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IM EIS-DORF DER ERLKÖNIGE


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Auto Bild - epaper ⋅ Ausgabe 11/2022 vom 17.03.2022

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Arjeplog liegt in Schwedisch Lappland. Wahrzeichen des Ortes ist die Holzkirche von 1760

AN DEN MOMENT, als das Eis knackte, erinnert sich Stefan gut. Er hatte den Riss noch gesehen, und dann ging alles ziemlich schnell. Stefan rettete sich mit einem beherzten Sprung, bevor sein Traktor im eiskalten Wasser versank. Inzwischen hat der 67-Jährige einen neuen John Deere mit Schneefräse. Und versichert, dass heute garantiert nichts passiere. „Das Eis ist aktuell über einen Meter dick.“ Woher er das wisse? „Ich teste das mit der Motorsäge.“ Stefan ist Eismacher in Arjeplog, präpariert Auto-Teststrecken auf einem zugefrorenen See.

Hier oben in Lappland, 900 Kilometer nördlich von Stockholm, hat die Automobilindustrie einen ihrer ungewöhnlichsten und unwirtlichsten Außenposten. Jeden Winter fliegen mehr als 3000 Ingenieure ein, um auf den zugefrorenen Seen neue Modelle zu testen. BMW, VW, Mercedes, Opel, dazu die ganzen Zulieferer – alle sind sie hier. Die meisten haben ihre ...

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... eigenen, stark gesicherten Testgelände. Und fahren dort zwischen Dezember und März Autos übers Eis, die erst in ein, zwei Jahren auf den Markt kommen. Warum auf zugefrorenen Seen? „Weil wir hier mit Fahrzeugen hantieren, die noch nicht ganz ausgereift sind, wo immer noch etwas passieren kann“, sagt ein Ingenieur und zeigt auf die drei Notaus-Knöpfe in seinem Prototyp. Einer sei etwa für die Servolenkung, falls die mal plötzlich nach links oder rechts ziehen sollte. Auf einer abgesperrten Eisfläche mit viel Platz links und rechts vom Track mache das nichts.

„Vor 15 Jahren habe ich den See gekauft. Im Winter vermiete ich ihn an Autofirmen. Außerdem biete ich Stockcar-Fahrten an.“

Stefan (67), See-Besitzer

„Durch die Automobilindustrie haben wir eine der niedrigsten Arbeitslosenquoten in ganz Schweden. Aktuell suchen nur zwei junge Leute einen Job.“

Isak Utsi (30), seit 2020 Bürgermeister von Arjeplog

Arjeplog liegt, tja, weitab von allem. Der nächste Ikea? „Ist 330 Kilometer entfernt“, sagt Isak Utsi. Der 30-Jährige ist Bürgermeister der Kommune, zweitjüngster in ganz Schweden. Er verwaltet hier wenige Menschen und reichlich Natur. Auf 2707 Einwohner kommen 8727 Seen. Diese Abgeschiedenheit schützt Prototypen perfekt vor allzu neugierigen Blicken. Wobei: fast perfekt.

An einer Straße im Industriegebiet steht Andreas Conradt. Der 56-Jährige ist von Beruf Jäger, seine Waffe ist die Kamera. „Ich jage seit über 30 Jahren Erlkönige.“ Zu Hause ist er im Wendland. Aber wenn im Winter die Ingenieure wie Zugvögel gen Norden ziehen, zieht er mit. Dann sitzt er den lieben langen (bzw. hier ja eher kurzen) Tag in seinem weißen Skoda Yeti mit Standheizung, zückt das Fernglas, sobald sich ein getarnter Prototyp nähert – und greift dann gegebenenfalls zur Kamera. Mal winken die Fahrer, mal zeigen sie ihm den Mittelfinger.

„Ich fotografiere seit über 30 Jahren Erlkönige für Automagazine in aller Welt. Was mich antreibt? Das Jagdfieber! Auch wenn manchmal eine ganze Woche lang gar nichts passiert.“

Andreas Conradt (56), Fotograf aus der Nähe von Hamburg

Früher seien die Autohersteller mit kleinen Teams gekommen, sagt Andreas Conradt. Ein Werkstattwagen, ein paar Autos, eine Handvoll Ingenieure. Heute sei das ja regelrecht eine Industrie dort vor Ort.

