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IM FOKUS: Der Schmerz der Veganer


Psychologie Heute - epaper ⋅ Ausgabe 4/2019 vom 13.03.2019

Vystopie, so nennt die Psychologin und Veganerin Clare Mann einen depressiv-traumatischen Zustand, unter dem manche Veganer leiden. Denn während sie auf tierische Produkte verzichten, sehen sie sich mit einer Welt konfrontiert, in der weiterhin geschlachtet wird. Über das Gefühl, in einer Dystopie zu leben


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Bildquelle: Psychologie Heute, Ausgabe 4/2019

Frau Mann, Sie haben sich als Psychotherapeutin auf Patienten spezialisiert, die vegan leben. Haben diese denn andere Sorgen als Vegetarier oder Fleischesser?
Ich habe mich in den letzten zehn Jahren viel mit Veganern beschäftigt, in Gesprächen und Therapiesitzungen zum Beispiel. Und ich habe eine ...

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Frau Mann, Sie haben sich als Psychotherapeutin auf Patienten spezialisiert, die vegan leben. Haben diese denn andere Sorgen als Vegetarier oder Fleischesser?
Ich habe mich in den letzten zehn Jahren viel mit Veganern beschäftigt, in Gesprächen und Therapiesitzungen zum Beispiel. Und ich habe eine Befragung unter 800 vegan Lebenden durchgeführt. Mein Eindruck ist: Es gibt tatsächlich bestimmte Formen der Ängstlichkeit und Bedrücktheit, die typisch für Veganer sind.

Zum Beispiel?
Zu mir kommen Patienten mit Essstörungen, Anpassungsstörungen oder einer Tendenz zur Selbstverletzung, aber auch mit Panikattacken oder Albträumen. Die Leute sagen dann natürlich in der Regel nicht: Ich bin hier, weil ich kein Fleisch esse und weil sich die Leute darüber lustig machen. Es ist eher so, dass wir im Laufe der Therapie auf ihren Veganismus zu sprechen kommen.

Wie gehen Sie bei der Therapie vor?
So wie ich auch bei jemandem vorgehen würde, der Trauer und Verlust erlebt oder der ein erschütterndes Erlebnis durchgemacht hat, einen Angriff mit einer Schusswaffe zum Beispiel. Langfristiges Ziel ist, zu lernen, die eigene Geschichte gewissermaßen neu zu schreiben. Aber zunächst einmal geht es darum, die körperlichen und seelischen Symptome in den Griff zu bekommen. Dabei kommen Übungen zum Einsatz, die die Patienten entspannen und ihnen dabei helfen, ihren Gefühlen einen Namen zu geben. Wir schaffen Routinen, die es ermöglichen, im Alltag wieder zu funktionieren, regelmäßig zu schlafen und zu essen.

Inwiefern besteht zwischen diesen Problemen und dem Veganismus Ihrer Patienten ein ursächlicher Zusammenhang?
Bei Veganern handelt es sich ja um Menschen, die einen bewussten Entschluss gegen Fleischkonsum und gegen die Nutzung von Tierprodukten getroffen haben. Ein solcher Entschluss ist oft ethisch motiviert und beruht auf der Einsicht, dass wir Tieren in modernen Gesellschaften großes Leid zufügen. Hat man diese Einsicht erst einmal verinnerlicht – etwa weil man die widrigen Bedingungen moderner Tierhaltung in Dokumentationen oder mit eigenen Augen gesehen hat –, kann einem das schnell zu Herzen gehen. Und im schlimmsten Fall sogar posttraumatische Belastungsstörungen hervorrufen.

Das müssen Sie erklären.
DasDiagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders beschreibt die posttraumatische Belastungsstörung als einen Zustand, der durch ein traumatisches Ereignis ausgelöst wird, an dem man – als Handelnder oder Zuschauer – teilgenommen hat. Zu den Symptomen zählen Flashbacks, gravierende Angstzustände und nicht kontrollierbare Gedanken an das auslösende Ereignis.

Ein Problem, das man eher bei Veteranen als bei Veganern vermuten würde.
Und doch tritt es auch bei einigen meiner veganen Patienten auf. Wobei bei ihnen die Schwere der Angstzustände weniger im ursprünglichen Erlebnis begründet liegt als in der Tatsache, dass sich die auslösende Problematik beständig fortsetzt. Der Veganer erlebt, dass das, was ihn in Schrecken versetzt, jeden Tag präsent ist und von großen Teilen der Gesellschaft sogar glorifiziert wird: die Nutzung – und Misshandlung – von Tieren.

Dafür haben Sie ein eigenes Wort gefunden: die „Vystopie“.
Viele Veganer haben das Gefühl, dass ein Großteil der Außenwelt diesen als grausam wahrgenommenen Praktiken gegenüber gleichgültig ist – als wären die anderen dem Status quo gleichsam wie in einer Trance verfallen. Der Begriff „Vystopie“ spielt darauf an, dass sich viele Veganer einer dunklen, geradezu dystopischen Welt gegenübersehen, in der Tiere ausgebeutet werden und in der tierisches Leid keine wirkliche Rolle spielt – das Gegenteil von einer Utopie, in der Mitgefühl und Freude herrschen.

