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Im Bunker


Der Spiegel - epaper ⋅ Ausgabe 38/2018 vom 14.09.2018

Karrieren Schon zum zweiten Mal innerhalb eines halben Jahres hat Innenminister Horst Seehofer die Große Koalition an den Rand des Abgrunds geführt. Über einen Mann, der sich fast alles zutraute und nun an seiner schwierigsten Aufgabe zerbricht.


Die Stimmung ist schon leicht morbide, als Seehofer eintrifft. Auf dem Erdinger Festplatz stehen ein stillgelegter Autoscooter, verlas -sene Kirmesbuden und das Gerip pe einer Achterbahn. Man könnte hier einen Film drehen, der die Welt menschenleer zeigt, verödet nach einer schlimmen Katastrophe.

Nur aus dem großen Zelt schimmert Licht, dort soll Seehofer an ...

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... diesem Montagabend reden. Es sind so viele Dinge passiert, zu denen der Innenminister etwas sagen könnte: die Neonazis, die grölend durch Köthen marschiert sind, die rechten Aufmärsche in Chemnitz, die kein Ende nehmen, ein Verfassungsschutzpräsident, der so verantwortungslos mit der Wahrheit hantiert.

Aber Seehofer redet erst mal über sich, über die Mühen des Amtes und die Widrigkeiten der Hauptstadt. Mit schweren Schritten erklimmt er die drei Treppenstufen zur Bühne, dann faltet er sein Manuskript in Zeitlupe auseinander, das gibt ihm ein paar Sekunden, um nach der Anstrengung des Aufstiegs wieder zu Atem zu kommen.

Seehofer ist nicht als Wahlkämpfer nach Erding gekommen, das wird schnell klar, er will auch nicht über Köthen oder Chemnitz reden. See -hofer kennt im Moment im Grunde nur ein Thema, und das ist er selbst, der Minister, der von allen so ungerecht behandelt wird, wie er findet, ein Mann, der zum Extremisten erklärt wird, zum Sicherheitsrisiko, zum geistig Verwirrten: »Jetzt steht also dieser böse Herr Seehofer vor euch.«

Seehofer hatte schon immer die Neigung, sich zum Opfer dunkler Mächte zu stilisieren. Wenn es nicht lief, waren eben die Medien schuld, die Heckenschützen in München oder Angela Merkels Büchsenspanner im Kanzleramt, aber durch seine Worte zog sich immer auch eine Spur Ironie, die das Selbstmitleid erträglicher machte. Nun stellt Seehofer fest: »Wir Politiker werden nicht geliebt, ich erst recht nicht.«

Dann erzählt er von der schönsten Zeit in seinem Leben, die natürlich nicht »die Nachbarschaft zum Bundeskanzleramt« ist, sondern die Mitgliedschaft im Handballverein Ingolstadt. Dort, in seiner Jugend, habe es noch echte Kameradschaft gegeben. »Eine wunderschöne Schule fürs Leben«, sagt er, und je länger Seehofer redet, desto mehr fragt man sich, warum er überhaupt noch nach Berlin gegangen ist, mit 68, nach all den Jahren in der Politik, als Staatssekretär bei Norbert Blüm, als Minister unter Helmut Kohl und Merkel, zuletzt als bayerischer Ministerpräsident.

Seehofer hat sich in Berlin ein gigan -tisches Ministerium zusammengebaut, er ist für die innere Sicherheit zuständig, für den Sport, für das Bauen und die Migra -tion, er verfügt über 19 nachgeordnete Be hörden und acht Staatssekretäre, mehr als jeder andere Minister. Er wirkt ein bisschen wie der entrückte bayerische König Ludwig II., der sich das riesige Schloss Neuschwanstein errichten ließ.

