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Im NETZ der GEHEIMDIENSTE


HÖRZU Wissen - epaper ⋅ Ausgabe 4/2021 vom 22.07.2021

Artikelbild für den Artikel "Im NETZ der GEHEIMDIENSTE" aus der Ausgabe 4/2021 von HÖRZU Wissen. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: HÖRZU Wissen, Ausgabe 4/2021

Jüngster Fall: Regierungskritiker Roman Protassewitsch (l.) geriet ins Visier des weißrussischen Geheimdienstes. Im Mai wurde er am Flughafen Minsk verhaftet

Als die USA angegriffen wurden, war der Feind nirgendwo zu sehen. Es gab keine Bomben wie 1941 in Pearl Harbor und auch keine gekaperten Passagierflugzeuge wie am 11. September 2001. Die Waffen waren diesmal Nullen und Einsen.

Als Erstes aufmerksam wurde die US-amerikanische IT-Sicherheitsfirma FireEye. Es war der 8. Dezember 2020, als die dortigen Experten herausfanden, dass sie Opfer einer Cyberattacke geworden waren. Die Quelle war ein Software- Update des IT-Dienstleisters SolarWinds, der gehackt worden war. SolarWinds liefert Netzwerklösungen für unzählige US-Organisationen und war somit der perfekte Verteiler für die Schadsoftware.

Der Fall Alexei Nawalny: GIFTANSCHLAG

DIESES ATTENTAT SORGTE WELTWEIT FÜR AUFSEHEN: Unmittelbar vor einem Flug von Sibirien nach Moskau wird der russische Oppositionspolitiker Alexei Nawalny im August 2020 vergiftet. Den Anschlag überlebt er nur knapp. ...

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... Später wird bei ihm ein Nowitschok-Nervenkampfstoff nachgewiesen – ein in der UdSSR entwickeltes Gift und eine Spezialität russischer Geheimdienste. Ein Jahr zuvor war der Putin-Kritiker Dmitrij Bykow vermutlich unter ähnlichen Umständen vergiftet worden. Auch er überlebte knapp.

Riskante Opposition: Mehrere Kritiker von Präsident WLADIMIR PUTIN wurden in den vergangenen Jahren Opfer von Attentaten

Hackergruppe „Lazarus“: BITCOIN-DIEBSTAHL

IM GRUNDE SIND ES „DIGITALE BANKÜBERFÄLLE“. In den vergangenen Jahren wurden in riesigem Ausmaß mehrere Geldinstitute und Börsen von Kryptowährungen (u. a. Bitcoins) gehackt. Die US-Staatsanwaltschaft vermutet als Drahtzieher die nordkoreanische Hackergruppe „Lazarus“. Im Auftrag der politischen Führung Nordkoreas soll diese rund eine Milliarde Dollar erbeutet haben.

CYBERANGRIFF AUF US-TRINKWASSERANLAGE

In den folgenden Tagen und Wochen offenbarten sich die wahren Dimensionen des digitalen Angriffs: Betroffen waren wohl Tausende von SolarWinds-Kunden, darunter Konzerne wie Microsoft, aber auch US-Behörden wie die Nationale Verwaltung für Atomare Sicherheit. Mehrere Monate hatten die Hacker überall unbemerkt Zugriff auf sensibelste Daten gehabt. Experten sprechen vom größten digitalen Spähangriff des Jahrhunderts. Auch ein halbes Jahr später ist die Attacke noch nicht aufgeklärt, die Folgen sind noch nicht absehbar. Lösegeldforderungen wie sonst üblich gab es nicht. Hinter dem Hackerangriff vermuten Experten keine Bande von Internetkriminellen, sondern einen feindlichen Staat.

»Hätte man nur Nawalnys Tod gewollt, wäre er auf der Straße erschossen worden.«

Wolfgang Krieger _ Geheimdienst-Experte

Für einige Geheimdienste gehören solche Cyberattacken längst zum festen Repertoire – und es werden immer mehr, die auf Cyberspionage setzen. „Durch die technischen Möglichkeiten ist das Bedrohungspotenzial in den vergangenen Jahren enorm gestiegen“, sagt Wolfgang Krieger. Der Historiker ist einer der führenden deutschen Geheimdienst - Experten und Autor mehrerer Bücher zum Thema, zuletzt „Die deutschen Geheimdienste“ (C. H. Beck, 2021).

