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Im Einsatz für Indiens Vierbeiner


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Ein Herz für Tiere - epaper ⋅ Ausgabe 12/2021 vom 12.11.2021

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Bildquelle: Ein Herz für Tiere, Ausgabe 12/2021

FORTBILDUNGEN Die meisten Neu-Farmer müssen die richtige Versorgung ihrer Tiere erst lernen

Das Coronavirus hat Indien wie kaum ein anderes Land schwer getroffen. Die Bilder verzweifelter Menschen, die für Angehörige einen Platz in einem Krankenhaus suchten, gingen im Frühjahr 2021 um die Welt. Und die Situation ist bis heute dramatisch: Neben der fortwährenden Gefahr, sich mit dem Virus zu infizieren, führen in Folge der Pandemie finanzielle Einbußen und gestiegene Preise beispielsweise für Lebensmittel und Transport zu existenziellen Ängsten und Nöten insbesondere in den ärmeren Bevölkerungskreisen. „Viele Menschen sind hier seit Monaten nicht mehr in der Lage, sich selbst zu versorgen. Natürlich leidet in der Folge auch das Tierwohl immens“, berichtet Bijaya Kumar Kabi aus Kendrapara im ostindischen Odisha, Leiter von Action for the Protection of Wild Animals (APOWA), einer langjährigen Partnerorganisation der deutschen Welttierschutzgesellschaft (WTG).

Chance und Herausforderung ...

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Das unvorstellbare Leid der Tiere, die sich in der Obhut vieler plötzlich mittelloser Menschen befanden, blieb dabei für die breite Öffentlichkeit bisher unbemerkt. Tierschützer der Welttierschutzgesellschaft und ihrer Partner stellen sich seit Monaten den immensen Herausforderungen vor Ort – insbesondere im krisengeplagten Odisha im Osten Indiens. Der Bundesstaat war schon immer besonders durch die Landwirtschaft geprägt, die Mehrheit der Bewohner ist von Arbeiten in diesem Bereich abhängig. Diese Zahl ist in den letzten Monaten angesichts der Pandemie sogar noch gewachsen, da viele Menschen in landwirtschaftlichen Tätigkeiten die letzte Chance auf ein Einkommen sahen.

Ein Beispiel ist die Landwirtin Laxmipriva, die die Haltung ihrer zwei Milchkühe vor der Krise nur als Nebenerwerb betrieb. Als die Märkte schlossen und sie deren Milch nicht mehr verkaufen konnte, musste sie eine der Kühe abgeben. Als ihre Familie bald weitere Nöte plagten, weil die beiden Söhne ihre Jobs in der Millionenstadt Bangalore verloren und ihr Ehemann – ein Fischer – arbeitslos wurde, investierte sie alles Ersparte in den Erwerb von 100 Hühnern. Gemeinsam hat die Familie im Heimatdorf Bhateni nun die Landwirtschaft zu ihrem Hauptberuf gemacht, um den Lebensunterhalt zu sichern. Auch Amit Mandal hat in der Coronakrise den Einstieg in die Landwirtschaft gewagt. Eigentlich ist er Lkw-Fahrer, doch er verlor inmitten der Coronakrise seine Anstellung – als Alleinverdiener seiner Familie. Mandal zog es mangels Alternativen an seinen Heimatort zurück, wo er nun mit den neu erworbenen 120 Hühnern und 15 Enten versucht, ein Einkommen zu erwirtschaften.

"Viele versuchen es mit Landwirtschaft"

Dass in Corona-Zeiten viele Tierhalter die Landwirtschaft als letzte Möglichkeit sehen, um ihren Lebensunterhalt zu bestreiten, ist für das Tierschutzprojekt der Welttierschutzgesellschaft und APOWA eine akute Herausforderung: „Viele der Neulandwirte wissen nur wenig über die tiergerechte Haltung und Versorgung von ihren neu angeschafften Rindern, Schafen, Hühnern und Ziegen“, berichtet Kabi. Außerdem könnten viele der von Armut betroffenen Menschen für ihre Tiere kein geeignetes Futter bereitstellen oder sich gar die tiermedizinische Versorgung leisten.