Noch nie hat ein Innenminister einen derart desaströsen Start hingelegt. Seit sechs Monaten ist er nun im Amt, und in dieser Zeit hat er fast die Bundesregierung in die Luft gejagt, er scherzte in Momenten, wo er besser geschwiegen hätte, und schwieg, als es nötig gewesen wäre, etwas zu sagen. Zuletzt nannte er den braunen Mob auf den Straßen von Chemnitz »unschön «, ganz so, als hätten die Männer nicht »Ausländer raus« gegrölt, sondern nur vergessen, ihre Bierdosen ordentlich zu entsorgen.

Zustimmung zu Horst Seehofer

»Wie zufrieden sind Sie mit Horst Seehofer, Minister des Innern, für Bau und Heimat?«

Umfrage: Infratest dimap für ARD-Deutschlandtrend; rund 1000 Befragte am 3. und 4. September

Was zum Teufel ist los mit Horst Seehofer? »Er ist inzwischen eine tragische Gestalt«, sagt der ehemalige Arbeitsminister Blüm, wenn man ihn in seinem Haus in der Bonner Südstadt erreicht. »Ich habe heute geradezu Mit -leid mit ihm.« Viele in der Union denken so, nur sagen sie es nicht so offen wie Blüm, der im Jahr 1989 Seehofer als Staatssekretär ins Bonner Arbeitsministerium geholt hat und nun als Pensionär alle Freiheit besitzt, die Dinge beim Namen zu nennen.

Minister Seehofer


RALF HIRSCHBERGER / DPA

Die Koalition zwischen Union und SPD leidet an vielem, am Siechtum der Sozialdemokratie, an der Apathie der späten Merkel, aber niemand verkörpert die Krise dieser Regierung so wie Seehofer, der erkennbar eine Fehlbesetzung für das Innenministerium ist.

Hier wurde er zum Gefährder: für die Koalition, für die Stimmung im Land, sogar für sich selbst. Es geht ihm nicht gut, und das bekommt Deutschland zu spüren.

Seehofers Vorgänger Thomas de Maizière hat einmal sehr eindrücklich beschrieben, wie sehr es an den Nerven zehrt, mit einem eingeschalteten Handy auf dem Nachttisch schlafen zu müssen, falls irgendwo in Deutschland ein Flugzeug entführt wird oder eine Bombe explodiert.

Es geht in dem Amt ja nicht allein darum, die Bürger vor Kriminellen zu schützen. Der Minister sollte auch das richtige Wort finden, um das Land zu einen, er sollte die Besorgten beruhigen und die Lauten besänftigen. Seehofer nannte sein Haus auch deshalb Heimatministerium, um die Republik mit sich selbst zu versöhnen. »Wir wollen die Spaltung der Gesellschaft überwinden«, sagte Seehofer am Donnerstagmorgen im Bundestag.

Das klingt inzwischen wie ein Witz. Seehofer wirkt wie ein Feuerwehrmann, der Brände mit Benzin löscht, immer, wenn er anrückt, schlagen die Flammen noch höher. Kurz nach den Ausschreitungen in Chemnitz sagte er in einem Interview, die Migrationsfrage sei »die Mutter aller politischen Probleme«, ein Satz, in dem natürlich mitschwingt, alles werde besser, wenn sich die Flüchtlinge endlich trollten.

Nun stellt sich Seehofer auch noch schützend vor den Verfassungsschutzpräsidenten Hans-Georg Maaßen, der die Vermutung geäußert hatte, ein Video, das die Jagd auf einen Ausländer zeigt, sei eine bewusste Falschinformation (siehe Seite 18). Maaßen habe sein Vertrauen, sagte Seehofer im Bundestag, und er wusste natürlich, dass er damit erneut eine schwere Koalitionskrise auslösen würde. Die Sozial demokraten haben inzwischen nicht zu Unrecht das Gefühl, dass Seehofer sein Amt vor allem dazu nutzt, seine persönlichen Rachefeldzüge zu führen.