Gilt all das nicht auch für eine Menge anderer Menschen, die sich für moralisch überlegen halten und in einer Welt leben, die sich von ihren Idealen unterscheidet? Was ist zum Beispiel mit Menschen, die sich um die Umweltverschmutzung sorgen?
Ich halte die Frage, ob man das Konzept der Vystopie nicht auch auf andere Gruppe ausdehnen könnte, für durchaus interessant. Zu mir kommen allerdings häufig Leute, die sagen: „Ich bin beunruhigt über die vielen Plastikrückstände im Meer. Das ist für mich auch eine Dystopie.“ Hier bin ich skeptisch. Ich glaube, zum Gefühl, in einem wahrhaft dystopischen Szenario gefangen zu sein, gehört ein übergreifenderes Bewusstsein für strukturelle Ungerechtigkeiten. Derer gibt es natürlich mehrere, zum Beispiel Rassismus, Sexismus, moderne Sklaverei. In diesen Bereichen existiert aber in vielen Ländern – zum Glück – zumindest ein Bewusstsein dafür, dass es sich dabei um gravierende Probleme handelt, anders als beim doch sehr marginalisierten Veganismus.

Die philosophische Strömung des Existenzialismus hat die Meinung vertreten, dass wir selbstdafür verantwortlich sind, unserem Leben Sinn und Bedeutung zu geben. In Ihrem Therapieansatz spielt diese Idee eine wichtige Rolle.

Clare Mann arbeitet als Psychotherapeutin im australischen Sydney. Die überzeugte Veganerin hat eine Reihe von Büchern verfasst, darunter eines zu Veganismus:Vystopia. The Anguish of Being Vegan in a Non-Vegan World (Communicate31 2018)

Die Nutzung und Misshandlung von Tieren: Der angstauslösende Schrecken ist täglich präsent


In Großbritannien habe ich eine Existenzielle-Psychotherapie-Ausbildung absolviert. Dabei habe ich mich mit der Tatsache auseinandergesetzt, dass wir alle früher oder später an einen Punkt kommen, wo wir uns unter Bedingungen großer Unsicherheit mit Sinnfragen auseinandersetzen müssen. Der Ansatz hat mir dann auch geholfen, als ich als Organisationspsychologin mit kleineren und mittleren Unternehmen zusammengearbeitet habe. Ich habe damals viel mit Führungskräften gesprochen, die Angst hatten, ihre Fassade der Selbstsicherheit aufzugeben, hinter der sich die blanke Angst verbarg, dass ihr Leben auseinanderfallen könnte, wenn sie mal einen längeren Urlaub machen oder Aufgaben abgeben.

Und was hat das mit Veganismus zu tun?
In beiden Fällen ist der Glaube schädlich, es gebe nur die eine, vermeintlich objektive Deutung der Welt, und wer damit nicht klarkommt, müsse eben leiden. So wie Führungskräfte lernen sollten, dass es nicht schlimm ist, von der Norm „Der Chef ist ein unbesiegbarer Macher“ abzuweichen, ist es für die Veganer hilfreich zu lernen, dass es nicht schlimm ist, von der Norm „Man muss Fleisch essen und Tierprodukte nutzen“ abzuweichen. Letztlich sind das alles nur gesellschaftlich bedingte Standards, die sich ändern lassen, wenn nur genug Leute ihr Verhalten ändern.

Ihr Ziel ist also, Veganern das Gefühl zu geben, dass sie nicht „abnormal“ sind?
Ja, aber das ist nur der erste Schritt. Es geht auch darum, die eigene Haltung selbstbewusst zu vertreten und das eigene Leben mit seinen Werten in Einklang zu bringen. Das heißt nicht, dass jeder mit einem Protestschild in der Hand auf die Straße gehen und Parolen brüllen muss. Ob man vegane Cupcakes backt, sich durch Freiwilligenarbeit bei einer Tierschutzorganisation engagiert oder sogar Undercover-Enthüllungsdokus über Missstände bei der Tierhaltung dreht, muss jeder selbst entscheiden, aber es bringt einen in jedem Fall weiter, für seine Weltanschauung zu werben.

Sie rufen zum Missionieren auf – vergrößert das nicht noch zusätzlich die Kluft zwischen Veganern und Nichtveganern?
Es geht erst einmal darum, die Passivität und Opferrolle zu verlassen. Ich habe jedenfalls noch nie einen Vystopiepatienten behandelt, dem es nicht geholfen hätte, sich konstruktiv in die Debatte um den Veganismus einzubringen. Aber klar, letztlich ist auch Toleranz gegenüber Andersdenkenden wichtig. Ich versuche meinen Patienten zu vermitteln: Unterstellt bitte Fleischessern nicht, dass sie böse Absichten haben oder dass sie Psychopathen sind.

