Bereits Kunde? Jetzt einloggen.
Lesezeit ca. 8 Min.

Idiosynkrasia: TIM ENGELHARDT


FAZE - epaper ⋅ Ausgabe 10/2020 vom 06.10.2020

Mit gerade einmal 19 Jahren debütierte der im Westerwald groß gewordene Tim Engelhardt vor rund drei Jahren auf dem Langspieler-Parkett. Veröffentlicht wurde „Moments of Truth“ damals auf Steve Bugs Poker Flat Recordings. Drei Jahre später steht nun das zweite Album des inzwischen in Köln angesiedelten Künstlers an. Dabei gleicht „Idiosynkrasia“ einer Ode an Inspirationen, die Tim in allen möglichen Räumen und Orten vorfindet. Akribisch geformte melodische Strukturen und fachmännisch ausgearbeitete Melodien sind auf den insgesamt 14 Titeln zu finden, genauso wie Tims tiefes Bewusstsein für Rhythmus und ...

Artikelbild für den Artikel "Idiosynkrasia: TIM ENGELHARDT" aus der Ausgabe 10/2020 von FAZE. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: FAZE, Ausgabe 10/2020

Weiterlesen
epaper-Einzelheft 3,49€
NEWS 14 Tage gratis testen
Bereits gekauft?Anmelden & Lesen
Leseprobe: Abdruck mit freundlicher Genehmigung von FAZE. Alle Rechte vorbehalten.

Mehr aus dieser Ausgabe

Titelbild der Ausgabe 10/2020 von NEUES IM OKTOBER: Acid Pauli. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
NEUES IM OKTOBER: Acid Pauli
Titelbild der Ausgabe 10/2020 von 21 Jahre Robert Johnson. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
21 Jahre Robert Johnson
Titelbild der Ausgabe 10/2020 von NEUES IM OKTOBER: Rotary Cocktail. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
NEUES IM OKTOBER: Rotary Cocktail
Titelbild der Ausgabe 10/2020 von NEUES IM OKTOBER: Plattenflüsterer: Unsere Rezensenten stellen sich vor. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
NEUES IM OKTOBER: Plattenflüsterer: Unsere Rezensenten stellen sich vor
Titelbild der Ausgabe 10/2020 von NEUES IM OKTOBER: „Ein Zeichen setzen“. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
NEUES IM OKTOBER: „Ein Zeichen setzen“
Titelbild der Ausgabe 10/2020 von MOSKOVSKAYA PRODUCER CHALLENGE. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
MOSKOVSKAYA PRODUCER CHALLENGE
Vorheriger Artikel
KÖLSCH: Zurück in die Gegenwart
aus dieser Ausgabe
Nächster Artikel GROOVE ARMADA
aus dieser Ausgabe

... Klang. Sein Hintergrund als Pianist verleiht dem Album eine leichte, aber unverkennbare Fluidität. Er verwendet dabei bearbeitete Aufnahmen von Klavier, Streichern und anderen Instrumenten und wandelt diese in musikalische Emotionen wie Liebe, Nostalgie, Verletzlichkeit und Sehnsucht. Veröffentlicht wurde das Werk am 25. September auf Stil vor Talent. Vorab ist „Shine“ bereits als Single-Auskopplung erschienen. Wir haben ihn kurz vor dem Release gesprochen.


www.facebook.com/tim.engelhardt.artist
Tim, Glückwunsch zu deinem zweiten Album. Wie geht es dir aktuell?
Hey Rafael, danke erstmal. Mir geht es sehr gut und ich kann es kaum erwarten, dass das Album erscheint. Du kennst das ja, man arbeitet lange an solchen Projekten und die Genugtuung, es endlich fertig zu haben und mit anderen Menschen teilen zu können, ist mit das Schönste daran.