Nachhaltige Verbesserungen

Bereits seit 2016 setzen sich die Organisationen WTG und APOWA in den Regionen, in denen besonders viele Landwirte mit ihren Tieren leben, dafür ein, durch Bildungsarbeit das Tierwohl zu stärken. Dabei bauen die Tierschützer auf mittlerweile mehr als 100 Tierschutzgruppen, die innerhalb der Dörfer gebildet und u.a. in der Erstversorgung von Tieren ausgebildet wurden. Sie leisten wertvolle Hilfe, bis die Tierärzte des Projekts die zum Teil sehr entlegenen Regionen Odishas erreichen. „Sie erhalten von uns die nötige Ausstattung und regelmäßige Fortbildungen“, berichtet Bijaya Kumar Kabi.

Neue Wege im Lockdown

Als solche Fortbildungen aber wegen der Lockdown-Maßnahmen auch zeitweise nicht mehr möglich waren, mussten andere Wege gefunden werden, um Hilfestellungen bei der Behandlung der Tiere zu geben und die Menschen – darunter zahlreiche Neulandwirte – auf die Bedeutung des Tierwohls aufmerksam zu machen: So wurde kurzerhand eine Hotline eingerichtet, um den Tierhaltern weiterhin eine persönliche Beratung bieten zu können, sowie mit Postern und Wandgemälden Wissen zur tiergerechten Haltung der Nutztiere verbreitet. Um die Arbeit der Tierschutzgruppen zu unterstützen, erhielten diese über mehrere Monate außerdem zusätzliche Futter- und Nahrungsergänzungsmittel sowie tiermedizinisches Equipment in Erste-Hilfe-Koffern, das bei der Erstversorgung kranker oder verletzter Tiere zum Einsatz kam.

Gleichzeitig waren die Einsatzteams von WTG und APOWA nahezu rastlos für die Tiere im Einsatz. Die Tierärzte stellten beispielsweise Medikamente bereit, untersuchten die Tiere medizinisch und leiteten die Familie an, wie sie energiereiches Futter selbst produzieren können. „Es ist eine sehr herausfordernde Zeit für uns, in der uns diese Unterstützung sehr hilft“, berichtet Laxmipriya Das. Auch Neulandwirt Mandal bringt seinen Dank zum Ausdruck: „Für mich waren besonders die Hinweise zur Haltung meiner Tiere hilfreich – wie ich die Ställe sauber und hygienisch halte und wie ich meinen Tieren gutes Futter bieten kann.“

Doch nicht nur der immense Zuwachs in der Tierhaltung sorgt jetzt für laufend weiteren Unterstützungsbedarf. „Wir sind hier schon allerhand Katastrophen gewohnt, aber eine so bedrohliche Lage für den Tierschutz wie in der Coronakrise haben wir noch nicht erlebt.“ Diese Worte Kabis wollen etwas bedeuten. Denn das Tierschutzengagement in Odisha wurde in den vergangenen Jahren bereits mehrmals von Krisen wie schweren Hitzewellen, verheerenden Wirbelstürmen und meterhohen Fluten herausgefordert.

Einige Erfo lge der Tier schutz-Einsätze in Zahlen

Seit Beginn 2020 haben die mobile Einsatzteams von APOWA und WTG mehr als 14.000 Tierbehandlungen durchgeführt. Mehr als 3.000 Farmer in Odisha und ihre Tiere haben davon profitiert.

Knapp 2.500 Landwirte nahmen seit 2019 an Fortbildungen zu Themen wie Erste Hilfe, Tierwohl und Katastrophenhilfe teil.

Zwischen Juli 2020 und Januar 2021 wurden in verschiedenen Städten Odishas wie der Hauptstadt Bhubaneswar insgesamt mehr als 1.100 notleidende Kamele und Pferde, deren Halter in Folge der Pandemie nicht mehr ausreichend für ihr Wohl sorgen konnten, tiermedizinisch behandelt und gefüttert.

2021 erhielten mehr als 6.000 Streunertiere – Hunde, Katzen, aber auch Rinder – im Rahmen einer Soforthilfe eine dauerhafte Fütterung. Diese Notfallmaßnahme war aufgrund der verheerenden Folgen der zweiten Corona-Welle in Odisha notwendig geworden.

