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IM ROTEN BEREICH


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Outdoor - epaper ⋅ Ausgabe 11/2022 vom 11.10.2022
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Bildquelle: Outdoor, Ausgabe 11/2022

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1| Acht Kilometer bis zum Ziel. So nah und doch zwei harte Stunden entfernt.

W irh aben ja noch knapp zehn Tage Zeit fürs Training«, beruhige ich Jakob und sichere kurzentschlossen unsere Tickets für den Mammutmarsch in Nordrhein-Westfalen – ohne viel mehr über ihn zu wissen, als dass die Teilnehmer einer ausgeschilderten 100-Kilometer-Runde ab Wuppertal folgen und die Sache nichts mit dem Schweizer Outdoor-Hersteller zu tun hat. Wer die 100 Kilometer innerhalb von 24 Stunden schafft, bekommt eine Medaille. Unterwegs warten alle rund 20 Kilometer Verpflegungspunkte mit Getränken und Snacks. Wer aufgibt, muss den Rücktransport per Taxi oder Bus selbst organisieren.

Jakob und ich sind ambitionierte Radfahrer, und das Thema Wandern decken bei uns der Gang zum Altglascontainer oder ähnliche Distanzen ab. Seit uns ein Freund vom Mammutmarsch erzählt hat, können wir uns der Magie der runden Zahl aber ...

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... nicht entziehen. Und Gehen kann doch bitte jeder! So beschränkt sich meine Vorbereitung auf zweimal Schuhcheck im nahegelegenen Wald. Wird schon. Das Ding entscheidet sich eh im Kopf.

Mitte September stehen wir also in der letzten Startgruppe mit einigen hundert potenziellen Mammuts im strömenden Regen auf einem Sportgelände in Wuppertal. Der Plan ist klar: erst nach Osten, dann kurz nach Norden und grob an der Ruhr entlang nach Westen. Veranstalter Kalle Eberhardt gibt uns noch motivierende Worte mit auf den Weg. Gekonnt, denn wir freuen uns jetzt fast über den Regenguss. »Das macht die ganze Aktion ja noch spektakulärer!«, meint Kalle – und steigt direkt nach dem Start um Punkt 14 Uhr in einen trockenen VW-Bus.

Erstaunlich unspektakulär setzt sich die Herde in Bewegung, eine Mix aus Sportlern in Trailrunning-Outfits, Langstreckencracks mit Stöcken und Typen in Alltagskleidung. Unser buntes Funktionsfaser-Fell hält nicht mal das Startprozedere über dicht, und ein Stockwerk tiefer melden beide Füße Wassereinbruch im Schuh. Die ersten zehn Kilometer führen durch ein Neubaugebiet raus aus der Stadt und sind vorbei, bevor wir richtig kapieren, dass wir schon unterwegs sind. Noch neunmal das Gleiche. Ein Kinderspiel.

Bei den angenehmen Temperaturen stört der Regen nicht. Ein bisschen machen wir uns Sorgen wegen der triefend nassen Socken, das soll ja nicht so optimal für die Blasenvermeidung sein. Wir lernen Leute um uns herum mit ähnlichem Gehtempo kennen. Zum Zeitvertreib versuchen wir, eine junge Dame und einen Jung-Mammut davon zu überzeugen, dass sie das perfekte Pärchen wären. Er gibt sich interessiert, sie (noch?) nicht. Obwohl wir unterschiedlich schnell gehen, treffen wir die beiden immer wieder nach kurzen Fotostopps. Perfekt für eine Langzeitbeobachtung.

2| Gut gelaunt stehen Jakob (links) und ich im strömenden Regen am Start.

3| Medaillenspiegel: Wer die 100 Kilometer in 24 h schafft, ist ein »Mammut«.

Ab Kilometer 25 – wir verlassen gerade den Gevelsberger Stadtwald – gesellt sich André zu uns. Ein junger Tierpfleger aus Solingen und bereits seit letztem Jahr ein 100-Kilometer-Mann. Der drahtige Kerl ist uns auf Anhieb supersympathisch. Wortlos vereinbaren wir, dass die Show von nun an als Trio stattfindet.

