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IM GESPRÄCH: Der Herzensbildner


natürlich gesund und munter - epaper ⋅ Ausgabe 6/2018 vom 25.10.2018

Eine globale Ethik für eine globalisierte Welt: das strebt das geistliche Oberhaupt der Tibeter an. Der Dalai Lama setzt dabei weniger auf Religion als auf eine Erziehung zum Frieden.


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Bildquelle: natürlich gesund und munter, Ausgabe 6/2018

Tenzin Gyatso, der XIV. Dalai Lama, ist ein viel beschäftigter Mann. Nicht nur in seinem Exil in Indien, sondern auch bei Reisen in der ganzen Welt verkündet das Oberhaupt der Tibeter seine Botschaft von innerem und äußerem Frieden, von Verständigung und Nachhaltigkeit. Aber es gibt einen Mann in Deutschland, der den Weitgereisten mit dem vollen Terminkalender immer wieder getroffen hat, drei Dutzend Mal insgesamt: der ...

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... Journalist Franz Alt. Als „natürlich gesund und munter“ vor einem halben Jahr Franz Alt selbst zum Interview traf („Der Energieträger“, Heft 3/18) und zu seinem Engagement für eine bessere Welt befragte, erzählte er, wie er Anfang der Achtziger für die ARD in Tibet recherchiert hatte. Den Film über diese Recherche konnte er 1982 dem Dalai Lama bei dessen erstem Besuch in Deutschland persönlich vorführen: der Beginn seiner engen Bekanntschaft mit dem Friedensnobelpreisträger, aus der zuletzt das von Alt herausgegebene Buch „Der Appell des Dalai Lama – Ethik ist wichtiger als Religion“ (Benevento) hervorging. Kürzlich war der spirituelle Lehrer, den nicht nur Buddhisten verehren, wieder in Europa unterwegs, um mit Wissenschaftlern zu diskutieren und mit Anhängern gemeinsam zu meditieren. Als Franz Alt vorschlug, ein Gespräch mit dem Dalai Lama für „natürlich gesund und munter“ über Fragen einer globalen Ethik zu führen, hat die Redaktion nicht gezögert. Wie sich zeigte, ist Seine Heiligkeit, inzwischen 83 Jahre alt, auch nach dem Rückzug aus der politischen Arbeit 2011 als politischer Denker nicht in den Ruhestand gegangen.

Franz Alt: Wir leben derzeit in einer Welt, in der jeder zuerst nach seinem eigenen Vorteil fragt, allen voran der US-Präsident mit der Parole „America first“. Erleben wir eine Zeit des neuen Egoismus?
Dalai Lama: Wenn der Präsident der Vereinigten Staaten „America first“ sagt, dann macht er seine Wähler glücklich. Das kann ich verstehen. Aber aus globaler Sicht ist diese Aussage nicht relevant. In der globalen Welt hängt heute alles mit allem zusammen. Amerikas Zukunft hängt auch von Europa ab und Europas Zukunft auch von den asiatischen und afrikanischen Ländern. Die neue Realität ist, dass alles mit allem verbunden ist. Die USA sind die führende Nation der freien Welt. Deshalb sollte der USPräsident mehr nachdenken über das, was für die ganze Welt relevant ist.

Müsste ein zeitgemäßes Motto also eher heißen: „Make the planet great again“?
Sicher! Die USA sind noch immer sehr mächtig. Das Motto der Vorfahren der heutigen Amerikaner war Demokratie, Frieden und Freiheit. Die totalitären Regimehaben keine Zukunft. Die USA sollten sich als Führungsmacht eng mit Europa verbünden. Ich bin ein Bewunderer der Europäischen Union. Sie ist ein großes und vorbildliches Friedensprojekt. Der Präsident der USA braucht eine Vision. Leider hat Donald Trump den Austritt der Vereinigten Staaten aus dem Pariser Klimaabkommen verkündet. Dafür hat er sicher seine Gründe. Aber ich unterstütze diese Gründe nicht.

Der XIV. Dalai Lama

Lhamo Dhondup ist der Geburtsname des Bauernsohns, Jahrgang 1935, aus dem Nordosten Tibets. Als kleines Kind wurde er als Wiedergeburt des XIII. Dalai Lama anerkannt und 1940 in Lhasa als geistliches Oberhaupt Tibets inthronisiert. Während der Ausbildung im buddhistischen Kloster nahm er den Mönchsnamen Tenzin Gyatso an.

