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Ihr Name ist Kathryn


Der Spiegel - epaper ⋅ Ausgabe 40/2018 vom 28.09.2018

Fußball Eine Amerikanerin behauptet, Cristiano Ronaldo habe sie in Las Vegas vergewaltigt. Der Superstar erkaufte vor Jahren ihr Schweigen. Jetzt tritt die Frau erstmals ans Licht und verklagt den Portugiesen. Sie besitzt ein Dokument, das für ihn äußerst gefährlich sein könnte.


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Bildquelle: Der Spiegel, Ausgabe 40/2018

Klägerin Mayorga: »Ich habe ihn weggestoßen und Nein gesagt«


MARIA FECK / DER SPIEGEL

Sie sollte unsichtbar sein, zum Schweigen verdammt, auf ewig. Niemand sollte von dieser Nacht erfahren, damals, 2009 in Las Vegas, und vor allem nicht von ihrer Version.

Sie hat einen Vertrag unterschrieben und Geld dafür bekommen, ihre Vorwürfe ...

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... niemals laut auszusprechen.

Aus Angst um sich und ihre Familie, sagt sie, habe sie zugestimmt. Aus Ohnmacht, ihm nichts entgegensetzen zu können. Aus Hoffnung, mit allem abschließen zu können. Doch das sei ihr nie gelungen, sagt Kathryn Mayorga.

Die Amerikanerin ist eine schlanke Frau mit langen, dunklen Haaren und grünen Augen, 34 Jahre alt. Bis vor Kurzem hat sie an einer Grundschule gearbeitet. Den Job, sagt sie, habe sie aber aufgegeben, »weil ich jetzt all meine Kraft brauche«.

Kraft, sich dem Mann entgegenzustellen, von dem sie behauptet, er habe sie vor neun Jahren vergewaltigt, was dieser bestreitet.

Der Mann ist nicht irgendwer. Der Mann ist Cristiano Ronaldo. Ein Fußballer der Superlative, wenn es um Erfolg, Geld und Beliebtheit bei den Fans geht. Eine unbekannte Frau gegen Ronaldo – größer könnte die Asymmetrie nicht sein.

Sie waren sich am 12. Juni 2009 in einem Nachtklub in Las Vegas begegnet. Der Fußballer machte dort mit seinem Schwager und seinem Cousin Urlaub. Es war der Sommer, in dem der damals 24-Jährige von Manchester United zu Real Madrid wechselte, für die damalige Rekordsumme von 94 Millionen Euro.

Kathryn Mayorga, damals 25 Jahre alt, arbeitete in dieser Zeit viel als Model. Einer ihrer Jobs war es, sich mit anderen jungen, schönen Frauen vor Bars aufzuhalten, um Gäste anzuwerben.

An jenem Freitag im Juni kreuzen sich die Wege des Models und des Multimillionärs im VIP-Bereich des »Rain«. Der Nachtklub gehört zum Palms Casino Resort. Paparazzi-Fotos zeigen, wie Kathryn Ma yorga und Cristiano Ronaldo eng beieinanderstehen, sich unterhalten. Er trägt ein weißes Hemd mit schmaler, schwarzer Krawatte, sie ein hellgraues Kleid, Goldschmuck. Er gibt sich cool, sie strahlt ihn an. Nur Stunden später rätseln Boulevardmedien auf der ganzen Welt, wer die »mysteriöse Brünette« an seiner Seite ist.

In den frühen Morgenstunden feiern sie in Ronaldos Penthouse im nahe gelegenen Hotel Palms Place weiter. Was dort in einem der Schlafzimmer geschieht, wissen nur zwei Personen: Kathryn Mayorga und Cristiano Ronaldo.

Fest steht, dass der Fußballstar ihr Monate später im Zuge einer außergerichtlichen Einigung 375000 US-Dollar zahlte. Im Gegenzug unterschrieb Kathryn Mayorga, niemals über ihren Vorwurf zu sprechen, Cristiano Ronaldo habe sie vergewaltigt.

Über das Schweigeabkommen hat der SPIEGEL berichtet, erstmals vor rund anderthalb Jahren (16/2017). Die Unterlagen dazu hat die Enthüllungsplattform Football Leaks dem Nachrichten-Magazin überlassen.

Der SPIEGEL hatte Kathryn Mayorga – im Artikel bekam sie das Pseudonym Susan K. – im Laufe der damaligen Recherchen kontaktiert. »Kein Kommentar«, lautete ihre Erklärung. Bei einer Begegnung vor ihrem Wohnhaus rannte sie davon.

Nach Erscheinen des ersten Artikels veröffentlichte Ronaldos Spielerberaterfirma Gestifute ein Statement: Die Vorwürfe seien nichts als »journalistische Fiktion« und basierten »komplett auf Dokumenten«, die »nicht unterschrieben wurden« und in denen die »Parteien nicht zu identifizieren « seien.

Diese Darstellung ist falsch.

Fußballprofi Ronaldo
5/7 Minuten


IMAGO / GRIBAUDI / IMAGEPHOTO

Zahlreiche Dokumente, die dem SPIEGEL vorliegen, belegen das. Darunter solche, die Ronaldo selbst unterschrieben hat. Was erklären könnte, warum er entgegen seiner Ankündigung anderthalb Jahre lang nicht juristisch gegen den SPIEGEL vorgegangen ist.

In dem öffentlichen Statement diskreditierte Gestifute das mutmaßliche Opfer. Sie würde sich weigern, sich »öffentlich zu dem Vorwurf zu bekennen und ihn zu bestätigen «.

Eine perfide Vorhaltung. Denn genau das ist das Herzstück der außergerichtlichen Einigung: Kathryn Mayorga darf sich nicht äußern. Sollte sie dagegen verstoßen, so sieht es der Vertrag vor, muss sie das Geld Ronaldo zurückzahlen und womöglich sogar Schadensersatz leisten. Nun redet sie doch. Erstmals. Und sehr ausführlich. Warum? Was hat sie dazu bewogen? Im Wesentlichen sind es drei Gründe.

Erstens: Sie hat einen neuen Anwalt, erfahren und unerschrocken, der das Schweigeabkommen als rechtswidrig bewertet und Ronaldo in Kathryn Mayorgas Namen verklagt. Dabei stützt er sich auch auf ein Papier, 27 Seiten stark, das für den Fußballprofi erhebliche Folgen haben könnte. Darin wird geschildert, wie Ronaldo die Nacht erlebt hat. »Sie hat mehrfach Nein und Stopp gesagt«, wird der Fußballer in dem Dokument zitiert.

Zweitens: Die Welt hat sich verändert für Frauen, die reklamieren, Opfer sexueller Übergriffe geworden zu sein. Vor einem Jahr wurden erstmals Vorwürfe gegen den US-amerikanischen Filmproduzenten Harvey Weinstein bekannt. Jahrzehntelang soll er Frauen belästigt, genötigt oder gar vergewaltigt haben. Weinstein bestreitet das.

Nach Bekanntwerden des Skandals ermutigte die US-Schauspielerin Alyssa Milano Frauen, über Twitter den Hashtag #MeToo zu nutzen, wenn sie sexuelle Übergriffe erlebt haben.

Zehntausende folgten dem Aufruf, seitdem hat sich das gesellschaftliche Klima gewandelt. Weltweit ist es für Politiker, Juristen und Stammtischrunden schwerer geworden, sexuelle Gewalt an Frauen weichzuzeichnen – insbesondere dann, wenn der mutmaßliche Täter über Geld, Macht und Ruhm verfügt.

Die #MeToo-Bewegung hat vielen Betroffenen zu mehr Mut und Selbstbewusstsein verholfen. Auch Kathryn Mayorga fühlt sich dadurch bestärkt. Viele Stunden, sagt sie, habe sie vor ihrem Rechner verbracht und die Geschichten anderer Frauen gelesen.