»Wie es aussieht, ist Seehofer entschlossen, sich weiter wie eine wilde Sau auf -zuführen«, sagt SPD-Vorstandsmitglied Serpil Midyatli: »Es wird schwierig mit unserer Glaubwürdigkeit, wenn wir ihm das jetzt durchgehen lassen. Für mich ist das Maß voll, was Seehofer angeht. Es reicht.«

Wahrscheinlich wünscht sich inzwischen auch Merkel, dass Seehofer nie nach Berlin gekommen wäre. Sie hat ihn selbst darum gebeten, und als dann Anfang des Jahres die Frage anstand, hat der CSU-Chef gezögert. Es jetzt noch einmal wagen, mit 68 Jahren? Wäre jetzt nicht die Gelegenheit, sich endlich einmal Zeit für sich zu nehmen? Sich zu schonen?

Seehofer weiß selbst am besten, wie schnell er außer Atem gerät, wie oft ihn im Winter eine Erkältung plagt. In der CSU wird schon lange über Seehofers angegriffene Konstitution getuschelt.

Im Jahr 2002 wäre er um ein Haar an einer Herzmuskelentzündung gestorben. Als er im November 2014, damals noch als Ministerpräsident, nach Peking reiste und die Chinesische Mauer besichtigen wollte, geriet er völlig außer Puste, seine Sicherheitsbeamten steckten ihm Schokoriegel zu, doch die letzten Stufen schaffte er einfach nicht. Bei einer Klausurtagung der CSU-Landtagsfraktion im Januar 2016 erlitt er während seiner Rede vor den Abgeordneten in Wildbad Kreuth einen Schwächeanfall und musste gestützt werden. Im November desselben Jahres sackte er bei einer Bürgersprechstunde zusammen.

Das Gerede in der CSU über seinen Gesundheitszustand reißt seither nicht ab. Wenn es zu laut wird, versucht Seehofer, das mit einer Mischung aus Witz und Selbstgewissheit zu kontern. Als jüngst das unzutreffende Gerücht die Runde machte, er habe einen Schlaganfall erlitten, schrieb er per SMS: »Das stimmt nicht. Ich bin schon gestorben.«

Aber natürlich weiß er, dass Merkel, seine ewige Rivalin, deutlich robuster ist als er selbst. Auch das hat sie ihm voraus. Gäbe es Merkel nicht, hätte sich Seehofer schon längst aufs Altenteil zurückgezogen. Aber er will nicht weichen, solange sie da ist. Von seinem Büro im Innenministerium aus hat er einen freien Blick auf das Kanzleramt, und wenn man dort länger mit ihm redet, dann kommt das Gespräch über kurz oder lang immer auf sie, auf ihren Machtwillen und ihre Flüchtlingspolitik, die doch der Grund allen Übels sei. Er spricht dann über all die Männer, mit denen sie schon fertig wurde und die nun »auf dem Friedhof hinter den Kanzleramt« liegen. Dort möchte er nicht enden.

Sein Verhältnis zu ihr ist sagenhaft krumm und verkorkst. Auf der einen Seite hegt Seehofer immer noch Bewunderung für die Frau, die in allen Details steckt und gleichzeitig eine Weltläufigkeit besitzt, die Seehofer selbst so gern hätte. Es gibt Momente, da fügt er sich Merkel wie ein Schüler. Mitte Januar etwa, am letzten Tag der Sondierungsgespräche, wollte Seehofer Berlin in aller Frühe verlassen, um in Salzburg die Beerdigung des Unternehmers Erich Kellerhals zu besuchen. Doch Merkel sagte, das sei unmöglich, sie könne die Pressekonferenz nicht allein mit SPD-Chef Martin Schulz abhalten. Seehofer fügte sich, und so verpasste er die Beisetzung des alten Freundes.

Anders als Franz Josef Strauß und Edmund Stoiber ist Seehofer nie auf die Idee gekommen, dass er der bessere Kanzler wäre. Aber er hat es sich nicht verziehen, dass er Merkel im entscheidenden Moment der Flüchtlingskrise nicht in den Arm gefallen ist und nun dabei zusehen muss, wie die CSU immer weiter schrumpft. Es geht um sein Lebenswerk, das macht den Streit mit der Kanzlerin so giftig.

