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Im falschen Körper


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Gehirn & Geist - epaper ⋅ Ausgabe 6/2022 vom 06.05.2022

TRANSGENDER

UNSER EXPERTE

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Bildquelle: Gehirn & Geist, Ausgabe 6/2022

Sven C. Mueller studierte Psychologie und Philosophie an der University of Stirling in Schottland und promovierte in experimenteller Psychologie an der University of Nottingham. Derzeit arbeitet er als Associate Professor an der Universität Gent in Belgien.

Im August 2021 schrieb die neuseeländische Gewichtheberin Laurel Hubbard Geschichte: Als erste bekennende Transgenderperson nahm sie an den Olympischen Spielen teil, und zwar bei den Frauen. Zuvor wurde die Kritik laut, sie habe auf Grund ihres genetischen, männlichen Geschlechts einen Wettbewerbsvorteil. Dabei hatte Hubbard die vom IOC vorgegebenen Richtlinien erfüllt: Der Testosteronspiegel hatte in den vergangenen zwölf Monaten unter dem festgelegten Grenzwert gelegen.

Das Thema »Transgender« – die Identifikation mit einem anderen Geschlecht als dem bei der Geburt zugewiesenen – ist derzeit in Medien, Politik und ...

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... Gesellschaft allgegenwärtig. Wie im Fall von Hubbard werden verschiedenste Fragen dazu lebhaft debattiert: In welcher Geschlechterkonkurrenz dürfen Transgenderpersonen im Sport antreten? Sollten sie Frauen-oder Herren-Toiletten benutzen? Und welches Pronomen (»er« oder »sie«) sollte man verwenden, wenn man über sie spricht?

Ich als Neurowissenschaftler bekomme immer wieder die folgende Frage zu hören: Weist das Gehirn von jemandem, der als Mann geboren wurde, sich aber als Frau identifiziert (oder umgekehrt), eher männliche oder eher weibliche Eigenschaften auf ? Das ist aus mehreren Gründen nicht leicht zu beantworten. Erst einmal müssten wir klären, was überhaupt ein männliches oder weibliches Gehirn ausmacht. Denn wie wir heute wissen, ähneln sich die Denkapparate der Geschlechter viel stärker als lange Zeit angenommen.

Ergebnisse nicht auf jedes Gehirn übertragbar

Dennoch gibt es gewissen Tendenzen: Stuart Ritchie und seine Kollegen von der University of Edinburgh sichteten 2018 die anatomischen Unterschiede von je rund 2500 Männer-und Frauengehirnen. Die Daten stammten aus der so genannten UK Biobank, die etwa 500 000 Hirnscans britischer Probandinnen und Probanden enthält.

Wie das Team feststellte, weisen Männer im Schnitt unter anderem ein größeres Hirnvolumen und eine größere Oberfläche der Hirnrinde auf. Frauen dagegen scheinen das im Mittel etwas kleinere Gehirn durch eine dickere graue Substanz auszugleichen. Diese enthält das Gros der Nervenzellkörper, während deren lange Ausläufer die weiße Substanz bilden. Andere Forschergruppen fanden bereits lokale Abweichungen, etwa einen bei Frauen etwas größeren Bereich im Frontallappen (den medialen präfrontalen Kortex) und einen im Verhältnis voluminöseren Hippocampus bei Männern.

Trotz dieser Befunde sollte man mit Verallgemeinerungen vorsichtig sein. Sie bilden lediglich eine Ten­ denz ab, die nicht auf jedes einzelne Gehirn übertragbar ist. Und das gilt in gleichem Maß für die Gehirne von Transgenderpersonen.

Die erste Studie zum Thema erschien 1995 in der Fachzeitschrift »Nature«. Der Neurobiologe Dick Swaab und sein damaliges Team am Netherlands Institute for Brain Research in Amsterdam hatten Gehirne von verstorbenen Transfrauen untersucht, also von Menschen, die bei der Geburt als männlich galten, sich später aber als Frauen identifizierten.

