP zufrieden bin. Ganz im Gegenteil, ich bin in meiner Partei eher in der Mindermeinung. Aber mit der sozialliberalen Fraktion in meiner Partei und mit den Freiburger Thesen kann ich mich sehr wohl identifizieren. Wenn ich mir die Freiburger Thesen durchlese, bin ich 100 Prozent FDP.

Welche Themen wollen Sie in ihren noch verbleibenden zweieinhalb Jahren anpacken?

Ich habe ja bereits einige Themen angepackt. Aber ich bin noch nicht zufrieden, wie weit wir gekommen sind. Zum Beispiel bei dem Thema Ausländerbehörde. Es ist ist einfach unwürdig, wie da mit Menschen umgegangen wird.

Wie meinen Sie das?

Sie kommen in der Ausländerbehörde telefonisch nicht durch. Wenn sie nach einem Termin fragen, reagieren die teilweise wochen-oder monatelang nicht darauf. Wir hatten dort manchmal Menschen, die sich morgens um fünf Uhr in die Schlange gestellt haben und als sie dran kamen, war die Nummernausgabe vorbei. Die ganze Organisation stimmt nicht. Es sind viel zu wenige Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter beschäftigt und wir haben eine hohe Fluktuation sowie einen besonders hohen Krankenstand im Vergleich zu anderen Behörden. Alles zusammen ist es eine ungute Situation, weil die Leute ungeduldig und genervt sind, wenn sie stundenlang anstehen. Das ist ein Teufelskreis und es ist klar, dass die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sich dann auch beschweren.

Welche weiteren Themen sind Ihnen wichtig?

Im Bereich der Pflege fehlen ganz viele Pflegeplätze. Ich bin ein großer Fan von Pflege-WGs. Die Leute sollen so lange wie möglich in den eigenen vier Wänden bleiben und wenn es nicht mehr geht, wenigstens in ihrem eigenen Stadtteil wohnen können. Und wenn das nicht länger möglich ist, sollten sie die Möglichkeit haben, in Pflege-WGs umzuziehen. Ein weiteres für mich wichtiges Thema ist die Einsamkeit. Einsamkeit ist etwas, was ich gerne städteübergreifend behandelt haben möchte. Wir haben in diesem Haushalt die entsprechenden Stellen und Mittel geschaffen, auch weil ich es beantragt habe. Das ist ein wichtiges Thema, weil Einsamkeit auch tötet. Von den gesundheitlichen Folgen her ist Einsamkeit schlimmer als Rauchen oder eine Alkoholsucht und führt bei Seniorinnen und Senioren ganz oft zu einer Altersdepression, die, insbesondere bei Senioren, zum Suizid führen kann. Das ist ein Thema, das ich in den nächsten zweieinhalb Jahren intensiv weiterverfolgen werde.

Sie sind Fachanwältin für Familienrecht. Wurden sie bereits aufgrund ihrer Tätigkeit bedroht?

Ich wurde schon vielfach angefeindet und bedroht, von Rechtsradikalen, von Erdogan-Anhängern, weil ich mich gegen Erdogan positioniert habe und von Männern, deren Frau ich vertrete. Das bringt die Arbeit mit sich.

Aber als Trägerin des schwarzen Gürtels in Karate könnten sie sich wehren.

Ich denke schon, ich musste mein Können aber bislang nie anwenden, bis auf ein einziges Mal und zwar gegen meinen eigenen Mandanten. Es war ein Unterhaltsverfahren. Die Frau meines Mandanten wollte nach der Trennung Unterhalt von ihm. Mein Mandant war Spanier, der deutschen Sprache nicht so mächtig und so klein wie ich, also 1,63 m groß. Der Richter setzte am Ende des Verfahrens den Gegenstandswert fest. Da seine Frau monatlich um die 1.000 Euro Unterhalt wollte, belief sich der Gegenstandswert – hochgerechnet auf ein Jahr und zuzüglich Rückstand – auf ungefähr 20.000 Euro. Da der Richter vergessen hatte einen Dolmetscher zu laden, trug er alles auf Deutsch vor. Mein Mandant hörte 20.000 Euro und dachte, dass er diese Summe als Unterhalt an seine Frau zahlen muss. Plötzlich hörte ich neben mir einen Aufschrei und sah, wie mein Mandant nach vorne stürmte. Ich habe ihn reflexartig hinten an seinem Sakko gepackt und seine Beine weggefegt. Da stand ich dann mit meinem zappelnden Mandanten und habe ihn angebrüllt, was das soll. Er meinte nur: „Ich zahle keine 20.000 Euro!“ Dann habe ich ihm gesagt, dass er gewonnen hat und nichts zahlen muss. Das hat er verstanden und beruhigte sich.