Und drittens: Sie sieht darin ihre einzige Chance herauszufinden, ob noch andere Frauen behaupten, von Ronaldo missbraucht worden zu sein. »Diese Frage hat mich nie losgelassen«, sagt sie.

Las Vegas, vor wenigen Wochen. Kathryn Mayorga sitzt an einem langen, dunklen Konferenztisch in der Kanzlei ihres Anwalts, an ihrer Seite ihre Mutter Cheryl Mayorga und ihre Therapeutin.

Kathryn Mayorga trägt einen schwarzen Overall und lange, türkise Ohrringe. Sie hat sich sorgfältig geschminkt, doch das Make-up lenkt nicht von ihren müden Augen ab. Seit mehr als einer Woche, sagt sie, habe sie nicht mehr richtig geschlafen. Sie wirkt erschöpft, zugleich ist sie sehr aufgeregt. Ihr Blick huscht durch den Raum, immer wieder streicht sie ihre Haare zurück.

Kathryn Mayorga holt tief Luft. Sie will zunächst über ihre Ängste reden, Sätze sprudeln nur so aus ihr heraus: »Er ist so berühmt. Ich habe Angst um mein Leben, um meine Familie.« Sie befürchtet, dass man ihr etwas antun könnte, dass die Medien und die Ronaldo-Fans sie verfolgen würden. »Deshalb habe ich den Vertrag damals unterschrieben. Ich wollte damals keinen Prozess, es sollte niemand wissen, was mir passiert ist.«

Sie beginnt zu weinen, atmet schnell und flach. Sie rollt den schweren Ledersessel zurück, auf dem sie sitzt, schlägt die Hände vor ihr Gesicht. Ihre Therapeutin sorgt sich um sie. Für eine halbe Stunde gehen sie in einen Nebenraum.

Zurück bleibt ihre Mutter Cheryl, 66, eine kleine Frau mit hochgesteckten, dunklen Haaren. Sie wählt ihre Worte bedächtig. »Ja, sie hat große Angst. Aber andererseits findet sie keinen Frieden«, sagt sie. »Wissen Sie, es gab Zeiten, da rief sie mich an, völlig aufgelöst, weil sein Gesicht mal wieder auf einem großen Plakat oder im Supermarkt auf dem Cover eines Magazins war. Er, der perfekte, makellose Fußballgott. Und sie, die an vielen Tagen morgens nicht mal aufstehen kann. Seinetwegen.« Cheryl Mayorga schüttelt den Kopf. »Das ist einfach falsch. Und es wird nie aufhören, wenn sie nicht endlich Gerechtigkeit erfährt. Wir stehen hinter ihr.«

»Wir« ist die Familie Mayorga. Auch Vater Larry, 64, und Bruder Jason, 37, berichten davon, wie die Nacht vor neun Jahren Kathryn verändert hat.

Sie ist in Las Vegas geboren und aufgewachsen. Der Vater, inzwischen in Rente, war 32 Jahre lang Feuerwehrmann, die Mutter kümmerte sich um die Kinder. »Wir sind einfache, aber von Grund auf ehrliche Leute«, sagt Cheryl Mayorga.

Kathryn spielte Softball und Fußball, war bei den Pfadfindern. »In der Schule hatte sie jedoch große Probleme, sie hat ADHS und ist lernbehindert«, sagt die Mutter. Es falle ihrer Tochter schwer, sich zu konzentrieren, ihre Gedanken zu sortieren und zu behalten. Auch deshalb spreche sie manchmal so schnell.

Die Tür geht auf. Kathryn Mayorga kommt zurück. Sie hat sich gefangen, so scheint es. Ihre Mutter berichtet, was sie in ihrer Abwesenheit erzählt hat.

»Ja, ich hatte es schwer in der Schule«, sagt Kathryn Mayorga. »Ich konnte nicht in der Gruppe lernen, hatte immer Extrazeit und Nachhilfe. Aber trotzdem habe ich am Ende meinen College-Abschluss geschafft. Dafür habe ich hart gearbeitet.«

Sie hat Journalistik an der Universität von Las Vegas studiert.

Sie berichtet von ihrer Jugend in der amerikanischen Vergnügungsmetropole. »Es war toll. Die Hotelpartys und Konzerte, ich habe mit meinen Freundinnen viele Nächte durchgetanzt. Klar haben wir auch was getrunken. Aber ich bin jemand, der immer die Kontrolle behalten muss.«

Kurz nach ihrem Studium, 2008, heiratete sie ihren Freund, einen Barkeeper albanischer Herkunft, der nebenbei Computer reparierte, darunter die ihrer Eltern. »Ich hatte irgendwie diesen Druck, jetzt hast du die Uni fertig, jetzt musst du auch heiraten«, sagt sie. »Und es fühlte sich richtig an.«

Der Richtige war er nicht. Etwa ein Jahr nach der Hochzeit trennte sich das Paar, und Kathryn Mayorga lebte fortan weiter bei ihren Eltern. Deren Haus liegt in einer der besseren Gegenden von Las Vegas. Gepflegter Vorgarten, große Garage, ein schöner Pool, weiter Blick über die Stadt.

»Mein Leben war zu dieser Zeit wirklich toll«, sagt Kathryn Mayorga. »Ich habe viel Sport gemacht, mich vegan ernährt, denn ich wollte noch mehr ins Modeln einsteigen. « Sie sei viel gereist damals, was ihr auch der Job vor den Bars ermöglicht habe.

Kathryn Mayorga lehnt sich in ihrem Stuhl vor, ihr Blick ist eindringlich. »Seine Anwälte haben versucht, es anders darzustellen. Aber es war ein Promotionjob wie jeder andere. Die einzige Vorgabe, die wir hatten, war, Gäste anzuwerben, dabei Spaß zu haben und einen Drink in der Hand zu halten, was auch Wasser sein konnte. Mehr nicht.«

Erschöpft lehnt sie sich zurück, sammelt sich. Dann beginnt sie, von der Nacht zu erzählen. Der Nacht, von der sie sagt, sie habe ihr Leben zerstört. Der Nacht, die sie, obwohl sie so viele Jahre zurückliegt, so beschreibt, als liefe ein Video vor ihrem inneren Auge ab.

Auch an jenem Abend hatte sie gearbeitet, anschließend feierte sie mit Freunden. »Es gab Champagner, von dem ich aber nur ein bisschen getrunken habe. Wie gesagt, ich war damals total auf Diät.«

Dann erreichte sie die Nachricht ihrer Freundin Jordan*. Sie trafen sich im Rain, gingen in den VIP-Bereich. »Jordan kannte dort jeden, deshalb konnten wir uns frei bewegen. Und plötzlich war er da, griff meinen Arm und sagte so etwas wie: Du, komm mit mir mit.« Kathryn Mayorga sucht nach Worten. »Das war schon merkwürdig. «

Sie wusste, wer er war und dass er an jenem Abend in dem Klub feierte. »Jordan war mit einem Fußballer zusammen, sie kannte all die Typen. Ich hatte ihn auch selbst mal gegoogelt. Ich wusste, dass er berühmt ist.«

Ronaldo habe sie ausgelacht, weil sie nicht gleich mit ihm kommen wollte, erzählt sie. Dann habe er ihr ein Getränk besorgt, sie seinen Begleitern vorgestellt. »Der ist wie mein Bruder, der ist auch wie Familie, irgendwie so.« Sie hätten sich noch ein bisschen unterhalten, und dann habe er nach ihrer Telefonnummer gefragt. »Ich habe sie ihm gegeben, und weg war er. Und ich dachte: okay, cool.«

Kathryn Mayorga sagt, dass sie danach Jordan gesucht und sie draußen mit ein paar Freunden gefunden habe. In dem Moment sei eine SMS von Ronaldo gekommen, in der sinngemäß gestanden habe: »Hey, hier oben ist eine Party. Bring deine Freunde mit.« Jordan und sie seien der Einladung ins Palms Place, das Hotel nebenan, gefolgt. In der Lobby hätten Ronaldo und seine Jungs gewartet, doch die Party sei schon vorbei gewesen.