Ein verrücktes Jahr bislang, wie hast du persönlich 2020 bislang inklusive Pandemie erlebt?
Das mag vielleicht für viele komisch klingen. Aber um ehrlich zu sein, war ich froh über eine Pause und habe die Zeit zur Reflexion genutzt. Künstlerisch hat das Jahr 2020 sowieso gut angefangen und durch die Pandemie hatte ich umso mehr Zeit, mich auf meine Kunst zu konzentrieren und mein Schaffen auf ein anderes Level zu heben, daher bin ich sicher, 2021 wird umso besser.
Für zahlreiche Künstler ist diese Zeit Fluch und Segen zugleich durch den Wegfall von nahezu allen Shows. Welche Vor- bzw. Nachteile ziehst du aus der Situation?
Ein Vorteil für mich war die Entschleunigung, auch dass ich nicht jedes Wochenende reisen musste, tut mir gut, ich nutze die Zeit nun deutlich effektiver und bin generell einfach besser drauf. Einen besseren Schlaf hat man logischerweise auch, wenn man nicht zwei-, dreimal in der Woche um sechs Uhr erst zur Ruhe kommt. Mein Sonntag ist nun wirklich ein Sonntag, mein Montag fühlt sich endlich einmal an wie ein richtiger Montag. Über die Jahre habe ich viel dieser Zeit für meine Arbeit geopfert. Nun bleibt mir ebenjene Zeit dafür, sie mit den Menschen zu verbringen, die mir am Herzen liegen. Dieser Umstand ist vielleicht das Schönste an der Pandemie. Zusätzlich muss ich gestehen, mir gefällt es, neue Herausforderungen zu haben und umdenken zu müssen.
Die aktuelle Situation erlaubt mir auch, mich auf andere berufliche und kreative Projekte zu fokussieren, die ich schon lange realisieren wollte. Ich vermisse natürlich, wie jeder von uns, die Gigs und die Menschen im Club, die unsere Szene ausmachen - jedoch muss das alles sicher sein, was im Moment nicht gegeben ist. Prinzipiell versuche ich, realistisch nach vorne zu blicken, das Jetzt zu schätzen und diese Zeit zu nutzen, so bedrückend sie auch sein mag.

Du warst in der Tat sehr produktiv, hast u.a. ein Sample-Pack veröffentlicht, Giorgia Anguili geremixt und Spotify-Playlists kuratiert. Welche Aktivitäten standen sonst noch auf deiner Agenda?
Wie du bereits sagst, ich habe ein Sample-Pack veröffentlicht, das nicht das letzte sein wird. Ich plane in dieser Richtung ein größeres Projekt, zu dem ich aber zum jetzigen Zeitpunkt noch nichts preisgeben kann - das wird man im nächsten Jahr sehen können. Ich beschäftige mich zurzeit viel mit Remixen, schreibe neue Songs und versuche, mir neue Skills außerhalb des Musikgeschäfts anzueignen.
Außerdem hast du ein „Patreon“ gegründet, wo du verschiedene Services in Sachen Produktion anbietest. Erzähle uns mehr dazu, bitte.
Ich habe dieses Portal schon etwas länger beobachtet und mit dem Gedanken gespielt, eine Seite dort zu starten, wo ich angehenden Produzenten sowie auch Fortgeschrittenen meine Dienste anbiete. Mir hat schon immer der kollegiale Aspekt unserer Szene gefallen, man gibt sich gegenseitig Feedback und hilft sich. Dieser Grundgedanke hat mich dann dazu gebracht, dies noch ein wenig auszuweiten und auch personalisierte Services anzubieten wie etwa Mixdown und Mastering, aber vor allem Song-Finalisierung. Das mag ein wenig unorthodox klingen, basiert aber auf der Idee, dass der Subscriber mit einer skizzenhaften Idee auf mich zukommt, wir die Möglichkeiten ausloten und zusammen schauen, in welche Richtung der Track gehen kann. Über das Programm Zoom wird dann gemeinsam am Track gearbeitet und Ideen werden ausgetauscht. Das ist mir besonders wichtig: In keinem Fall soll es in Richtung Ghost-Production gehen. Generell verbringe ich selten alleine Zeit an den Patreon-Projekten, alles wird von beiden Seiten abgesprochen und vorher durchdacht, sodass wir den maximalen Ertrag aus den Zoom-Sessions ziehen können.

