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Ihre Liebe überzeugt sogar den „Alten Fritz“


Adel aktuell - epaper ⋅ Ausgabe 1/2020 vom 18.12.2019

Preußen gegen Ende des 18. Jahrhunderts: Friedrich der Große fürchtet, dass sein Neffe und Nachfolger Friedrich Wilhelm das Land nach seinem Tode zugrunde richten wird – letztlich auch deshalb, weil der junge Kronprinz sich mit jeder Faser seines Herzens in eine Berliner Göre namens Wilhelmine verliebt hat


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Bildquelle: Adel aktuell, Ausgabe 1/2020

Vom Volk wird Friedrich Wilhelm II. gerne als „ dicker Lüderjahn“ verspottet. Er ist ein Genussmensch ohne politische Interessen


König Friedrich der Große ist mit der Wahl seines Neffen nicht einverstanden, kann aber gegen diese tiefe Liebe nichts ausrichten


Friedrich Wilhelm III., der legitime ...

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... Thronerbe, verbannt nach dem Tod des Vaters dessen Mätresse Wilhelmine vom Hof


M an ruft sie „Minken“, auch als sie längst den Kinderschuhen entwachsen ist. Laut Taufregister heißt sie jedoch Wilhelmine Enke und ist die Tochter eines Waldhornisten der königlich preußischen Kammermusik. Dass Minken einmal die große Lebensliebe eines Königs wird, ist ihr allerdings nicht in die Wiege gelegt worden. Trotzdem geschieht es! Prinz Friedrich Wilhelm, Thronerbe und Neffe Friedrichs des Großen, hatte eine kurze Liaison mit Wilhelmines älterer Schwester Dorothea, Tänzerin am Berliner Theater.

Der Prinz nimmt sich des jungen Mädchens an

In ihrem Haus in der Berliner Mohrenstraße lernen sie einander kennen – der neunzehnjährige Kronprinz und das 10-jährige Mädchen. Als Minken 13 ist, lässt der Prinz sie unterrichten. Obwohl das Techtelmechtel mit ihrer Schwester schon lange beendet ist, wird sie zu seinem Protektionskind und erhält eine hervorragende Ausbildung, die mit einem halbjährigen Parisaufenthalt ihren Abschluss findet. Sechzehn Jahre ist Minken alt, als sie nach Berlin zurückkehrt, und von der Natur mit allen Reizen ausgestattet, die die Männer um den Verstand bringen. So zeigt sich auch der Kronprinz geradezu entzückt von den Resultaten der Pariser Schule und macht das junge Mädchen, ohne zu zögern, zu seiner Geliebten – obgleich er inzwischen mit der braunschweigischen Prinzessin Elisabeth vermählt ist. Jede freie Minute verbringt das Paar nun miteinander, und da ist es nur natürlich, dass die Ehe Friedrich Wilhelms darunter leidet.

König Friedrich Wilhelm II. von Preußen und Wilhelmine Enke

Ich bin zwar grundsätzlich bereit, mich mit einer Mätressenwirtschaft abzufinden“, erklärt Elisabeth entrüstet. „Aber ich werde niemals akzeptieren, dass mein Gemahl ein einfaches Mädchen aus dem Volke in sein Bett nimmt.“ Die Kronprinzessin versucht nun, ihren Mann zur Vernunft zu bringen, indem sie ihm das eigene Bett verweigert. Ohne Erfolg. Da Friedrich Wilhelm nur selten, und dann auch nur aus Pflichtgefühl der Thronfolge gegenüber, das Schlafzimmer seiner Gemahlin aufsucht, dauert es lange, bis er ihren „Streik“ überhaupt bemerkt. Zu lange, denn als es ihm endlich auffällt, ist Elisabeth bereits schwanger. Mit wem sie ihrem königlichen Gemahl Hörner aufgesetzt hat, verrät sie zwar nicht, gibt aber immerhin unumwunden zu, dass ihre Tochter Friederike Charlotte, der sie 1767 das Leben schenkt, nicht von Friedrich Wilhelm stammt. Der Skandal ist perfekt, eine endgültige Trennung unausweichlich. Im April 1769 wird die Ehe des Kronprinzenpaares geschieden, Elisabeth auf die Festung Küstrin verbannt und Friedrich Wilhelm zwei Monate später erneut vermählt. Diesmal wird ihm Prinzessin Friederike Luise befohlen, eine Tochter des Landgrafen Ludwig IX. von Hessen-Darmstadt, die von Zeitzeugen als „nicht eben schön, aber ansehnlich, ungemein praktisch, humorlos und amusisch“ beschrieben wird.

Eine Serie von Antje Windgassen

Geboren als Wilhelmine Enke, später zur Gräfin von Lichtenau erhoben, geht die Mätresse von Friedrich Wilhelm II. als „die schöne Wilhelmine“ in die Geschichte ein


Auch dieser Ehe ist kein Glück beschieden, denn abgesehen davon, dass die Gatten viel zu unterschiedlich sind, um eine gemeinsame Basis finden zu können, verhindert natürlich auch die Liebe des Kronprinzen zu Wilhelmine tiefere Gefühle. Immerhin erweist sich Friederike als wesentlich sanftmütiger und toleranter als ihre Vorgängerin.

