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Im Land der Langsamkeit


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Bergsteiger - Das Tourenmagazin - epaper ⋅ Ausgabe 12/2022 vom 11.11.2022

Portugals Via Algarviana

Artikelbild für den Artikel "Im Land der Langsamkeit" aus der Ausgabe 12/2022 von Bergsteiger - Das Tourenmagazin. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.
Die Via Algarviana folgt meist alten Wirtschaftswegen und quert auf den 300 Kilometern drei Mittelgebirge.

Die Schnellsten legen die Strecke der Via Algarviana in 38 Stunden zurück. 300 Kilometer und 8000 Höhenmeter. Sie rennen und rennen, und die Pausen sind nicht zum Schlafen da. Nur kurz erholen, flüssige und feste Nahrung aufnehmen, dann weiter. Was die Läufer alles verpassen, wenn sie über die Hügel, durch die Macchie, vorbei an Olivenhainen, Wiesen voller Zistrosen und lichten Wäldern hetzen – vermutlich wissen sie es nicht einmal. Da wären zum Beispiel die Korkeichen. Wer genau hinschaut, sieht aufgemalte Zahlen an ihren Stämmen. Die 1 steht für: 2021 geerntet. Der Landwirt weiß so, dass er die Rinde erst wieder in neun Jahren ernten kann. Wer Korkeichen pflanzt, braucht einen langen Atem. Mindestens 25 Jahre müssen sie alt werden, dann kann man sie zum ersten Mal ernten. »Wirklich gut ist die Ernte aber erst nach weiteren neun Jahren«, sagt Ana Vargues, die im Hinterland ...

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... der Algarve aufgewachsen ist und sich als Tourismusmanagerin darum bemüht, die Schönheit der Landschaft jenseits der Küste bekannter zu machen. Vor allem als Gebiet, das man sich in 14 Etappen erwandern und langsam erschließen kann. »Unser Ansatz bei der Via Algarviana ist ein nachhaltiger. Alle Wege haben schon existiert, wir haben sie nur vernetzt«, sagt sie.

Vielleicht nimmt der Läufer noch die Johannisbrotbäume wahr, die den Weg säumen und deren Früchte – zehn bis zwanzig Zentimeter lange Schoten – im Laufe des Sommers braun werden. Der Johannisbrotbaum ist ein Überlebenskünstler, er braucht wenig Wasser, ihm reichen karge Böden, und er hält Hitze stand. Insofern steht er stellvertretend für die Via Algarviana, die sich in der südlichsten Provinz Portugals 60 bis 90 Kilometer von der Südküste entfernt durch insgesamt drei Mittelgebirge zieht. Man ist gut beraten, den Weitwanderweg im späten Herbst oder im Frühjahr anzugehen, beide Jahreszeiten haben ihren speziellen Reiz.

Wir starten Ende Mai und erkennen gleich am ersten Tag, dass die 24 Kilometer enorm kräftezehrend sind. Wir sind schon zu spät dran im Jahreslauf, März oder April wären die besseren Monate gewesen. Mit Ana Vargues, Anabela Santos und Diogo Trindade haben wir drei Einheimische dabei, die für den Weitwanderweg brennen. Ausgangspunkt der Via Algarviana, der auch unter dem Namen GR 13 firmiert, ist Alcoutim. Der kleine Ort mit seiner maurischen Architektur liegt am Guadiana, einem fast 750 Kilometer langen Fluss, der hier im Süden der Iberischen Halbinsel die Grenze zwischen Portugal und Spanien bildet. Eine Brücke gibt es in Alcoutim nicht (und damit auch keinen Grenzübergang), weshalb hier vor allem unter der Herrschaft des Diktators António de Oliveira Salazar (1932-1968) geschmuggelt wurde, was das Zeug hielt. »Oft arbeiteten die Schmuggler mit der Polizei zusammen, teils stammten sie aus der gleichen Familie«, erzählt Diogo. »Da tat man sich nicht weh.«