Nach der Besetzung Tibets durch China 1950 wurde er auch zum weltlichen Oberhaupt des Landes ernannt. In den folgenden Jahren bemühte er sich, mit der chinesischen Führung zu verhandeln und die vollständige Annexion zu verhindern. Nach dem tibetischen Aufstand 1959 floh der Dalai Lama ins Exil im indischen Dharamsala. 1989 wurde er für seinen gewaltlosen Kampf für ein autonomes und demokratisches Tibet mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet.
www.dalailama.com

Können die Religionen helfen, die Spaltung zwischen Völkern und Nationen, auch die zwischen Arm und Reich zu überwinden?
Ja, zu einem gewissen Grad. Grundsätzlich sollten religiöse und nicht religiöse Menschen heute zusammenarbeiten. Die Religion allein schafft es aber nicht, diese Spaltungen zu überwinden. Mein favorisiertes Konzept ist die Herzensbildung und die Herzenserziehung – das, was ich in unserem gemeinsamen Buch „die säkulare Ethik jenseits aller Religionen“ nenne. Damit meine ich: die Einheit der Menschheit und globales Denken über die Zukunft der Welt. Bei der Klimaerhitzung oder bei der globalen Wirtschaft gibt es keine nationalen Grenzen. Auch keine religiösen Grenzen. Jetzt ist die Zeit gekommen, zu verstehen, dass wir EINE Menschheit sind und auf EINEM Planeten leben. Ob wir es wollen oder nicht: Wir müssen miteinander leben. Geschwisterlich zusammenleben ist der einzige Weg zu Frieden, Mitgefühl, Achtsamkeit und mehr Gerechtigkeit.

Das ist der globale Blick auf die Welt. Gilt dies aber auch für jeden Einzelnen?
Wenn wir voller Hass, Angst und Zweifel sind, bleibt die Tür zu unserem Herzen verschlossen, und jeder kommt uns verdächtig vor. Das Traurige ist, dass wir dann den Eindruck bekommen, andere wären genauso misstrauisch uns gegenüber. So wird die Distanz zwischen uns selbst und den anderen immer größer. Diese Spirale fördert Einsamkeit und Frustration. Wenn wir aber friedlich zusammenleben, arbeiten sogar unsere Körperzellen besser. Ein aggressives Gemüt bringt auch unseren Körper ins Ungleichgewicht. In Unfrieden mit sich und anderen zu leben, ist nicht intelligent und nicht gesund. Über die Entwicklung unserer inneren Werte besteht aber auch immer die Möglichkeit, dass wir glückliche Menschen werden, eine glückliche Familie haben und in einer glücklichen Gesellschaft leben.

Ist dies nicht eine unrealistische Utopie angesichts der vielen Probleme, die wir derzeit erleben? Heute sind Egoismus und Nationalismus doch überall zu beobachten – auch in Europa.
Neo-Nationalismus ist ein ernstes Problem in vielen Nationen. Es ist zunächst einmal logisch, dass die vielen Nationen sich um ihre eigenen Belange kümmern. Dennoch ist die Europäische Union ein gutes Beispiel für eine gelungene internationale Zusammenarbeit. Nach Jahrhunderten der Kriege und des gegenseitigen Abschlachtens hat in den letzten 60 Jahren kein einziges Land der Europäischen Union gegen ein anderes Krieg geführt. Die Geschichte lehrt uns: Wenn Menschen nur ihre nationalen Interessen verfolgen, gibt es Streit und Krieg. Das ist kurzsichtig und engstirnig. Das ist überholt. Die Zukunft einzelner Nationen hängt immer auch von den Nachbarn ab – davon, dass es auch ihnen gut geht. Das ist heute anders als in der Vergangenheit. Die einzelnen Nationen müssen sich auch um ihre Nachbarn kümmern. Das ist die neue Realität unserer Zeit.