Und so gelingt es dem Kronprinzenpaar endlich die einzige Forderung zu erfüllen, die der Alte Fritz an sie stellt, nämlich für einen legitimen Thronfolger zu sorgen. Am 3.8.1770 schenkt Friederike einem gesunden Jungen das Leben, der später als Friedrich Wilhelm III. den Thron Preußens besteigen wird. Doch auch dem lang ersehnten Thronerben glückt es nicht, Friedrich Wilhelm von Wilhelmine fernhalten. Im Gegenteil, als die schöne Bürgerliche schwanger wird, verspricht der

König Friedrich Wilhelm II. von Preußen und Wilhelmine Enke

Kronprinz ihr feierlich, sie für alle Zeiten zu lieben. Er besiegelt dieses Versprechen, indem er mit einem Federmesser seine und Wilhelmines linke Hand einritzt, das hervortretende Blut vermischt und damit folgende Worte auf ein Blatt Papier schreibt: „Bei meinem fürstlichen Ehrenwort, ich werde dich nie verlassen. Fr. W. Prinz von Preußen.“ Selbst Friedrich der Große scheint vor dieser Liebe schließlich zu kapitulieren und ist unter zwei Bedingungen bereit, sie zu dulden: Wilhelmine hat sich vom Hofe fernzuhalten und muss – zumindest der Form halber – heiraten!

Wilhelm Rietz, der Kammerdiener des Kronprinzen, wird als Ehemann ausgewählt. Als Gegenleistung erhält er eine Beförderung zum Geheimen Kämmerer und ein Gehalt von tausend Talern jährlich. Damit sind seine Bezüge doppelt so hoch wie die eines Hofarztes oder Professors. Die folgenden fünfzehn Jahre bleibt die Liebe des Paares unangetastet, dann beginnt sich der Kronprinz jedoch dem Geheimbund der Rosenkreuzer zuzuwenden, einem Orden, der bald großen Einfluss auf ihn ausübt und die Trennung von der bürgerlichen Mätresse fordert. Eine Weile versucht Friedrich Wilhelm sich gegen diesen Befehl aufzulehnen, doch dann gibt er schließlich nach und stellt die „sündigen“ Besuche bei Wilhelmine ein.

1786 schenkte der König seiner Mätresse Wilhelmine das Niederländische Palais in Berlin


Er bleibt freundschaftlich mit Wilhelmine verbunden

Elisabeth von Braunschweig war die erste Gattin von Friedrich Wilhelm


Ganz aufgeben will er die Beziehung allerdings nicht – schon der fünf Kinder wegen, die seine Geliebte ihm zwischenzeitlich geschenkt hat – und verkehrt auf freundschaftlicher Basis weiter mit ihr. Nach dem Tode Friedrich des Großen, der Preußen zur Großmacht geführt und von seinen Untertanen Disziplin bis zum Kadavergehorsam gefordert hat, besteigt nun Friedrich Wilhelm, von seinem Volk gern der „dicke Lüderjahn“ genannt, den Thron. Er ist 42 Jahre alt, ein Genussmensch ohne ausgesprochene politische oder militärische Talente und von seinem Onkel nur wenig auf die Führung der Staatsgeschäfte vorbereitet. Trotzdem erwartet man, nach der strengen Regierung des Alten Fritz, von seinem Nachfolger erhebliche Erleichterungen, und Friedrich Wilhelm enttäuscht seine Preußen nicht.

Er hebt das Monopol für Zucker und Tabak auf, gibt das Kaffeebrennen frei, senkt die Verbrauchssteuern und erleichtert die Ein- und Ausfuhr von Getreide. Die private Wirtschaft erfreut sich eines merklichen Aufschwungs, und die Disziplin in Heer und Beamtenschaft verliert bald manches von ihrer Schärfe. Friedrich Wilhelm legt nun die Regierungsgeschäfte in die Hände seiner Minister und widmete sich wieder seiner Wilhelmine, die er 1796 zur Gräfin von Lichtenau ernennt. Als Friedrich Wilhelm ein Jahr später sein nahes Ende spürt, will er die geliebte Frau absichern. Er schenkt ihr die Güter Lichtenau, Breitenwerder und Rosswiese in der Mark Brandenburg und außerdem 500 000 Taler.

Gleich nach dem Tode des Königs, am 16. November 1797, wird die Gräfin unter Arrest gestellt und auf die Festung Glogau verbannt. Für den Sohn des verstorbenen Königs, Friedrich Wilhelm III, ist sie ein will- kommener Sündenbock für das 43-Millionen-Taler-Defizit im Staatssäckel. Da Wilhelmine zu keiner Zeit große Ansprüche an die Privatschatulle des Königs gestellt hat, muss sie nach gründlicher Untersuchung zwar freigesprochen werden, der größte Teil ihres Vermögens wird dennoch konfisziert. Erst vierzehn Jahre später, nach der großen Schlacht bei Jena und Auerstedt, findet sie in Napoleon einen starken Verbündeten, der ihr gerne gegen den Preußenkönig gefällig ist.

Wilhelmine darf nun nach Berlin und in ihr Palais Lichtenau, in der Prachtstraße „Unter den Linden“ gelegen, zurückkehren. Dort stirbt sie am 9. Juni 1820 im Alter von 68 Jahren. In aller Stille wird sie in der Hedwigskirche zu Berlin beigesetzt.

Friederike Luise von Hessen- Darmstadt schenkt Friedrich Wilhelm den ersehnten Thronerben


Fotos: bbnews (3), INTERFOTO, picture alliance (3)