Bereits Kunde? Jetzt einloggen.
Lesezeit ca. 8 Min.

IM GESPRÄCH MIT: M. NIGHT SHYAMALAN: SPLITTER IM KUCKUCKSNEST


deadline - das Filmmagazin - epaper ⋅ Ausgabe 73/2019 vom 16.01.2019
Artikelbild für den Artikel "IM GESPRÄCH MIT: M. NIGHT SHYAMALAN: SPLITTER IM KUCKUCKSNEST" aus der Ausgabe 73/2019 von deadline - das Filmmagazin. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: deadline - das Filmmagazin, Ausgabe 73/2019

ZU GLASS


DEADLINE: Ist GLASS ein Superheldenfilm?
M. NIGHT SHYAMALAN: Von der Grundidee her ja. Aber er geht in eine ganz eigene Richtung von da. Als ich Disney meine Idee zu diesen Filmen vorgestellt habe, habe ich sie gebeten, sich vorzustellen, wie es wäre, wenn diese ganzen Marvel-Helden Realität und ein Teil unserer Gesellschaft wären. Es ist unsere Welt. Niemand fliegt oder schießt Laserstrahlen aus den Augen, es gibt keine Raumschiffe. Die Frage für meine Filme ist: Kann eine Mutter ein Auto von ihrem verunglückten Kind heben? Es gibt diese Gerüchte und Theorien, dass wir in Extremsituationen, ...

Weiterlesen
epaper-Einzelheft 5,99€
Bereits gekauft?Anmelden & Lesen
Leseprobe: Abdruck mit freundlicher Genehmigung von deadline - das Filmmagazin. Alle Rechte vorbehalten.

Mehr aus dieser Ausgabe

Titelbild der Ausgabe 73/2019 von 75 PERSÖNLICHES FÜRWORT. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
75 PERSÖNLICHES FÜRWORT
Titelbild der Ausgabe 73/2019 von GONOGO!. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
GONOGO!
Titelbild der Ausgabe 73/2019 von ELIZABETH HARVEST. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
ELIZABETH HARVEST
Titelbild der Ausgabe 73/2019 von TITELSTORY: WER SUCHT, DER FINDET SEBASTIAN GUTIERREZ. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
TITELSTORY: WER SUCHT, DER FINDET SEBASTIAN GUTIERREZ
Titelbild der Ausgabe 73/2019 von WORTWECHSLER MIT ROBERT RODRIGUEZ: ALITA BATTLE ANGEL. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
WORTWECHSLER MIT ROBERT RODRIGUEZ: ALITA BATTLE ANGEL
Titelbild der Ausgabe 73/2019 von WORTWECHSLER MIT DIEDERIK VAN ROOIJEN: THE POSSESSION HANNAH GRACE. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
WORTWECHSLER MIT DIEDERIK VAN ROOIJEN: THE POSSESSION HANNAH GRACE
Vorheriger Artikel
WORTWECHSLER MIT M. NIGHT SHYAMALAN: GLASS
aus dieser Ausgabe
Nächster Artikel WORTWECHSLER MIT TYLER LABINE: ESCAPE ROOM
aus dieser Ausgabe

DEADLINE: Ist GLASS ein Superheldenfilm?
M. NIGHT SHYAMALAN: Von der Grundidee her ja. Aber er geht in eine ganz eigene Richtung von da. Als ich Disney meine Idee zu diesen Filmen vorgestellt habe, habe ich sie gebeten, sich vorzustellen, wie es wäre, wenn diese ganzen Marvel-Helden Realität und ein Teil unserer Gesellschaft wären. Es ist unsere Welt. Niemand fliegt oder schießt Laserstrahlen aus den Augen, es gibt keine Raumschiffe. Die Frage für meine Filme ist: Kann eine Mutter ein Auto von ihrem verunglückten Kind heben? Es gibt diese Gerüchte und Theorien, dass wir in Extremsituationen, die uns emotional an die Grenze bringen, zu übermenschlichen Handlungen imstande sind. Die Frage ist, ob wir diese Personen dann auch als »Superhelden« bezeichnen. In allen Vorgesprächen zu den Filmen war es mir sehr wichtig, diesen Ansatz deutlich klarzumachen. Ich wollte nicht, dass sie meine Filme zu Marvel-Filmen machen wollen. Die Gespräche um das Poster zu GLASS sind das perfekte Beispiel dafür. Zunächst machten sie einen Vorschlag, der sehr nach einem klassischen Superheldenfilm aussah, worauf sie sehr stolz waren – das wollte ich aber auf keinen Fall, denn wir haben einen ganz anderen Film gemacht. In meinem Film geht es um drei Leute, die erst mal nur zu denken scheinen, sie seien Superhelden. Sie sind in einem Krankenhaus, weil man glaubt, dass sie Psychosen haben. Deswegen sieht man auf dem Poster drei scheinbar normale Menschen auf Stühlen, die denken, sie seien etwas anderes. Dieser Unterschied ist sehr wichtig. Bei Marvel gibt es immer unglaubliche Effekte, CGI, viel Bewegung – in meinem Film sieht man auch mal 30 Sekunden lang, wie jemand einen Kaffee trinkt. Es ist doch cool, einem Superhelden dabei zuzusehen, wie er mit zittriger Hand einen Kaffee trinkt, weil er über etwas nachdenkt. Das ist wunderschön. Die Zerbrechlichkeit des Menschen – ob mit oder ohne besondere Kräfte – ist spannend.

DEADLINE: UNBREAKABLE ist vor 18 Jahren erschienen und wird heute vielleicht sogar mehr geschätzt als damals, wodurch du nun miT SPLIT und GLASS eine Trilogie schaffen konntest. Es ist aber viel Zeit vergangen – wie hat sich dein Stil in der Zwischenzeit verändert, wie siehst du UNBREAKABLE heute?


»DIE ZERBRECHLICHKEIT DES MENSCHEN – OB MIT ODER OHNE BESONDERE KRÄFTE – IST SPANNEND.«


UNBREAKABLE heute?
M. NIGHT SHYAMALAN: Ich merke, wie ich es schaffen kann, das Publikum zu erreichen, wenn ich einen Thriller mache. Wenn die Leute meinen Namen lesen, haben sie ganz bestimmte Erwartungen an den Film, da meine Thriller sehr charakteristisch sind. Inzwischen läuft so viel über den Namen – da muss man immer im Kopf haben, was die Leute mit ihm verbinden. Ich kann nicht hingehen und etwas ganz anderes machen, sie wären verwirrt und enttäuscht. Aber ich schätze das. Es ist selten und eine Ehre, wenn man eine enge Beziehung als Autor zu seinem Publikum hat und es etwas ganz Bestimmtes erwartet, weil es mich – über meine Filme – zu kennen scheint. Das ist in der Literatur noch viel verbreiteter, und die Autoren müssen oft unter Pseudonym schreiben, wenn sie das Genre wechseln wollen. Das geht mir persönlich genauso. Wenn ich ein Buch von Stephen King in die Hand nehme, habe ich ganz bestimmte Erwartungen an das Genre und den Stil, die ich auch erfüllt sehen möchte. Er soll mir lieber nicht mit einer Romanze kommen! (lacht ) Ich verstehe das. Nun, als Erwachsener, verstehe ich das als Privileg. Das Gute an UNBREAKABLE ist, dass es eine neue Geschichte war. Ich habe keinen Stoff von irgendwoher aufgegriffen. Deswegen musste ich mich auch jetzt mit GLASS nicht in eine neue Geschichte einarbeiten oder mir etwas aus den Fingern saugen, sondern konnte an meine eigenen Gedanken, die ich schon damals hatte, ganz einfach wieder anknüpfen.

Dabei spüre ich immer noch einen Handlungsspielraum und gewisse Vielfalt, wenn ich mir SPLIT, THE VISIT, GLASS oder THE VILLAGE ansehe, die doch auch für sich sehr unterschiedlich sind. Würde ich heute UNBREAKABLE noch mal machen, würde ich etwas verändern? Ich versuche, mich über meine Kunst zu verwirklichen, aber gleichzeitig will ich es immer allen recht machen – ich versuche also, Kompromisse mit mir selbst einzugehen. Das ist eigentlich nicht gut. Vielleicht würde ich meinem jüngeren Ich raten, noch mehr von mir selbst und nicht von den Ansprüchen anderer auszugehen. Einen Film zu machen ist ein Prozess der Kreation, der sich langsam steigert. Von Szene zu Szene, von Einstellung zu Einstellung. Die Filme der besten Regisseure haben die stärkste Wirkung in dem Moment, in dem sie gerade vorbei sind. Während du aus dem Kino gehst, arbeitet es immer noch in dir und nimmt dich mit. So ist das auch mit einer Karriere. Man muss nicht immer schauen, wo man gerade ist, und alles sofort wollen. Eine Karriere ist eine Entwicklung, die, wenn man sich selbst treu bleibt, sich ganz natürlich langsam steigert. Man muss sich immer fragen, was einen antreibt. Das mache ich immer noch jeden Tag.