»Er sagte dann, wir könnten alle noch zu ihm gehen. Und wir dachten: Die Aussicht dort ist atemberaubend, machen wir ein paar Fotos, und dann gehen wir nach Hause.«

2009 war der Palms-Hotel- und -Casinokomplex die In-Adresse schlechthin in Las Vegas. Ronaldo logierte in Apartment 57306, einem der Penthäuser. Eine Nacht darin kostet heute rund tausend Dollar.

Zur Ausstattung gehören eine Küche, ein großes Wohnzimmer, zwei Schlafzimmer mit angrenzenden Luxusbädern. Auf dem Balkon befindet sich ein Jacuzzi mit Blick über die Stadt.

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Feiernde Ronaldo, Mayorga im Nachtklub Rain 2009: »Ich dachte: okay, cool


Penthouse 57306 im Hotel Palms Place: Rund tausend Dollar pro Nacht


ROBERT GALLAGHER / DER SPIEGEL

In der Suite angekommen, erinnert sich Kathryn, seien die anderen plötzlich in den Whirlpool gestiegen, Jordan habe sich auf den Rand gesetzt. »Wir fanden die Jungs süß, sie sahen gut aus, keine Frage, aber ich wollte los, ich hatte am nächsten Tag ein Fotoshooting. Ich stand deshalb nur daneben und sagte, dass ich mein Kleid nicht ruinieren wolle.«

Ronaldo habe ihr Badesachen angeboten. »Ich sah, dass Jordan Spaß hatte, sie war nur noch selten in der Stadt, deshalb dachte ich: was soll’s.«

Sie sei dann zum Umziehen ins Bad gegangen, das an eines der Schlafzim mer angrenzte. Als sie nur in Shorts dastand, sei plötzlich Ronaldo reingekommen, sein Geschlechtsteil aus der Hose hängend.

Kathryn Mayorga macht eine kurze Pause, reißt ihre Augen auf, das Weiße um ihre Pupillen wird sichtbar. »Er stand neben mir und wollte, dass ich seinen Penis anfasse. Er hat mich angebettelt: nur für 30 Sekunden! Ich habe Nein gesagt. Und dann sagte er, ich solle ihn in den Mund nehmen. Ich meine, was für ein Idiot! Ich habe gelacht und gedacht, das gibt es doch gar nicht. Dieser Typ, der so berühmt ist und so gut aussieht, ist ein Widerling.« Doch Ronaldo habe keine Ruhe gegeben. »Irgendwann meinte er dann so etwas wie: Ich lasse dich gehen, wenn du mir einen Kuss gibst. Und ich sagte: okay. Ich küsse dich, aber ich fasse dich nicht an.« Kathryn Mayorga sagt, sie schwöre, ihn nur geküsst, nie angerührt zu haben.

Der Kuss habe ihn dann weiter angetörnt. »Er hat mich überall angefasst, ist an mir runter und wollte mich überall küssen. Ich habe ihn weggestoßen und wieder Nein gesagt.«

In diesem Moment sei einer seiner Freunde reingekommen und habe gefragt: Was macht ihr da? »Ich habe die Gelegenheit genutzt, schnell mein Kleid wieder anzuziehen, und meinte: Wir kommen raus. Und auch er meinte: Ja, wir kommen.«

Kathryn Mayorga sitzt nun still da. Dann fährt sie fort: »Ich dachte, damit wäre das jetzt vorbei. Doch stattdessen hat er mich ins Schlafzimmer gezogen. Auch da hatte ich eigentlich noch keine Angst. Ich dachte nur, das gibt es doch gar nicht, wie hartnäckig dieser Typ ist. Ich habe ihm dann noch mal gesagt, dass nichts zwischen uns passieren werde.«

Doch Ronaldo habe nicht aufgegeben. »Ich habe ihn wieder von mir gestoßen. Er hat versucht, meine Unterwäsche auszuziehen, was ihm aber nicht gelang. Ich habe mich dann wie ein Ball zusammengerollt und versucht, meine Vagina mit beiden Händen zu schützen. Und dann ist er auf mich drauf.« Dabei habe sie »no, no, no, no« gesagt.

Ronaldo habe sie anal vergewaltigt, behauptet Kathryn Mayorga. Ohne Kondom, ohne Gleitmittel.

»Als er fertig war, wollte er mich immer noch nicht gehen lassen. Er sah mich schuldbewusst an und fing plötzlich an, mich ›Baby‹ zu nennen. ›Baby, baby.‹ Ich weiß den Wortlaut nicht mehr genau, aber er sagte auch ›sorry‹ und fragte mich, ob ich Schmerzen habe. Dabei ging er auf die Knie irgendwie und sagte: ›Zu 99 Prozent bin ich ein guter Kerl, ich weiß nicht, was mit diesem einen Prozent ist.‹«

In diesem Moment habe sie erst verstanden, was passiert sei. »Das ging alles so schnell. Und ich war so konfus, es war, als würde ich schweben, wie in Trance, ich kann das gar nicht beschreiben. Mein nächster Gedanke war: was, wenn er jetzt Aids hat? Oder irgendeine andere Krankheit? Ich habe ihn dann gefragt. Und er sagte: ›Ich bin Profisportler, ich werde alle drei Monate getestet. Wenn ich krank wäre, könnte ich gar nicht spielen.‹«

Für einen Moment ist es ganz ruhig in dem Konferenzraum in Las Vegas. Kathryn Mayorga fixiert die Tischplatte vor sich. Inzwischen ist auch ihr Vater Larry hinzugekommen, hat sich leise auf einen Stuhl gesetzt. Er trägt ein schwarzes T-Shirt und ein schwarzes Baseballcap. Er ist ein Mann, der gern lacht, aber je länger er seiner Tochter zuhört, desto mehr Wut und Hilflosigkeit spiegelt sein Gesichtsausdruck. Seine Tochter habe sich nie zuvor so geöffnet, wird er später sagen.

Dann spricht Kathryn Mayorga weiter: »Ich habe dann zu ihm gesagt: Niemand wird davon erfahren. Und als wir dann endlich aus dem Zimmer rausgingen, meinte er so was wie ›bleib cool‹ oder so. Das weiß ich aber nicht mehr ganz genau.«

Es gibt eine Person, die sich bis heute genau erinnern will, wie Kathryn Mayorga aus dem Zimmer kam: ihre Freundin Jordan. »Kathryn sah völlig durcheinander aus, ihre Haare waren zerzaust, ihr Makeup verschmiert«, sagt Jordan. Sie habe Ronaldo dann immer wieder gefragt: »Was hast du mit meiner Freundin gemacht?«

Auch Kathryn Mayorga gibt diese Szene so wieder. Auf Jordans Frage, so sagen es beide Frauen, habe Ronaldo nur geantwortet: »Alles okay. Wir sind Freunde.« »Ich bin dann wie ferngesteuert auf den Jacuzzi zu und habe mich an den Rand gesetzt. Er hat sich neben mich gesetzt, und

ich bin ein Stück weggerutscht. Ich konnte ihn nicht nah bei mir ertragen«, sagt Kathryn Mayorga, »Jordan hat mir später gesagt, ich hätte nur aufs Wasser gestarrt. Ich erinnere das nicht. Ich weiß nur, dass es plötzlich unangenehm still war, keiner mehr was gesagt hat. Er ist dann aufgestanden und gegangen. Und ich bin in den Jacuzzi gefallen. Wie das passiert ist, weiß ich nicht.«

Kathryn Mayorga beugt sich nun weit auf ihrem Stuhl nach vorn. Es scheint, als hätte sie ein Gedanke ereilt: dass der Sturz in den Whirlpool sie schlecht aussehen lassen könnte. Wieder spricht sie sehr schnell: »Ich hatte ein Glas Wein bei der Arbeit und habe danach mal an dem einen oder anderen Champagner genippt. Das war es. Ich war nüchtern in dieser Nacht.«

Durch den Sturz ins Wasser sei sie wieder etwas zu sich gekommen. »Ich habe mir gesagt: Du musst jetzt cool sein, ganz cool. Jordan hörte auch nicht auf zu fragen, ob alles okay sei. Und dann habe ich angefangen zu lachen und zu scherzen und Dinge zu sagen wie: Gott, unglaublich, diese Aussicht!« Sie zuckt mit den Schultern, aber es wirkt nicht gleichgültig, eher ratlos. »Und irgendwann sind wir dann los. Seine Freunde haben mir noch ein Handtuch gegeben, weil ich komplett nass war.«

Auf dem Weg zum Fahrstuhl habe sie dann zu Jordan gesagt: was für eine Nacht, was für ein Spaß! Irgendwann hätten sie sich verabschiedet.

