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IM RAUSCH DER GESUNDHEIT


Healthy Life - epaper ⋅ Ausgabe 3/2021 vom 09.06.2021

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Bildquelle: Healthy Life, Ausgabe 3/2021

Die Entscheidung war eine Sensation in der deutschen Gesundheitsbranche: Seit März 2017 können Patienten sich hierzulande medizinisches Cannabis ganz legal beim Arzt verschreiben lassen. Die Krankenkassen übernehmen die Kosten dafür – wenn bestimmte Bedingungen erfüllt sind. Doch was genau ist medizinisches Cannabis? Wie wirkt es? Bei welchen Erkrankungen hilft es – und kann es Nebenwirkungen geben? In Österreich wurde Cannabis bereits 2018 zur „Heilpflanze des Jahres“ gewählt, in immer mehr Staaten weltweit ist seine medizinische Verwendung möglich: Etwa in Skandinavien, Großbritannien, Italien, Portugal, Australien, Kanada oder vielen US-Bundesstaaten. Inzwischen gibt es eine Vielzahl von wissenschaftlichen Studien, die die Heilwirkung von Cannabisprodukten belegen.

Was ist medizinisches Cannabis?

Cannabis gehört zur Familie der Hanfgewächse und enthält mehr als 100 Inhaltsstoffe, darunter ...

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... Delta-9- Tetrahydrocannabinol (THC), der Hauptwirkstoff von Cannabis, der Rauschzustände auslösen kann. Der Wirkstoff Cannabidiol (CBD) ist weniger bekannt. Er wirkt nicht berauschend, sondern kann dabei helfen, Entzündungen zu hemmen und Schmerzen zu lindern. Darüber hinaus enthält Cannabis zahlreiche weitere Cannabinoide, die in geringer Dosis auftreten und deren Wirkungsweise wissenschaftlich noch wenig erforscht ist. Neben den pflanzlichen Substanzen kommen auch cannabisähnliche Wirkstoffe zur medizinischen Anwendung, die synthetisch gewonnen werden.

Wie wirkt Cannabis?

Für die berauschende Wirkung von Cannabis sorgt vor allem Tetrahydrocannabinol (THC). Er gehört zur Stoffgruppe der Cannabinoide, die neben rauschartigen Zuständen auch schmerzlindernd wirken können, indem sie an Cannabinoid-Rezeptoren in unserem Gehirn andocken. Die Wirkung ist in erster Linie hemmend. So hat Cannabis insgesamt eine verlangsamende Wirkung auf das Gehirn. Konsumenten fühlen sich dadurch entspannt und euphorisch.

GESCHICHTE DES HANFS

Cannabis wird von der Menschheit schon sehr lange genutzt. Als Getreide bauten die Chinesen es schon vor 12.000 Jahren an. Die robusten Blattfasern der Hanfpflanze wurden für die Herstellung von haltbarer Kleidung verwendet. Hanfsamen enthalten nicht den Cannabiswirkstoff THC, dafür aber einen hohen Anteil an Vitaminen, Eiweiß und Mineralstoffen. Rund 2800 v. Chr. finden sich erste Hinweise auf die Verwendung von Cannabisblüten als Heil- und Rauschmittel – ebenfalls in China. In Deutschland wurde Hanf seit dem frühen Mittelalter angebaut und vielseitig eingesetzt. So diente etwa Hanföl in Lampen als Brennstoff, aus Hanffasern fertigte man Papier für den frühen Buchdruck. Anfang des 20. Jahrhunderts wurde Cannabis wie auch viele andere Drogen in immer mehr Ländern verboten. Erst in den 90er Jahren kam es zu Lockerungen, insbesondere beim Anbau von Nutzhanf, der in Deutschland seit 1996 wieder erlaubt ist.

Das kann auch dazu führen, dass sie Schmerzen nicht mehr als störend empfinden. Studien zeigen, dass Cannabinoide die Schmerzschwelle nur wenig anheben. Aber sie machen den Schmerz erträglicher, weil er durch die Drogenwirkung in den Hintergrund tritt. Deswegen kommen entsprechende Medikamente häufig bei Kranken mit chronischen Schmerzen zum Einsatz, bei denen herkömmliche Mittel nicht wirken.

Welche Dosierung notwendig ist, um die psychoaktive Wirkung von Cannabis zu erzielen, unterscheidet sich von Patient zu Patient.

Bei welchen Erkrankungen hilft Cannabis?