Pittoresk und abgehängt

Heute sind beide Länder längst Teil der Europäischen Union, schmuggeln lohnt also nicht mehr. So pittoresk Alcoutim dem Besucher erscheint, es liegt abgehängt im Hinterland. Mindestens drei Autofahrstunden sind es nach Lissabon, mehr als eine nach Faro, der Küstenstadt, die sich um Touristenzulauf nicht zu sorgen braucht. »Die Idee für die Via Algarviana stammt von einer NGO«, erzählt Anabela, die selbst bei der Nichtregierungsorganisation Almargem arbeitet. »Alle Welt will an die Küste, dabei haben wir ein spannendes Hinterland«, sagt sie bei einem Bica, wie ein Espresso in Portugal genannt wird. Er ist dunkelschwarz mit einer samtigen, braunen Crema. Ein starker Start für die erste Etappe, die uns zunächst durch schattige Wege mit Johannisbrotbäumen, Feigenbäumen und Korkeichen führt, später dann in sengender Hitze über Macchie-Landschaft, ohne Schatten. Wilde Kaninchen huschen über die Feldwege und verschwinden eilig im Gesträuch. Goldene Regel für den Weitwanderer im Süden Portugals: immer mehr Wasser mitnehmen, als man glaubt trinken zu können.

Wir sind froh, als wir in der Mittagszeit Isabel Ferreira kennenlernen dürfen. Sie ist Keramik-Künstlerin und wohnt in dem kleinen Ort Cortes Pereiras, Halbzeit der ersten Etappe. Isabel lebt seit 25 Jahren hier, hat das Haus des Großvaters ihres verstorbenen Ehemannes in ein kleines Kunstwerk umgestaltet: Fayencen und Malereien an den Wänden, ein integrierter Verkaufsladen mit selbst gedrehten und bemalten Schüsseln, Tassen und anderen Tongefäßen. Das Zentrum des kleinen Hauses ist aber ihre lichtdurchflutete Werkstatt, in der die 62-Jährige die meiste Zeit des Tages verbringt. »Als ich hier zum ersten Mal herkam, blühten die Pflanzen. Also startete ich mit Pflanzenmotiven«, erzählt sie. Früher lebte sie im Norden Portugals und arbeitete in einer Fabrik. Ist Cortes Pereiras ihr persönliches Paradies? »Es ist eine romantische Idee, hier als Künstler zu arbeiten«, antwortet sie. »Aber es ist ein hartes Leben.« Im Ort sei sie auch nach 25 Jahren noch eine Fremde geblieben, sagt Isabel. Die Leute seien weniger offen als im Norden Portugals, »dort gehört man schnell zur Familie«. Zudem gebe es so gut wie keinen Öffentlichen Nahverkehr, und im Sommer mache ihr die extreme Hitze zu schaffen. Die Via Algarviana ist für sie gut, sie bringt ihrem Laden mehr Zulauf. Da wäre zum Beispiel Jan aus den Niederlanden. Er ist bereits zum zweiten Mal auf der Via Algarviana unterwegs, in diesem Jahr hat er sich drei Etappen vorgenommen. Er ist mit Wanderstock und mehreren Wasserflaschen unterwegs. Passiert man einzelne Weiler mit ihren meist weiß gekalkten Häusern, findet man immer wieder Brunnen, deren große Schwungräder man nur drehen muss, um an Trinkwasser aus der Tiefe zu kommen.

Die Versorgung mit Wasser – sie funktioniert im Hinterland der Algarve seit Jahrhunderten oft nur über zentrale Brunnen und Quellen. Die allerdings versiegen wegen der Klimakrise jedes Jahr früher, erzählen uns Einheimische. Von April bis Oktober gibt es so gut wie keinen Niederschlag, und dieses Jahr hat es auch im Winter kaum geregnet. Auf der Via Algarviana quert man ab und an auch fruchtbare Täler, in denen zahlreiche, rechteckige Wasserbassins stehen, die per Pumpen gefüllt werden und die zum Bewässern der handtuchgroßen Äcker benutzt werden. Kartoffeln, Bohnen, Tomaten und Zwiebeln – alles wird hier per Hand für den Eigenverbrauch angebaut. Auf Etappe 7, zwischen den Ortschaften Salir und Alte, treffen wir auf eine Familie, die gerade rote Kartoffeln erntet. Der Großvater durchpflügt mit einer speziellen Gabel vorsichtig die Erde, seine Tochter und ein Enkelsohn klauben die Knollen per Hand in Plastikkisten. Der nächste Acker liegt brach, roter Klatschmohn hat sich breit gemacht. Landwirtschaft lohnt sich für viele nicht mehr.

Lust am Leben

Am Abend besuchen wir in Sarnadas zwei Bürgermeister benachbarter Orte. Margarida Correia und António Martins berichten von Überalterung und Abwanderung – die Küste zieht viele junge Einheimische weg von ihren Heimatorten. Die Lust am Leben lassen sich die beiden deswegen nicht nehmen. Es gibt Ziegenkäse mit Honig, danach eine Schlachtplatte vom Iberischen Hausschwein, Kartoffeln und eingelegte Birnen. Der regionale Schnaps Medronho, gebrannt aus den Früchten des Erdbeerbaumes, darf auch nicht fehlen.

Die Verkostung war natürlich Ehrensache. Gut, dass wir morgen eine eher kurze Etappe vor uns haben: 15 Kilometer, 800 Höhenmeter. Und wie gut, dass wir Weitwanderer sind und keine Läufer.

Die Via Algarviana

Zwei Wochen durchs Hinterland

Der Weitwanderweg Via Algarviana (GR 13) beginnt im Südosten Portugals in Alcoutim am Ufer des Guadiana und endet am Atlantik am Cabo de São Vicente. Unterwegs durchquert er auf rund 300 Kilometern das Landesinnere der Algarve, aufgeteilt in 14 Etappen. Der Weg ist abwechslungsreich, er führt durch drei Mittelgebirge (Caldeirão, Monchique und Espinhaço de Cão), die mediterrane Hügellandschaft des Barrocal sowie einen Teil des Naturparks »Sudoeste Alentejo e Costa Vicentina«. Die technisch einfachen, aber konditionell mitunter anspruchsvollen Teilabschnitte sind zwischen 14 und 30 Kilometer lang und können auch einzeln begangen werden. Die täglich zu absolvierenden Höhenmeter liegen zwischen 530 und 3350 Meter im Auf- und Abstieg. Der Weg nutzt ausschließlich vorhandene Feld- und Forstwege sowie Pfade. Die Selbstversorgung mit Lebensmitteln und Wasser ist kein Problem. Übernachtungsmöglichkeiten sind vorhanden. Detailinformationen und Kartenmaterial: und viaalgarviana.org/en/867/guia-da-Via-Algarviana

Lage & Anreise:Die Stadt Faro (68 000 Einwohner) ist die Hauptstadt der Algarve und der Ort, den man ansteuern sollte, wenn man auf der Via Algarviana wandern will. Man kann zwar auch direkt vom Flughafen Faro einen Transfer nach Alcoutim buchen, ( de/transfer/fao/pt-alcoutim.html) es lohnt sich aber, einen Tag in der Hafenstadt zu verbringen, deren historisches Zentrum viele verwinkelte Gassen und Häuser aus dem 17. und 18. Jahrhundert sowie einige weitere Sehenswürdigkeiten aufweist. Es gibt einige Verbindungen per Bus von Faro nach Alcoutim, etwa drei Stunden dauert die Fahrt.

Übernachten: ❶In Faro sind die Appartements von Cardeal suites & apartmentsempfehlenswert, die Lage ist zentral und dennoch ruhig, die Preise recht günstig, Tel. 00 351/9 63/82 81 27, Auf der Via Algarviana gibt es viele Unterkünfte (www.via-algarviana.com). Besonders empfehlenswert ist das Agriturismo Quinta do Freixo,eine frisch renovierte Finca mit schönen Zimmern und einer genialen Terrasse mit Blick über die Orangenplantagen und die Hügellandschaft, Tel. 00 351/289/47 21 48, www.saia.pt/sobre-quinta-do-freixo

Essen: ❶In Faro isst man hervorragend im Tertúlia Algarvia,Praça Dom Afonso III, Tel. 00 351/289/82 10 44, vor allem Fisch und Meeresfrüchte. Ich empfehle Tintenfische mit Süßkartoffeln und sautiertem Gemüse oder die Cataplana de Peixe e Marisco, ein typisches portugiesisches Gericht im Kupfertopf, In den Etappenorten bleibt man nie lange hungrig. Besonders gut schmeckt es auch im Restaurant A Charretein Monchique, Rua do Dr. Samora Gil 32, z.B. Tintenfisch, gefüllt mit Speck und Zwiebeln und Pastel de Nata, kleine Blätterteigtörtchen mit Pudding, Tel. 00 351/282/91 21 42, www.facebook.com/people/Restaurante-A-Charrette/100069604784560