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Im Regenwald der Küstenwölfe


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Gong - epaper ⋅ Ausgabe 45/2021 vom 05.11.2021

NATUR

Auf über 400 Kilometern Länge erstreckt sich die

6,5 MILLIONEN Hektar große Wildnis entlang der Küste von British Columbia

Artikelbild für den Artikel "Im Regenwald der Küstenwölfe" aus der Ausgabe 45/2021 von Gong. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Gong, Ausgabe 45/2021

UNBERÜHRT Wie hier in der Hartley Bay reicht der dichte Baumbestand bis an die Uferzonen

Nebel steigt über den Wäldern auf. Im Wasser spiegeln sich Zedern und mächtige Sitkafichten. Alles ist feucht, Moose bedecken die Felswände am Ufer. Die ganze Landschaft scheint zu atmen. Es ist ein undurchdringlicher Regenwald, der sich auf über 400 Kilometern Länge an der Küste von British Columbia entlangzieht. Ein Labyrinth aus intakter Natur, zahllosen Inseln, Wasserfällen, Sumpfgebieten und Fjorden, die tief ins Landesinnere reichen. Viel wilder wird es auch in Kanada kaum.

„Der Great-Bear-Regenwald ist für mich einer der schönsten Wälder der Erde“, schwärmt Sandra Hieke von Greenpeace Deutschland. „Er ist nicht nur die Heimat von First Nations, sondern ein Wald wie aus dem Märchen.“ Die First Nations, also ...

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... die indigenen Völker Kanadas, kämpften gemeinsam mit Umweltschützern zwei Jahrzehnte gegen die Abholzung dieses Naturparadieses. Erst im Februar 2016 vermeldete Greenpeace den Erfolg: Durch ein Abkommen mit der Regierung von British Columbia stehen zumindest 85 Prozent der bewaldeten Fläche unter Schutz. „Auf rund 550.000 Hektar sollte unter strengen Umweltauf lagen weiter industriell Holz eingeschlagen werden können“, erklärt Waldexpertin Sandra Hieke. Der Rest ist vor der Säge weitgehend sicher.

Wo Wölfe schwimmen lernen

Zu einem Märchenwald gehören geheimnisvolle Tiere, die es in der Form nur dort gibt. „Küstenwölfe schwimmen in den Jagdgründen der Orcas“, berichtet Sandra Hieke. Schwimmende Wölfe? Bekannt sind die Räuber eher als scheue Waldbewohner. An Kanadas Küste jedoch haben sie den Ozean als Nahrungsquelle entdeckt. Weil es nur wenig andere Beute gibt, fangen sie Fische, knacken Krebse am Strand, machen Jagd auf Seeotter und Robben.

Zu ihrem natürlichen Jagdinstinkt gehört das nicht. Der Nachwuchs muss das veränderte Verhalten deshalb erst von den Eltern lernen. Kein Wunder, dass junge Wölfe den Sprung in den eiskalten Nordpazifik zunächst scheuen. Lediglich bei Ebbe können Sandbänke als Brücke zwischen den vielen kleinen Inseln dienen, auf denen die Beute lockt. Erfahrene Tiere machen es vor: Beherzt wagen sie sich ins Wasser und schwimmen durchs offene Meer. Wolfsspuren wurden schon auf Inseln entdeckt, die zwölf Kilometer von der Küste entfernt liegen. Eine weltweit einzigartige Leistung! Ansonsten unterscheiden sich die Küstenwölfe kaum von ihren europäischen Verwandten. Mit einer Schulterhöhe von bis zu 80 Zentimetern und einem Gewicht von 65 Kilo bei Männchen sind sie etwas kleiner – und laut Genanalysen tatsächlich eine eigene Art.

Ein anderer Bewohner des Great-Bear­ Schutzgebiets wurde sogar lange für ein Phantom gehalten: „Hier streifen weiße Schwarzbären, sogenannte Geisterbären, durch die Wälder“, erzählt Sandra Hieke. Sie sind weiß, aber weder Eisbären noch Albinos, bei denen die Farbe durch eine Pigmentstörung entsteht. Mooksgm’ol, wie ihn die First Nations nennen, ist ein genetisch leicht veränderter Schwarzbär.

Wo Geisterbären Fische fangen

Vor Jahrtausenden muss es eine Genmutation gegeben haben, die das Fell eines Schwarzbären hell färbte. Dieses veränderte Gen steckt nun in der Population des Great-Bear-Regenwalds, ohne dass es immer in Erscheinung tritt. Nur wenn sich zwei Bären paaren, die beide das Weiß- Gen in sich tragen, kann der Nachwuchs ein Geisterbär werden. Für Kanadas indigene Völker ist der Mooksgm’ol seit Urzeiten heilig. Nie haben sie diesem Wesen ein Haar gekrümmt. Ihre Legenden berichten: Der Rabe, Schöpfer der Welt, verwandelte jeden zehnten Schwarzbären in einen weißen, um an jene Zeit zu erinnern, als Gletscher das Land bedeckten. Wissenschaftler vermuten, die seltene Mutation könnte wirklich in der letzten Eiszeit entstanden sein. Kermodebär oder Ursus americanus kermodei nennen sie den Sonderling.

Wo Gezeiten das Leben prägen

Im größten intakten Kaltregenwald der Erde leben alle Tiere mit und vom Ozean. Über den Wellen ziehen Weißkopfseeadler ihre Kreise, auf Felsen rekeln sich Robben. Orcas suchen zwischen Inseln nach Beute. Von Juni bis Oktober ist der Tisch für Bären reich gedeckt, wenn die Lachse flussaufwärts zu ihren Laichgebieten ziehen. Manche nennen den Great-Bear-Regenwald sogar den „Amazonas des Nordens“. Und genau wie der südamerikanische Urwald braucht er weiterhin Schutz.

Fünf Jahre nach den ersten Erfolgsmeldungen liegt noch einiges im Argen, die Umsetzung vieler Maßnahmen verzögert sich erheblich. „Das gefährdet das Wohl des Great-Bear-Regenwalds“, kritisiert die Greenpeace-Expertin Sandra Hieke. „Es ist höchste Zeit, dass Regierungen mehr Verantwortung für Mensch und Natur übernehmen und den Schutz der Natur nicht nur beschließen, sondern auch umsetzen.“ Damit Küstenwölfe und Geisterbären auch in Zukunft noch durch ihren Märchenwald streifen können.

KAI RIEDEMANN