Für Krieger liegt die größte Gefahr von Hackerangriffen nicht nur im Datendiebstahl oder in der Spionage – sondern in der Manipulation. „Äußerst sensible Systeme werden übers Internet gesteuert“, sagt er zu HÖRZU WISSEN. „Auf einen Schlag ließe sich die Stromversorgung oder Telekommunikation lahmlegen. Schon heute fahren Autos autonom, Flugzeugmotoren werden über Funk überwacht. Natürlich gibt es dann auch die Möglichkeit, ein falsches Funksignal zu senden. Jedes Verschlüsselungssystem wird irgendwann geknackt werden.“ Das Fazit des Geheimdienst-Experten: „Durch die Vernetzung unserer technischen Systeme sind wir unglaublich verwundbar geworden.“

»Die Spuren dieser gewaltigen digitalen Raubzüge führen nach Nordkorea.«

Marcel Rosenbach _ Journalist

Wie verwundbar, zeigte sich zuletzt im Februar 2021. Im US-Bundesstaat Florida hatten sich Hacker Zugang zu einer Wasserwiederaufbereitungsanlage verschafft und das Wasser chemisch manipuliert. Gerade noch rechtzeitig fiel dem Personal der besorgniserregende Natriumhydroxid-Gehalt im Wasser auf. Der war über hundertmal höher als der Normalwert. Wer hinter dem Anschlag steckt? Bis heute unklar.

In diesem Fall waren die USA das Opfer. Beim bisher größten Digitalangriff von Geheimdiensten aber gelten US-Agenten als Mittäter, gemeinsam mit den israelischen Kollegen vom Mossad. Im Juni 2010 gelang es, das Schadpro- gramm Stuxnet in die Computersysteme einer iranischen Anlage zur Urananreicherung einzuschleusen. Damit wurde das dortige Atomprogramm sabotiert. Stuxnet war der Urknall für Cyberattacken durch Geheimdienste.

GEHEIMAGENTEN AUF DIGITALEN RAUBZÜGEN

Die Digitalisierung bietet Spionen schier unendliche Möglichkeiten. Und sie bringt die Kräfteverhältnisse durcheinander. Vor nicht allzu langer Zeit noch dominierten die Dienste von Ländern wie den USA oder Russland dank ihrer riesigen Etats alles. Heute aber lassen sich schlagkräftige Digitalabteilungen kostengünstig aufbauen. So spielen auch die Spionageorganisationen kleinerer Nationen eine größere Rolle, sagt Marcel Rosenbach. Der „Spiegel“-Journalist ist Mit-Autor des Sachbuchs „Die Macht der Geheimdienste“ (Deutsche Verlags-Anstalt, 2020). „Nach Stuxnet hat etwa der Iran schnell digitale Kapazitäten ausgebaut“, sagt Rosenbach im Interview mit HÖRZU WISSEN. „Mittlerweile hat das Land selbst schlagkräftige offensive Cyberfähigkeiten aufgebaut.“

SIS (Secret Intelligence Service)

Land Großbritannien

Mitarbeiterzahl ca. 2500 (geschätzt)

Gegründet 1909

Kurzbeschreibung Besser bekannt unter dem Namen MI6 (Military Intelligence, Section 6). Der britische Auslandsgeheimdienst zählt zu den ältesten noch bestehenden Aufklärungsdiensten. Sein Image ist immer noch durch den fiktiven britischen Agenten James Bond geprägt.

RGB (Generalbüro für Aufklärung)

Land Nordkorea

Mitarbeiterzahl nicht bekannt

Gegründet 2009

Kurzbeschreibung Hauptaugenmerk legt Nordkoreas Militärgeheimdienst auf die USA, Japan und Südkorea. Als Spezialität des RGB gelten Cyberattacken. Einer Einheit werden u. a. das Hacken des Sony-Konzerns, Erpressung und Bitcoin- Raubzüge zur Last gelegt (s. links).