Ihre Heimat ist Tibet. Heute leben Sie in Indien als Flüchtling. Welche Erwartungen haben Sie an die Länder, die heute vor großen Herausforderungen stehen, Flüchtlinge aufzunehmen?
Die Politik muss Mitgefühl für Menschen in Not zeigen. Migranten dürfen nicht diskriminiert werden. Ein paar Tausend Flüchtlinge jedes Jahr sind kein Problem für die reichen Länder. Deutschland hat in den letzten drei Jahren sogar mehr als eine Million Flüchtlinge aufgenommen, was ich sehr begrüße. Aber eine Million geht nicht jedes Jahr. Die reichen Länder haben die moralische Pflicht, Flüchtlingen Unterkunft, Nahrung und Bildung anzubieten. Auf lange Sicht aber sollten sie zurückkehren und ihre Heimat aufbauen. Die junge Flüchtlingsgeneration kann in den Industrieländern Berufe und neue Technologien lernen. Reiche Länder wie Deutschland können so konkrete Entwicklungshilfe leisten. Nehmen Sie die 100 000 tibetischen Flüchtlinge, die mit mir nach Indien geflohen sind. Die Mehrheit von ihnen will gar nicht dauerhaft außerhalb Tibets leben. Niemand verlässt freiwillig für immer seine Heimat.


»Mit dem Verstand allein kommen wir nicht zur Vernunft. Was wir brauchen, ist eine Erziehung des Herzens. «


Vor einiger Zeit sagten Sie, Ihre Hoffnung sei, dass eines Tages an Schulen und Universitäten „nicht nur Wissen, sondern auch Herzensbildung“ vermittelt wird. Was meinten Sie damit?
In wenigen Worten: Nächstenliebe, Wertschätzung, Mitgefühl, Gerechtigkeit, Hingabe, Verständnis, Toleranz und Friedensarbeit. Diese Erziehung zur Herzensbildung ist notwendig, vom Kindergarten bis zur Universität. Ich meine, wir brauchen eine Ausbildung für soziales, emotionales und ethisches Lernen. Wir brauchen heute eine weltweite Initiative, um unser intellektuelles Denken mit den emotionalen Bedürfnissen unserer Herzen zu verbinden. An der Universität Atlanta (USA) starteten wir ein solches Projekt mit sehr guten Ergebnissen: Die Studenten hatten sehr viel weniger Stress, waren weniger aggressiv und konnten bessere Leistungen erreichen.

Im alltäglichen Leben hat man jedoch den Eindruck, dass dieser Raum zur Herzensbildung eher unterentwickelt ist. Welche Möglichkeiten sehen Sie hier für unsere weitere Zukunft?
Unsere heutige Bildung ist hauptsächlich an materiellen Werten und an Verstandesbildung orientiert. Aber die Realität zeigt, dass wir mit dem Verstand allein nicht zur Vernunft kommen. Wir sollten größeren Wert auf innere Bildung und auf moralische Werte legen. Die Religionen allein reichen dafür nicht mehr. Jetzt ist eine globale säkulare Ethik wichtiger als die klassischen Religionen. Wir benötigen eine globale Ethik, die sowohl gläubige wie nicht gläubige Menschen, also auch Atheisten, akzeptieren können. Ganz aktuell sieht man das in Burma, wo die buddhistischeMehrheit Gewalt gegen die muslimische Minderheit verübt. Dahinter steckt ein Mangel an inneren Werten. Deshalb haben die Religionen an Überzeugungskraft verloren. Intoleranz ist immer der falsche Weg. Sie führt zu Hass und Spaltung.

Eine neue Ethik für Bildung und Erziehung also?
Schon unsere Kinder sollten mit der Idee aufwachsen, dass für jegliche Konflikte Dialog und nicht Gewalt der beste und praktikabelste Weg zur Lösung ist. Die jungen Generationen haben die große Verantwortung, sicherzustellen, dass die Welt ein friedvollerer Ort für alle wird. Das kann aber nur Wirklichkeit werden, wenn unser Bildungssystem nicht nur das Gehirn ausbildet, sondern auch das Herz. Das Bildungssystem der Zukunft sollte auf der ganzen Welt mehr Wert darauf legen, menschliche Kräfte wie Herzenswärme und Liebe zu stärken. Der eigentliche Sinn unseres Lebens, den wir alle verfolgen, ob mit oder ohne Religion, ist es, glücklich zu sein. /Das Gespräch führte Franz Alt.


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