CSU-Chef Seehofer: Manchmal fügt er sich der Kanzlerin wie ein Schüler


KAY NIETFELD / DPA

Innenministerium in Berlin: Ein Leben hinter dickem Glas


PAUL LANGROCK / DER SPIEGEL

Ursprünglich wollte er ja gar nicht Innenminister werden, er hätte sich so vieles vorstellen können, das Auswärtige Amt, das Finanzministerium, für das er mit Merkel schon das Personal besprochen hatte. Aber dann beanspruchte die SPD in der entscheidenden Nacht fast alle wichtigen Posten, und für Seehofer blieb nur das Innenressort.

Es wäre eine gute Gelegenheit gewesen, sich aus der Politik zu verabschieden, denn für Sicherheit und Polizei hat sich Seehofer noch nie so recht interessiert. Ihm fehlt die Strenge eines Otto Schily und die Nüchternheit eines Thomas de Maizière, er hat nicht einmal ein juristisches Staatsexamen, ohne das man im Innenministerium ohnehin nicht als satisfaktionsfähig gilt. Außerdem hat Seehofer den Hang zum unüberlegten Scherz, eine Eigenschaft, die sich nur schwer mit der Aufgabe verträgt, 80 Millionen Bürgern das Gefühl zu geben, dass sie sich ruhig schlafen legen können.

Aber dann redete sich Seehofer auch dieses Ressort schön. Bietet es nicht alle Möglichkeiten, Merkels Flüchtlingspolitik zu korrigieren, die wie ein Fluch auf der CSU lastet? Das Innenministerium verfügt nicht nur über die Abteilung M, die für Flüchtlinge und Migration zuständig ist, Seehofer steht auch der Bundespolizei und dem Verfassungsschutz vor, dessen Präsidenten Dieter Romann und Hans-Georg Maaßen so etwas wie die Speerspitze des bürokratischen Widerstandes gegen Merkels Flüchtlingspolitik bilden.

Romann bestärkte Seehofer darin, endlich eine Wende in der Zuwanderungs -politik zu vollziehen, Zurückweisungen an der Grenze seien nicht nur rechtlich zulässig, sondern auch geboten, um endlich ein Signal zu setzen, dass Deutschland nicht jeden aufnehme. Gerade bei den Hardlinern erschien der CSU-Chef als Hoffnung, dass nun endlich, nach den quälenden Jahren unter dem braven de Maizière, der Widerstand gegen Merkel organisiert werde.

Allerdings merkte Seehofer schnell, wie mühsam sein neues Leben in Berlin werden würde. Seine Einstufung als besonders gefährdete Person bringt allerlei Unannehmlichkeiten mit sich: Sein gepanzerter Dienstwagen ist so schwer, dass er nicht einmal die 500 Kilometer von Berlin nach Ingolstadt ohne Tankstopp schafft. Und in Berlin brauchte Seehofer eine Bleibe, die rund um die Uhr gesichert werden kann. Nach einigem Zögern entschloss er sich, unter der Woche in einem kleinen Kabuff im Ministerium zu schlafen, so berichten es Vertraute –was allerdings zur Folge hat, dass er abends vor dem Einschlafen und morgens nach dem Aufwachen auf das Kanzleramt mit der so verhassten Merkel blickt. Er lebt wie im Bunker, den Blick, durch dickes Glas, immer auf den Feind gerichtet.

Wahrscheinlich hätten die Dinge einen anderen Verlauf genommen, wäre Seehofer in Berlin nicht so allein. Anfang des Jahres beschwor er seine Münchner Amtschefin Karolina Gernbauer, mit in die Hauptstadt zu kommen. Gernbauer ist eine fröhliche, aber mit allen Wassern gewaschene Juristin; sie diente einst Edmund Stoiber als persönliche Referentin und stieg dann schnell auf, sie kennt sich wie keine andere Beamtin in den Ränkespielen der CSU aus und hat sich doch nie in die Machtkämpfe hineinziehen lassen, weshalb sie bis heute mit allen offen sprechen kann, auch mit Merkels Leuten im Kanzleramt.

