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IM GEMURMEL DER WELT


Hohe Luft - epaper ⋅ Ausgabe 5/2021 vom 08.07.2021

MANCHMAL IST ES DIE HÖLLE. Dann, wenn ich ihn nicht zu fassen kriege. Nach ihm suche, grabe, mir die Haare raufe. Angst habe, dass er nicht kommt. Dass er womöglich nie mehr kommt. Die Rede ist vom ersten Satz. Vom Anfangen mit dem Schreiben. Manchmal ist es aber auch der Himmel. Dann, wenn ein Satz auf einmal da ist. Mir zufliegt wie ein Schmetterling, der vor mir landet. Zart, schillernd und betörend. Eine Einladung und ein Versprechen.

Etwas hat begonnen. Behutsam taste ich mich vor. Ich möchte etwas sagen, aber weiß noch nicht, wie. Sätze und Gedanken müssen sich erst finden und formen. Vor allem aber: der Weg zu ihnen. Es ist, als würde ich in einem Urwald stehen. Um mich herum ranken Ideen, Vorstellungen, Ahnungen, Erlebnisse, Gefühle.

Das ist aufregend, weil überall Möglichkeiten lauern. Aber es ist auch unbehaglich, nicht zu wissen, wo es langgeht. Die Dinge nicht im Griff zu haben. Oder ...

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... noch nicht. Deshalb fliehe ich auch gern mal davor. Ich glaube, das ist es, woran Schreiber*innen am meisten leiden: nicht am Schreiben selbst. Sondern an der Tatsache, dass man noch nicht schreibt.

Es sind die Momente, in denen aus dem Urwald mitunter Dämonen kriechen. Ungeheuer mit schaurigen Zähnen. Böse Drachen, die zischen: Packst du das? Hast du überhaupt was zu erzählen? Solltest du nicht erst mal einkaufen, Mails checken, ausgehen, Fenster putzen?

Das Schreiben, so fühlt es sich für mich oft an, ist eine Zeit, die es zu verteidigen gilt gegen Angriffe von außen, die genauer betrachtet auch im Inneren liegen können. Ich ringe mit dem Material, und ich ringe mit mir. Mit Widerständen, Urteilen, Ablenkungen, Verführungen, diesen kleinen Teufeln, die so tun, als ob sie Abkürzungen wären.

Das sind die Nachtseiten des Schreibens. Und vor allem ist man dabei allein. Und muss es auch sein, sonst könnte man die innere Stimme nicht hören, die einen da durchführt. Das heißt aber auch, konfrontiert zu werden mit Zweifeln, Ängsten, Schüchternheiten. In dieser Hinsicht ähnelt das Schreiben der Liebe. Es ist immer persönlich. Und es geht nicht ohne Mut. Man muss schon bereit sein, etwas zu geben, und wagen, sich zu zeigen.

Aber natürlich kommt da zwischendurch mal die Frage auf: Warum mache ich das überhaupt? Es gibt doch schon genügend Texte auf der Welt! Ich will nicht verhehlen, dass ich auch diesen Essay zeitweilig verfluchte. Dass mir sogar die Idee kam, den Chefredakteur zu bitten, die Anzeigen einfach dorthin zu platzieren, wo mein Text eingeplant war. Und »gut is’«, wie man im Norden sagt. Wobei dann wahrscheinlich gar nichts gut gewesen wäre.

Der Text hätte mich vermutlich verfolgt. Wir kennen es aus Märchen: Man muss den Drachen schon töten. Oder zumindest: austricksen.

Außerdem gibt es ja auch die Tagseiten des Schreibens: den Aufbruch, die Lust und das Versprechen, das es mit sich bringt. Wenn ich als Journalistin unterwegs bin, um zu recherchieren, erlebe ich die Dinge meist viel bewusster und intensiver. Ich schaue genauer hin, hinterfrage mehr, tauche tiefer ein. Das ist ein Geschenk. Fast schon wie eine eigene Art, durch die Welt zu gehen – mit einem zusätzlichen Antrieb, einer Motivation extra im Gepäck. Ich möchte etwas verstehen, erfassen. Das ist das Gegenteil von Gleichgültigkeit und sehr lebendig.

Mit dem Schreiben lässt sich ein Stück Leben einfangen

Manchmal stöbere ich in alten Notizbüchern, in die ich auf Reportage-Reisen meine Gedanken und Erlebnisse geschrieben habe. Und das Abgefahrene ist: Sie sind wie kleine Zeitkapseln. Beim Lesen bin ich sofort wieder vor Ort. Laufe durch ein kalabrisches Bergdorf, bei 41 Grad im Schatten, das wie ein Geisterdorf erscheint, weil sich dort mittags alle vor der Hitze verschanzen. Ich sehe Felder flirren, höre Zikaden schreien. Ein anderes Mal bin ich auf einem Kutter in Nordnorwegen, rieche das Meer, den Diesel, das Blut frisch geschlachteter Fische, spüre das Schaukeln der Wellen, höre die Stimmen derer, mit denen ich unterwegs war, sehe ihre Gesichter.