Dabei richteten die Forscher besonderes Augenmerk auf eine kleine Kernregion des limbischen Systems, die unter anderem das Sexualverhalten steuert und bei Männern in der Regel größer ist als bei Frauen: den Nucleus striae terminalis (siehe »Wo die Geschlechtsidentität verankert ist«). Wie ihre Messungen zeigten, wies das Areal bei den Transfrauen ein für Männer ungewöhnlich kleines Volumen auf, das eher dem Mittelwert der weiblichen Gehirne entsprach. Swaab und seine Kollegen mutmaßten, dass vor allem das Zusammenspiel aus dem sich entwickelnden Gehirn und den Sexualhormonen die Geschlechtsidentität prägt.

Die Studie hatte jedoch mehrere Haken: Zum einen war die Stichprobe mit sechs Teilnehmerinnen sehr klein. Außerdem hatten die Wissenschaftler Gehirne von toten Menschen untersucht – die Ergebnisse lassen sich nicht ohne Weiteres auf lebende Gehirne übertragen. Und zu guter Letzt hatten einige der Probandinnen bereits mit einer geschlechtsanpassenden Hormontherapie begonnen. Man kann also nicht ausschließen, dass die eingenommenen Substanzen ihre Hirnstruktur verändert hatten.

Das Problem mit den kleinen Stichproben

Seitdem ist jedoch viel passiert; vor allem in den vergangenen zehn Jahren haben sich diverse Forschergruppen mit dem Thema beschäftigt. Ein generelles Problem bleibt allerdings: Es stehen verhältnismäßig wenige Ver­ suchspersonen zur Verfügung. Schließlich ist auch der Anteil von Transgendermenschen an der Gesamtbevölkerung nicht allzu hoch: Laut Schätzungen sind es 4,6 pro 100 000 Menschen. Außerdem rekrutieren viele Wissenschaftler die Teilnehmer an Zentren für geschlechtsanpassende Maßnahmen. Wer eine solche Behandlung nicht sucht, wird daher seltener in die Studien eingeschlossen, was die Ergebnisse eventuell verzerrt.

Um möglichst große und homogene Stichproben zu finden, gründeten Wissenschaftler aus der ganzen Welt – darunter auch meine Arbeitsgruppe an der Universität Gent in Belgien – die ENIGMA-Gender Studies Working Group. Sie hat zum Ziel, bereits gesammelte Daten zum Thema zu bündeln und gemeinsam zu analysieren.

Die Schubladen passen nicht!

Mit Hilfe dieser Datenbank untersuchten wir 2021 gemeinsam mit Kolleginnen und Kollegen von acht verschiedenen Universitäten die Hirnstruktur von rund 800 Probanden. Darunter befanden sich etwa gleich viele Cisfrauen, Cismänner, Transfrauen und Transmänner (zur Erläuterung der Begriffe siehe »Kurz erklärt«), wobei die Transpersonen zu dem Zeitpunkt noch keine geschlechtsangleichende Hormonbehandlung erhalten hatten. Anhand von Aufnahmen aus dem Magnetresonanztomografen verglichen wir unter anderem das Volumen der grauen Substanz, die Größe der Kortexoberfläche sowie dessen Dicke.

Eines wurde schnell klar: Die Hirnstruktur von Transpersonen ließ sich nicht pauschal dem einen oder anderen Geschlecht zuordnen. Wie erwartet, fielen bei Cismännern viele Hirnregionen im Schnitt volumi­ nöser aus als bei Cisfrauen, etwa die Insula und der präzentrale Gyrus. Bei Transfrauen und -männern hingegen war das Bild deutlich vielfältiger: Manche Hirnregionen wiesen eher das typisch »weibliche« Volumen auf, andere wiederum eher das typisch »männliche«. Auch die übrigen Werte, etwa die Größe der Kortexoberfläche, rangierte bei den Transpersonen je nach Areal zwischen eher männlich und eher weiblich. Besitzen sie womöglich einen ganz eigenen Gehirn-Phänotyp?

Dieser Frage nahm sich das Team um Ute Habel von der Universitätsklinik Aachen an. Die Forscher baten jeweils 23 Transmänner, Transfrauen, Cismänner und Cisfrauen in den Hirnscanner. Auch hier hatten die Transpersonen zu dem Zeitpunkt noch nicht mit einer geschlechtsanpassenden Hormonbehandlung begonnen. Die Aufgabe aller Probanden bestand lediglich darin, still dazuliegen und die Gedanken schweifen zu lassen. Denn das Ziel war ein »Resting-state«-Hirnscan, bei dem man die Aktivität des Ruhezustandsnetzwerks im Gehirn misst. Auf die Weise kann man herausfinden, wie verschiedene Hirnareale zusammenarbeiten, also wie sie funktionell miteinander verknüpft sind.

Das Team speiste anschließend einen so genannten Klassifizierungsalgorithmus (eine Variante der künstlichen Intelligenz) mit den Daten aus dem Hirnscanner.

Damit lernte das Programm, welches Aktivitätsmuster zu welcher der vier Probandengruppen – Transmänner, Transfrauen, Cismänner, Cisfrauen – gehörte. Nach dieser Lernphase erhielt der Algorithmus neue Bilder, die er nun selbstständig zuordnen musste.

Das gelang ihm mit einer Trefferquote von rund 50 bis 60 Prozent. Obwohl das nicht viel erscheint, war die Erfolgswahrscheinlichkeit doppelt so hoch wie die Zufallsquote von 25 Prozent (denn es handelte sich um vier Gruppen). Die Studie legt nahe, dass Transgendermenschen tatsächlich einen eigenen Gehirn-Phänotyp besitzen. Schließlich hat der Algorithmus die Hirnbilder der Transmänner und -frauen nicht einfach den Gruppen der Cispersonen zugeordnet.

Dass die Trefferquote dennoch so weit von 100 Prozent entfernt lag, dürfte unterschiedliche Gründe haben.

Einer davon ist vermutlich die große Bedeutung individueller Einflussfaktoren auf die Hirnentwicklung: Jedes Gehirn wird geprägt von genetischen, hormonellen und anderen entwicklungsbiologischen Einflüssen, etwa davon, in welchem Maß bestimmte Rezeptoren vorkommen und wie sie verteilt sind. Zudem beeinflussen das soziale Umfeld und frühe Kindheitserfahrungen die Struktur und Funktion einzelner Hirnareale.

Offenbar gibt es aber auch hier gewisse Muster, die mit der Geschlechtsidentität zusammenhängen. Einige Forschergruppen untersuchen etwa die Sensitivität von Hormonrezeptoren, insbesondere für Testosteron und Östrogen. Die Psychologin Rosa Fernandez und ihre Kollegen von der Universität in A Coruña in Spanien stellten beispielsweise fest, dass das Gen für den Östro­genrezeptor bei Transmännern häufiger bestimmte Variationen aufweist als bei Cisfrauen. Offenbar kann bereits die genetische Grundausstattung bei Transpersonen anders sein und damit die Hirnentwicklung prägen.

Das Gleiche könnte auch für das hormonelle Milieu gelten, dem ein Fötus im Mutterleib ausgesetzt ist. Ein bemerkenswerter Indikator für die Menge an Testosteron, die das werdende Kind in der Schwangerschaft abbekommen hat, ist das spätere Längenverhältnis von Ring-zu Zeigefinger: je mehr Testosteron, desto länger der Ringfinger im Verhältnis zum Zeigefinger. Bei Frauen fällt die Differenz daher tendenziell größer aus (längerer Zeige-und kürzerer Ringfinger) als bei Männern (siehe »Was die Fingerlängen bedeuten«).

Ein Team um den Psychiater Johannes Kornhuber von der Universität Erlangen-Nürnberg verglich 2020 das Fingerlängenverhältnis von Trans-und Cispersonen. Dabei stellten die Forscher fest, dass Transfrauen im Schnitt eher typisch weibliche Werte aufwiesen, also die des identifizierten – nicht des angeborenen – Geschlechts. Die Kontrollgruppe von Cismännern hatte dagegen ein signifikant kleineres Fingerlängenverhältnis. Bei den Transmännern jedoch fanden die Forscher keinen eindeutigen Unterschied zu den Cisfrauen, der Gruppe des angeborenen Geschlechts. Den Medizinern zufolge könnte eine unterdurchschnittliche Testosteronkonzentration während der Schwangerschaft die spätere Geschlechtsidentität von Jungen beziehungsweise Männern beeinflussen.

Geruchsprobe im Hirnscanner

Manche Wissenschaftler nehmen an, Transsexualität resultiere unter anderem aus veränderten neuronalen Netzwerken im Hypothalamus (siehe »Wo die Geschlechtsidentität verankert ist«). Das Areal ist so etwas wie eine Schaltzentrale für Hormone und an diversen sexuellen Reaktionen beteiligt. Um diese Hypothese zu testen, untersuchten Hans Berglund und seine Kollegen vom Karolinska-Universitätskrankenhaus in Stockholm Transfrauen, Cisfrauen sowie Cismänner im Hirnscanner. Während der Messung durften die Probanden an pheromonähnlichen Substanzen schnuppern, die entweder den männlichen oder den weiblichen Sexualhormonen nachempfunden waren.

Die Mediziner interessierten sich insbesondere für die Aktivität des Hypothalamus – und entdeckten Erstaunliches: Sobald Transfrauen, ebenso wie Cisfrauen, den männlichen Geruch in der Nase hatten, war ein Bereich dieses Areals verstärkt aktiv. Bei Cismännern hingegen regte sich die Region nur beim Schnuppern des weiblichen Duftstoffs. Ein anderer Teil des Hypothalamus reagierte bei den Transfrauen übrigens auch auf den weiblichen Geruch – die Befunde waren also nicht ganz eindeutig. Dennoch folgern die Forscher, dass Transsexualität mit Reaktionen in bestimmten Hirnschaltkreisen einhergeht, die für das angeborene Geschlecht untypisch sind. Das liege, so Berglund und sein Team, möglicherweise daran, dass sich die Nervenzellen während der Hirnentwicklung anders ausdifferenzieren.

Nur wenige Wissenschaftler erforschen derzeit das Gehirn von jugendlichen Transgenderpersonen. Der Grund ist unter anderem die geringe Zahl potenzieller Probanden. Sarah Burke und ihre Kollegen, damals am VU University Medical Center Amsterdam, gelang es dennoch, die Studie von Hans Berglund mit Kindern und Jugendlichen zu wiederholen, bei denen eine so genannte Geschlechtsidentitätsstörung diagnostiziert worden war (wir nennen sie hier »Transkinder« und »-jugendliche«). Die jungen Teilnehmer identifizierten sich also nicht mit dem ihnen bei der Geburt zugewiesenen Geschlecht. Die Forscher wollten herausfinden, wie früh in der Entwicklung das Gehirn »fremde« Sexualhormone registriert.

Ein Sinn für Sexualhormone

Schon vor dem Eintritt in die Pubertät zeigten die untersuchten Kinder eine veränderte neuronale Aktivität im Hypothalamus, wenn sie pheromonähnlichen Substanzen ausgesetzt waren. Hier unterschieden sich »Transkinder« – also diejenigen mit Geschlechtsidentitätsstörung – noch nicht von den Ciskindern des angeborenen Geschlechts. Die Transjugendlichen wiesen allerdings bereits die Aktivitätsmuster desjenigen Geschlechts auf, mit dem sie sich identifizierten. Dabei hatten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer noch nicht mit einer geschlechtsanpassenden Behandlung begonnen und keinerlei Sexualhormone erhalten. Lediglich die Pubertät wurde bei ihnen mit Hilfe so genannter GnRH-Agonisten verlangsamt, damit sich die sekundären Geschlechtsmerkmale wie Brüste und Körperbehaarung nicht so schnell ausbilden (siehe »Geschlechtsangleichung bei Kindern«, S. 60). Das erleichtert später die Anpassung an das identifizierte Geschlecht.

Nienke Nota, ebenfalls von der Freien Universität Amsterdam, führte 2017 gemeinsam mit Sarah Burke und Kollegen »Resting-state«-Hirnscans an Kindern und Jugendlichen mit Geschlechtsidentitätsstörung durch. Das Team wollte herausfinden, ob die funktionellen Verknüpfungen im Gehirn im Vergleich zu denen der gleichaltrigen Kontrollprobanden verändert waren. Dabei stellten die Forscher fest, dass die Aktivitätsmuster erst ab dem Pubertätsalter denen des identifizierten Geschlechts ähnelten, vorher aber noch denen des angeborenen.

Wie diese Studien nahelegen, spielt die Pubertät eine entscheidende Rolle bei der sexuellen Differenzierung des Gehirns. All diese Messwerte liefern jedoch keinerlei Aufschluss darüber, wie sich die Betreffenden selbst wahrnehmen und wo im Gehirn die Geschlechtsidentität verortet ist. In der Regel stimmt Letztere mit dem bei der Geburt zugewiesenen Geschlecht überein. Bei Transgenderpersonen ist das jedoch nicht der Fall. Welche neuronalen Schaltkreise sind für diese Diskrepanz verantwortlich?

Das untersuchte die Gruppe von Ivanka Savic vom Karolinska-Institut in Stockholm im Jahr 2020. Die Forscher fotografierten die Körper von Trans-und Cispersonen und manipulierten die Fotos anschließend mit einem Bildbearbeitungsprogramm: Sie entfernten Hände, Füße sowie den Kopf und machten den Körper in mehreren Stufen etwas »männlicher« und etwas »weiblicher«. Anschließend betrachteten die Probanden – im Hirnscanner liegend – die veränderten Fotos ihres eigenen Körpers und gaben an, mit welchem sie sich identifizierten.

Wie erwartet, wählten die Cispersonen die eigene (weibliche oder männliche) Körperform aus, während sich die Transpersonen für die Fotos entschieden, auf denen ihr Körper in Richtung des identifizierten Geschlechts hin verändert war.

Welche Körperform passt zu mir?

Das spiegelte sich auch in der Hirnaktivität wider: Sobald die Versuchspersonen Bilder ansahen, mit denen sie sich identifizierten, erhöhte sich die Aktivität in neuronalen Netzwerken, die üblicherweise an der Verarbeitung des Selbstkonzepts beteiligt sind – darunter etwa im dorsomedialen präfrontalen Kortex (siehe »Wo die Geschlechtsidentität verankert ist«, S. 61). Das traf auf alle Probanden zu, also gleichermaßen auf Trans-wie auf Cispersonen. Beim Betrachten der anderen Körperformen regten sich diese Hirnregionen dagegen nicht verstärkt. Offenbar ist die Geschlechtsidentität – zumindest teilweise – in den »Selbstkonzept-Netzwerken« des Gehirns verankert, folgern die schwedischen Wissenschaftler.

Zurück zur Eingangsfrage: Besitzt jemand, der als Mann geboren wurde, sich aber als Frau identifiziert – und umgekehrt –, nun ein eher männliches oder ein eher weibliches Gehirn? Laut den Studien der letzten Jahre muss man dies wohl am ehesten mit »weder noch beantworten. Es scheint vielmehr einen eigenständigen Phänotyp zu geben, der je nach Hirnregion und je nach entwicklungsbiologischen Einflüssen eher dem des einen oder des anderen Geschlechts ähnelt.

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Warum ist das überhaupt von Interesse? Es gibt einige psychische Erkrankungen, die Frauen und Männer unterschiedlich häufig treffen. So leiden Frauen beispielsweise öfter an Depressionen und Angststörungen, während Männer eher zu Alkoholmissbrauch und Verhaltensproblemen neigen (siehe auch Gehirn&Geist 3/2018, S. 56). Die Ursachen sind größtenteils unbekannt, gehen aber zumindest teilweise auf abweichende Hirnfunktionen und Botenstoffsysteme zurück. Bisher weiß man noch nicht, ob Transmänner beziehungsweise -frauen eher das weibliche oder das männliche Risikoprofil aufweisen – oder aber ein ganz eigenes. Mit diesem Wissen könnte man frühe Symptome eventuell besser deuten und rechtzeitig mit Hilfsangeboten gegensteuern.

Die bisherigen Studien befassten sich hauptsächlich mit Transgenderpersonen, die sich entweder klar als Mann oder als Frau identifizieren. Allerdings gibt es auch noch Varianten dazwischen: genderdiverse Menschen (etwa queere, fluide oder non-binäre), die sich entweder mit beiden Geschlechtern, gar keinem oder einem »fließendem Geschlecht« (mal eher mit Männern, mal eher mit Frauen) identifizieren. Der neurobiologischen Genderforschung wird also so schnell nicht der Stoff ausgehen. H

Auf einen Blick: Zwischen Mann und Frau

1 Forscher suchten im Gehirn nach Anzeichen für die Geschlechtsidentität. Demnach könnten Transgenderpersonen einen eigenen Gehirn-Phänotyp aufweisen, der weder typisch männlich noch typisch weiblich ist.