Als wir gegen acht Uhr die 30-Kilometer-Marke hinter uns lassen, beginnt die Nacht, und der Regen hört auf. Nur die punktförmig tanzenden Stirnlampen durchbrechen das tiefe Schwarz. Nach wie vor sind wir bester Laune, und André packt ein paar Tipps und Tricks aus seiner Bundeswehrzeit aus: »Am wichtigsten auf langen Märschen ist die Durchlüftung der Hose, also am besten den Hosenschlitz durchgängig offenlassen.« Jakob schaut ihn ungläubig an. »Ach komm jetzt, das ist doch eine Räuberpistole, die man Rekruten erzählt«, sagt er. Da André aber mit »gutem« Beispiel vorangeht, gönnen wir unserem Unterleib von da an eben auch die Extraportion Frischluft.

1| Jakob überprüft an der ersten Verpflegungsstation den Zustand seiner Füße: keine Blasen. Noch nicht.

2| Die Helfer versorgen die Teilnehmer mit Getränken, kleinen Snacks und moralischem Zuspruch.

Gemeinsame Rituale verbinden. Wir passieren locker die 50er-Marke und laufen um 2 Uhr an der dritten Verpflegungsstation in Witten ein. Nach 58 Kilometern ist bei so manchem Mammut nicht mehr viel Würde übrig. Einige liegen auf den Bänken und begutachten mit größter Sorge die Kraterlandschaften auf den Fußsohlen. Für Yogini: das herabschauende Mammut. Wir wechseln die Socken, bisher sind wir von schlimmeren Blessuren verschont geblieben. Einige Taxis rollen an, die völlig entkräftete Wandersleute geordert haben. Und wir treffen unser »Herzblatt-Pärchen« wieder. Sie haben immer noch nicht zueinander gefunden, sehen aber beide frisch aus.

Nicht ganz so frisch ist dagegen Jakobs Rucksack. Das ultraleichte Gepäckstück hat einen langen Riss bekommen. Notgedrungen packen wir alles in einen Turnbeutel, der ab jetzt unkontrolliert auf seinem Rücken hin und her baumelt. Zurück auf der Strecke schläft die Kommunikation immer mehr ein. Statt zotiger Sprüche hört man öfter ein tiefes Ausatmen und auch die ersten leisen Klagen. Wir spüren Blasen in den durchnässten Schuhen platzen, Schmerzen werden zum Dauerzustand. Müdigkeit und Erschöpfung fordern ihren Tribut. Die Kilometer ziehen sich endlos hin, und so langsam wird uns klar, dass Kalle diesen Marsch nicht umsonst »Endgegner« nennt.

An der 70-Kilometer-Marke um 5 Uhr morgens gelingt uns nur noch ein müdes Grinsen für das obligatorische Handyfoto.Auf den nächsten Kilometern hin zur letzten Versorgungsstation erstreckt sich der asphaltierte Weg scheinbar endlos entlang der Ruhr. Die Moral sinkt auf den Tiefpunkt. Und im anschließenden Anstieg über einen Pfad fühlen wir uns wie betrunken, torkeln beinahe vom Weg.

Glücklicherweise zieht im Osten langsam ein heller Streifen am Horizont auf. Mit dem Sonnenaufgang erreichen wir den letzten Versorgungspunkt bei Kilometer 80. Jakob setzt sich sofort hin, unfähig, selbst Essen oder Getränke an den Stationen einzusammeln. Frierend und mit der Gesichtsfarbe des untergehenden Vollmondes schaufelt er Snacks und süße Sachen in sich hinein. Ich frage an der Getränkeausgabe nach Kokain, der Herr lächelt gequält. Gut, dann halt nur Zucker. Mit hängendem Kopf schleppt Jakob sich zurück auf die Strecke.