Ein Happy-End für Dabalah und Kalú

Schimmel Dabalah

Dabalah ist ein Beispiel für die zahllosen Tiere, die von der Corona-Pandemie betroffen waren. Das Pferd sicherte seinem Halter Kasim Shaik als Transporttier und Teil von lokalen Festivitäten den Lebensunterhalt. Doch mit der zweiten Coronawelle gab es keine Möglichkeiten mehr, diesen Tätigkeiten nachzugehen. Wichtige Einnahmen blieben aus, kein staatlicher Rettungsschirm half. Kasim konnte weder seine Familie noch Dabalah mehr ausreichend versorgen. Er informierte das APOWA-Team über die dramatische Situation: Dabalah war wegen Unterversorgung und Mangelernährung kaum noch bei Kräften. Zudem litt das Pferd unter einer Verletzung am Rücken, die starke Schmerzen verursachte. Oberste Priorität war daher zunächst, der Mangelernährung mit nahrhaftem Futter und Vitaminen entgegenzuwirken. Um Dabalahs Gesundheit nachhaltig zu sichern, wurde seinem Halter hochwertiges Futter zur Verfügung gestellt.

Streunerhund Kalú

In der Hochphase der Pandemie konnte das Einsatzteam von APOWA und WTG mit offizieller Genehmigung weiterhin zu Notfall-einsätzen ausrücken. Nach einem Hinweis aus der Bevölkerung trafen die Mitarbeitenden im Juni 2021 auf den Streunerhund Kalú, den sie mit diversen Schürfwunden und einer lebensbedrohlichen Infektion am Kopf vorfanden. Wie genau es zu seinen Verletzungen kam, konnte nicht festgestellt werden, doch sein Zustand war besorgniserregend. Das Einsatzteam nahm sich des Hundes an, behandelte seine Wunden und versorgte ihn über mehrere Wochen. Die Verletzungen konnten gut verheilen und Kalú von Schmerzen und Leid befreit werden.

Sie können die Tierschutzarbeit in Indien unterstützen: Spenden Sie online auf www.welttierschutz.org/tierhilfeindien oder per Überweisung auf das Konto der Welttierschutzgesellschaft, IBAN: DE38 3702 0500 0008 0423 00

Weitreichende Konsequenzen

Diese Katastrophen aber, so führt Kabi fort, hätten meist einzelne Regionen getroffen. Durch die Coronakrise sei das Leid jetzt weitreichender denn je. Und die Folgen sind für Nutztiere und Streuner sowohl in den kleinen Dörfern als auch in den Metropolen des Bundesstaats gleichermaßen schwerwiegend. In Indien zählen zu den Streunern nicht nur die vielen herrenlosen Hunde und Katzen, sondern auch Bullen, Pferde und Kamele. Während der Coronakrise wuchs ihre Zahl weiter an. „In ihrer Not sahen viele Tierhalter keine andere Option mehr, als ihre Tiere auf der Straße zurückzulassen.“ Orte, wo Streuner sonst verlässlich Futter fanden oder gefüttert wurden – zum Beispiel rund um Restaurants und Tempelanlagen –, waren jedoch plötzlich menschenleer. Durch Mittel aus dem WTG-Nothilfefonds, der vor allem für den Einsatz in Krisen und Katastrophen ins Leben gerufen wurde, konnte über das laufende Bildungsprojekt hinweg auch für diese Tiere weitere Soforthilfe geleistet werden: Um sie vor dem Hungertod zu bewahren, stellten die Tierschützer sicher, dass 120 Tiere pro Tag Futter und, sofern nötig, tiermedizinische Versorgung erhielten. Zudem fanden ausgesetzte oder vernachlässigte Pferde und Kamele, die mangels Einsatzmöglichkeiten im Tourismus ihrem Schicksal überlassen wurden, lebensrettende Hilfe.

Mit Blick auf den Einsatz in Indien sagt WTG- Geschäftsführerin Katharina Kohn: „Es war ein enormer Kraftakt, den die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter vor Ort geleistet haben, damit möglichst viele Tiere diese Krise durchstehen. Wir sind dankbar, diese Hilfe durch die Unterstützung von Tierfreundinnen und Tierfreunden leisten zu können.“

Und der Einsatz der Tierschützer geht weiter – um den Tieren trotz aller Krisen langfristig ein besseres Leben zu ermöglichen.