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Im Rausch aus der Depression


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Gehirn & Geist - epaper ⋅ Ausgabe 11/2021 vom 01.10.2021

PSYCHEDELIKA

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Bildquelle: Gehirn & Geist, Ausgabe 11/2021

ZAUBERPILZE | Vertreter der Gattung Psilocybe enthalten psychotrope Substanzen in unterschiedlicher Konzentration. Der in Europa gedeihende Spitzkegelige Kahlkopf ist besonders potent, der abgebildete Kubanische Kahlkopf lässt sich hingegen leichter kultivieren.

Auf einen Blick: Magische Kombination

1 Psilocybin löst psychedelische Rauschzustände aus. Mehrere Untersuchungen zeigen, dass sie sich möglicherweise in der Depressionstherapie nutzen lassen.

2 Die Einnahme des Wirkstoffs muss aber von einer geeigneten Psychotherapie begleitet werden, sonst kann sie sogar gefährlich sein.

3 Aktuelle klinische Studien testen solche Kombinationsbehandlungen. Bisherige Daten legen nahe, dass sie Personen helfen können, bei denen Antidepressiva nicht angeschlagen haben.

Fast 15 Jahre lang hatte er sich psychotherapeutisch behandeln lassen, etwa zehn Jahre lang nahm er Medikamente ein – doch die Depression hielt den jungen Mann weiterhin fest im Griff. Er befürchtete schon, er würde nie mehr Glück oder Freude empfinden. Eine experimentelle Behandlung änderte das schlagartig. »Es war so, als hätte sich eine Tür für mich geöffnet. Ich fing an, dieselben ...

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... Situationen in einem neuen Licht zu sehen«, schildert er im Youtube-Video des Johns Hopkins Media Team. Er war einer von 24 Probanden, die an einer klinischen Phase-II-Studie der Johns Hopkins School of Medicine in Baltimore teilnahmen. In ihr prüfte ein Team um Roland Griffiths, ob das Rauschmittel Psilocybin Depressionen lindern könnte. Bei 17 Testpersonen verbesserte die Behandlung das Befinden deutlich, bei 13 von ihnen sogar so weit, dass die Forscher sie vier Wochen später nicht mehr als depressiv einstuften.

Psilocybin kommt in der Natur in Pilzen der Gruppe der Kahlköpfe vor – umgangssprachlich werden sie wegen ihrer berauschenden Wirkung als »magic mushrooms« oder Zauberpilze bezeichnet. Indigene Völker in Mesoamerika nutzten sie vermutlich schon vor mehr als 2000 Jahren. In manchen Regionen entwickelte sich ein regelrechter Kult um sie – die Azteken nannten Vertreter der Art Psilocybe mexicana etwa »Gottpilze« (»teōnanacatl« in ihrer Sprache Nahuatl) und konsumierten sie zu rituellen Zwecken. Die wissenschaftliche Untersuchung der Pilze begann aber erst 1958. Der Schweizer Chemiker Albert Hofmann isolierte damals Psilocybin und beschrieb die Substanz. Zur selben Zeit experimentierten Fachleute bereits mit LSD, einem anderen Psychedelikum, das Hofmann entdeckt hatte. Solche Wirkstoffe lösen Rauschzustände aus, die die Grenze zwischen dem Selbst und der Umwelt zeitweise verschwimmen lassen. Häufig kommt es bei die- sen »Trips« zu Illusionen und Halluzinationen. In den 1950er und 1960er Jahren testeten Psychiater derartige Mittel an tausenden Probandinnen und Probanden mit psychischen Erkrankungen.

Diese frühen Experimente deuteten bereits darauf hin, dass die Substanzen therapeutisch wirksam sein könnten. 2016 werteten Forscherinnen und Forscher um Allen Young vom King’s College London dann 19 ältere Studien über die Wirkung von Psychedelika bei Depression und bipolaren Störungen aus. An den Untersuchungen hatten zwischen 1949 und 1973 insgesamt 423 Personen teilgenommen. Beinahe 80 Prozent von ihnen ging es laut der Analyse nach der Behandlung besser.