CIA (Central Intelligence Agency)

Land USA

Mitarbeiterzahl ca. 22.000 (geschätzt)

Gegründet 1947

Kurzbeschreibung Unter den fast zwei Dutzend verschiedenen US-Geheim-diensten ist die CIA der bekannteste. Gegründet wurde sie nach dem Trauma von Pearl Harbor als reiner Aufklärungsdienst. Später wurde die CIA im Ausland immer aktiver, mischte u. a. bei Putschen mit.

Und noch ein anderes Land hat stark vom digitalen Wandel profitiert: Nordkorea. Dabei gilt der ostasiatische Staat nach praktisch jedem wirtschaftlichen Kriterium als rückständig. Dennoch wird sein Geheimdienst gefürchtet. Unter Diktator Kim Jong-un hat man in den vergangenen Jahren eine ganz besondere Nische für sich gefunden. „Nordkorea hat die Chancen des technologischen Wandels früh erkannt“, erklärt IT-Experte Rosenbach. „Das Regime erkannte, dass es mithilfe von Kryptowährungen die internationalen Finanzsanktionen unterlaufen kann. Mittlerweile ist klar: Die Spuren gewaltiger digitaler Raubzüge führen nach Nordkorea. Bei Hackerangriffen auf Kryptobörsen wurden riesige Mengen Bitcoins und anderer Kryptowährungen gestohlen.“ Mit der Beute von umgerechnet einer Milliarde Dollar soll Nordkoreas Atomwaffenprogramm unterstützt worden sein.

EIN GIFTANSCHLAG ALS BOTSCHAFT AN DIE WELT

Die Möglichkeit von Hackerangriffen und Cybersabotage hat die Arbeit der Agenten verändert. Und dennoch: Klassische analoge Geheimdienstaktionen bleiben extrem wichtig. Immer noch braucht es Spione für Operationen vor Ort – insbesondere, wenn ein Abzug betätigt werden muss. Mit solch drastischen Missionen wurden zuletzt vor allem russische Agenten in Verbindung gebracht. Im Sommer 2019 wurde im Kleinen Tiergarten in Berlin ein Georgier erschossen. Festgenommen am Tatort wurde ein mutmaßlicher Agent des GRU, eines von mehreren russischen Geheimdiensten (siehe Seite 20/21).

Bei der Aufklärung der Hintergründe half übrigens eine private Organisation: das Recherchenetzwerk Bellingcat. Kein Einzelfall, sondern ein Zeichen der Zeit, sagt Marcel Rosenbach, der zuvor die Bücher „Staatsfeind WikiLeaks“ und „Der NSA-Komplex“ geschrieben hat. „Viele Jahre waren Geheimdienste die Speerspitze, wenn es um technische Ausstattung ging. Diese Zeiten sind vorbei. Digitalisierung und die Miniaturisierung von Computerchips haben zu einem extremen Preisverfall geführt. Heute können auch nicht-staatliche Organisationen und sogar Einzelpersonen günstig Überwachungstechnologien im Netz einkaufen.“

FSB (Inlandsgeheimdienst)

Land Russland

Mitarbeiterzahl ca. 150.000 (geschätzt, plus Grenztruppen)

Gegründet 1995

Kurzbeschreibung Der Inlandsgeheimdienst FSB ging aus dem KGB hervor. Sein Fokus sind u. a. Inlandsspionage und Staatsschutz. Weitere wichtige Dienste Russlands: GRU (militärische Auslandsspionage) und SWR (zivile Auslandsspionage).

Aktivisten wie die von Bellingcat werten Datenbanken und Über wachungsvideos aus und teilen ihre Rechercheergebnisse online miteinander. Das macht sie zur Herausforderung für Geheimdienstler. „Die Überwacher werden heute selbst überwacht“, sagt Rosenbach.