Mögliche Einsatzgebiete für Medikamente auf Cannabisbasis sind laut Bundesärztekammer insbesondere chronische Nervenschmerzen, langanhaltende Muskelverkrampfungen bei Multipler Sklerose oder Übelkeit und Appetitlosigkeit aufgrund von Chemotherapie bei Krebserkrankungen.

Außerdem gibt es eine Reihe von frei verkäuflichen Produkten, die unter anderem das Immunsystem stärken, bei Rückenschmerzen helfen und die Verdauung in Schwung bringen sollen. Der Stand der wissenschaftlichen Forschung zur medizinischen Wirkung von Cannabis ist vor allem in den USA umfangreich. So kamen etwa Forscher von der University of Arkansas in einer Studie zu dem Ergebnis, dass Probanden, denen THC verabreicht wurde, nachts mehr Tiefschlafphasen hatten.

Ein wissenschaftlicher Report im Auftrag der Techniker Krankenkasse führt außerdem bestimmte Epilepsie-Formen als nachgewiesenen Anwendungsbereich von Cannabis auf. Gerade auf diesem Gebiet laufen aktuell noch weitere Studien.

Als „mögliche Indikationen“ für medizinisches Cannabis listet der Report der Techniker Krankenkasse Angst- und Schlafstörungen, das Tourette-Syndrom und ADHS auf. Im Hinblick auf die Frage, ob Cannabis bei Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivität-Störungen bei Erwachsenen wirkt, liegen bislang zu wenig Forschungsergebnisse vor. Einzelne Erfahrungsberichte deuten dies an, müssen jedoch noch untermauert werden. Inwieweit Cannabinoide bei Angststörungen hilfreich sind, muss ebenfalls noch tiefergehend untersucht werden. Erste Erkenntnisse hier deuten zumindest auf eine Überlegenheit von Cannabis gegenüber Placebos hin.

WER BESCHWERDEN NUR VORTÄUSCHT, UM SO AN CANNABISPRODUKTE ZU KOMMEN, MUSS MIT EMPFINDLICHEN STRAFEN RECHNEN

Welche Ärzte verschreiben medizinisches Cannabis?

Rezepte für Cannabisprodukte können Ärztinnen und Ärzte aller Fachrichtungen verschreiben, eine besondere Qualifikation ist dafür nicht notwendig. Für Patienten gilt generell, dass sie sich schon vor der Verschreibung von Cannabis in ärztlicher Behandlung befunden haben müssen und herkömmliche Behandlungsmethoden durchlaufen haben. Mediziner können Cannabis verschreiben, wenn sie damit die Aussicht auf einen Heilungserfolg für eine diagnostizierte Erkrankung verbinden. Ärzte müssen je nach Krankheit und Art der Symptome entscheiden, ob eine Behandlung mit medizinischem Cannabis Erfolg verspricht. Dabei zu beachten sind nach der Gesetzesänderung von 2017 lediglich die Einschränkungen durch die Betäubungsmittel-Verordnung. Die Verschreibungshöchstmenge für Cannabis beträgt 100 Gramm in 30 Tagen. Diese Höchstmenge wurde unabhängig vom Gehalt einzelner Cannabinoide in den unterschiedlichen Cannabissorten festgelegt. So kann der Anteil an THC in Cannabisblüten je nach Sorte zwischen einem und rund 22 Prozent schwanken. Wer Beschwerden nur vortäuscht, um so an Cannabisprodukte zu kommen, muss mit empfindlichen Strafen rechnen.

Wann zahlt die Kasse die Behandlung mit Cannabis?

Grundsätzlich müssen Ärzte vor Behandlungsbeginn die Notwendigkeit einer Verabreichung von Cannabisprodukten gegenüber der Krankenkasse begründen. Im Gesetz heißt es, dieser Antrag dürfe „nur in begründeten Ausnahmefällen“ von der Kasse abgelehnt werden. Über die Anträge soll innerhalb von drei bis fünf Wochen entschieden werden. Soll die Behandlung im Rahmen einer ambulanten Palliativversorgung erfolgen, verkürzt sich diese Frist auf drei Tage. Die endgültige Entscheidung liegt allerdings bei den Kassen. So lag etwa bei der AOK, Deutschlands größter Krankenkasse, die Bewilligungsquote zwischen Januar und August 2020 bei rund 62 Prozent. Eine Verschreibung über ein Privatrezept, dessen Kosten der Patient trägt, ist jederzeit und unabhängig von der Indikation möglich.

Gibt es Nebenwirkungen?