Einst verbotene Forschung nimmt Fahrt auf

Allerdings nutzten die damals veröffentlichten Arbeiten meist fragwürdige Methoden. Viele von ihnen wären nach heutigen wissenschaftlichen und ethischen Standards wohl undenkbar. Beispielsweise gab der USameri kanische Psychologe Timothy Leary (1920–1996) im Rahmen des Harvard Psilocybin Project Rauschmittel an seine Studenten aus und konsumierte sie sogar mit ihnen. Zwei Probanden mussten nach einem solchen »Experiment« in eine Klinik eingewiesen werden. In den 1970er Jahren verabschiedeten zahlreiche Länder Gesetze, die den Besitz oder Konsum psychedelischer Drogen untersagen. Daraufhin verschwanden die Wirkstoffe zeitweise fast vollständig aus den wissenschaftlichen Labors. Erst in den vergangenen Jahren nahm die Forschung dazu langsam wieder Fahrt auf.

Der Neurowissenschaftler Roland Griffiths zählt zu den Vorreitern der klinischen Psilocybinforschung. 2016 veröffentlichte er mit seinem Team an der Johns Hopkins University School of Medicine eine Studie, die prüfte, ob der Wirkstoff depressive Beschwerden abmildern kann. Dazu teilten sie die 51 Testteilnehmer, bei denen eine lebensbedrohliche Krebserkrankung diag-nostiziert worden war, in zwei Gruppen ein: Eine bekam eine einzelne rauschauslösende Dosis Psilocybin, die andere eine geringere, nicht halluzinogen wirkende Menge. Alle Probanden wurden therapeutisch begleitet. Weder sie noch das Klinikpersonal wussten, wer welche Dosis erhalten würde. Fünf Wochen nach der Behandlung fühlten sich 90 Prozent in der ersten Gruppe deutlich weniger ängstlich und deprimiert als zuvor, in der zweiten waren es etwa 30 Prozent. Bei 80 Prozent der Behandelten hielt die Besserung für sechs Monate an.

UNSERE AUTORIN

Michaela Maya-Mrschtik ist promovierte Biologin und Redakteurin bei »Gehirn&Geist«. Bei der Recherche für diesen Text entdeckte sie, dass sie wahrscheinlich schon oft an psilocybinhaltigen Pilzen vorbeispaziert ist, ohne sich dessen bewusst zu sein.

Im selben Jahr legte eine Arbeitsgruppe um Robin Carhart-Harris und David Nutt vom Imperial College London Ergebnisse ihrer klinischen Untersuchung vor. An ihr hatten Personen teilgenommen, die unter behandlungsresistenter Depression litten – ihre Beschwerden waren selbst nach zwei oder mehr Antidepressivatherapien bestehen geblieben. Das ist bei etwa einem Drittel der Depressiven, die solche Medikamente erhalten, der Fall. Die Probanden bekamen zweimal Psilocybin, zuerst eine niedrige Dosis und eine Woche später eine höhere. Fachpersonal begleitete sie vor, während sowie nach den psychedelischen Trips. Nach der Behandlung wiesen alle zwölf Testpersonen weniger Beschwerden auf als zuvor, bei acht war die Veränderung signifikant. Sieben erfüllten nicht mehr die Diagnosekriterien für die Erkrankung, sie galten als genesen.

Trotz der viel versprechenden Ergebnisse warnten Experten vor vorschnellen Schlüssen. Zum einen war die Zahl der Probanden zu klein, um den tatsächlichen Behandlungserfolg abzuschätzen. Zum anderen erhielten alle Studienteilnehmer die gleichen rauschauslösenden Dosen Psilocybin. Anhand der Daten könne man nicht beurteilen, wie stark der depressionslindernde

Effekt ist, mahnt der Psychiater Torsten Passie von der Medizinischen Hochschule Hannover im Gespräch mit »Spektrum.de«. »Nur im Vergleich mit einer Kontrollgruppe, die nicht oder anders behandelt wurde, lässt sich die Wirksamkeit einer Behandlung zweifelsfrei nachweisen.« Solche randomisierten kontrollierten Studien folgten erst später – die eingangs erwähnte Arbeit von Griffiths zählt dazu.

Zwischen Anfang 2016 und Mitte 2021 erschienen mehr als 400 Studien, die sich mit Psilocybin befassten. Auf Grund der bis dahin gesammelten Daten erklärte die US-amerikanische Arzneimittelbehörde Food and Drug Administration (FDA) 2019 die psilocybingestützte Psychotherapie bei behandlungsresistenter Depression zur »breakthrough therapy«. »Die Behörde signalisiert mit dieser Anerkennung, dass es sich um eine viel versprechende Therapieoption handelt«, erklärt Torsten Passie. Durch den Status lässt sich zudem die Erprobung und Zulassung der Arznei beschleunigen.

Aktuelle Psilocybin-Versuche haben mit ihren Vorgängern aus den 1960er Jahren nur wenig gemein: Sie sind detailliert geplant und vorab von Gesundheitsbehörden genehmigt. Menschen mit bestimmten Vorerkrankungen dürfen nicht teilnehmen, weil der Trip bei ihnen psychotische Episoden auslösen könnte. Für die Dauer der Studie müssen Testpersonen meist auf Antidepressiva verzichten; die Medikamente könnten das Ergebnis beeinflussen. In Gesprächen mit Psychotherapeuten bereiten sie sich auf die psychedelische Erfahrung vor. Fachleute überwachen sie während des mehrere Stunden andauernden Rauschs und untersuchen sie eingehend vor und nach den Behandlungen.

Die Gehirn&Geist-Serie »Therapeutische Drogen« im Überblick:

Teil 1: Heilsamer Hanf (Gehirn&Geist 09/2021)

Teil 2: Partydroge gegen das Trauma (Gehirn&Geist 10/2021)

Teil 3: Im Rausch aus der Depression (dieses Heft)

In Griffiths’ Studie durchliefen Probanden insgesamt 18 psychotherapeutische Sitzungen, zwei davon unter Einfluss der Droge. Zuvor besprachen sie mit einem der bei ihrer Behandlung anwesenden Experten, was auf sie zukommen würde. Während des Psilocybinrauschs sollten sie ihre Gedanken nach innen fokussieren. Dazu bat das Studienteam sie, es sich auf einer Liege im Behandlungsraum bequem zu machen, eine Augenbinde anzulegen und für die folgenden acht Stunden über Kopfhörer ruhiger Musik zu lauschen. Mindestens ein Mitarbeiter war durchgehend im Raum und stand für Fragen zur Verfügung. Nachdem der Rausch abgeklungen war, arbeiteten die Versuchsteilnehmer das Erlebte mit einer Therapeutin oder einem Therapeuten auf. Diese intensive Begleitung soll den heilsamen Effekt der Erfahrung maximieren.

Hirn im Rausch

Was genau der Trip im Gehirn bewirkt, ist Gegenstand aktueller Forschungen. Klar ist, dass der Körper Psilocybin schnell in Psilocin umwandelt. Letzteres, ein psychoaktives Molekül, greift dann in die neuronale Kommunikation ein. Vor allem bindet es an den Serotoninrezeptor 5-HT2A und aktiviert ihn. Das vermittelt den psychedelischen Rauschzustand, der sich durch Halluzinationen, außerkörperliche Erfahrungen und eine veränderte Wahrnehmung auszeichnet. Viele sehen dabei geometrische Muster und nehmen die Geräusche in ihrer Umwelt anders wahr. Erinnerungen oder Gefühle tauchen plötzlich ungewohnt intensiv auf. In manchen Fällen fühlen sich Berauschte, als würden sie sich von ihrem Körper lösen und frei im Raum schweben. Andere hatten den Eindruck, mit ihrer Umwelt zu verschmelzen oder sich darin aufzulösen. Wie sich der Zustand genau äußert, ist von Mensch zu Mensch unterschiedlich.