In einem Ihrer Bücher schreiben Sie, dass Veganer nicht nur deshalb einen schwereren Stand in der Gesellschaft haben, weil sie eine Menge Ansprüche an ihre Nahrung oder Kleidung stellen, sondern auch deshalb, weil sie – auch im Vergleich zu Vegetariern – mehr unbequeme Fragen aufwerfen.
Sagen wir es so: Vegetarier fallen nicht so sehr auf – hier ein Hühnchen und da ein Steak wegzulassen ist im Vergleich keine so große Sache. Wer hingegen vollständig auf tierische Produkte verzichten will, geht einen deutlich radikaleren Schritt. Die unbequemen Fragen stellen vor allem die ethisch motivierten Veganer, also jene, die nicht deshalb auf tierische Produkte verzichten, weil sie abnehmen möchten oder weil die Produkte einfach nicht ihrem Geschmack entsprechen, sondern weil sie etwas für das Wohl der Tiere tun möchten.

Ist Ihre Doppelrolle als Psychologin und Aktivistin nicht problematisch – gerade bei veganen Patienten?
Die Frage wird mir des Öfteren gestellt. Sie haben recht, dass bei vielen Formen der Psychotherapie üblicherweise eine gewisse Distanz vonnöten ist. Nun ist es so, dass es sich nicht verhindern lässt, dass die Leute mitbekommen, was meine Haltung zum Thema ist. Ich finde das aber unbedenklich. Zum einen weil sich viele Veganer von mir verstanden fühlen und sich Nichtveganern möglicherweise nicht in derselben Weise öffnen würden. Zum anderen weil ich mich als Psychologin um Menschen in Not aus demselben Grund kümmere, aus dem ich mich für Tierrechte einsetze: Fürsorge und Mitgefühl – ich will nicht, dass Lebewesen leiden müssen.

Man könnte Ihnen aber auch vorwerfen, dass Sie die Verletzlichkeit Ihrer Patienten nutzen, um diese für Ihre Weltanschauung zu gewinnen.
Ich glaube, es ist irreführend, in diesem Zusammenhang von Verletzlichkeit zu sprechen. Unter einem verletzlichen Menschen verstehe ich jemanden, der schwach ist und Angriffen schutzlos ausgeliefert. Die Veganer, die meine Hilfe suchen, würde ich eher als massiv beunruhigt beschreiben. Sie haben sich mit der Art und Weise, wie wir Tiere behandeln, auseinandergesetzt und werden von der Frage geplagt: Wie können Menschen so etwas zulassen? Das ist meines Erachtens erst einmal keine krankhafte, sondern eine völlig menschliche Reaktion. Insofern geht es mir eher darum, den Veganern ihre Stärke bewusstzumachen, als sie zu schwächen.

Viele Leute halten das Thema für ein Problem großstädtischer Eliten.
Es handelt sich dabei jedenfalls definitiv nicht um ein Luxusproblem. Wer sich gegen die Schlechterbehandlung nichtmenschlicher Geschöpfe starkmacht, erntet nach wie vor oft Spott. Erst kürzlich wurde in England der Fall von William Sitwell diskutiert: Der Redakteur desWaitrose Food -Magazins hatte in einer E-Mail gegenüber einer Autorin vorgeschlagen, die „heuchlerischen“ Veganer „einen nach dem anderen umzubringen“. Solche schlechten Scherze zeigen, dass sich noch einiges ändern muss.

Viele würden sagen: Es ist doch unser Recht als Menschen, unserem eigenen Wohl eine höhere Priorität einzuräumen als jenem anderer Lebewesen.
Es gibt aber auch gute Gründe gegen diese Haltung. Ich stimme jenen zu, die sie als „Speziesismus“ kritisieren – als Diskriminierung von Lebewesen allein aufgrund ihrer Zugehörigkeit zu einer bestimmten Art. Interessant ist in diesem Zusammenhang auch das Konzept des „Karnismus“ der Psychologin Melanie Joy.

Mit dem Begriff will Joy zeigen, dass Fleischessen ebenso sehr eine Ideologie darstellt wie Veganismus. Das nehmen wir nur nicht wahr, weil Karnismus weit verbreitet ist und viele ihn für natürlich halten. Dabei ist es biologisch kaum zu erklären, dass verschiedene Kulturen unterschiedliche Tiere für essbar halten. Laut Joy wird Karnismus von psychischen Abwehrmechanismen gestützt.
Ja, viele Fleischesser fühlen sich unwohl, wenn sie darüber nachdenken, was ihre Ernährung für Tiere bedeutet. Um das Unbehagen zu reduzieren, passiert, was wir Psychologen kognitive Dissonanzreduktion nennen: Sie vermeiden Informationen, die ihnen nicht guttun. Zum Beispiel indem sie nur bestimmten wissenschaftlichen Studien vertrauen oder indem sie den Überbringer der unangenehmen Nachricht schlechtreden – als „moralisierenden Veganer“.