Die Fußschmerzen sind nur noch ein Grundrauschen

Eine halbe Ewigkeit und fünf Kilometer später erwischt es mich. Ich sitze auf einem Stein, überlege, warum ich nur vier dieser Milchbrötchen an der letzten Station gegessen habe, und versuche verzweifelt, die Restkilometer zu berechnen. 100 minus 85 … keine Chance. Mühsam erhebe ich mich, gefühlt 50 Kilo schwerer als ü kann ich kaum das Gleichgewicht halten. Irgendjemand drückt mit aller Gewalt von innen auf die Augäpfel und reißt an meinen nicht vorhandenen Haaren. Die Schmerzen der kaputten Füße sind nur noch ein Grundrauschen, jetzt tut einfach alles weh. Der Körper schreit: »Stopp, sofort hinlegen!« Mein ehrgeiziges Sportlerhirn brüllt mit aller Kraft zurück: »Halt die Klappe – wir sind noch nicht durch!« So leer und erschöpft war ich noch nie. Jakob hat sich halbwegs gefangen und bettelt andere Teilnehmer um Zucker an. Nach zwei Schokoriegeln funktioniert das Mathe-Areal in meinem Gehirn wieder leidlich. 15! Verdammt, auf dieses Ergebnis hätte ich auch gerne verzichtet.

3| Rund 1250 Sportler stapfen über asphaltierte Wege heraus aus Wuppertal-Oberbarmen.

HALBZEIT! WIR PASSIEREN LOCKER DIE 50-KM-MARKE. IST JA AUCH ERST MITTEN IN DER NACHT.

1| Jakob sinkt im Ziel erschöpft in einen Liegestuhl. Die 100 Kilometer waren deutlich härter als erwartet.

IN MEINEM KOPF HÄMMERT EIN MAMMUT MIT SEINEM RÜSSEL GEGEN DIE SCHÄDEL-INNENSEITE.

Wir schlurfen durch Wald und über Wiesenwege und sammeln dabei jede Menge Höhenmeter. Selbst André, dessen Leiden bisher unter die Kategorie »schlecht vorgetragenes Solidaritäts-Jammern« fiel, gibt jetzt glaubhafte Bekundungen der Erschöpfung von sich. Das 90-Kilometer-Schild wird im Vorbeigehen fotografiert. Wir sind jetzt so langsam, dass ein Verwackeln des Fotos völlig unmöglich ist. In meinem Kopf hämmert ein Mammut mit dem Rüssel gegen die Schädelinnenseite. Die 95er-Markierung ignorieren wir beleidigt, ich habe keine Kapazitäten mehr für Bilder frei.

Eigentlich wäre es Zeit für einen Heiratsantrag

Auf den letzten fünf Kilometern schenkt uns eine Dame Schokolade und Cola. Wir würden ihr gerne einen kollektiven Heiratsantrag machen, bringen aber so schnell unseren Text nicht zusammen. An einen Kniefall ist nicht zu denken. Einfach nur weiter. Auf einmal rauscht es in meinem Kopf. Shit! Wir haben uns verlaufen, das muss die Nordsee sein. Aber nein, nur eine Ansammlung vorbeirasender Pkw. Damit niemand einschläft, hat der Streckenplaner zum Finale eine kilometerlange Passage direkt an der A 46 entlang eingebaut. Super Idee! Mit dröhnendem Kopf steigen wir die letzten der insgesamt 1900 Höhen- und damit auch Tiefenmeter hinab zur Wupper.

Die allerletzten Meter scheinen kein Ende zu nehmen.

Mein Körper lechzt nach Horizontallage. Da, endlich – der schwarzgelbe Zielbogen. Zu dritt eiern wir Arm in Arm und uns gegenseitig stützend über die 100-Kilometer-Linie. Mein Gehirn schaltet ab.

Als das Betriebssystem wieder hochfährt, hänge ich auf einer Bank, Jakob pennt in einem Liegestuhl. