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IM GESPRÄCH: Hoffnungsträgerin


natürlich gesund und munter - epaper ⋅ Ausgabe 5/2018 vom 23.08.2018

Im Krieg gibt es Verletzungen, die man nicht sieht. Die TraumapädagoginMinka Straube widmet sich diesen seelischen Wunden und hilft Kindern in Krisengebieten, neues Zukunftsvertrauen zu entwickeln.


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Bildquelle: natürlich gesund und munter, Ausgabe 5/2018

Irgendwann hatte die Lehrerin Minka Straube das Gefuhl, das Leben halte noch eine andere Aufgabe fur sie bereit. Und als ihr Mann, Arzt und Therapeut, gefragt wurde, ob er eine Zeitlang als Freiwilliger fur die Organisation „Freunde der Erziehungskunst Rudolf Steiners“ nach Gaza gehen wurde, ging sie an seiner Stelle. Das war der Anfang ihrer traumatherapeutischen Arbeit mit Kindern und Jugendlichen, die ...

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... sie immer wieder in das palastinensische Autonomiegebiet gefuhrt hat, aber auch nach Fukushima, Nepal, in den Libanon, auf die Philippinen und in die Lager auf der Insel Lesbos. Als wir sie treffen, ist sie gerade aus dem Irak zuruckgekehrt. Schon 14 Mal war sie dort als Traumapadagogin im Einsatz. Eine Arbeit, die dringend notwendig ist: Im Nord-Irak wuteten die Terrormilizen des „Islamischen Staats“ (IS) grausam unter der Volksgruppe der Jesiden: Mehr als 400000 von ihnen wurden vertrieben, mehr als 5000 Manner und Jungen ermordet, mehr als 7000 Frauen und Kinder entfuhrt – viele Tausend werden bis heute vermisst. Auch die Uberlebenden sind gezeichnet. Minka Straube hilft den Kindern auf den Weg der seelischen Heilung.

natürlich gesund und munter: Frau Straube, Sie kommen gerade aus dem Irak zurück. Erzählen Sie uns von Ihren Eindrücken dort.

Minka Straube: Im Irak arbeiten wir hauptsachlich mit jesidischen Fluchtlingen, die nach dem Volkermord durch den IS im August 2014 uber die Berge gefluchtet sind und in verschiedenen Lagern gesammelt wurden. Diese Menschen haben schreckliche Dinge erlebt, Erwachsene wie Kinder. Sie sind durch Flucht, Vergewaltigungen, Mord, Hunger, Verlust der Heimat schwer traumatisiert. Sie leben ohne Perspektive in ganz bitteren Verhaltnissen.

Bleibt in einem solchen Umfeld überhaupt Raum für eine wirkungsvolle Trauma-Arbeit?

Ein traumatisiertes Kind braucht 24 Stunden am Tag eine Betreuung, die sich ganz auf das Kind einlasst, die sein Verhalten einschatzen kann, die erkennen kann, diese Auffalligkeit oder diese Krankheit kann man zuruckfuhren auf das erlebte Trauma. Uberall, wo wir langer hingehen, grunden wir Kinderschutzzentren. Wir schulen lokale Mitarbeiter, die pro Tag 300 bis 350 Kinder betreuen, denn wenn wir wirkungsvoll arbeiten wollen, mussen wir den Kulturkreis dieser Kinder verstehen. Die Mitarbeiter, die wir haben, kennen das Leben im Lager, meist leben sie selbst im Lager und wissen, womit die Kinder zu tun haben.

Was gibt Ihnen die Kraft, immer und immer wieder in diese Krisenregionen zu fahren?
Wenn wir mit den Kindern arbeiten, spielen wir mit ihnen, wir malen mit ihnen, wir musizieren mit ihnen, wir bringen wieder Licht in ihr Leben, zumindest fur ein paar Stunden. Und was sie einem zuruckgeben, sind blitzende Augen, ein Lachen, eine Umarmung, einfach dieses „Hey Minka, bist du wieder da!“. Die Kinder erkennen, wir sind der Minka nicht egal, sie kommt wieder, obwohl die Bedingungen hier schlimm sind und wir vielleicht auch nicht ganz einfach sind. So fassen die Kinder wieder Vertrauen in eine Beziehung, konnen Dinge annehmen – oder zumindest zuhoren, wenn ich etwas sage, was ihnen fremd ist. Das ist ganz viel.