Als sie an ihrem Auto angekommen sei, seien zum ersten Mal »diese entsetz lichen Schmerzen da gewesen. Bei jedem Herzschlag. « Sie sei zu einem Krankenhaus gefahren, habe aber Angst gehabt reinzugehen. Sie habe sich dann zu Hause ins Bett gelegt und versucht zu schlafen. Vergebens.

Nur wenige Stunden später erreichte sie ein Anruf. Jordan. »Sie sagte: ›Mensch, wir sind überall in den Nachrichten.‹« Parallel dazu, sagt Kathryn Mayorga, habe sie merkwürdige SMS bekommen: Datest du diesen berühmten Fußballtypen? »Erst dann habe ich die Fotos gesehen, sie waren überall.« Die Fotos zeigen sie flirtend mit Ronaldo im VIP-Bereich des Rain.

Sie habe dann nur zu Jordan gesagt: Das ist nicht gut, das ist nicht gut. Doch Jordan habe gar nicht verstanden, was sie meinte, bis sie ihr schließlich gestanden hätte: »Er hat mich vergewaltigt.«

Jordan sei völlig konsterniert gewesen, habe ihr aber sofort geraten: Sei vorsichtig, Fußballer haben so viel Macht. In diesen Fällen gibt es keine Gerechtigkeit.

Als die Schmerzen nicht aufhörten, sei sie panisch geworden, sagt Kathryn Mayorga, »dass da irgendwas ernsthaft kaputt sei«. Sie habe eine Freundin aus Kindertagen angerufen, ihr erzählt, was passiert sei. Die habe ihr geraten, anonym bei der Polizei anzurufen.

»Ich habe mich dann erst geweigert, den Polizisten meinen Namen zu sagen. Ich habe den Beamten gesagt, dass ich vergewaltigt wurde, aber nicht, von wem. Ich habe gesagt, dass ich in ein Krankenhaus wolle, auch um meine Verletzungen zu dokumentieren. Und kurz darauf standen Polizeiwagen vor unserem Haus.«

Gemeinsam mit ihren Eltern versucht Kathryn Mayorga zu rekonstruieren, welcher Polizist damals wann was zu wem gesagt hat. Die Erinnerungen gehen ein wenig auseinander. Am Ende ist nur unstrittig: Die Polizei war da. Und dass jemand ihr Kleid und ihre Unterwäsche in einem Plastikbeutel aus dem Haus getragen hat.

Anwalt Stovall
»Es gibt keinen gültigen Vertrag«


MARIA FECK / DER SPIEGEL

Irgendwann, jedoch erst später an diesem Tag, hat Kathryn Mayorga dem Drängen ihrer Mutter nachgegeben und ihr gesagt, was passiert ist.

Larry Mayorga ergreift das Wort: »Ich weiß noch, wie ich in meiner Feuerwehruniform vor dem Haus stand und einer der Polizisten zu mir kam und sagte: Ihre Tochter muss uns sagen, wer der Typ war. Unbedingt.« Er schaut seine Tochter an: »Aber du bist völlig außer dir gewesen und hast immer nur gesagt: ›Nein, nein, nein, nein. Das verstehst du nicht, Papa, du hast keine Ahnung. Du hast keine Ahnung.‹«

Es gibt ein Protokoll, das Kathryn Mayorgas Anruf beim Las Vegas Metropolitan Police Departement festhält. Datum: 13. Juni 2009. Uhrzeit: 14.16 Uhr. In dem sogenannten CAD-Report, der dem SPIEGEL vorliegt, hat der Fall ein Aktenzeichen, das sich später auch in dem Settlement, der außergerichtlichen Einigung zwischen Kathryn Mayorga und Cristiano Ronaldo, wiederfindet.

Im CAD-Report ist in der Rubrik »Type« der Anlass des Anrufs verzeichnet: 426. Der Code für ein gemeldetes Sexualdelikt.

Der Polizist, der mit Kathryn Mayorga spricht, notiert, dass die Anruferin aufgelöst sei, weine und nicht den Namen des mutmaßlichen Täters angeben wolle. Es handle sich um eine »öffentliche Figur«, einen »Athleten«. Der Beamte vermerkt, dass sie sich nicht gewaschen habe.

Und auch das ist dokumentiert: Um kurz nach halb drei an jenem Samstag fahren die Polizisten vor dem Haus der Mayorgas vor. Sie melden sich mehrfach per Funk in der Zentrale. Dort notiert ein Beamter, das mutmaßliche Opfer wolle ins Krankenhaus, um sich einem »rape-kit« zu unterziehen. Damit ist eine spezielle Untersuchung von Opfern sexueller Gewalt gemeint, bei der Spuren gesichert und Verletzungen fotografiert werden.

Um kurz vor 16 Uhr bringen die Polizisten Kathryn Mayorga ins University Medical Center. Um 17.15 Uhr wird im CADReport festgehalten, dass sie nun doch vage Angaben zum mutmaßlichen Tatort gemacht habe. Es handle sich um ein Hotel »in der Nähe« der Flamingo Road, dort wo das Hotel Palms Place liegt.

»Die Beamten haben mich immer wieder gedrängt, seinen Namen zu sagen und wo genau es passiert ist, aber ich habe mich nicht getraut«, sagt Kathryn Mayorga. Einzig die Krankenschwester, die sie untersucht habe, sei verständnisvoll gewesen. »Sie sagte, ich solle mich erst mal nur auf mich konzentrieren. Dadurch, dass ja alles dokumentiert werde, könne ich ihn auch noch zu einem späteren Zeitpunkt anzeigen.«

Aus ihrem Untersuchungsbericht geht hervor, dass Kathryn Mayorga zwei Stunden lang in der Klinik behandelt wurde. Es wird notiert, dass sie »ängstlich, kooperativ und freundlich« sei. Sie gibt an, gelegentlich Alkohol zu trinken, wird auf Drogen getestet. Das Ergebnis ist negativ.

In einer Checkliste kreuzt die Krankenschwester an, was Kathryn Mayorga nach der mutmaßlichen Tat gemacht hat: sich umgezogen, Zähne geputzt, uriniert, gegessen, getrunken. Bei der Art des Übergriffs vermerkt sie unter anderem »Rektum penetriert von Penis« und »Ejakulation: in die Hände des Angreifers«.

Kathryn Mayorga wird auf Geschlechtskrankheiten getestet, zudem werden Abstriche auf mögliche DNA-Spuren in Mund und Rektum genommen. Ihre Verletzungen dort, eine umlaufende Schwellung, ein Bluterguss, eine Risswunde, werden auch per Foto dokumentiert. Sie verabreichen ihr Zithromax und Rocephin, zwei Antibiotika, dann wird sie entlassen.