2 Aber Achtung: Bei den gefundenen strukturellen Unterschieden handelt es sich lediglich um leicht verschobene statistische Verteilungen, die sich nicht auf jedes einzelne Gehirn übertragen lassen!

3 Bei der Suche nach dem Hort der Geschlechtsidentität entdeckten Wissenschaftler ein Netzwerk im dorsomedialen Präfrontalkortex, das offenbar die Körperform codiert, mit der wir uns identifizieren.

Geschlechtsangleichung bei Kindern

Bemerkt ein Kind oder ein Jugendlicher, dass das empfundene Geschlecht nicht mit seinen Körpermerkmalen übereinstimmt, kann sich der Betreffende (gemeinsam mit den Eltern) an eine Beratungsstelle oder einen Kinder-und Jugendpsychiater wenden. Manche Psychiatrien bieten spezielle Sprechstunden zu diesem Thema an. Gemeinsam versuchen sie dann über mehrere Sitzungen hinweg herauszufinden, ob es sich um eine Transidentität handelt.

Ist das der Fall, probiert man in der Regel erst einmal, die Pubertät mit speziellen Mitteln aufzuhalten. Denn in dieser Zeit bilden sich die sekundären Geschlechtsmerkmale heraus, was man später nicht mehr ohne Weiteres rückgängig machen kann.

Erst mit Ende des Pubertätsalters, also mit etwa 18 oder 19 Jahren, gibt man den Personen dann wichtige Sexualhormone des anderen Geschlechts, die den Körper entsprechend verändern. Auch etwaige angleichende Operationen kommen nun in Frage. Falls sich aber herausstellt, dass doch keine Transidentität vorliegt, kann man den Pubertätsblocker einfach weglassen und für kurze Zeit Hormone des angeborenen Geschlechts verabreichen. Dann holt der Körper die bisher aufgeschobene Entwicklung nach.

Wo die Geschlechtsidentität verankert ist

Neurowissenschaftler suchten im Gehirn nach den Spuren der Geschlechtsidentität. Dabei entdeckten sie bei Transgenderpersonen unter anderem Auffälligkeiten im Nucleus striae terminalis, der unser Sexualverhalten steuert und bei Männern im Schnitt größer ist als bei Frauen. Der Hypothalamus – eine wichtige Schaltzentrale für Hormone – zeigt bei Transgendermenschen zum Teil veränderte Reaktionen auf pheromonähnliche Substanzen. Der dorsomediale präfrontale Kortex, der an der Verarbeitung des Selbstkonzepts beteiligt ist, scheint zudem mitzubestimmen, mit welchem Geschlecht sich jemand identifiziert.

KURZ ERKLÄRT :

Transmann: Eine Person, die als Frau geboren wurde, sich aber als Mann identifiziert

Transfrau: Eine Person, die als Mann geboren wurde, sich aber als Frau identifiziert

Cismann: Eine Person, die als Mann geboren wurde und sich als solcher identifiziert

Cisfrau: Eine Person, die als Frau geboren wurde und sich als solche identifiziert

Resting-state-Hirnscan: Eine Messung per funktioneller Magnetresonanztomografie, bei der der Proband still daliegt und seine Gedanken schweifen lässt. Sie gibt Aufschluss darüber, wie verschiedene Hirnareale zusammenarbeiten, wenn wir nichts tun.

Was die Fingerlängen bedeuten

Einen Hinweis darauf, wie viel Testosteron ein Fötus im Mutterleib ausgesetzt war, gibt das Längenverhältnis von Zeige-zu Ringfinger (2D : 4D). Je kleiner dieser Wert (also je länger der Ringfinger im Verhältnis zum Zeigefinger), desto mehr Testosteron hat der Betreffende – statistisch gesehen – abbekommen. Bei Männern fällt das Verhältnis deshalb tendenziell kleiner aus als bei Frauen (oberer Graph).