Im Gehirn beeinflusst Psilocybin offenbar unter anderem Areale, die an der Emotionsregulation mitwirken. Dies legen Untersuchungen von Fachleuten um David Nutt nahe. Per funktioneller Magnetresonanztomografie (fMRT) maßen sie, wie das Gehirn von Depressiven auf eine Psilocybinbehandlung reagiert. Dabei zeigte sich, dass der Trip kurzfristig die Aktivität und die neuronalen Verbindungen der Amygdala veränderte. Das Hirnareal ist zentral für die Verarbeitung von Emotionen. Es verknüpft etwa Ereignisse mit Gefühlen, die dann zusammen als Erinnerung abgespeichert werden.

Womöglich stößt Psilocybin Umbaumaßnahmen im Gehirn an, indem es die neuronale Plastizität erhöht. Untersuchungen mehrerer Forschungsteams zeigten, dass es und ähnliche Drogen bei Ratten Gene aktivieren, die an solchen Prozessen mitwirken. Bei Nervenzellen, die Forscher in einer Psychedelikalösung badeten, sprießen stärker verzweigte Dendriten – jene Fortsätze, die Signale von anderen Neuronen erhalten. Eine Arbeitsgruppe um Alex Kwan von der Yale University entdeck-te, dass sich Zellen im Neokortex von Mäusen nach nur einer Psilocybinbehandlung neu verdrahtet hatten. Innerhalb von 24 Stunden bildeten sie dichtere, längere Nervenzellfortsätze aus, die über einen Monat bestehen blieben.

Bei Menschen verändert der Trip auch die Eigenwahrnehmung. Die Grenzen des Selbst verschwimmen, der Berauschte fühlt sich mehr mit der Umwelt und seinen Mitmenschen verbunden. Das scheint sich auf das Mitfühlungsvermögen auszuwirken, wie Arbeiten von der Universität Zürich nahelegen. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler um Franz Vollenweider befragten ihre gesunden Probanden, während diese im Psilocybinrausch waren, nach verschiedenen Arten von Mitgefühl. Die emotionale Empathie – die Fähigkeit, mit anderen mitzufühlen – der Testpersonen stieg. Ihre kognitive Empathie blieb dagegen gleich, sie konnten sich also nicht besser in andere »hineindenken«. In einer weiteren Untersuchung zeigte sich, dass der Wirkstoff das Gefühl, ausgeschlossen zu sein, verringerte und die Hirnaktivität in Arealen herunterregulierte, die an der Entstehung von sozialem Schmerz mitwirken.

Insgesamt vermittle der Rausch eine »gesteigerte psychologische Flexibilität«, sagt Griffiths. »Wir glauben, das ist ein wichtiger Bestandteil der lang anhaltenden Effekte der Droge«, so der Neurowissenschaftler. Gerhard Gründer, der am Mannheimer Zentralinstitut für Seelische Gesundheit (ZI) eine klinische Studie mit Psilocybin leitet, sieht das ähnlich. »Studien sprechen dafür, dass Menschen durch Erfahrungen mit psychoaktiven Substanzen einen neuen Zugang zu ihrer Gedanken- und Gefühlswelt erhalten können«, erklärte er dem »Ärzteblatt«. Depressive Personen sind nämlich oft in negativen Denkmustern festgefahren. Sie neigen etwa zum Grübeln – ihre Gedanken und Sorgen kreisen um sie selbst, ihre Emotionen, ihre Symptome, mögliche Verursacher und Folgen.

Ausbrechen aus schädlichen Denkmustern

Der psychedelische Trip könne im Gehirn für eine Art Reset sorgen, postulieren Verfechter der Behandlung. Die negative Sicht auf die Dinge werde aufgeweicht, man fühle sich offener und anderen stärker verbunden. Die grüblerischen Gedankenschleifen würden geschwächt. »Es repariert dein Gehirn nicht«, erzählt der eingangs erwähnte Proband in Griffiths’ Studie, »aber es gibt dir die Möglichkeit, aus einem Trott herauszukommen, dem du vorher nicht entfliehen konntest.«