DEADLINE: Du arbeitest besonders gerne mit jungen Filmschaffenden zusammen. Wäre es nicht einfacher, auf erfahrenere Teams zurückzugreifen?
M. NIGHT SHYAMALAN: Theoretisch ja. Aber ich habe selbst sehr jung angefangen, alle waren zwischen 20 und 40 Jahre älter als ich. Und diese Balance hat damals schon funktioniert. Der Jüngere schlägt vielleicht Dinge vor, die der Ältere ablehnt und nie machen würde, aber dann probiert er es aus, und vielleicht klappt es. Auch für den Erfahrenen kann es da noch neue Dinge zu entdecken geben.

Wenn ich nicht mit großer Panik und Anspannung in eine Szene gehe, dann bedeutet das, dass ich nicht richtig drinstecke. Man bleibt immer ein Lernender und steht immer vor Herausforderungen. Erst wenn man richtig Angst hat, weiß man, dass man etwas Bedeutsames macht. Es muss jedes Mal eine einzigartige Erfahrung sein, nie sicher, sonst hat es keinen Sinn. Die neuen Filmemacher haben das. Sie verharren nicht an einer Stelle. Kreativität, etwas zu erschaffen schafft immer Unruhe im Gehirn, denn es bewegt einen. Wenn man nur nach Effizienz sucht, hört man auf, sich weiterzuentwickeln. Man braucht diese innere Unruhe. Man muss immer Dinge neu machen. Und dabei kann ein junges Team helfen. Vielleicht würde ich eine bestimmte Szene in dem gleichen Licht wie eine andere beleuchten. Aber dann schlägt mir jemand etwas ganz anderes vor, und vielleicht stellt es sich als großartige Idee heraus. Natürlich liegt man auch oft falsch, gerade als junger Künstler, aber nur so kommt es zu einem Lernprozess. Ich hab diesen Independentfilm IT FOLLOWS gesehen und wollte sofort genau diesen Kameramann. Ich habe mich mit ihm getroffen, und er wirkte wie ein sehr ruhiger Junge. Ich dachte, dass er der Arbeit an einem so großen Set niemals gewachsen wäre. Damals ging es noch um SPLIT. Er fand UNBREAKABLE toll, und so entschied ich, es einfach mit ihm auszuprobieren. Wir haben inzwischen ein wunderbares Verhältnis zueinander, wir arbeiten so gut zusammen. Er ist einen Monat vor Drehbeginn nach Philadelphia gezogen, nur um mit mir Zeit in Vorbereitung auf den Film zu verbringen. Nicht, weil er mir auf die Nerven gehen, sondern nur, weil er die bestmögliche Arbeit für SPLIT abliefern wollte. Man könnte niemals einen hochbezahlten und -dekorierten Kameramann dazu bringen, einen Monat lang im Vorfeld den Film zu planen, Tag für Tag. Die bekannten Kameramänner sind natürlich großartig, aber sie sind nicht in der Lage, die gleiche Fokussierung und vor allem Zeit einzusetzen. Überhaupt lernt man sich am Set so schnell kennen, dass Altersunterschiede keine große Rolle spielen. Man versteht die Arbeitsweise des anderen, weil die Arbeit so intensiv ist, man wirft da alles von sich hinein.

DEADLINE: Eine deiner größten Stärken ist die Figurenentwicklung. Hattest du Sorge, dass die drei Charaktere und Schauspieler, Bruce Willis, Samuel L. Jackson und James McAvoy, nicht wie geplant harmonieren würden? Willis’ und Jacksons Charaktere trafen ja bereits ausführlich aufeinander, nun wird es aber noch komplexer.
M. NIGHT SHYAMALAN: Ich wusste von Anfang an, dass Samuel und Bruce harmonieren würden. Und niemand außer James hätte seine Rolle spielen können – es gab also gar keine Wahl. Bruce und James sind Entertainer, es fällt ihnen nicht schwer, mit ähnlichen Größen zusammenzuarbeiten. Bruce war damals bei der Premiere von SPLIT, er hat ja diesen Auftritt am Ende des Films. Zu diesem Anlass habe ich zum ersten Mal alle drei gemeinsam gesehen und machte ein Foto von ihnen am Empfang. Da gab es noch gar keine Pläne für GLASS, und trotzdem konnte man schon auf diesem Bild – es steht auf meinem Schreibtisch – erkennen, dass die drei zusammen funktionieren würden. Und dann kommt ja noch Sarah Paulson dazu, die für mich im Moment zu den stärksten Schauspielerinnen gehört, aber bisher nur wenig Chancen bekommen hat, ihr wahres Können zu zeigen. Ich brauchte jemanden, der die drei männlichen Schauspielgrößen so richtig herausfordern würde. Ich brauchte jemanden, der diesen drei Männern etwas beweisen möchte. Zum Glück hat Sarah bei meinem Film mitgemacht.

DEADLINE: Wann ist ein Film für dich ein Erfolg?
M. NIGHT SHYAMALAN: Sehr gute Frage! Wenn ich mir selbst diese Frage stelle, versuche ich, alle Reaktionen von außerhalb zu ignorieren. Ich frage mich dann, was mein Traum wäre, was mich am glücklichsten machen würde. Und das ist, dass, wenn ich mit einem Film, in diesem Fall GLASS, fertig bin, sagen kann, dass ich in jeglicher Hinsicht die Figuren umfassend behandelt habe. Sie müssen zum Leben erwachen, echt und wunderschön sowie komplex sein. Da spielen natürlich viele Faktoren rein: ob ich talentiert bin oder nicht, wie der Prozess verlaufen ist, wie viele Begrenzungen es gab. Das ist für mich die Definition von Erfolg. Alles andere wird auch funktionieren, wenn einem das gelingt.

DEADLINE: Die Opening-Credits haben mich in ihrem Stil an DER EXORZIST erinnert, ebenso wie die Musik. Außerdem war EINER FLOG ÜBER DAS KUCKUCKSNEST eine Inspiration für dich.
M. NIGHT SHYAMALAN: Auf eine Art ist GLASS eine Comic-Variante von EINER FLOG ÜBER DAS KUCKUCKSNEST. Das ist die Stimmung. Ich liebe diesen Film. Er ist eine sehr in die Tiefe gehende Studie über die Menschlichkeit und wie wir andere sehen. Der Geist und der Wille sind sehr wichtig, etwa wenn wir Jack Nicholson sehen, wie er versucht, dieses Ding anzuheben. Er ist ein Held. Er kann es natürlich nicht anheben, aber sagt: Wenigstens habe ich es versucht. Dann läuft er raus aus dem Raum. So ein cooler Typ. Der Komponist von GLASS, West Dylan Thordson, ist ein großartiger Künstler. Er nimmt alles selbst auf, alle Geräusche, alle Töne. Nachdem wir mit dem Dreh fertig waren, ist er mit seinen Mikrofonen in die Psychiatrie gegangen, um Aufnahmen zu machen. Er nahm so eine Indianer-Trommel und spielte auf ihr in der Klinik, wo der Film spielt. Der Hall dieses Klangs könnte also authentischer nicht sein. Das ist verrückt, das ist so cool. Ich habe schon mit James Newton Howard und Hans Zimmer zusammengearbeitet, die natürlich Wahnsinn sind, aber ich glaube nicht, dass sie früh um vier mit einer indianischen Trommel in eine Psychiatrie gehen, um Aufnahmen zu machen. Das ist alles wichtig für den Film. Ein Film ist wie ein Schmuckkästchen, in das jeder, der am Film beteiligt ist, etwas hineinlegt. Große Filmemacher können etwas hineinlegen, genauso ein leidenschaftlicher Komponist. Der Soundtrack zu GLASS ist wirklich brillant, der Komponist hat da intuitiv so viel Mühe und Liebe investiert. So was kann man nicht durchdenken und planen. Entweder hat man solche Ideen, Kraft und so ein Talent in sich oder nicht. Das ist doch verrückt, da improvisiert einer mit einfachen Mitteln, einfach weil er kreativ ist, und steht nun im Wettbewerb mit dem Soundtrack zu einem Marvel-Film, der wieder ganz andere Möglichkeiten hat.

DEADLINE: Vielen Dank für das Interview!

INTERVIEW GEFÜHRT VON LEONHARD ELIAS LEMKE


M. NIGHT SHYAMALAN & LEONHARD ELIAS LEMKE