In einer Studie von 2020 wiesen Transfrauen im Schnitt ein signifikant größeres Fingerlängenverhältnis als Cismänner auf – obwohl Erstere ebenfalls als Männer geboren worden waren (unterer Graph). Die Wissenschaftler mutmaßen, dass die Testosteronkonzentration im Mutterleib die Geschlechtsidentität beeinflussen könnte.

YOUSUN KOH; KURVENDIAGRAMM NACH BAILEY A.A., HURD P.L.: FINGER LENGTH RATIO (2D:4D) CORRELATES WITH PHYSICAL AGGRESSION IN MEN BUT NOT IN WOMEN. BIOLOGICAL PSYCHOLOGY 68, 2005; BALKENDIAGRAMM NACH SIEGMANN, E.-M. ET AL.: DIGIT RATIO (2D:4D) AND TRANSGENDER IDENTITY: NEW ORIGINAL DATA AND A META-ANALYSIS. SCIENTIFIC REPORTS 10, 10.1038/S41598-020-72486-6, 2020

Spuren der Diskriminierung

Viele Transpersonen sind regelmäßig Diskriminierung, Ächtung und Gewalt ausgesetzt. Das ergab 2014 eine EU-weite Studie des Referenz-und Exzellenzzentrums zur Förderung und zum Schutz der Menschenrechte in der EU (EUAFR). Außerdem sind nicht wenige Transgendermenschen unglücklich mit ihrem angeborenen Geschlecht, können sich aber nicht zu (irreversiblen) geschlechtsanpassenden Maßnahmen durchringen. Das sind nur einige der Gründe dafür, dass Betroffene vermehrt unter Depressionen, Angststörungen und suizidalen Gedanken leiden.

2018 untersuchte der Autor mit seiner Arbeitsgruppe an der Universität Gent in Belgien, wie das Gehirn von Transgendermenschen auf sozialen Ausschluss reagiert. Verhält es sich anders als das von Cismännern und -frauen? Die Forscher ließen Trans-sowie Cispersonen ein virtuelles Ballspiel (»Cyberball«) spielen, während ein Magnetresonanztomograf ihre Hirnaktivität aufzeichnete. Dabei warfen sich jeweils eine Versuchsperson sowie zwei weitere Spieler per Computer einen virtuellen Ball zu. Erstere glaubte, die anderen beiden Spieler seien ebenfalls echte Menschen, die über das Intranet des Instituts zugeschaltet waren. Irgendwann bekam die Versuchsperson den Ball nicht mehr ab – die anderen warfen ihn nur noch unter sich hin und her.

Der soziale Ausschluss erhöhte die Aktivität in emotionsverarbeitenden Hirnarealen wie dem vorderen zingulären Kortex, der unter anderem dabei hilft, Informationen über Strafe und Belohnung zu bewerten. Bei Cisfrauen reagierte die Region jedoch »empfindlicher« auf den sozialen Ausschluss als bei Cismännern und Transfrauen.

Sobald die Versuchsperson wieder mitspielen durfte, ging die erhöhte Aktivität sofort wieder zurück – zumindest bei den Cismenschen. Bei den Transgender-Teilnehmern feuerte der anteriore zinguläre Kortex auch weiterhin noch verstärkt. Offenbar wirkt die negative Erfahrung bei ihnen länger nach. Möglicherweise liegt das daran, dass sie häufiger mit Diskriminierung zu tun haben und die »Alarmglocken« bei ihnen deshalb nicht so schnell wieder verstummen.

QUELLEN

Clemens, B. et al: Predictive pattern classification can distinguish gender identity subtypes from behavior and brain imaging. Cerebral Cortex 30, 2020

Majid, D. S. et al.: Neural system for own-body processing align with gender identity rather than birth-assigned sex. Cerebral Cortex 30, 2020

Mueller, S. C. et al.: Neural correlates of ostracism in transender persons living according to their gender identity: A potential risk marker for psychopathology?

Psychological Medicine 48, 2018

Mueller, S. C. et al.: The neuroanatomy of transgender identity: Mega-analytic findings from the ENIGMA Transgender Persons Working Group. Journal of Sexual Medicine 18, 2021

Siegmann, E. M. et al.: Digit ratio (2D : 4D) and transgender identity: New original data and a meta-analysis. Scientific Reports 10, 2020

Dieser Artikel im Internet: www.spektrum.de/artikel/2006266