Familie Mayorga in ihrem Haus in Las Vegas: »Raus! Raus!«


MARIA FECK / DER SPIEGEL

Die folgenden Tage habe sie auf ihrem Zimmer verbracht, berichtet Kathryn Mayorga. »Ich war komplett emotionslos, fühlte mich wie krank, wollte niemanden sehen. Es hat ungefähr drei Monate gedauert, bis ich endlich mal geweint habe.«

Ihre Mutter Cheryl schaltet sich ein: »Ich wollte für sie da sein, sie in den Arm nehmen, ihr helfen, aber wann immer ich das Zimmer betreten habe, hat sie nur geschrien: ›Raus! Raus!‹« Sie hätten ihr dann eine Anwältin besorgt. »Die Polizei sagte, dass Kathryn die Krankenhausrechnung bezahlen muss, wenn sie seinen Namen nicht sagt«, sagt Cheryl Mayorga.

Ein Freund habe ihnen Mary Smith* empfohlen. Die Juristin hatte zu diesem Zeitpunkt eine kleine Kanzlei in Las Vegas. Die Mayorgas beschreiben sie als freundlich und warmherzig. Rückblickend werten sie es als großen Fehler, dass sie keinen versierteren Anwalt kontaktiert haben.

Die Anwältin habe zu einer umfassenden Aussage bei der Polizei geraten. Etwa zwei, drei Wochen später, schätzt Kathryn Mayorga, sei ein Polizist gekommen und habe ihre Aussage auf Band aufgenommen.

Im Zuge dieser Aussage habe sie auch Ronaldos Namen genannt. »Ich habe dem Beamten sogar Fotos von ihm ausgedruckt, in den USA ist Fußball nicht so groß, deshalb kennt ihn nicht jeder.«

Der Polizist sei ein älterer Mann gewesen. Als sie ihm gesagt habe, dass sie Ronaldo im Bad geküsst habe, sei seine Reaktion gewesen: »›Oh, da werden wir Probleme kriegen, da werden wir Probleme kriegen!‹ Er sagte auch, dass es einen schlechten Eindruck machen würde, dass ich mir einen Anwalt genommen hätte«, erinnert sich Kathryn Mayorga. »Ich habe ihm gesagt, dass meine Eltern die Anwältin wollten. Dass ich am liebsten alles begraben würde.«

Am Ende habe sie den Polizisten angefleht, nichts mit der Aussage zu machen, dass sie noch Zeit brauche, sie emotional nicht stabil sei. Er habe ihr versprochen zu warten, bis sie so weit sei.

Fortan lebte Kathryn Mayorga in diesem Dilemma: Einerseits wollte sie ihren und seinen Namen nicht publik machen, andererseits wollte sie Gerechtigkeit. Ihre Anwältin habe dann vorgeschlagen, die ganze Sache außergerichtlich zu klären.

In den USA werden bis heute Fälle sexueller Gewalt oft durch Settlements beigelegt. Opfer und Täter einigen sich, ohne dass es zu einem Prozess kommt.

Nach Mord ist Vergewaltigung im USBundesstaat Nevada das schwerste Verbrechen. Bei einer Verurteilung droht lebenslange Haft. Dafür muss die Schuld allerdings mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit feststehen – und das ist gerade bei Sexualdelikten schwierig. Oft steht Aussage gegen Aussage.

Viele Opfer strengen deshalb statt eines Strafverfahrens ein Zivilverfahren an. Dabei geht es nicht darum, den mutmaßlichen Täter zu verurteilen, sondern das Opfer finanziell zu entschädigen. Die Beweislast ist in so einem Prozess deutlich geringer. Es muss nur zu mehr als 50 Prozent wahrscheinlich sein, dass der mutmaßliche Täter die Tat begangen hat.

Ein Zivilverfahren hat aber auch Nachteile. Zwar kann das Opfer beantragen, dass der Fall unter Pseudonym verhandelt wird, dennoch ist er öffentlich, und natürlich gibt es dann keine Sicherheit, dass die Anonymität gewahrt bleibt.

Gerade deshalb entscheiden sich viele Opfer dafür, den Fall außergerichtlich zu klären, etwa im Rahmen einer Mediation, bei der eine neutrale Person vermittelt. Am Ende steht eine Vergleichsvereinbarung, ein Settlement.

Ein solches Prozedere kann vorteilhaft sein, für beide Seiten. Sowohl die Identität des Opfers als auch des Täters kann geschützt werden. Das Ganze dauert nicht so lange wie ein Prozess. Die belastenden Details der Vergewaltigung müssen nicht zwingend vorgetragen werden.

Diese Argumente leuchteten Kathryn Mayorga ein. »Ich wollte ihm eine Lektion erteilen. Und dass er meine Therapien, von denen ich sicher war, dass ich sie brauchen würde, bezahlt. Ich wollte mich nie bereichern. Und außerdem wollte ich ihm ins Gesicht schauen und sagen, was er mir angetan hat.«

Aus den Football-Leaks-Dokumenten geht hervor: Mitte Juli 2009 meldet sich die Juristin Smith bei einem Anwalt von Ronaldo in England. Sie vertrete einen Kläger in Las Vegas in einer Sache gegen den Fußballer. Der Jurist leitet die Mail weiter an Ronaldos portugiesischen Anwalt Carlos Osório de Castro, der den Fußballer seit Jahren in allen rechtlichen Fragen berät.

»Um was könnte es hier gehen?« Osório de Castro antwortet: »No idea.« Ende Juli ist klar, dass es sich um etwas Brisantes handelt. Inzwischen sind mehrere Anwälte mit dem Fall befasst, darunter einer aus Kalifornien, der schon viele Prominente vor Gericht vertreten hat. Die Anwälte Ronaldos tauschen sich aus, wie sie am besten vorgehen.

Es wird ein Katalog mit Hunderten Fragen an Ronaldo, seinen Schwager und seinen Cousin erstellt. Ronaldo bekommt das Kürzel »X« in dem Manuskript, Kathryn Mayorga ist »Ms. C«.

Den Fragebogen gibt es in mehreren Ausführungen. Die Fragen bleiben ähnlich, nicht so die Antworten.

In einer Version aus dem Dezember 2009 spricht Ronaldo von einvernehmlichem Sex. Und dass es keine Anzeichen gegeben habe, dass es ihr damit oder anschließend nicht gut gegangen sei.

Aber es gibt noch eine andere, deutlich frühere Version. Es ist das Dokument, das für Ronaldo erhebliche Folgen haben könnte. Es wurde im September 2009 per Mail verschickt. Absender: ein Anwalt aus Osório de Castros Kanzlei. Empfänger: dieser selbst und ein weiterer Kollege.

Auf die Frage, ob Ms. C jemals ihre Stimme erhoben, geschrien oder gerufen habe, antwortet X in dem Papier: »Sie hat mehrfach Nein und Stopp gesagt.«

Sie habe auf der Seite gelegen. »Ich kam von hinten in sie rein. Auf die brutale Tour. Wir haben die Position nicht verändert. 5/7 Minuten. Sie hat gesagt, dass sie nicht will, aber sich bereitgestellt.« Und weiter: »Aber sie hat immer weiter ›Nein‹ gesagt. ›Mach das nicht.‹ ›Ich bin nicht so wie die anderen.‹ Hinterher habe ich mich entschuldigt. « Sie habe aber nicht geschrien und auch niemanden gerufen.

Frage: Hat Ms. C danach etwas darüber gesagt, dass der Sex zu brutal gewesen sei? X: »Sie hat sich nicht beklagt, dass es brutal war. Sie hat sich darüber beklagt, dass ich sie gezwungen habe. Sie hat nichts davon gesagt, zur Polizei gehen zu wollen.«

Ronaldo bestätigt in diesem Frage bogen die Version von Kathryn Mayorga in diesen Punkten: Sie hat mehrfach Nein gesagt. Und er hat sich danach bei ihr entschuldigt.

