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„Ich zeige nicht auf andere, wenn vor den Toren Europas auch Menschen sterben“


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WAZ Westdeutsche Allgemeine Zeitung - epaper ⋅ Ausgabe 275/2022 vom 24.11.2022
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Bildquelle: WAZ Westdeutsche Allgemeine Zeitung, Ausgabe 275/2022

Doha. Eigentlich arbeitet Otto Addo als Toptalente-Trainer bei Borussia Dortmund, an diesem Donnerstag wird der ehemalige Profi zusätzlich als Nationalcoach an der Seitenlinie bei der Fußball-WM stehen. Mit Ghana trifft er im ersten Gruppenspiel auf Portugal (17 Uhr deutscher Zeit/ZDF). Im Interview spricht der 47 Jahre alte Addo über sein ungeplantes Abenteuer und erklärt, warum die Menschenrechtsdebatte in Afrika kein Thema ist.

Herr Addo, die WM beginnt nun auch für Sie persönlich. Was rechnen Sie sich mit Ghana aus?

Otto Addo: Wir hoffen, dass wir die Gruppenphase überstehen. Wir sind allerdings von allen Teilnehmern im Fifa-Ranking die am schlechtesten platzierte Mannschaft. Wir stehen selbst hinter Katar. Aber: Ich glaube, dass unsere Mannschaft stark genug ist, andere zu ärgern. Das hat Ghana schon in der Vergangenheit bewiesen. Wir haben nichts zu verlieren.

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Es ist schon eine Ehre für mich, Trainer zu sein. Ich bin mit der ghanaischen Kultur sehr vertraut, wir sind fast jeden Sommer nach Ghana gefahren. Das Land ist für mich genauso Heimat wie Deutschland.

Spüren Sie Druck?

Ich bleibe relativ entspannt. Für mich ist es bei aller Wichtigkeit dieses Turniers, gerade auch für Ghana, am Ende nur ein Fußballspiel. Es gibt auf der Welt so viele schreckliche Sachen. Man muss immer gucken, woher wir kommen. Wir waren beim Afrika-Cup nur Letzter.

Wie haben Sie sich im Alltag auf die WM vorbereitet?

Ich hatte gar nicht so viel Zeit, darüber nachzudenken, weil ich als Toptalente-Trainer bei Borussia Dortmund voll eingebunden war. Ich musste vor allem delegieren, meine Co-Trainer mussten den Großteil der Spielerbeobachtung übernehmen. Mehrmals die Woche haben wir uns dann abends um 22 Uhr zusammengeschaltet. Es war eine Ausnahmesituation, deswegen ging das. Aber auf Dauer kann ich meiner Familie das nicht zumuten.

Im Grunde genommen sind Sie in diese Aufgabe ja auch mehr hineingestolpert. Wie kam es zu Ihrem Abenteuer?

Geplant war es von mir auf jeden Fall nicht. Als sich die Chefs des Verbandes im vergangenen Jahr von Charles Akonnor getrennt hatten, suchten sie noch einen Co-Trainer für Milovan Rajevac. Dieser sollte die Kultur kennen, sie kamen auf mich zu, Dortmund hat dem Plan zugestimmt – und so war ich zunächst Co-Trainer.

Dann kam der Afrika-Cup…

Genau, ich musste aufgrund meiner Arbeit in Dortmund bleiben. Ghana wurde Letzter, Rajevac wurde rausgeschmissen. Der Verband ist auf mich und den BVB zugetreten und hat gefragt, ob ich zunächst für die beiden Play-off-Spiele in der WM-Qualifikation gegen Nigeria einspringen könne. Wir haben uns qualifiziert – und jetzt stehe ich in Katar.

Wie muss man sich Otto Addo als Trainer vorstellen?

Ich habe in meiner Zeit als Talenttrainer und als Co-Trainer viel, viel gelernt. Von Edin Terzic, Marco Rose, Lucien Favre, Dieter Hecking. Davon profitiere ich. Und dann versuche ich noch, das Beste von mir reinzubringen. Als Nationaltrainer habe ich hier ähnliche Strukturen wie in Dortmund. Wir haben natürlich nicht ganz das Budget, aber es ist uns gut gelungen, uns professionell aufzustellen.

Muss man mit ghanaischen Fußballern anders umgehen?

Es ist eine andere Kultur. Ganz klar. Bei uns gibt es andere Rituale. Es wird viel gebetet – mit Christen und Moslems zusammen. Vor jedem Training. Vor jedem Spiel. Deswegen sind die Ansprachen etwas anders, ich muss die Gebete mit einplanen. Und wir hören sehr viel Musik. Im Bus wird getrommelt, gesungen.