Geht es in Verfahren öfters um Gewalt?

Ich habe viele Verfahren, in denen es um Gewalt, Folter, und versuchte Tötungen geht. Gewalt betrifft alle Gesellschaftsschichten. Ich habe beispielsweise eine Ärztin vertreten, die von ihrem Mann, der Professor war, misshandelt wurde. Aber man muss schon sagen, dass Gewalt in Familien, die aus patriarchalisch geprägten Strukturen kommen, häufiger vorkommt. Ich habe als Familienrechtlerin nie verstanden, dass Mandantinnen mit Gewalterfahrungen fünf, sechs Mal zu mir kamen und immer wieder zu ihrem Partner zurück sind, obwohl ich einen Gewaltschutzbeschluss erwirkt hatte, dass sich der gewalttätige Partner nicht nähern darf. Eine Woche später bekam ich einen Anruf von der Mandantin, die mir mitteilte, dass sie sich mit ihrem Partner versöhnt habe, weil er ihr so leid tat. Und das mehrfach nacheinander. Irgendwann habe ich meine Achtung vor diesen Frauen verloren, weil ich dachte, wie kann man sich so behandeln lassen? Wie kann man so wenig Selbstachtung haben, dass man sich das immer wieder antut? In den letzten ein, zwei Jahren habe ich dann sehr viel über narzisstische Persönlichkeitsstörungen bei Männern gelesen. Und überall stand geschrieben, dass eine toxische, narzisstische Beziehung Suchtverhalten bei Frauen erzeugt wie eine Drogenabhängigkeit. Deshalb ist es für Frauen sehr schwer, von dieser Sucht loszukommen. Die narzisstische Persönlichkeitsstörung entsteht sehr oft bei der Erziehung in der Kindheit, wenn Jungs umfassend verwöhnt werden und alles dürfen. Das ist auch eine Form der Kindesmisshandlung. In patriarchalischen Familien ist der Sohn praktisch der Gott, dabei ist es egal, ob er etwas leistet oder nicht. Man kann sich sehr gut vorstellen, dass in diesen Strukturen viele Männer herangezogen werden, die eine narzisstische Störung aufweisen, und selbst unter ihrer Dysfunktionalität leiden. Nachdem mir das bewusst wurde, habe ich ein schlechtes Gewissen bekommen, weil ich so wenig Verständnis für meine Mandantinnen hatte, die immer wieder zu ihrem gewalttätigen Partner zurückgegangen sind.

Es gibt Frauen, die immer die gleichen Männer suchen, mit denen sie dann zusammen sind, wie nach einer Art Muster.

Genau. Das ist es. Jetzt haben Sie es auf den Punkt gebracht. Nämlich, das ist das Muster. Frauen, die einen Vater haben, der Alkoholiker ist, landen ganz oft bei einem Ehemann, der genauso Alkoholiker ist. Es ist so, dass im Gehirn dieser Frauen Liebe mit dem entsprechenden Verhalten des Vaters verknüpft wird. Die erste Liebe, die Kinder erfahren, ist die Liebe zur Mutter und zum Vater. Wenn der Vater sie aber schlecht behandelt, zum Beispiel weil er selbst ein Narzisst ist, dann verknüpft ihr Gehirn das mit Liebe. Und wenn sie das in einem Partner wiederfinden, dann fühlen sie sich angezogen, weil ihr Gehirn darauf programmiert ist.

Es ist ein Suchtverhalten bzw. eine Traumabindung, das sie vom Vater her kennen und das sie mit Liebe verbinden.

Genau. Und deshalb ist es ein Suchtverhalten. Das sagt ihnen jeder, der mit dieser Persönlichkeitsstörung zu tun hat. Und für die Frauen ist es sehr schwer, davon wegzukommen.

Das heißt, eigentlich müssten beide in Therapie.

Wahrscheinlich. In aller Regel sind Narzissten therapieresistent. Eigentlich ist es eine Störung, die schlecht therapiebar ist. Und wenn, dann dauert es sehr lange. Ich habe mich auch immer gefragt, wie ein Mann seine Frau umbringen kann. Wir haben ja ganz viele Femizide, auch in Deutschland, die in keiner Pressemeldung auftauchen. Soziopathen, Psychopathen oder auch Menschen mit narzisstischer Persönlichkeitsstörung weisen unterschiedliche Schweregrade auf. Alle sehen andere Menschen als Objekte an. Sie sind nicht empathisch, können nichts für andere Menschen empfinden, haben kein Mitleid in dem Sinne. Und sie haben dieses Schwarz/Weiß-Denken. Entweder mögen sie einen oder man ist ihr Feind. Es gibt keine Graustufen. Und wenn sich die Frau von ihrem Mann abwendet, ist es ganz oft so, dass sie zum Feind mutiert. Und Feinde bekämpft man bis zum Tod, so ist ihre Denkweise.

Nimmt Gewalt in der Beziehung zu?

In Corona-Zeiten mit Lockdown hatte ich das Gefühl, dass die Gewalt zugenommen hat, weil man sich, gemeinsam zu Hause im Home-Office, auf den Geist gegangen ist. Regelmäßig nach den Ferien steigt die Zahl der Scheidungsanträge, die ich stelle, erheblich an. Das liegt daran, dass sich Paare, wenn sie normal arbeiten, aus dem Weg gehen können. Aber im Urlaub und in den Weihnachtsferien geht das nicht. Anschließend merkt man stets einen signifikanten Anstieg der Scheidungsverfahren. Was aber auch zugenommen hat, ist Gewalt an Männern.

Gewalt an Männern, ausgeführt von ihren Frauen?

Das gibt es immer wieder. Wir haben bereits entsprechende Plätze für Männer von gewalttätigen Frauen in Stuttgart geschaffen. Aber bei diesem Delikt ist die Dunkelziffer wahrscheinlich sehr hoch, weil sich viele Männer, die misshandelt werden, nicht trauen, damit an die Öffentlichkeit zu gehen oder zum Anwalt. Ich hatte in den letzten 22 Jahren gerade mal zwei Verfahren, in denen ein Mann misshandelt wurde. Einer war Deutscher und der andere war ein schmächtiger Türke. Der hat gesagt, dass seine Frau doppelt so viel wiegt wie er. Er hat sein Hemd aufgeknöpft und mir seinen Hals mit roten Striemen gezeigt. Beim Essen sei seine Frau von hinten an ihn herangetreten und habe ihn mit einer Drahtschlinge gewürgt.

Er hat sich dann von seiner Frau getrennt, oder?

Ja, aber er hat ihr lange noch nachgetrauert. Das war auch eine sehr toxische Beziehung zwischen den beiden.

Sie haben auch des öfteren mit Kindesentführungen zu tun.

Das kommt immer wieder vor, wenn Partner aus unterschiedlichen Ländern gemeinsame Kinder haben und sich trennen. Ein Elternteil entführt die Kinder ins angestammte Heimatland und lässt den Partner in dem Land zurück, in dem die Familie bis zur Trennung gelebt hatte. Eine große Hilfe bei der Bewältigung solcher Kindesentführungen ist das Haager Kindesentführungsabkommen. Alle Länder, die daran beteiligt sind, haben zentrale Behörden, die bei einer Kindesentführung involviert werden. Wenn die Kinder bislang ihren Aufenthalt in den USA hatten, muss ein amerikanisches Gericht über das Sorgerecht entscheiden. Und wenn die Kinder von der Mutter nach Deutschland entführt wurden, werden sie in die USA zurückgebracht. Dann kann die Mutter dort ein Sorgerechtsverfahren anstrengen. Zuständig für das Sorgerechtsverfahren ist das amerikanische Familiengericht. Umgekehrt gilt das gleiche. Lebte die Familie bislang in Deutschland und der Vater hat die Kinder in die USA entführt, ist das deutsche Familiengericht für das Sorgerechtsverfahren zuständig. In letzter Zeit hatte ich neben den USA einige Fälle in Rumänien, Serbien, Frankreich und der Türkei, die auch dem Haager Kindesentführungsabkommen beigetreten ist und es ratifiziert hat.