Widersprüche gibt es unter anderem zu der Frage, ob Kathryn Mayorga ihn mit der Hand befriedigt hat. Er sagt: Ja. Sie sagt: Nein. Er berichtet zudem von einem Vorspiel im Bad. Auch das Treffen zuvor im Club wird von ihm anders geschildert: Die Frauen hätten um Einlass in den VIP-Bereich gebeten, dort gut getrunken. Man habe keine Nummern ausgetauscht, sie schon dort zu sich ins Hotel eingeladen. Kathryn Mayorga, so erinnern es Ronaldos Begleiter, habe auch nicht verstört gewirkt, als sie später aus dem Zimmer gekommen sei.

Im Dezember 2009 drängt Ronaldos Anwalt Osório de Castro seine US-Kollegen: »Die Uhr tickt, wir müssen entscheiden, wie wir weiter vorgehen. Und wir müssen uns auf eine Schlacht vorbereiten, so oder so.«

In der Zwischenzeit hatten Ronaldos US-Anwälte einen Detektiv auf Kathryn Mayorga angesetzt. Er sammelte Details zu ihrem Lebenslauf, Informationen zu Strafzetteln fürs Falschparken, observierte ihr Haus, beschattete sie stundenlang.

Einmal notierte er in einem Protokoll: »Sie hat das Haus gestern Abend um kurz vor 20 Uhr verlassen, fuhr zum MGM-Hotel, parkte ihr Auto und traf sich mit einem jungen Mann, den sie am Fahrstuhl umarmte. « An einem anderen Tag beobachtete er sie in einem Restaurant: »Sie trank Rotwein. Sie hatte mehr als (3) drei Gläser Wein.«

Kathryn Mayorga hat gemerkt, dass ihr jemand im Dunkeln im Auto folgte. »Manchmal war es noch offensichtlicher: Einmal habe ich mit Freunden zusammen gegessen, und da stand ein Mann mit einem Block, in Sichtweite, und hat augenscheinlich alles aufgeschrieben, was ich gemacht habe.«

Ihr Vater Larry sagt: »Ich habe sie in dieser Zeit zum Kickboxen mitgenommen. Ich wollte, dass sie lernt, sich zu verteidigen. Wir hatten viel Angst um sie.«

Die Rechnungen für den Detektiv, das geht aus den Dokumenten hervor, belaufen sich am Ende auf viele Zehntausend Dollar. Das Ergebnis stellt Ronaldos Anwälte nicht zufrieden. Einer drängt in einer Mail darauf, einen zweiten Detektiv einzusetzen, um so die Behauptung des mutmaß lichen Opfers zu widerlegen, sie leide psychisch unter den Folgen der Tat: »Hoffentlich erleben wir Momente, in denen sie ausgeht und das Nachtleben und die Männer von Las Vegas genießt.«

Ronaldos Anwälte überlegen offenbar auch, Kathryn Mayorga wegen Erpressung anzuzeigen. Problem: Sie nennt keine Summe. Und fordert auch sonst nichts.

Mandant Ronaldo, Anwalt Osório de Castro 2016: »No idea«


Am 12. Januar 2010 kommt es zu einem Treffen der Parteien in Las Vegas. Ein erfahrener Mediator ist anwesend. Ronaldos Anwälte fahren in einer Limousine vor. Als die Mediation beginnt, befinden sich in einem Raum Kathryn Mayorga und ihre Anwältin, im Nebenraum Ronaldos Anwälte. Im Flur davor nehmen Kathryn Mayorgas Eltern und ihr Bruder Platz.

»Ich war mit den Nerven am Ende«, sagt Kathryn Mayorga über jenen Tag. Ihr Blick ist leer, die Finger ihrer rechten Hand streichen über ihre türkisen Ohrringe, »und völlig außer mir, dass er nicht erschienen ist. Dass ich nicht die Gelegenheit hatte, ihm ins Gesicht zu sagen, was ich von ihm halte, wie es mir geht«.

Es sei dann so gewesen, dass der Mediator zwischen beiden Räumen hin- und hergelaufen sei. Um zu übermitteln, was die Gegenseite an Argumenten vorbringt, und letztlich um eine Summe auszuhandeln.

Ronaldos Anwalt Osório de Castro ist eigens aus Portugal zu dem Treffen angereist. Während der Verhandlung simst er mit seinem Klienten Ronaldo: »Der Mediator sagt jetzt, dass sie in Tränen aufgelöst und erschüttert ist, weil sie glaubt, dass dich diese Angelegenheit nicht interessiert und du ganz woanders bist. Bisher wurde nicht über Geld geredet, aber das wird kommen.«

Ronaldo antwortet: »Okay«.

47 Minuten nach der ersten SMS bekommt Ronaldo eine weitere Mitteilung aus Las Vegas. Diesmal ist es nur ein Betrag: »950000 Dollar«. Es ist offenbar die Summe, die sich die Gegenseite als Ausgleich vorstellt. Ronaldo schreibt zurück: »Das ist der Betrag?«

Osório de Castro antwortet: »Das ist ihre erste Forderung: Das sind 660000 Euro. Wir akzeptieren nicht. Die Verhandlung geht weiter.«

Ronaldo fragt nach: »Ist das zu viel?« Osório de Castro schreibt: »Ich glaube, ja. Ich glaube, wir schließen für weniger ab.« Ronaldo verlangt: »Es muss weniger werden!« Sein Anwalt antwortet: »Okay«.

Vor der Tür sitzt Kathryns Familie. Sie hätten ihre Tochter weinen und schreien hören, sagen sie rückblickend. »Sie haben versucht, mir Sachen anzuhängen. Mich als eine Art Prostituierte darzustellen. Ich weiß nicht, wie seine Anwälte am Abend noch in den Spiegel schauen konnten«, sagt Kathryn Mayorga.

»Ich bin fast wahnsinnig geworden«, sagt Kathryns Vater. »Ich wäre am liebsten reingestürmt und hätte gesagt: Schluss hier jetzt, das war es, und hätte sie mitgenommen. Aber Kathryn wollte diese Verhandlung. Sie wollte keine Öffentlichkeit. Ich musste das respektieren.«

Auch Kathryns Bruder Jason will sich noch sehr genau an den Tag der Mediation erinnern können. »Es war der blanke Horror «, sagt er. »Ronaldos Raum war voller Anwälte, die lachten und scherzten. Und nebenan war meine Schwester, am Boden zerstört.«

Wie seine Eltern, sagt Jason Mayorga, habe auch er ein schlechtes Gefühl gehabt. »Kathryns Anwältin wirkte überfordert. Und der Mediator …«, er sucht nach Worten, »wenn er bei Ronaldos Anwälten reinging, riss er Sprüche wie: ›Hey Jungs, ich bin zurück!‹ Es war widerlich.«

Irgendwann habe sie nur noch auf dem Boden gelegen, schildert Kathryn Mayorga. »Ich war hysterisch, ich konnte nicht mal mehr reden.« Ihre Anwältin habe dann dazu geraten, die Mediation zu stoppen. »Ich war eigentlich nicht in der Lage, das Papier zu unterschreiben. Aber ich wusste, noch mal würde ich das nicht durchstehen. Ich wollte einfach, dass das alles vorbei ist.«

Am Ende des Tages schreibt Osório de Castro an seinen Mandanten: »Wir schließen endlich nach 12 Stunden ab, für 260000 Euro. Dazu kommen die Kosten der Mediation, von denen ich dir schon erzählt hatte, plus einige Zahlungen an die Anwälte, die jetzt versuchen, den Abschluss zu formalisieren. Ich weiß, dass das viel Geld ist, aber ich glaube, es war der beste Ausweg und übrigens überhaupt nicht einfach zu bekommen.«

Die Summe, die Ronaldo an Kathryn Mayorga bezahlen sollte, wurde in einer sogenannten »Settlement Memorialization« eingetragen: 375000 Dollar. So viel verdiente Ronaldo damals bei Real Madrid in einer Woche.

