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Idylle mit Schmuddelfaktor


Sportschipper - epaper ⋅ Ausgabe 8/2019 vom 29.07.2019

Wiesen und Wasserläufe, soweit das Auge reicht: Wer in Hasenbüren mit dem Rücken zur Weser steht, glaubt nicht, dass er es hier mit einem Bremer Stadtteil zu tun zu hat – so ländlich idyllisch ist es hier, mit einem gut geschützten Hafen für viele hundert Boote. Wer sich zur Weser umdreht, blickt auf die braune, ernüchternde Kulisse der Stahlwerke von ArcelorMittal Bremen (AMB). Die machen Dreck – besonders bei Ostwind zieht der übers Wasser. Hier der Leidens - bericht eines Seglers, der nach 44 Jahren die Nase voll hat.


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Die Quelle des Übels: Die Emissionen der Stahlwerke ArcelorMittal Bremen (AMB) sorgen besonders bei Ostwind für hartnäckige Verunreinigungen an den Booten. Besonders bei Ostwind regnet es Ruß und Eisenpartikel.


(Fotos: Kölling)

Am 7. April war mein Boot im Wasser. Eine Woche später, am 14. April, hatte ich schon den ersten Schadensfall der Saison.“ Axel Kluge hat für seine Dehler Optima über die Jahre ein Verfahren entwickelt, wie er sich dem Boot an seinem Liegeplatz der Steggemeinschaft nähert: Die Kamera und die aktuelle Tageszeitung sind immer dabei, damit er Schmutz und Schäden dokumentieren kann. Gummistiefel, Wasserschlauch und Schrubberbürste liegen parat. Monatlich kommt es laut Kluge in der Saison zu Verschmutzungen: „Der schwarze Ruß der Stäube ist dabei aber gar nicht so das Problem: Den kann man abwaschen. Aber mitunter regnet es Eisenpartikel, die sich richtig ins Gelcoat hineinarbeiten. Das bedeutet aufwändiges Polieren.“


Sportschiffer klagen nach wie vor über Verschmutzungen durch Stahlwerke ArcelorMittal – Beweislast im Schadensfall liegt bei den Boots - besitzern – JHG verzeichnet Abwanderungen


Gäste lässt der Segler mit Hemelinger Heimatverein grundsätzlich nach Ankunft auf dem Steg warten, bis er mit Schrubber und Bürste fertig ist: „Eine weiße Büx ist nicht empfehlenswert, da die schon beim Übertreten der Reling die ersten schwarzen Streifen bekommen kann.“ Das Auto parkt er während der Törns zehn Kilometer weiter weg, weil er da auch schon wiederholt unliebsame Überraschungen erlebt hat. Zurück vom Parkplatz bei einem Bekannten kommt er per Bus, der hier selten genug fährt. Axel Kluge hat miterlebt, wie seitens der Stahlwerke immer wieder Besserung gelobt wurde: „Aber es ist nur schlechter geworden.“ Und schließlich gehe es hier nicht nur um die betroffenen Wassersportler, sondern auch um alle Anwohner im 360-Grad-Umkreis dieser Industrieanlagen.

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Leidiges Procedere: Kamera und aktuelle Tageszeitung sind immer dabei, damit Axel Kluge Schmutz und Schäden an seinem Boot dokumentieren kann.


Werner Kinkartz von der Jachthafengemeinschaft Hasenbüren ist betrübt über Kluges Klagen. Viele Bootsbesitzer seien über die Jahre abgewandert nach Lemwerder, in die Marina „imJaich“ nach Bremerhaven oder nach Hooksiel, bedauert der Vorsitzende des Zusammenschlusses der fünf Vereine in Hasenbüren: „Die Stege sind noch gut gefüllt. Aber wir sind natürlich auch nicht zufrieden, haben aber 2015 Gespräche mit ArcelorMittal aufgenommen und gemeinsam ein aus unseren Augen vernünftiges Procedere entwickelt, mit den Schäden umzugehen. Vorher, so weiß Kinkartz aus Berichten, hätten die Stahlwerke meist abgewiegelt und in der Regel erst auf anwaltliche Post reagiert. Kinkartz: „Die Dinge zogen sich oft über Jahre hin. Das ist heute anders.“