Er selbst habe seine Rauscherfahrungen als »erheiternd« erlebt. »Ich habe keine Drachen bekämpft oder bin Treppen zum Himmel emporgestiegen«, berichtet er, »die visuellen Eindrücke waren interessant, doch vor allem passierte in meinem Kopf viel Dialog.« Manchmal sprach er dabei mit sich selbst, andere Male mit Tieren oder Gegenständen. Während des Trips überkamen ihn auch plötzlich Emotionen, die er im Alltag sonst kaum verspürte. Noch Monate nach der Behandlung empfand er mehr als zuvor. »Es gab immer Dinge, von denen ich wusste, dass sie schön sind. Aber ich konnte ihre Schönheit nicht schätzen. Ich habe gar nichts gefühlt, wenn ich sie angeschaut habe.« Das habe sich mit der Behandlung geändert. »Sogar die Schatten, die Wolken auf die Landschaft werfen, machen mich jetzt glücklich«, erzählt er.

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Nach dem ersten Psyilocybintrip arbeitete er das Erlebnis mit seinem Therapeuten auf. Dadurch gelang es ihm, sich beim zweiten Mal noch besser auf die Erfahrung einzulassen – und einen Durchbruch zu erzielen: Er trat in direkten Dialog mit seinem »inneren Kritiker«. So bezeichnet man in der Psychotherapie negative Gedanken und Ansichten, die eine Person über sich selbst hat und mit denen sie sich niedermacht und abwertet. Der Patient erklärte, er wolle dessen Erniedrigungen und Grausamkeiten nicht länger akzeptieren. »Und die Stimme erklärte sich im Grunde bereit, dass sie es nicht mehr tun würde.« Nach der Sitzung war sie fast vollkommen verstummt.

Solche positiven Erfahrungsberichte tragen dazu bei, dass auf gesetzlicher Ebene langsam ein Wandel beginnt. In einigen US-Städten wurden der Besitz und Konsum von Psilocybin bereits entkriminalisiert. 2020 stimmten Wähler in Oregon für eine Legalisierung. Der Bundesstaat bereitet die medizinische Nutzung des Psychedelikums vor; erste Behandlungszentren könnten 2023 eröffnen. Lokale in den Niederlanden bieten seit 2015 psilocybinhaltige »Trüffel« an. Sie handeln allerdings in einer rechtlichen Grauzone: Der Besitz und Konsum der Pilzkörper sind zwar illegal, doch die im Boden wachsenden Wurzelklümpchen sind es nicht.

In Deutschland untersteht Psilocybin weiterhin dem Betäubungsmittelgesetz. Es untersagt den Umgang mit dem Wirkstoff und Produkten, die ihn enthalten – darunter fallen auch psilocybinhaltige Pilze und ihre »Trüffel«. Privatpersonen dürfen sie weder sammeln noch besitzen. Um das Psychedelikum hier zu Lande zu erforschen, bedarf es einer Sondererlaubnis des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte.

Eine solche erhielt ein Team um den Psychiater Gerhard Gründer. Zusammen mit Kolleginnen und Kollegen am ZI Mannheim und an der Charité in Berlin führt er seit Anfang 2021 die EPIsoDE-Studie durch. An 144 Patienten wollen sie testen, wie wirksam Psilocybin behandlungsresistente Depression lindert. Ähnlich wie in Griffiths’ klinischer Studie erhalten manche Testpersonen erst ein Scheinmedikament, andere gleich den Wirkstoff. In einer zweiten Behandlung sechs Wochen später bekommt auch die Placebogruppe einmal das Psychedelikum. Das erlaubt es, die Wirksamkeit der Droge abzuschätzen.