Man muss allerdings sofort reagieren und versuchen, den Aufenthaltsort des Kindes in Erfahrung zu bringen.

Das ist etwas, was meine Mandanten nicht verstehen, dass man da manchmal einfach an seine Grenzen kommt. Man muss wissen, wo sich das Kind befindet, weil man erst dann vor Ort einen entsprechenden Antrag auf Rückführung in das Heimatland stellen kann. Und das ist teilweise schwierig, weil nicht überall eine Meldepflicht besteht wie sie in Deutschland üblich ist. Und wenn der Elternteil mit dem Kind in irgendeinem Ort untergetaucht ist und man weiß nicht, wo sie wirklich leben, dann können sie auch keinen Antrag stellen. Der Antrag muss der Gegenseite zugestellt werden. Für den Vollzug eines Gerichtsbeschlusses muss man den entsprechenden Aufenthaltsort kennen. Und wenn sich die Kinder zu lange in dem anderen Land aufhalten, kann die Rückführung nach Deutschland eher kindeswohlschädlich sein, weil sie beispielsweise in der Schule gut sind und Freunde aufgeben müssten.

Da spielen sich manchmal echte Dramen im Familienrecht ab.

Das kann man so sagen. Einen Fall werde ich auch nie vergessen. Das war ein deutscher Mandant von mir, ein toller Vater, der seine Kinder vergöttert hat. Und er meinte, dass er schon immer eine Familie haben wollte. Er hat sich nicht beruflichen Erfolg oder etwas anderes gewünscht, sondern das Wichtigste war für ihn eine Familie und vor allem Kinder. Und er hatte mit seiner Frau drei Kinder. Irgendwann ging allerdings die Ehe in die Brüche und die beiden hatten sich getrennt. Als er von seiner Frau mehr Umgang mit den Kindern verlangte, hatte sie, im halb betrunkenen Zustand, im Hinblick auf das jüngste Kind zu ihm gesagt: „Was willst du? Bist doch eh nicht der Vater“. Am nächsten Tag wollte sie zwar nichts mehr davon wissen, aber mein Mandant hat dann verständlicherweise die Vaterschaft angefochten und zwar bei allen drei Kindern. Als dann die Gutachten kamen, habe ich mit dem jüngsten Kind angefangen. Ich bin davon ausgegangen, dass es sich nur bei dem jüngsten Kind um ein Kuckuckskind handelt. Die drei Kinder waren zwischen viereinhalb und zwölfeinhalb Jahre alt. Dann kam – wie vermutet – heraus, dass das jüngste Kind nicht von ihm ist. Bei den beiden anderen bin ich davon ausgegangen, dass er der leibliche Vater ist, aber er war es bei keinem der drei Kinder. Und das war auch für mich so überraschend, dass ich zwei Wochen gebraucht hatte, bis ich meinen Mandanten anrufen konnte, weil ich nicht wusste, wie ich es ihm beibringen sollte. Schließlich habe ich ihn in die Kanzlei einbestellt und über den Sachverhalt aufgeklärt. Für ihn ist eine Welt zusammengebrochen. Er wurde depressiv und hat, obwohl er wusste, dass er nicht der Vater ist, versucht, weiterhin Umgang mit den Kindern zu haben. Er sagte mir, dass die Kinder nichts dafür können. Aber er hat es nicht geschafft, kam emotional nicht damit klar. Irgendwann ist der Kontakt zu den Kindern abgebrochen.

Klemens Olschewski