ArcelorMittal Bremen betont dementsprechend in einer Stellungnahme gegenüber dem Sportschipper, man arbeite weiterhin intensiv an der Reduktion der prozessbedingten Emissionen und sei mit seinen Nachbarn in engem Austausch. Genaue Angaben über die Höhe von Schadensersatzzahlungen und die genauen Fallzahlen rückt der Stahlhersteller aber nicht heraus. Auch die entscheidende Frage, wie hoch die Chancen stehen, dass es irgendwann nicht mehr zu solchen Verunreinigungen kommt, beantwortet Unternehmenssprecherin Marion Müller-Achterberg allenfalls teilweise. Sie verweist auf kontinuierliche Investitionen des Konzerns in den Umweltschutz: „Innerhalb der letzten acht Jahre wurden 120 Millionen investiert. Ein besonderer Focus wird dabei auf die Reduzierung diffuser Staubemissionen gelegt.“ Großprojekte wie die Sekundärentstaubung und Konvertergasnutzung und Ende 2017 die Optimierung der Gießhallenentstaubung am Hochofen 2 hätten erheblich dazu beigetragen, sichtbare Emissionen zu reduzieren, so heißt es in dem Statement. Auf die Fragen nach der Art der Schadensabwicklung geht die AMB-Sprecherin nicht ein.

Axel Kluge spricht an der Stelle von einem inzwischen eingespielten Procedere von Kommissionsbildung inklusive Stegbeauftragten, Besichtigung, Begutachtung, Dokumentation und Information der Geschädigten. Für ihn als Bootseigner ist das verbunden mit dem Erstellen eines Anschreibens und der Beweisaufnahme mittels rund zehn Fotos. Per Mail bekomme er eine firmeninterne Schadensnummer und einen Schadensfallerfassungsbogen. Im nächsten Schritt erhalte man das Angebot einer Reinigung durch eine Fachfirma oder eine Vergütung der Selbstreinigung: Je nach Schiffsgröße und Grad der Verschmutzung könne der Betrag bei hundert bis zweihundert Euro liegen, bei größeren Booten auch darüber. Sind die schwerwiegenderen Rost-Fallouts der Verschmutzungskategorie zwei das Thema, gehen die Beträge laut Kluge eher nach oben. Und Werner Kinkartz weiß auch, dass dann meist noch Gutachter vom AMB-Versicherer eingeschaltet werden: „Grundsätzlich hat auch jeder Eigner nachzuweisen, dass sein Boot vor dem Schadensfall sauber war. Man muss also auch das gereinigte Boot auf Fotos dokumentieren, die mit einem Datum versehen sind.“

Kinkartz kann den Unmut von Axel Kluge gerade nach dem Frühjahr diesen Jahres hundertprozentig nachvollziehen: „Wir hatten früh wochenlang Phasen mit starkem Ostwind. Ab März ist es in Schüben immer wieder zu Verunreinigungen gekommen. Manche waren mehrfach betroffen – oft, wenn sie ihre Boote gerade wieder saubergemacht hatten.“ Dazu komme, dass den Eignern auch noch die Schäden vom Großbrand auf der SWB-Deponie am anderen Ufer vom 4. Oktober 2018 in Erinnerung seien: „Damals waren 106 Schiffe betroffen“, so Kinkartz.

Auch Axel Kluge war einer der Leidtragenden. Er bekam seine Schäden nicht anerkannt, weil Arcelor in Richtung SWB als Verursacher zeigte. Monatelang erhielt er auf freundliche Erinnerungsschreiben nach eigener Darstellung gar keine Reaktion, ärgert sich der Segler. Er hat inzwischen seine Konsequenzen gezogen und ist mit seinem Boot nach Bremerhaven in die Marina „imJaich“ abgewandert – obwohl er einen Hallenplatz in Hasenbüren hat, die Anfahrt für ihn als Hamburger deutlich weiter ist und er mehr zahlen muss. Kluges bitteres Resümée: „Von den sonst so rührigen Umweltbewegten ist bisher nichts zu merken. Da werden Mikrogramme Feinstaub bekämpft, und wir müssen den Dreck mit dem Besen von den Schiffen fegen.“

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