Ob und welche Nebenwirkungen bei Cannabis auftreten, hängt von verschiedenen Faktoren ab, etwa der Dauer der Einnahme und der Höhe der Dosis. Grundsätzlich wird unterschieden zwischen akuten Nebenwirkungen und solchen, die nach einer längeren Einnahme entstehen können. Die möglichen akuten Nebenwirkungen dauern in der Regel zwischen einigen Stunden bis zu drei Tagen.

WIRD CANNABIS BALD LEGALISIERT?

Die Legalisierung von Hasch und Marihuana schreitet weltweit voran. Nach Uruguay erlaubten auch mehrere US-Bundesstaaten den Besitz von Cannabis, in Kanada, Südafrika, den Niederlanden und Spanien steht das Rauschmittel ebenfalls nicht mehr unter Strafe. Auch in Deutschland gibt es immer mehr Stimmen, die eine Legalisierung von Cannabis über den medizinischen Gebrauch hinaus fordern. So macht sich die FDP schon länger dafür stark. Die Grünen ziehen in diesem Jahr mit einem Programm in die Bundestagswahl, das den Verkauf von Cannabis in „lizenzierten Fachgeschäften“ erlauben soll. Die SPD befürwortet eine regulierte Abgabe an Erwachsene in Modellprojekten.

GUT ZU WISSEN

Dazu zählen Müdigkeit, Schwindel, Halluzinationen, Herzrasen, Blutdruckabfall, Gedächtnisschwäche, verminderte psychomotorische Leistungsfähigkeit und Stimmungsschwankungen bis hin zu Angst und Depressionen. In Schwangerschaft und Stillzeit darf Cannabis nicht verabreicht werden.

Ist es möglich, von medizinischem Cannabis abhängig zu werden?

Unstrittig ist, dass der Konsum hoher Mengen über einen langen Zeitraum psychisch süchtig machen kann. Bislang gibt es allerdings keine dokumentierten Fälle einer Cannabisabhängigkeit aufgrund einer ärztlich überwachten Einnahme oder Therapie mit entsprechenden Medikamenten. Nach einer länger dauernden Einnah- me von Cannabis kann sich allerdings eine Toleranz entwickeln. Das heißt: Die Wirkungen der Stoffe auf Psyche, Hormonsystem oder den Kreislauf nehmen ab. Ob und in welchem Umfang Entzugserscheinungen nach dem Ende einer Therapie einsetzen können, hängt von der Dauer des Konsums ab. Die Entzugserscheinungen können bei einer plötzlichen Beendigung der Medikamentierung den Symptomen ähneln, die auftreten, wenn man mit dem Rauchen aufhört. Die Dosierung in frei verkäuflichen Mitteln gilt als zu niedrig, um solche Folgen auszulösen.

Wie wird medizinisches Cannabis eingenommen?

Es gibt eine Reihe von Fertigarzneimitteln in Form von Kapseln, Tropfen, Öl oder Mundsprays. Für die Einnahme von Cannabis in Blütenform oder als Extrakt ist es wichtig, sie vorher zu erhitzen, damit die Substanzen ihre Wirksamkeit entfalten. Dies wird in der Regel durch einen Vaporisator, also einen Verdampfer, möglich gemacht.

Wo kommt medizinisches Cannabis eigentlich her?

Derzeit werden nur aus dem Ausland importierte Cannabissorten für medizinische Zwecke in Deutschland verwendet. Die verfügbaren Sorten sind anhand ihres Gehaltes der Wirkstoffe THC und CBD standardisiert.

Der vom Internationalen Suchtstoffkontrollrat geschätzte Bedarf an medizinischem Cannabis in Deutschlang wird auf rund 18 Tonnen im Jahr geschätzt. Um in dieser Größenordnung eine Versorgung mit Cannabisprodukten zu gewährleisten, dürfen Privatfirmen unter staatlicher Aufsicht die Pflanzen inzwischen auch in Deutschland anbauen.

Dazu wurde dem Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) die Aufgabe übertragen, eine Cannabisagentur einzurichten. Die Produktionsstandorte wurden nach Neumünster (Schleswig-Holstein) und Ebersbach (Sachsen) vergeben. Der Aufwand der Hanfproduktion ist enorm – auch in Hinblick auf die Sicherheitsmaßnahmen. So verfügt die Anlage in Neumünster über zwei Schleusen, Hunderte von Überwachungskameras und schusssicheres Glas. Die erste Ernte soll im Laufe dieses Jahres eingefahren werden.