Ist das also auch Erziehungsarbeit?
In der Trauma-Arbeit geht es zunachst darum, verlassliche Beziehungen zu entwickeln. Das Zweite ist der sichere Ort, sowohl der au.ere wie auch der innere, ein Ort, wo man wei., hier kann mir nichts passieren. Dann geht es um Rhythmus, denn gerade den haben viele dieser Kinder vollig verloren: Es gab weder einen korperlichen, also regelma.ig Schlaf und Essen, noch einen seelischen Rhythmus. Und naturlich ist es Freude, die heilt. Und erst dann kommen Struktur und Rituale dazu, dann lernen sie, mit Grenzen umzugehen, dann kommt Konfrontation dazu, fordern und fordern. Wenn ein Kind wieder fahig sein soll, mit seinem Alltag klarzukommen, kann ich ihm eben nicht immer nur Freude machen, ich muss auch mal sagen, bis hierher und nicht weiter. Oder sagen, ich finde dein Verhalten uberhaupt nicht adaquat – aber lass mal gucken, wo du eigentlich hinwillst.

Klingt nach viel Hinwendung, Geduld und Arbeit.
Schwersttraumatisierte leben in diesem tiefen Schock. Es ist sehr schwierig, aber wenn ich anfange, mit ihnen zu arbeiten, dann kann ich in kleinen Schritten eine Zukunftsperspektive entwickeln und Verhalten einuben. Zum Beispiel kann ich fragen: „Sag mal, was wollen wir denn heute Abend kochen? Was wurdest du gern am Wochenende machen?“ Und es ist wichtig, das auch zu machen, denn sonst bestatigt man ihre Vermutung, es sei doch am sichersten, einfach nichts zu verandern.

Gibt es dabei regionale Besonderheiten?
Wenn ich Kinder und Jugendliche aus dem arabischen Raum frage, wie sie ihre Zukunft sehen, dann gucken die mich an und zucken mit den Schultern. Dieser Kulturkreis hat ein ganz anderes Bewusstsein von Vergangenheit und Zukunft als unserer. Die Kinder und Jugendlichen leben wesentlich mehr im Jetzt – auch ein Grund, warum sie immer zu spat kommen, denn alles was Jetzt ist, ist zunachst wichtiger. Und der Begriff Zukunft ist fur die meisten ganz schwer fassbar. Allerdings ist es ohnedies schwierig, mit traumatisierten Menschen uber die Zukunft zu sprechen, denn der Tunnelblick nach der Trauma-Erfahrung ist ja nur noch auf das Uberleben ausgerichtet: Wo bekomme ich was zu essen, wo kann ich schlafen. Da ist gar kein Raum, sich zu uberlegen, was die nachste Woche bringt.

Frau Straube, Sie haben in vielen Krisengebieten mit traumatisierten Kindern und Jugendlichen gearbeitet. Welche Erfahrungen haben Sie daraus für die Trauma-Arbeit in Deutschland gewonnen?
Egal woher ein Mensch kommt, es geht darum, ihn als solchen wahrzunehmen und anzusprechen. Es sollte nicht darum gehen, ihn uber sein Verhalten zu beurteilen. Denn wenn ich nur feststelle, der ist aggressiv, der ist hyperaktiv, der ist depressiv, dann schaue ich auf die Symptome und nicht auf die Ursachen. Eigentlich musste der Begriff Trauma in die Lehrerausbildung integriert werden.

Warum?
Nicht nur die Kinder, die Flucht oder Krieg erfahren haben, mussen ihr Trauma uberwinden. Auch eine Verlusterfahrung ist eine Art des Traumas, zum Beispiel, die Eltern lassen sich scheiden, oder sie sterben einfach zu fruh. Ich habe ja lange als Lehrerin gearbeitet, und ich bin uberzeugt, dass jeder Lehrer, jeder Erzieher, jeder, der mit Kindern zu tun hat, in einer gewissen Art und Weise wissen muss, was ein Trauma ist und wie ich als Erwachsener mit diesem Kind oder Jugendlichen umgehe, der „aus der Reihe fallt“, der Aufmerksamkeitsdefizite hat oder hyperaktiv ist.