Das ist das Schöne am Schreiben: dass man damit etwas zu bewahren, zu konservieren vermag. Im Funkeln des jeweiligen Augenblicks. Es ist, als könnte man damit ein Stück Leben einfangen, herausfischen aus dem Strom der Zeit. Und anschließend in aller Ruhe betrachten, was sonst vielleicht bloß vorbeigerauscht wäre. Gerade diese Möglichkeit der Verlangsamung hilft einem später beim Gewahrwerden.

Bei jenem Teil der Arbeit sitzt man meist wieder zu Hause am Schreibtisch, vor seinen Unterlagen und Gedanken – einem verheißungsvollen Durcheinander, das es erst einmal zu sortieren gilt, aus dem man herausarbeiten muss, worauf es ankommt oder was Geschehnisse einem zu sagen haben. Im Schreiben selbst mischen sich für mich Denken und Fühlen. Und der dazugehörige Prozess ist durchaus körperlich: Ich nehme das Material in mich auf, verarbeite es, filtere es in meinem Inneren, schaue, lausche, trenne Nützliches von Unnützlichem. Oft helfen mir dabei handschriftliche Notizen und Skizzen.

Zwischendurch jedoch funken immer wieder die Nachtseiten hinein: weil ich mich verirre. Weil Wege sich als Sackgassen erweisen. Weil es länger dauert oder man nicht alles voraussehen kann. Weil Sätze noch nicht richtig erscheinen, geschweige denn geschmeidig. Weil die Deadline tickt und auch die Muse sich nicht blicken lässt, sondern mich weiterschuften lässt. Fast als würde sie prüfen, wie ernst ich es meine.

Das alles kann ziemlich ungemütlich sein. Weil man wieder und wieder in seinem Material wühlen muss, weitersuchen und loslassen im Wechselspiel. Doch dann, irgendwann, geschieht etwas … Meist ebenso verlässlich wie die Dämonen, die aus dem Unterholz kriechen, kommt irgendwann das Gefühl auf, etwas auf der Spur zu sein, das sich wirklich lohnen könnte. Und genau das ist es auch, was mich an all dem festhalten lässt. Erst ist es noch ganz leise, dann wird es langsam lauter. Ich glaube, es hat mit Erkenntnis und Hoffnung zu tun.

Denn auf einmal tun sich Wege auf. Auf einmal lichtet sich der Nebel. Auf einmal ergeben Dinge Sinn. Plötzlich entdeckt man Zusammenhänge, die man vorher vielleicht nicht einmal ahnte, oder findet seine ganz eigene Stimme im Gemurmel der Welt. Man kann sich Sachen erklären und sie beschreiben. Man gewinnt Klarheit und dieses ruhige, oft heitere Gefühl, nach dem man sich gesehnt hat. Es sind die Momente, in denen man überhaupt nicht mehr allein ist, sondern sich verbunden fühlt. Es ist ein bisschen wie Sternschnuppen sehen. Als würde sich etwas öffnen und weiten. Als würde man ein Rätsel lösen oder daran teilhaben.

Der Lohn? Sternschnuppen und ein beschrittener Weg

Manchmal kommt man beim Schreiben auch in Zustände des Flows, in denen alles mühelos erscheint, ein Satz nach dem anderen aufs Blatt schwebt. In diesen Momenten sind die vorherigen Qualen meist längst wieder vergessen.

Denn das ist der Lohn für die Mühen: der beschrittene Weg. Etwas erfasst, geschafft, aber auch geschaffen zu haben. Nichts anderes steckt im Grunde hinter dem Begriff »Autorin«, was so viel wie Urheberin, Verfasserin oder Schöpferin heißt. Man hat etwas in die Welt gesetzt, das man auch gern teilt. Und auf dem Weg, mit Glück, ein paar Sternschnuppen gesehen. Sie vielleicht sogar einen Moment lang in den Händen gehalten. •

[LEKTÜRE]

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MARIO VARGAS LLOSA

Briefe an einen jungen Schriftsteller

SUHRKAMP, 2004 Der Nobelpreisträger für Literatur denkt über das Schreiben nach und ermutigt dazu.

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STEPHEN KING

Das Leben und das Schreiben

HEYNE, 2011 Der Bestsellerautor erzählt von seinem Leben und Schreiben, anschaulich, leidenschaftlich und mit vielen konkreten Tipps.