Lässt sich die Fußballsituation in Ghana mit der in Deutschland vergleichen?

Es gibt in Ghana mittlerweile viele Akademien, in denen junge Fußballer ausgebildet werden. Ansonsten findet aber immer noch viel auf der Straße statt. Kinder spielen in der Schule oder draußen, sie lernen dort das Fußballspielen. Es sind Straßentalente. Erst ab der U17 geht es los mit der Vereinsarbeit, in der U18 gibt es eine Jugendliga.

Träumen die Talente dann automatisch von Europa?

Für alle ist es ein Traum, nach Europa zu wechseln. In Ghana kann man nicht viel mit Fußball verdienen.

Wie könnte man den afrikanischen Fußball stärken, damit Talente nicht immer automatisch nach Europa nicht wechseln müssen?

Das müsste über die Fifa gehen, sie müsste Hilfen zur Verfügung stellen. Aber am Ende ist Fußball nur ein Spiegelbild der Gesellschaft. Und das Geld sitzt nun mal in Europa oder den USA. Afrika ist, was das angeht, Dritte Welt. Und das ist im Fußball genauso. Trotzdem kommen immer wieder gute Spieler aus Ghana. Wie Michael Essien. Oder Asamoah Gyan. Die Situation in Ghana bringt andere Stärken hervor. Die Jungs sind brutal hungrig, sie sind sehr, sehr zäh, ehrgeizig. Es geht für sie um mehr.

In Deutschland wird die WM-Vergabe an Katar kritisiert. Und in Ghana?

In Ghana ist das gar kein Thema. Dort ist man mit anderen Problemen konfrontiert. In Afrika sterben jeden Tag 25.000 Menschen an Hunger, und in Europa wird unglaublich viel Essen weggeschmissen. Ich finde es sehr gut, dass die Probleme in Katar angesprochen werden. Und ich wünsche mir daher umso mehr, dass Missstände bei Olympischen Spielen oder Internationalen Meisterschaften in China, Russland, der USA oder auch Deutschland genauso ernsthaft thematisiert werden. Ich persönlich tue mich schwer, mit dem Finger auf andere zu zeigen, wenn vor den Toren Europas auch Menschen sterben und man ein Teil vieler Missstände ist.

Was bedeutet die WM für Ghana?

Für die Menschen ist es mehr als nur eine WM. Ghana ist ein Land, das in der Welt keine Stimme hat, das politisch unwichtig ist. Nun kommt es auf die große Bühne, die dem Land eine Stimme gibt. Die Menschen sind froh, dass sie dabei sind, sie wollen die Welt aufhorchen lassen. Für das Land geht es um das Prestige, deswegen ruft mich dann auch mal Präsident Nana Addo Dankwa Akufo-Addo an.

Wie geht es für Sie nach der WM weiter?

Der Plan ist, dass ich wieder in meine Rolle als Toptalente-Trainer zurückgehe und nicht mehr für Ghana tätig bin. Mir macht es hier mit Ghana sehr viel Spaß, aber das gilt auch für meine Arbeit bei Borussia Dortmund.

Moslems zusammen. Vor jedem Training. Vor jedem Spiel. Deswegen sind die Ansprachen etwas anders, ich muss die Gebete mit einplanen. Und wir hören sehr viel Musik. Im Bus wird getrommelt, gesungen.

Lässt sich die Fußballsituation in Ghana mit der in Deutschland vergleichen? Es gibt in Ghana mittlerweile viele Akademien, in denen junge Fußballer ausgebildet werden. Ansonsten findet aber immer noch viel auf der Straße statt. Kinder spielen in der Schule oder draußen, sie lernen dort das Fußballspielen. Es sind Straßentalente. Erst ab der U17 geht es los mit der Vereinsarbeit, in der U18 gibt es eine Jugendliga.

Träumen die Talente dann automatisch von Europa? Für alle ist es ein Traum, nach Europa zu wechseln. In Ghana kann man nicht viel mit Fußball verdienen.

Wie könnte man den afrikanischen Fußball stärken, damit Talente nicht immer automatisch nach Europa nicht wechseln müssen? Das müsste über die Fifa gehen, sie müsste Hilfen zur Verfügung stellen. Aber am Ende ist Fußball nur ein Spiegelbild der Gesellschaft. Und das Geld sitzt nun mal in Europa oder den USA. Afrika ist, was das angeht, Dritte Welt. Und das ist im Fußball genauso. Trotzdem kommen immer wieder gute Spieler aus