Es gibt aber auch Fälle, da lassen Agenten ganz bewusst Spuren zurück. Der Fall Alexei Nawalny hielt im Sommer 2020 die Welt in Atem (siehe Seite 17). Damals wurde der russische Oppositionspolitiker und Kritiker von Wladimir Putin in Sibirien mit einem Nowitschok- Nervenkampfstoff vergiftet. Nawalny überlebte den Anschlag knapp.

»Putin und seine Geheimdienste sind unberechenbarer geworden.«

Melvin A. Goodman _ Ex-CIA-Mitarbeiter

Alles spricht für eine gezielte Operation des russischen Geheimdienstes. Dessen oberstes Ziel war aber nicht Nawalnys Tod, so der Geheimdienst-Experte Wolfgang Krieger. „Hätte man nur dessen Tod gewollt, wäre er auf der Straße erschossen worden. Solche offenen Attentate hat es in Russland früher gegeben. Das wäre übrigens sehr viel einfacher gewesen.“ Schließlich sei der Umgang mit diesem Gift auch für den Täter nicht ungefährlich. „Nein, dieser Anschlag war ein symbolischer Akt. So ein Giftanschlag zieht sich über Wochen hin und sendet eine abschreckende Botschaft an alle Feinde: Wir finden euch jederzeit und haben es nicht mal nötig, das groß zu verschleiern. Zumal der Absender eindeutig ist: Nowitschok ist nichts, was man einfach so kaufen kann – das ist nur dem Innersten des russischen Staatsapparates zugänglich. Das ist eine Botschaft an die ganze Welt.“

Kann ein solcher Anschlag ohne Putins Wissen durchgeführt worden sein? Ein Alleingang russischer Agenten? Undenkbar, meint Melvin A. Goodman. Insgesamt 24 Jahre lang hat er als Senior Analyst und Division Chief beim US- Geheimdienst CIA gearbeitet. Heute ist er Buchautor (zuletzt „Containing the National Security State“, Verlag Politics and Prose) und Senior Fellow am Center for International Policy in Washington. Auch heute noch ist Goodman bestens in Geheimdienstkreisen vernetzt.

„Der Fall Nawalny ist besorgniserregend“, sagt der Russland-Experte gegenüber HÖRZU WISSEN. „Denn es bedeutet, dass Russland wieder auf Taktiken zurückgreift, die es hinter sich gelassen zu haben schien: politische Mordanschläge. Putin und seine Geheimdienste sind unberechenbarer geworden und gehen größere Risiken ein. Letztlich ist es aber auch ein Zeichen für Putins innenpolitische Schwäche, dass er zu solchen Mitteln greift.“

Ministerium für Staatssicherheit

Land China

Mitarbeiterzahl nicht bekannt

Gegründet 1983

Kurzbeschreibung Das Ministerium für Staatssicherheit besitzt u. a. Abteilungen für Aufklärung im Ausland und Spionageabwehr. Im Juli 2020 erhob die US-Justiz Anklage gegen zwei chinesische Hacker. Sie sollen im Auftrag des Geheimdienstes Informationen u. a. zur Covid-19-Forschung gestohlen haben.

Ein anderes dieser Mittel kennen Experten unter dem Namen Havanna-Syndrom. Was wie der Titel eines Tom-Clancy-Romans klingt, beschreibt eine komplexe Kombination von Symptomen: Schwindelanfälle, Kopfschmerz, Sehstörungen, manchmal auch Gedächtnisverlust. Über derartige Beschwerden klagten seit 2016 rund 40 Botschaftsmitarbeiter und deren Familienangehörige aus den USA und Kanada in China, Russland und vor allem Kuba. Weil die Erkrankungen auf der Karibikinsel als Erstes auftraten, werden sie als Havanna-Syndrom bezeichnet. Vergangenes Jahr ist das Phänomen laut CNN auch in Washington D. C. nahe dem Weißen Haus beobachtet worden.

AUCH INFLUENCER WERDEN ANGEWORBEN

Gezielte Angriffe oder Nebenwirkungen einer Spionagetechnologie? Bisher ist das noch unklar. Die wahrscheinlichste Theorie geht von Attacken mit gepulster Energie von Radiofrequenzen aus. Für Melvin A. Goodman steht fest: „Das Havanna-Syndrom ist real – und leider ist es keine neue Entwicklung.“

Es war das Jahr 1976, als Goodman das erste Mal nach Moskau kam, um in der dortigen US-Botschaft zu arbeiten. Als ihm sein Arbeitsplatz gezeigt wurde, erhielt er eine wichtige Warnung. „Man sagte mir, ich dürfte während der Arbeit niemals die hölzernen Fensterläden öffnen“, erinnert sich Goodman. „Direkt gegenüber der Botschaft gab es ein Gebäude, das uns ausgespäht hat. Von dort hat man mit Antennen die Signale unserer elektrischen IBM-Schreibmaschine abgefangen, um herauszufinden, was wir schrieben.“

Kurz bevor Goodman nach Moskau kam, war der dortige US-Botschafter Walter Stoessel an Krebs erkrankt und in die USA zurückgegangen. „Inwieweit seine Krankheit mit der Strahlung zusammenhing“, so Goodman weiter, „konnte nie geklärt werden. Diese Art der russischen Spionage gibt es also schon lange. Aber: Wie alles, was Putin anfasst, ist es in letzter Zeit offener und schamloser geworden.“

Berliner Tiergarten: AGENTENMORD

Die Spuren führen nach MOSKAU: Der Generalbundesanwalt geht von Mord im Auftrag der russischen Regierung aus

DER KILLER KAM MIT DEM FAHRRAD. Am 23.8.2019 wird der gebürtige Georgier Selimchan Changoschwili im Kleinen Tiergarten in Berlin erschossen – zwei gezielte Schüsse aus nächster Nähe. Zeugen sehen, wie der Täter die Pistole, sein Fahrrad und seine Perücke in die Spree wirft. Kurz danach wird in der Nähe des Tatorts der Russe Vadim K. festgenommen. Wie spätere Recherchen ergeben, besitzt K. Verbindungen zum russischen Geheimdienst. Für die russische Regierung galt Changoschwili als Terrorist.

Der Fall Mohsen Fachrisadeh: ATTENTAT IM AUTO

Sabotage und Mordanschläge: Der Konflikt zwischen dem IRAN UND ISRAEL wird seit vielen Jahren durch die Geheimdienste geführt

ER GALT ALS „VATER des iranischen Atomprogramms“: Am 27. 11.2020 wird der Kernphysiker Mohsen Fachrisadeh auf einer Straße östlich von Teheran in seinem Auto beschossen und verstirbt später. Die Täter entkommen. Es wird vermutet, dass der israelische Geheimdienst Mossad für das Attentat verantwortlich ist. In der Vergangenheit gab es mehrere Operationen, um Irans Atomprogramm zu sabotieren. Unter anderem wurde das Schadprogramm Stuxnet in eine Anlage zur Urananreicherung eingeschleust.

Geheimdienstarbeit kann aber auch sehr viel subtiler sein als Giftanschläge oder Strahlenangriffe. Ein wesentlicher Teil der Aktivitäten ist Desinformation. Gemeint ist damit die gezielte und systematische Verbreitung von falschen und irreführenden Informationen in den Medien. „Für Desinformation“, weiß der Journalist Marcel Rosenbach, „gab es schon vor 100 Jahren eigene Abteilungen, etwa das Desinformationsbüro im Vorläufer des sowjetischen KGB. Auch die Stasi hatte dafür eine eigene große Abteilung. Die Ziele waren letztlich die gleichen wie heute: Es ging darum, zu polarisieren, die Stimmung anzuheizen, bestimmte Individuen oder Institutionen zu diskreditieren und deren Glaubwürdigkeit zu beschädigen.“

»Mit dem Mord auf offener Straße ist Israel einen Schritt weitergegangen.«

Melvin A. Goodman _ Ex-CIA-Mitarbeiter

FOTOS: GETTY (2), ALAMY (3), SCHMIDT/PICTURE ALLIANCE (2)

Was sich geändert hat, ist die Arena, in der diese Informationskriege ausgetragen werden. Heute geht es vor allem um digitale Öffentlichkeiten. Jüngst deckten etwa das ARD-Magazin „Kontraste“ und die Nachrichten-Website Netzpolitik.org eine solche Kampagne auf: Im Mai bot eine PR-Agentur ausgewählten Youtubern in aller Welt Geld, wenn sie falsche beziehungsweise irreführende Informationen über den Corona-Impfstoff der Hersteller Biontech/Pfizer verbreiten.