Also ist es eher eine Kollaboration?
Korrekt, bei der ich aber meinen eigenen Stil außen vor lasse und mich weitestgehend den Wünschen des Subscribers anpasse, natürlich aber Anregungen und Tipps gebe. Bisher sind auf diese Art einige tolle Songs entstanden, und es macht großen Spaß, mein Wissen weiterzugeben und so miteinander zu arbeiten.
Lass uns über das Album sprechen. Wie lange hast du an „Idiosynkrasia“ gearbeitet und wann bzw. wie entstand die Idee dazu?
Die erste Idee zum Album hatte ich 2017 auf meiner ersten Tour in den USA, ich habe mir aber bewusst Zeit gelassen und erst einmal nur Skizzen gesammelt, die für ein Album in Frage kommen. Der Titel stand allerdings zu diesem Zeitpunkt für mich schon fest. Im April 2018, wieder auf einer Tour in den USA, habe ich während einer Zugfahrt von San Diego nach San Francisco die musikalische Idee zum Titeltrack „Idiosynkrasia“ gehabt und sie direkt im Studio eines Freundes vollendet. Ab diesem Zeitpunkt habe ich über zwei Jahre hinweg ernsthaft an den Skizzen gearbeitet. So hat sich im Laufe der Zeit immer mehr das Album herauskristallisiert, was nun bald für jeden hörbar ist. Das Album war bereits im Januar fertig, ich habe mir dann aber im März dank der Pandemie noch einmal Zeit nehmen können und habe alles noch einmal überarbeitet, die Reihenfolge geändert und tatsächlich den Titel „Third Place“ neu geschrieben und hinzugefügt.

Erzähle uns etwas zum Album-Titel bzw. deiner Intention dahinter.
Ich habe mich schon immer als „idiosynkratisch“ betrachtet, etwas ab der Norm, vielleicht auch komisch für andere Personen, umso nachvollziehbarer aber für diejenigen, die ähnliche Erfahrungen gemacht haben. Das ist einfach ein Begriff, der mich unglaublich gut beschreibt. Ich bin zum Beispiel sehr temperaturempfindlich, ich reagiere sehr stark auf laute Geräusche und hohe Frequenzen - daher wird es auch nie ein wirklich lautes White Noise in meinen Tracks geben. In sozialen Situationen bin ich schüchtern und fast immer derjenige, der am wenigsten spricht. Oft scheint es so, als wäre ich schlecht drauf oder an Konversation nicht interessiert, meist ist aber genau das Gegenteil der Fall. So bin ich nun einmal. Und mit all diesen Eigenschaften habe ich leben gelernt, sie machen mich einfach aus.
Wie, würdest du sagen, hat sich dein Sound im Vergleich zu „Moments Of Truth“ aus 2017 verändert bzw. entwickelt?
Obwohl man auf dem neuen Album auf „Attached“ das gleiche Klavier wie in „When The Distance Disappears“ aus „Moments Of Truth“ hört und einige Klänge im meinem Repertoire geblieben sind, wie z.B. die Glocken auf „To Care“, hat sich mein Sound in eine fokussiertere Richtung entwickelt, ich arbeite mit weniger Elementen als noch auf dem ersten Album und versuche generell, mit diesen Elementen eine packende Stimmung zu erzielen.


Ich habe mich schon immer als „idiosynkratisch“ betrachtet, etwas ab der Norm, vielleicht auch komisch für andere Personen, umso nachvollziehbarer aber für diejenigen, die ähnliche Erfahrungen gemacht haben. Das ist einfach ein Begriff, der mich unglaublich gut beschreibt.


Deine Inspiration gewinnst du nach eigener Aussage „überall“. Was hat dich für dieses Album besonders beeinflusst?
Das Album ist einer speziellen Person in meinem Leben gewidmet, die mir in vielen Momenten immens geholfen hat, wofür ich immer dankbar sein werde. Die ersten Schritte des Albums habe ich gemacht, als wir auf unterschiedlichen Seiten der Erdkugel waren, daher auch die Namen „Attached“, „Detached“ und „To Care“, die alle verschiedene Phasen dieser schwierigen Zeit widerspiegeln. Die meiste Zeit des Schreibprozesses habe ich in Köln verbracht und war sehr inspiriert von der urbanen Energie der Stadt. Dadurch hat sich mein Sounddesign auch verändert, ich bin als Künstler gewachsen. Für die letzten Schliffe bin ich allerdings an meinen Geburtsort zurück und habe noch einmal zwei Monate im stillen Kämmerlein daran gearbeitet. Dadurch wurde das Album nochmals besser, und ich habe gespürt, dass ich dieses Level von Fokus und Ruhe in der Stadt nicht erreichen kann.
Also hast du deinen Workflow im Vergleich zum ersten Album verändert?
Ja, tatsächlich habe ich im Laufe der Produktion auch viel meines Equipments abgegeben, da ich es nicht mehr als nötig angesehen habe. Das Album wurde zu 90 Prozent „in the box“, digital produziert. Nur für spezielle Sounds wie die Leadsounds auf „Shine“ und „Idiosynkrasia“ wurde dann mal ein analoger Synth herangeholt - ansonsten fühle ich mit der digitalen Vielfalt einfach wohler.