Bis in die Sommermonate hinein verfeinerten die Anwälte die Einigung, feilschten um Absätze und Formulierungen. Es ging etwa darum, wie sich Kathryn Mayorga zu verhalten habe. Die Ronaldo-Anwälte drängten darauf, dass sie selbst Therapeuten seinen Namen nicht offenbaren dürfe. Nicht einmal über ihn schimpfen, so forderten es die Anwälte, dürfe Kathryn Mayorga. Und sie solle auch nicht im Kreis ihrer Familie über ihn sprechen. »Dem Ärger Luft zu machen und zu lästern«, schrieb einer der Anwälte in einer Mail, würde eine schwer zu kontrollierende Stimmung erzeugen.

Ronaldos Vertreter waren darauf bedacht, jede Möglichkeit des Geheimnisverrats auszuschließen. So ging es auch um die Frage, wie Kathryn Mayorga die Einigungssumme versteuern könnte. Falls sie es nämlich nicht tun würde, fürchteten die Juristen, könnte sich die US-Steuerbehörde für die Geldsumme auf ihrem Konto interessieren, und sie müsste erklären, wofür sie das Geld erhalten habe.

Nach den Recherchen des SPIEGEL wählten Ronaldos Anwälte für die 375000-Dollar-Überweisung ein Konto einer Firma namens Tollin im Steuerparadies British Virgin Islands, die jahrelang Werbe- und Sponsoreneinnahmen Ronaldos bunkerte. Es sieht demnach so aus, als habe Ronaldo den Fall Las Vegas mit Sponsorengeldern bezahlt. Eine Anfrage des SPIEGEL dazu blieb unbeantwortet.

Die finale außergerichtliche Einigung umfasst am Ende elf Klauseln. Die wichtigste ist, dass Kathryn Mayorga niemals über das Geschehen sprechen darf. Dass sie sich verpflichtet, alle Tatvorwürfe fallen zu lassen, und »alle elektronischen und schriftlichen Aufzeichnungen« dazu »unwiderruflich zerstört hat«.

Dazu zählt auch ein Brief. Da Ronaldo nicht zu dem Treffen gekommen war, bestand Kathryn Mayorga darauf, ihm einen Brief schreiben zu können, der ihm innerhalb von zwei Wochen vorgelesen werden musste. So hält es der Vertrag fest.

Der Brief, fast sechs Seiten lang, liegt dem SPIEGEL vor. Er ist verstörend, gleicht einem langen, gellenden Aufschrei:

»Ich habe immer wieder Nein, Nein, Nein, Nein geschrien und dich angefleht aufzuhören.«

»Du sprangst von hinten auf mich«, schreibt sie, »mit einem weißen Rosenkranz um deinen Hals!! Was würde Gott darüber denken!! Was würde Gott über dich denken!!«

»Ich hoffe, dass du aus diesem schrecklichen Fehler lernst!! Nimm nie wieder einer Frau ihr Leben, so wie du meines genommen hast!!«

»Ich mache mir nichts aus deinem Geld. Ich wollte Gerechtigkeit. Aber da ist keine Gerechtigkeit in dieser Sache.«

Die Einigung unterzeichneten neben Kathryn Mayorga mehrere Juristen, für Cristiano Ronaldo unterschrieb sein portugiesischer Anwalt Osório de Castro.

Ronaldo selbst taucht in dem Dokument unter dem Namen »Topher« auf. In einer vertraulichen Zusatzvereinbarung, einem »Confidential Side Letter Agreement«, steht, dass sich hinter jenem Pseudonym der Fußballer verbirgt. Und: Dieses Papier ist von Ronaldo selbst unterschrieben.

Der Fall Las Vegas war für Cristiano Ronaldo damit erledigt.

Für sie, sagt Kathryn Mayorga, war es der Beginn eines langen Leidens.

Ihre Mutter sagt: »Die ersten Jahre waren schlimm. Sie hat sich komplett zurückgezogen, war plötzlich ein so unsicherer Mensch. Es gab Zeiten, da dachte sie an Selbstmord …« Ihr bricht die Stimme weg.

Ihr Vater sagt: »Sie ist nicht mehr dieselbe Person. Ich hatte gedacht, sie würde es eines Tages überwinden. Aber ich habe mich getäuscht.«

Ihr Bruder sagt: »Wir hatten ein enges Verhältnis, sind zusammen ins Kino oder essen gegangen. Aber seitdem, da ist so viel Trauer und Wut in ihr. Sie ist oft aggressiv, einfach so.«

Kurz nachdem der Polizist ihre Aussage aufgenommen hatte, begann Kathryn Mayorga mit einer Therapie. »Ich durfte selbst in der Einzeltherapie seinen Namen nicht erwähnen, habe immer nur von dem Sportler gesprochen«, sagt Kathryn Ma yorga. »Ich musste immer aufpassen, was ich sage. Wegen meines Vertrags.«

Nur ein paarmal habe sie an Gruppentherapien für Vergewaltigungsopfer teilgenommen. Es ist einer der Momente, in dem sich Kathryn Mayorgas Augen mit Tränen füllen. »Ich habe nur dagesessen und zugehört. Aber irgendwann wurden die anderen Frauen sauer, weil ich meine Geschichte nicht erzählt habe …«

In den ersten fünf Jahren sei sie wie besessen gewesen, erzählt sie dann. »Karma, alles drehte sich bei mir um Karma.« Jeden Tag habe sie im Internet nachgeschaut, ob Ronaldo irgendetwas widerfahren sei, eine Strafe Gottes sozusagen, für das, was er ihr angetan habe.

Sie hätte ihren Job aufgeben müssen. Allein das Hotel mit seinen leuchtenden Lettern zu sehen sei für sie unerträglich gewesen. Aus ihrem Studium etwas zu machen habe auch außer Frage gestanden. Und immer wieder seien da Selbstmordgedanken gewesen. Nur auf Reisen, sagt sie, hätte sie sich frei gefühlt, weit weg von allem. »Bis auf das eine Mal, als ich in Italien war und überall die kleinen Jungs in Ronaldo-Trikots rumliefen. « Mühsam ringt sie sich ein Lachen ab.

Im ersten Jahr habe sie viel Alkohol getrunken, gesteht sie dann. »Jeden Tag, um ehrlich zu sein. Es war der einzige Weg, um mich zu entspannen.« Gegenüber ihren Freunden und auf Facebook habe sie versucht, so zu tun, als sei alles wie bisher.

Erst nach fünf Jahren, sagt Kathryn Mayorga, sei es ihr ein wenig besser gegangen. Nicht, dass sie etwa eine normale Beziehung hätte führen können, »aber das Leben war mehr oder weniger okay«.

Im Wesentlichen habe dies mit ihrem neuen Job zusammengehangen. »Ich habe an einer Grundschule gearbeitet, unter anderem mit den Kindern Sport gemacht. Den ganzen Tag das Kinderlachen um mich herum, das hat mir gutgetan«, sagt Kathryn Mayorga.

Richtig glücklich sei sie aber nie gewesen. »Ich habe nie aufgehört, ihn und mich innerlich anzuklagen. Ihn für die Tat und mich dafür, dass ich dieses Ding unterschrieben habe.«

Und dann, im Frühjahr 2017, sei dieser Artikel im SPIEGEL erschienen. »Wo alles drinstand, was niemand wissen durfte. Ich habe die Kommentare der Leute gelesen …« Kathryn Mayorga presst die Lippen aufeinander. »Mir ist nicht egal, was man über mich sagt.« Zu den Kommentaren zählten auch solche wie: »CR7 hätte es gar nicht nötig, eine Frau zu vergewaltigen.«

»Das hätte ich auch gedacht«, sagt Kathryn Mayorga leise.