MOSSAD

Land Israel

Mitarbeiterzahl ca. 7000 (geschätzt)

Gegründet 1949

Kurzbeschreibung Zentraler Nachrichten-und Sicherheitsdienst Israels. Hauptaugenmerk liegt auf der Aufklärung von Plänen politischer und militärischer Kräfte in den arabischen Ländern – und auf entsprechenden Gegenschlägen. Der Mossad pflegte beste Verbindungen zu US-Diensten wie der CIA.

Die angesprochenen Influencer, darunter auch der Deutsche Mirko Drotschmann („MrWissen2Go“), sollten in ihren Videos über ominöse Todesfälle nach Impfungen sprechen. Zwei Auflagen gab es für das unmoralische Angebot. Erstens: Die Youtuber sollten ihren Zuschauern verheimlichen, dass es sich um bezahlte „Werbung“ handele. Und zweitens: Der Auftraggeber bleibt anonym. Nach Recherchen von „Kontraste“ und Netzpolitik.org steckt hinter der Kampagne eine Scheinfirma mit engen Verbindungen nach Russland.

CIA-BERICHT: DAS DROHT UNS IM JAHR 2040

Gerade von dort gibt es immer wieder Berichte über sogenannte Troll-Armeen. So nennt man die verdeckt arbeitenden Einheiten, die im Auftrag von Geheimdiensten bzw. Regierungen im Internet Fake News verbreiten, um Meinungen zu manipulieren. Dafür verwenden sie online fingierte Identitäten und Profile. Der Einsatz solcher „Web-Brigaden“ konnte in der Vergangenheit bei unterschiedlichsten Anlässen beobachtet werden, etwa bei der Brexit-Abstimmung, einem angeblichen Ebola-Ausbruch in den USA, dem Krieg in der Ukraine. Auch in Wahlkämpfe schalten sich Troll-Armeen mit Vorliebe ein. „Einflussversuche bei politischen Wahlen gab es schon früher“, sagt Experte Marcel Rosenbach. „Aber durch den Einsatz sozialer Medien können sie eine neue Dimension erreichen.“

Alle vier Jahre präsentiert das National Intelligence Council – das führende Analysegremium der US-Geheimdienste – die „Global Trends“. Basierend auf umfangreichem Datenmaterial werden künftige Chancen und Gefahren prognostiziert. Wie entwickeln sich Politik, Gesellschaft und Wirtschaft? Der bisher letzte, 156-seitige Bericht aus dem April dieses Jahres blickt ins Jahr 2040. Die größte Bedrohung sehen die Spionageorganisationen nicht im Terrorismus, Krieg oder Klimawandel. Stattdessen fürchten sie um den sozialen Frieden. Die Gesellschaften, so der Bericht, steuern auf eine totale Polarisierung zu. Ausgerechnet durch die Vernetzung der Welt droht ihre Spaltung.

In ihrem Bericht 2008 hatten die Geheimdienstler übrigens für das Jahr 2025 vor einer weltweiten Pandemie gewarnt.

MICHAEL TOKARSKI

MOIS (Ministerium für Nachrichtenwesen)

Land Iran

Mitarbeiterzahl ca. 30.000 (geschätzt)

Gegründet 1983

Kurzbeschreibung Der MOIS ist aktiv in sämtlichen Bereichen geheimdienstlicher Arbeit: Spionage, psychologische Kriegsführung, Aufklärung. Staatsschutzaufgaben und verdeckte Operationen in In-und Ausland. Einen besonderen Fokus legt der MOIS bei seiner Arbeit auf Israel und den Mossad.