« Egal woher ein Mensch kommt, es geht darum, ihn als solchen wahrzunehmen und anzusprechen. »


Also keine Medikamente bei schwierigen Schülern?
Psychopharmaka fur hyperaktive Kinder sind keine Losung. Ich hatte Schuler, die Ritalin bekamen und zu mir sagten, ich wei. nicht mehr, wer ich bin. Naturlich ist es bequem, das Kind ruhigzustellen – und manchmal ist es anders ja auch kaum auszuhalten. Aber ich glaube, dass diese Kinder andere Fahigkeiten entwickeln, die Welt anders wahrnehmen als wir. Die Chance liegt darin zu sehen, dass in solchen Kindern spezifische Fahigkeiten schlummern, und zu lernen, diese zu erkennen und damit umzugehen.

Das Thema Trauma wird seit einigen Jahren im Zusammenhang mit unseren Kriegserlebnissen in Europa thematisiert. Wie denken Sie darüber?
Das ist ja fast schon zu einem Modebegriff geworden. Fruher war jeder gestresst, heute hat jeder sein Trauma. Trotzdem bin ich sehr froh, dass solche Themen endlich mal zur Sprache kommen, denn tatsachlich gibt es bis heute auch in Deutschland sehr viele Menschen, die von einem Kindheitstrauma belastet sind. Man muss nur schauen, wie meine Generation von ihren Eltern erzogen wurde. Die haben den Krieg mitgemacht, Unterdruckung, Willkur, Judenverfolgung. Ich selbst habe von meiner Mutter den Satz „was sollen die Leute denken“ mitbekommen. Dieser Satz hat mich begleitet, die ganze Kindheit und Jugend uber, auch im Erwachsenenalter noch – bis ich mich irgendwann gefragt habe, woher kommt dieser Satz eigentlich? Da habe ich erkannt, dass dieser Satz in der Nazizeit ein Uberlebenssatz war. Denn es war entscheidend, was die Leute dachten. Wenn die Nachbarn namlich vermuteten, man tate etwas Schlimmes, konnte man abgeholt werden oder sonst irgendwas. Und ich glaube, dass wir alle einen solchen Satz von unseren Eltern mitgenommen haben und mit uns herumtragen, der uns oft veranlasst, Dinge zu tun, die von uns erwartet werden, aber nicht gut fur uns sind.

Was sind die Folgen?
Ein Ergebnis ist dieses Leben im marktwirtschaftlichen Materialismus, der alle menschlichen Emotionen fur unwichtig erklart und verdrangt hat. Es war wichtig, dass man etwas Gescheites lernte, es war wichtig, dass man etwas erreichte, und es war wichtig, was die Leute dachten. Und das ist ein transgeneratives Trauma, das wir mit uns herumtragen.

Und welche Schlüsse ziehen Sie daraus?
Mal zu schauen, was ist denn in meiner eigenen Biografie gewesen? Und was habe ich eigentlich aus meiner Kindheit und Jugend mitgenommen? Sich dann auch mal zu erklaren, warum die Mutter den Vater so behandelt hat oder umgekehrt. Offen fur diese Wahrnehmungen zu werden und daraus dann ein anderes Verstandnis fur die Eltern zu entwickeln. Wenn man sich vor all diesen Fragen nicht scheut, so wird man erkennen, mit welchen „Leitsatzen“ man lebt, und welche „Schocks“, welche „Traumata“, kleine und gro.ere, das eigene Leben gepragt haben oder bis heute pragen. Es ist immer gut, wenn die Kulissen aufgemacht werden.
/Das Gespräch führte Dr. Frieder Stein.

Minka Straube

Die Pädagogin Minka Straube lebt nahe Bremen – wenn sie sich nicht gerade in Krisengebieten aufhält. Vor ihrer Ausbildung zur Traumapädagogin hat sie mehr als zwei Jahrzehnte als Waldorf-Lehrerin in Herne gearbeitet. Sie ist außerdem unter anderem ausgebildeteHeilpraktikerin für Psychotherapie. Die Mitgründerin des Internationalen Instituts für Notfall- und Traumapädagogik (iintp) arbeitet für die „Freunde der Erziehungskunst“ mit traumatisierten Kindern und Jugendlichen in aller Welt.

www.iintp.info www.freunde-waldorf.de/ notfallpaedagogik/


Fotos: Katrin Dugaro Carrena; serkansenturk, AhmadSabra, AnjoKanFotografie/alle iStock.com

Fotos: Katrin Dugaro Carrena; Jedraszak, warioman/beide iStock.com