Das Album erscheint auf Stil vor Talent - nach einem Remix im März und „A Million Sunsets“ deine dritte Kooperation mit dem Label. Wie entstand die Idee zum Album dort?
Ich war schon immer ein Fan des Labels. Und da ich über die letzten Jahre mehrmals auf Showcases des Labels gespielt und immer gute Erfahrungen mit allen dort gemacht habe, war es eigentlich nur logisch, irgendwann einmal etwas auf dem Label zu veröffentlichen.
Das Album beinhaltet ganze 14 Tracks. Was hat dich dazu bewegt, so viele Tracks zu inkludieren und wie viele haben es letztendlich nicht auf das Album geschafft?
In meinem ersten Entwurf hatte das Album nur elf Tracks, es sind aber nach einigen Abwägungen 14 geworden, plus zwei Single-Versionen von „Detached“ und „Idiosynkrasia“ - dies hatte den Grund, dass ich mich in so vielen Stilen wie möglich ausdrücken wollte. Tracks wie „Awakening“, „Malmö“, „To Care“ oder
„Stick To This“ waren mir bei diesem Album besonders wichtig. Um eine kohärente Story zu erschaffen, musste ich dann noch einige Tracks hinzufügen, so bin ich am Ende bei 14 Stücken gelandet.


Die aktuelle Situation erlaubt mir auch, mich auf andere berufliche und kreative Projekte zu fokussieren, die ich schon lange realisieren wollte. Ich vermisse natürlich, wie jeder von uns, die Gigs und die Menschen im Club, die unsere Szene ausmachen - jedoch muss das alles sicher sein, was im Moment nicht gegeben ist. Prinzipiell versuche ich, realistisch nach vorne zu blicken, das Jetzt zu schätzen und diese Zeit zu nutzen, so bedrückend sie auch sein mag.


Deine erste EP ist 2012 erschienen und du wurdest schon immer für dein junges Alter „bewundert“. Wie rekapitulierst du diese acht Jahre in der Szene mittlerweile?
Ich bin zum Ersten sehr froh, dass ich so gut aufgenommen und akzeptiert wurde, ich habe über diese Jahre viele tolle Menschen kennengelernt und wichtige Verbindungen geknüpft. Im Laufe der Jahre habe ich einige Meilensteine erreicht, wie mein erstes Album, Veröffentlichungen auf großen Labels wie Poker Flat, Cityfox, Innervisions und Diynamic. Das ist natürlich ein tolles Gefühl, und all das kam für mich unglaublich früh - gleichzeitig bin ich heute froh, dass ich dieses Level halten konnte und mich die Bekanntheit nicht zu sehr verändert hat, mir ist nach wie vor die Qualität der Musik am wichtigsten bei meinem Schaffen.
Wie sehen deine kommenden Wochen und Monate aus? Gerne auch abseits der Musik.
Ich arbeite natürlich an neuen Veröffentlichungen, so viel kann ich schon einmal verraten. Was genau es wird, erfährt man dann im nächsten Jahr. Zusätzlich bin ich sehr beschäftigt mit meinen Patreon-Projekten, Sample-Packs und weiteren kreativen Projekten - mehr dazu dann ganz bald. Ansonsten habe ich gerade eine einmonatige Detox vollendet, ich lese zurzeit viel und mache regelmäßig Yoga sowie seit einem Jahr eine tägliche Meditation. Mir kommt die aktuelle Entschleunigung also sehr gelegen und ich freue mich, mit dieser positiven Einstellung im nächsten Jahr wieder in einem Club zu sein.


Foto: Katja Ruge