Eine neue Art, Depression zu behandeln

Der Hirnforscher und Psychiater Franz Vollenweider leitet in Zürich eine weitere klinische Untersuchung zur Wirkung von Psilocybin bei Depression, die Ende 2021 abgeschlossen sein soll. Für denselben Zeitraum erwartet das US-amerikanische Unternehmen Compass Pathways Daten aus seiner Phase-II-Studie, die an mehr als 20 Kliniken weltweit prüft, ob eine psilocybingestützte Psychotherapie Menschen mit behandlungsresistenter Depression helfen kann. Bei viel versprechenden Ergebnissen will die Firma bereits 2022 eine Phase-III-Studie starten. Deren Resultate werden den Ausschlag dafür geben, ob die Behandlung zugelassen wird. Bis sie vorliegen, dauert es noch mehrere Jahre. »Ich schätze, es könnte in den kommenden vier bis sechs Jahren so weit sein«, sagt Roland Griffiths. Auch Torsten Passie ist optimistisch. »Wenn es gut läuft, könnte es schon in den nächsten Jahren zu einem Boom all dieser neuen Therapieoptionen kommen«, meint er. »Damit würde allerdings auch ein Schwenk in Richtung einer neuen Art von Therapie einhergehen.«

Die Behandlung mit Psilocybin unterscheidet sich in vielerlei Hinsicht von der mit Antidepressiva. Letztere müssen Patienten oft jahrelang täglich einnehmen. Das Rauschmittel kommt hingegen nur ein- oder zweimal unter therapeutischer Aufsicht zum Einsatz. Zudem haben die Substanzen verschiedene Effekte. »Zu den Hauptwirkungen der Antidepressiva gehört, dass sich die Patienten weniger spüren«, erklärt Passie. Das spiegelt sich in den Nebenwirkungen der Präparate wider. Medikamente aus der Gruppe der selektiven Serotonin- Wiederaufnahmehemmer (SSRI) können etwa Libidoverlust oder sexuelle Funktionsstörungen bedingen, auch eine emotionale Abstumpfung ist möglich. Psilocybin aktiviert das Gefühlsleben hingegen. »Dadurch fühlen die Patienten sehr intensiv und zugespitzt Ängste, Trauer, Wut ebenso wie Freude, Verbundenheit und Zuversicht.«

Im Gegensatz zu üblichen Antidepressiva eignet sich Psilocybin nicht als alleinige Behandlung. Der Rausch wird in mehrere psychotherapeutische Sitzungen eingebettet, in denen Patienten sich auf das Erlebnis vorbereiten und es verarbeiten. Nur in dieser Kombination, so die Fachleute, entfaltet die Droge ihre heilsame Wirkung. Sie bezeichnen das als »Psychedelische Therapie«. Um eine solche durchzuführen, braucht es speziell ausgebildete Therapeutinnen und Therapeuten sowie einen geeigneten Behandlungsort. »Eher als in der ambulanten Praxis sehe ich das deshalb in Klinken anwendbar«, so Passie.

Denn auch der Kontext, in dem die Behandlung stattfindet, beeinflusst den Trip. Einerseits bestimmt das so genannte Setting, also die Umgebung, mit, als wie angenehm man den Rausch erlebt: etwa die Geräuschkulisse, visuelle und haptische Eindrücke, die Raumausstattung und Temperatur. Andererseits spielt das »Set« – die innere Einstellung der Person – ebenfalls eine große Rolle. Deshalb sind die vorbereitenden Sitzungen ein zentraler Bestandteil der Therapie. Die Patientinnen und Patienten lernen hier das Studienpersonal kennen und bauen eine vertrauensvolle Beziehung zu ihnen auf. Sie können sich emotional und gedanklich auf die Behandlung einstellen und falsche Erwartungen ablegen. Nur so lässt sich das Risiko einer negativen Rauscherfahrung, eines so genannten Horrortrips, minimieren. Ein solcher tritt bisherigen Erkenntnissen zufolge vor allem dann ein, wenn eine Person mit einem schlechten Gefühl in den Rausch geht oder wenn sie sich im Setting nicht wohlfühlt.

Nicht ohne Risiken und Nebenwirkungen

Es gibt noch weitere Umstände, die der psychedelischen Therapie entgegenstehen. Menschen mit früheren psychotischen Episoden sollten keinesfalls Halluzinogene einnehmen. Diese können nämlich bei entsprechender Veranlagung eine akute Psychose auslösen, die dann mitunter im Krankenhaus behandelt werden muss. »Es ist wichtig, dass wir geeignete Screening verfahren nutzen, um jene zu schützen, die womöglich anfällig sind«, betonte der Psychiater David Nutt gegenüber »Nature News«. Bei klinischen Untersuchungen mit Psilocybin werden nicht nur Menschen mit früheren Psychosen ausgeschlossen, sondern auch solche, bei denen ein naher Verwandter an Schizophrenie leidet. Sie haben ein erhöhtes Risiko, die Krankheit ebenfalls zu entwickeln.

In klinischen Studien hat sich Psilocybin bisher als sehr sicher erwiesen. Ernsthafte Nebenwirkungen treten in den verwendeten Dosierungen von 15 bis 30 Milligramm kaum auf. Häufig berichten Testpersonen jedoch von vorübergehender Furcht und Verwirrung – wobei Letztere ein Kernmerkmal des Rauschs darstellt. Unterdrückte Erinnerungen und Emotionen können ebenfalls zu Tage kommen, kurzzeitig sind Paranoia, Kopfschmerzen und Übelkeit möglich.

Gefährlich wird es, wenn jemand auf eigene Faust »magic mushrooms« einnimmt. Roland Griffiths’ Team befragte fast 2000 Psilocybinkonsumenten nach ihren schlimmsten Erfahrungen mit der Droge. Elf Prozent gaben an, sie hätten sich oder andere im Rausch in Gefahr gebracht. Knapp drei Prozent hatten sich aggressiv verhalten, und ebenso viele brauchten medizinische Hilfe. Drei Personen erlitten eine Psychose, und drei unternahmen Suizidversuche. Andererseits gaben knapp 84 Prozent der Befragten an, sie hätten von der Erfahrung profitiert.

Ob eine psilocybingestützte Psychotherapie besser wirkt als aktuell übliche Behandlungen, lässt sich noch nicht abschätzen. Eine 2021 veröffentlichte Studie von Fachleuten um David Nutt verglich erstmals die Wirksamkeit des SSRI Escitalopram mit der des Psychedelikums. Das Team teilte 59 depressive Testpersonen in zwei Gruppen ein: Die einen erhielten zweimal im Abstand von drei Wochen eine rauschauslösende Dosis Psilocybin sowie sechs Wochen lang tägliche Placebotabletten. Die anderen bekamen wirkungslose Mikrodosen der Droge plus einmal pro Tag das Antidepressivum. Alle Probanden wurden psychologisch unterstützt. Beide Behandlungen reduzierten die Symptome der Patienten nach sechs Wochen in einem vergleichbaren Ausmaß. Auch Nebenwirkungen traten etwa gleich häufig auf.

Es ist unwahrscheinlich, dass Psilocybin und ähnliche Wirkstoffe Antidepressiva ersetzen werden. Sofern sie sich in den Phase-III-Studien als wirksam erweisen, würden sie anfangs wohl nur dann verschrieben werden, wenn andere Therapien wirkungslos bleiben. Mit der Zeit könnten sie zwar als Erstbehandlung zugelassen werden. Doch selbst dann würde ein Teil der Patienten und Psychiater wahrscheinlich weiterhin Antidepressiva bevorzugen, weil sie einfacher anzuwenden sind. Nichtsdestotrotz wäre die Zulassung ein großer Schritt in Richtung neuartiger, innovativer Behandlungen – und ein Hoffnungsschimmer für Menschen, die seit vielen Jahren mit einer Depression kämpfen.

QUELLEN

Carhart-Harris, R. et al.: Psilocybin with psychological support for treatment-resistant depression: An open-label feasibility study. Lancet Psychiatry 3, 2016

Carhart-Harris, R. et al.: Trial of Psilocybin versus Escitalopram for depression. The New England Journal of Medicine 384, 2021

Davis, A. K. et al.: Effects of Psilocybin-assisted therapy on major depressive disorder. A randomized clinical trial. JAMA Psychiatry 78, 2020

Pokorny, T. et al.: Effect of Psilocybin on empathy and moral decision-making. International Journal of Neuropsychopharmacology 20, 2017

Shao, L. X. et al.: Psilocybin induces rapid and persistent growth of dendritic spines in frontal cortex in vivo. Neuron, 2021 Dieser Artikel im Internet: www.spektrum.de/artikel/1920019