Aber Gernbauer wollte aus persön -lichen Gründen nicht nach Berlin ziehen. Nun ist nur noch Jürgen Fischer an Seehofers Seite. Der CSU-Sprecher ist eine treue Seele, zur Not würde er sich einen Finger für den »Chef« abschneiden, wie er Seehofer nennt, stoisch erträgt er all seine Witzeleien. Fischer pendelt nun zwischen Ber lin und München, es ist ein kräftezehrender Spagat, und dennoch sagt Seehofer, wenn Fischer wieder mal den letzten Flieger nach München kriegen will: »Willst du heim zu Mama?«

Es hat eine gewisse Tragik, dass es um Seehofer ausgerechnet auf den letzten Metern seiner Karriere so einsam geworden ist. In seiner langen Laufbahn war es eigentlich stets Seehofer, der Menschen verstieß, Vertraute hat er immer nur phasenweise zugelassen. Es waren Leute, die für Seehofer durchs Feuer gingen, Manfred Lang zum Beispiel, der sich wie kaum ein anderer in den Finessen des deutschen Kassenwesens auskennt und Seehofer zu dessen Zeit als Gesundheitsminister die Reformgesetze schrieb. Oder die ehemalige ZDF-Journalistin Ulrike Hinrichs, die er als Sprecherin im Verbraucherschutzministerium verpflichtete und die den Skandal um sein uneheliches Kind medial bewältigen musste.

Aber immer, wenn ihm ein Mitarbeiter zu nahe kommt, stößt er ihn weg. Fragt man Seehofer, warum er, anders als Kohl, Gerhard Schröder und Merkel, nicht einen Kreis von loyalen Mitarbeitern um sich schart, kommt Seehofer auf das Jahr 1980 zu sprechen, in dem er zum ersten Mal in den Bundestag gewählt wurde.

Es gab etliche Novizen damals, die meisten waren jung, man verstand sich gut, der gemeinsame Neuanfang schien alle zusammenzuschweißen. Man wurde sich schnell einig, wer wem den Vortritt für welchen Ausschuss lässt. Seehofer vertraute dem Frieden. Aber als dann die Posten verteilt wurden, war Seehofer der Einzige, der leer ausging. Von diesem Moment an, so erzählt er, sei ihm klar geworden, dass man sich in der Politik auf niemanden verlassen kann.

Als Seehofer in den Neunzigerjahren Gesundheitsminister war, kaufte er sich eine große Kiste des biografischen Romans »Joseph Fouché« von Stefan Zweig, versah die Exemplare mit einer Widmung und verschenkte sie an Kollegen und Journalisten. Seehofer war fasziniert von Fouché, dem opportunistischen Genie, das nach der Französischen Revolution schnell die Seite wechselte, zuerst als Polizei -minister unter Napoleon diente und später zu den Bourbonen überlief. Fouché war ein Mann ohne Freunde, den mit anderen Menschen nichts verband als Zweckbündnisse auf Zeit. So sieht sich Seehofer bis heute.

Schon früh hat sich er einen Panzer aus Ironie zugelegt, der Scherz war seine Waffe, um sich gegen die Härten des Betriebs zu wehren. Das Schalkhafte hat Seehofer aber immer auch sympathisch gemacht, er brach damit den heiligen Ernst der Ministerialbürokratie, die ihn den ganzen Tag umschwirrte.

Die Leichtigkeit ist verschwunden. »Das Spitzbübische ist nicht mehr da«, sagt Blüm, sein erster Förderer. »Ich kann ihn nicht mehr erkennen.« Blüm hat Seehofer als einen Menschen mit Witz, aber auch mit Überzeugungen kennengelernt. Beim Kampf gegen die Kopfpauschale war Seehofer am Ende sogar bereit, seinen Führungsposten in der Fraktion zu räumen.