Der SPIEGEL hatte Ronaldo vor Erscheinen des Artikels im vergangenen Jahr Gelegenheit gegeben, sich zu den Vorwürfen zu äußern. Am 10. April 2017 wurde ihm eine Liste von Fragen zugemailt. An seiner Stelle antwortete sein Münchner

Anwalt Johannes Kreile: »Die Anschuldigungen, die Ihre Fragen nahelegen, sind aufs Schärfste als unzutreffend zurückzuweisen. « Sein Mandant werde »gegen jede unwahre Tatsachenbehauptung sowie gegen jede Verletzung seiner Persönlichkeitsrechte vorgehen«. Der Jurist forderte den SPIEGEL auf, »eine Berichterstattung zu dem Komplex zu unterlassen«.

Am Tag des Erscheinens schlug der Artikel international Wellen. Doch ebenso häufig wurde das Gestifute-Statement zitiert, die Geschichte sei »journalistische Fiktion«.

Vier Tage später schoss Ronaldo drei Tore in der Champions League gegen Bayern München und später noch mal drei gegen Atlético Madrid. Die Geschichte über Kathryn Mayorga war beerdigt.

Hotel Palms Place in Las Vegas
Er wartete in der Lobby


MARIA FECK / DER SPIEGEL

Mit Erscheinen eines zweiten SPIEGELArtikels (17/2017) postete Ronaldo auf Instagram ein Video seines ältesten Sohnes, Cristiano junior. Der damals Sechsjährige schoss einen Freistoß, ganz in der Manier seines Vaters. Das Video wurde zwölf Millionen Mal aufgerufen. Ronaldo hat allein auf Facebook 121 Millionen Follower.

Auch aus Angst, Ronaldo könnte sie als Quelle der Informationen für die SPIEGELArtikel verdächtigen, suchte sich Kathryn Mayorga einen neuen Anwalt.

Leslie Mark Stovall, 65, weiße Haare, Pferdeschwanz, ist ein anderes Kaliber als ihre erste Anwältin. Seit mehr als 30 Jahren ist er Jurist in Las Vegas, es gibt Leute, die haben ihn schon in Jeans und Cowboystiefeln vor Gericht gesehen.

Stovall hat viel Prozesserfahrung, einmal auch in eigener Sache. 2001 habe er eine falsche Steuererklärung abgegeben, offenbart er beim ersten Treffen mit dem SPIEGEL. Für zwei Jahre wurde ihm die Zulassung entzogen. »Das kann ich nicht beschönigen«, sagt er. Stovall will der Gegenseite keine Angriffspunkte liefern.

Monatelang hat er Kathryn Mayorgas Fall studiert, um die Zivilklage gegen Ronaldo vorzubereiten. »Mein Ziel ist es, die außergerichtliche Einigung außer Kraft zu setzen. Denn Kathryn Mayorga war zu dem Zeitpunkt der Verhandlungen nicht geschäftsfähig«, argumentiert Stovall. »Insofern gibt es keinen gültigen Vertrag und somit auch keine Schweigeklausel.«

Laut Stovall sei Ronaldos Anwälten die psychische Verfassung von Kathryn Mayorga bewusst gewesen, und nicht nur das: »Sie haben diese für sich genutzt.« Der labile Zustand Kathryn Mayorgas wird auch in E-Mails von Ronaldos Anwälten thematisiert. Stovall veranlasste im April dieses Jahres, dass Kathryn Mayorga von einem forensischen Psychiater begutachtet wird.

Der Professor diagnostizierte bei ihr eine posttraumatische Belastungsstörung und eine Depression als »direkte und exklusive Konsequenz von Mr. Ronaldos Übergriff«.

Darüber hinaus konstatierte er, dass ihre Lernbehinderung bei der Mediation nicht berücksichtigt worden sei, sie die Bedeutung der Vereinbarung und der darin enthaltenen Begrifflichkeiten deshalb nicht habe überblicken können und letztlich nicht die erforderliche Kompetenz gehabt habe, das Dokument zu unterschreiben. Stovall bewertet die außergerichtliche Einigung aber auch noch aus einem anderen Grund für ungültig. Sie habe »die illegale Absicht verfolgt, polizeiliche Ermittlungen zu verhindern«.

Stovall geht nun noch einen Schritt weiter: »Jeder, der ein Verbrechen begangen hat, muss sich verteidigen können, ohne Frage. Aber es gibt eine rote Linie: Ein Verbrechen verbergen zu wollen, das ist auch ein Verbrechen. Deshalb bin ich der Meinung, dass auch gegen Ronaldos Anwälte ermittelt werden sollte.«

Er verweist auf Harvey Weinstein und den US-Schauspieler Bill Cosby. »Für mich sind die auch deshalb Serientäter, weil es Juristen gibt, die ihnen immer wieder ermöglicht haben, diese Taten ohne Konsequenzen zu begehen.«

Eine Anklage gegen Ronaldos Anwälte, so Stovall, hätte womöglich einen nachhaltigen Effekt: »Ich glaube nicht, dass sich ein Anwalt künftig noch dem Risiko aussetzen würde, sich an solchen Verträgen zu beteiligen, wenn er damit rechnen muss, dafür angeklagt zu werden.«

Noch dazu gibt es Anlass zu vermuten, dass Ronaldos Seite selbst gegen eine Klausel der außergerichtlichen Einigung verstoßen haben könnte: In der außer gerichtlichen Einigung zwischen Kathryn Mayorga und Ronaldo wurde festge legt, dass sein Anwalt Osório de Castro seinem Klienten ihren Brief innerhalb von zwei Wochen nach Zustellung vorlesen müsse.

Und genau daran erinnern die US-Anwälte Ende September 2010 auch Ronaldos Juristen Osório de Castro in Portugal. »Nach meiner Berechnung«, so schreibt eine Juristin an den Kollegen, »sind morgen zwei Wochen vergangen, seitdem du den Brief erhalten hast. Bitte bestätige mir, dass der Brief vorgelesen wurde.«

Nur gut eine Stunde später antwortet Osório de Castro: »Ich bestätige, dass ich Topher den Brief vorgelesen habe.« Mit Topher ist Ronaldo gemeint.

Diese Mail sendete Osório de Castro auch in Kopie an einen Anwaltskollegen in Portugal. In dessen Antwortmail stand jedoch nur ein Wort: »Pinocchio«.

Auch die Agentur Gestifute bestätigte in dem Statement, in dem sie die Anschuldigungen gegen Ronaldo zurückwies, dieses »angebliche« Schreiben des »sogenannten Opfers« habe Ronaldo »nie erreicht«.

Für Kathryn Mayorga gehe es jetzt nur noch um eines, sagt sie: sich bestmöglich gegen das zu wappnen, was nun vermutlich auf sie zukommt. Sie hat ihren Job an der Grundschule aufgegeben. Sie ist abgetaucht, auf unbestimmte Zeit, an einem unbekannten Ort, will unerreichbar sein.

Unerreichbar war auch Cristiano Ronaldo. In den vergangenen anderthalb Jahren hat der SPIEGEL ihm wiederholt Möglichkeit gegeben, sich zu dem vermeintlichen Vorfall von 2009 zu äußern. Nicht nur in sogenannten presserechtlichen Konfrontationen, es wurde auch mehrfach um persönliche Treffen gebeten. Alle Versuche mündeten in Absagen, auch eine aktuelle Anfrage des SPIEGEL. Jeg liche Berichterstattung in diesem Zusammenhang sei rechtswidrig, teilte ein Anwalt Ronaldos lediglich mit.

Dabei sieht es inzwischen so aus, als müsse sich dieser doch noch zu dem äußern, was in jener Nacht vor neun Jahren in Las Vegas vorgefallen ist.

Die Polizei hat in den vergangenen Wochen mehrfach Kontakt mit Kathryn Ma yorga gehabt, sie erneut befragt.

In Nevada gilt dieses Gesetz: Ist ein sexueller Übergriff rechtzeitig polizeilich dokumentiert, verjährt er nie.

Rafael Buschmann, Andreas Meyhoff,
Nicola Naber, Gerhard Pfeil,
Antje Windmann, Christoph Winterbach,
Michael Wulzinger

Video
»Eine traumatische
psychische Verletzung«
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* Name geändert.