Eine Industrie, von der die Einheimischen ganz gut leben. „Viele von uns überlassen im Winter die Häuser den Autotestern“, sagt Lotta Lestander, die bei der Wirtschaftsförderung arbeitet. „Wir ziehen dann in kleinere Hütten.“

Und wem sogar ein eigener See gehört, der vermietet natürlich auch den. So wie Stefan, der Eismacher. Vor 15 Jahren hat er Haus und Hof und vor allem seinen See gekauft. Morgen für Morgen präpariert er seitdem den Eis-Track, bietet Touristen auch Stockcar-Fahrten auf Spikes an, für umgerechnet 230 Euro die Stunde.

Wie lange das Geschäft mit der Autoindustrie noch gut geht, ist unklar. „Hier oben in Lappland merken wir den Klimawandel sehr deutlich“, sagt Bürgermeister Utsi. „Früher hatten wir zwei bis drei Monate im Jahr mit minus 30 Grad. Heute sind es noch ein bis zwei Wochen.“

Das sorgt nicht nur für eine kürzere Saison der Autotests. Auch die Tierwelt hat Probleme damit. „Im Winter ziehen bei uns die Elche durch, überqueren dabei zugefrorene Seen“, sagt Lotta Lestander. „Im vergangenen Jahr sind dabei viele eingebrochen und ertrun­ ken.“ Inzwischen bemühten sich Einheimische, die Tiere vom Wasser wegzulocken.

„Ohne die Autoindustrie würde es Läden wie meinen nicht geben. Ich besorge denen die Baustoffe.“

Björn (71 ) betreibt ein Geschäft für Werkzeug, Baustoffe, Haushaltswaren und Outdoor-Bekleidung

„Bei uns gibt es 8727 Seen. Und auf dem Eis die Testtracks anzulegen, ist günstiger, als das an Land zu tun. Als erste Firma kam 1973 Bosch zu uns.“

Lotta Lestander (52), Wirtschaftsfördergesellschaft Argentis

Weiterhin angelockt wird die Autoindustrie. Nächstes Jahr wollen sie hier in Arjeplog feiern. Dann ist es 50 Jahre her, dass die ersten Tester kamen. „Das war eine Firma, die heute zu Bosch gehört“, sagt Bürgermeister Utsi. Damals gab es eine Landebahn für Flugzeuge auf dem Eis. Und die entdeckten die Autotester für sich, als sie bei Tests des Antiblockiersystems zufällig vorbeikamen. Es gab zu der Zeit lediglich ein einziges kleines Hotel mit 20 Zimmern. Heute steht in der Nähe das größte Hotel Schwedens, es gehört VW.

Die Ingenieure fliegen ein über den rund eine Stunde entfernten Airport in Arvidsjaur. Am Gepäckband: zu 99 Prozent Männer, meist mittleren Alters, dicke Jacken, grobe Schuhe. Es gibt sogar eine eigene Airline für die Autotester: Fly-Car bringt sie mehrmals die Woche aus München, Frankfurt oder Hannover hoch in den Norden. Und wieder zurück, wenn nach ein, zwei oder drei Wochen Schichtwechsel ist. Wer länger bleibt, kann Angehörige zum „Familienzubringertarif“ einfliegen lassen.

Denn das Freizeitangebot vor Ort ist überschaubar. Es gibt natürlich viele Hotels, auch ein paar Restaurants – aber das war es dann auch. Abends sitzen die Autotester an der Bar, spielen eine Runde Billard oder gucken deutsches Fernsehen. Etwas angenehmer seien da die angemieteten Häuser, sagt einer der Tester. Das ist dann wohl eher wie eine Männer-WG. Benzingespräche inklusive.

Und was macht Stefan, der Eismacher, wenn im Frühjahr der ganze PS-Trubel vorbei ist? „Dann genieße ich meine Ruhe“, sagt er. „Und fahre mit dem Boot raus zum Fischen.“ Apropos: Den versunkenen Trecker hat damals ein Kran aus dem See gefischt.

„Die Deutschen kaufen als Mitbringsel gern stinkenden Fisch. Und Wasser für ihre Zeit hier vor Ort. Dabei ist unser Leitungswasser top!“

Hanna Dahlberg (30), Juniorchefin des ICA-Supermarktes