Seehofers Lust am Spiel, sagt Blüm, habe ja auch etwas Erfrischendes gehabt. »Es war nicht fanatisch. Aber das Spielerische in der Politik darf nicht so weit gehen, dass die Flüchtlinge zu Opfern dieses Spiels werden, dass die Schwächsten vergessen werden.«

Seit Seehofer in Berlin ist, wirkt jeder Satz verrutscht, was er auch sagt, er findet nie den richtigen Ton. Vor der Sommerpause startete er einen Streit mit der Schwesterpartei, den er mit maximalem Pathos aufpumpte. Wenn sich die CSU nicht mit ihrer Forderung durchsetze, Flüchtlinge an der Grenze zurückzuweisen, dann könne man gleich »das Requiem anstimmen«, sagte der Minister – nur um ein paar Tage später unter dem Gespött der Opposition einzuknicken. Es war ein Desaster, von dem sich die CSU nicht so schnell erholen wird.

Seehofer erinnert in Berlin manchmal an einen Komiker, der vor einem riesigen, aber eisig schweigenden Publikum steht. Man hört nur die Gags und danach Seehofers kehliges Lachen.

Schon als Ministerpräsident hatte Seehofer den Hang zum eigenwilligen Hu -mor, nur fiel es eben in München nicht so auf, wenn ein Scherz verunglückte. Aber was soll man von einem Innenminister halten, der darüber juxt, dass an seinem 69. Geburtstag 69 Afghanen abgeschoben wurden?

Ein alter Weggefährte rief Seehofer danach an und riet ihm, sich doch um Himmels willen zu entschuldigen, dies sei die einzige Möglichkeit, die Sache aus der Welt zu schaffen. Doch Seehofer weigerte sich und schmollte weiter über die Medien. Er wirkt manchmal wie Peer Steinbrück im Wahlkampf, der am Ende aus lauter Frust allen den Mittelfinger zeigte.

Es wäre unfair, Seehofer in die rechte Ecke zu stellen. Er hat als Ministerpräsident die Aufnahme zahlloser Flüchtlinge mitorganisiert, die über die bayerischösterreichische Grenze kamen. Seehofer provozierte schon immer gern, aber das Problem ist nun, dass er mitunter so unkonzentriert ist, dass er sich nicht mehr klar ausdrücken kann.

Als er Anfang August im oberbayerischen Töging auftritt, müht er sich mehr schlecht als recht durch seine Rede, bis irgendwann der Satz fällt: »Ich bin auch froh über jeden, der bei uns in Deutschland straffällig wird und aus dem Ausland stammt.« Als der Satz Wochen später im Netz die Runde macht, ist die Empörung riesig, von einem »neuen Tiefpunkt der politischen Kultur« ist die Rede.

Wenn man sich den Kontext ansieht, dann weiß man, was Seehofer eigentlich sagen wollte: dass es notwendig sei, straffällige Bewerber abzuschieben. Dagegen ist nichts zu sagen. Nur: Was ist von einem Innenminister zu halten, der seine Gedanken so schief formuliert, dass sie im Netz für eine solche Aufregung sorgen können?

Seehofer zeige alle Anzeichen eines Burn-outs, sagt ein alter Weggefährte, der es gut mit ihm meint. Als er noch Ministerpräsident in Bayern war, habe Seehofer wenigstens abends zu seiner Familie nach Gerolfing fahren können, und in München gab es schöne Termine, den Filmball, eine Gala, einen Empfang für den FC Bayern. In Berlin ist der Höhepunkt der Woche die Kabinettssitzung im Kanzleramt.

Seehofer wäre gern zur Fußball-WM nach Russland gereist, als Sportminister wäre das in sein Portfolio gefallen. Aber dann flog Deutschland schon in der Vorrunde raus, damit hatte sich die Sache erledigt. Seehofer könnte seine älteste Tochter Ulrike besuchen, sie lebt in Berlin, kennt sich aus in der Stadt, doch Seehofer verlässt nur ungern das Ministerium, in das er sich zurückzieht wie in eine Höhle. Er lebe dort »wie im ›Big Brother‹-Container «, sagt jemand, der ihn gut kennt.

HC PLAMBECK

SPD-Politiker Kühnert, Nahles: Vereint gegen den Störenfried


DANIEL HOFER / LAIF

Rivalen Merkel, Seehofer: Es geht ums Lebenswerk, das macht den Streit so giftig


MARKUS SCHREIBER / AP

Seehofer weiß selbst, dass nun alles schnell zu Ende gehen kann. Mitte Oktober sind Wahlen in Bayern, dann wird abgerechnet. In der CSU verliert Seehofer zunehmend an Rückhalt. »Ich weiß nicht, was ihn noch antreibt«, sagt ein Vorstandsmitglied. »Er schadet der Partei nur noch.« Will er alles zerstören, bevor er selbst untergeht?

Sicher ist, dass er das Schicksal der Großen Koalition in den Händen hält, wieder einmal. Seehofer hält zu Maaßen, nicht nur zum Ärger der Kanzlerin, sondern auch der SPD, die dessen Ablösung verlangt. Seehofer müsse für einen Neuanfang im Bundesamt für Verfassungsschutz sorgen, sagt der ehemalige SPD-Chef Sigmar Gabriel. »Tut er das nicht, steht mehr auf dem Spiel als sein eigener Ministerposten. Dann geht es um die Regierung als Ganzes.«

Die Sozialdemokraten haben im Kampf gegen rechts endlich ein Thema gefunden, das sie wieder eint. Als der ehemalige Kanzlerkandidat Martin Schulz am Mittwoch im Plenum aufstand, sich die AfD vorknöpfte und auf den »Misthaufen der Geschichte« wünschte, standen die Genossen Kopf. »Das war jetzt mal dringend nötig «, sagte danach Schulz.

Umso verärgerter waren die Sozialdemokraten, als klar wurde, dass Seehofer an Maaßen festhält. Es war Juso-Chef Kevin Kühnert, der die Revolte lostrat, aber wie er sehen viele Genossen den CSU-Chef als den Störenfried der Koalition. »Das eigentliche Problem ist Herr Seehofer «, sagt der Fraktionschef der SPD im nordrhein-westfälischen Landtag, Thomas Kutschaty: »Wenn Herr Seehofer Innenminister bleibt, weiß ich nicht, ob die Koa -lition bis zum Ende der Legislaturperiode halten wird.« – »Die Angst vor Neuwahlen darf uns nicht dazu treiben, Dinge mitzutragen, die wir unter normalen Umständen um keinen Preis der Welt akzeptieren würden«, sagt SPD-Vorstandsmitglied Midyatli.

Am Donnerstagnachmittag trafen sich Merkel, Seehofer und SPD-Chefin Andrea Nahles, um die Sache zu besprechen. Im Kanzleramt hofft man nun, dass Maaßen von sich aus geht, auch für die SPD wäre das die beste Lösung. Schon jetzt sei der Eindruck entstanden, dass Land sei gelähmt, warnt Gabriel. »Und Deutschland ist zu wichtig, um dieses Bild abzugeben. Wenn es bei uns wackelt, bebt halb Europa. Der überfällige Abgang des Präsidenten des Verfassungsschutzes würde wenigstens diese unerträgliche Diskussion beenden.«

Oder schlägt Seehofer am Ende doch noch einen Haken, wie so oft?

Er denkt jedenfalls schon darüber nach, wie er einst gesehen werden wird, was von ihm, dem Mann der tausend Winkelzüge, bleiben wird.

Im Festzelt in Erding vergleicht er sich am Montagabend mit dem großen Regentengeschlecht der Bayern, den Wittelsbachern, die doch auch immer schlau die Seiten gewechselt hätten und am Ende nicht als Wendehälse in die Geschichtsbücher eingegangen seien, sondern als weitsich -tige Monarchen.

»Muss man erst sterben«, fragt See hofer, »damit begriffen wird, dass es politische Weitsicht ist, wenn man erst Position A und später dann Position B vertritt?«

Melanie Amann, Annette Bruhns, Anna Clauß, Marc Hujer, Veit Medick, Ralf Neukirch, René Pfister

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Wie tickt Horst Seehofer?

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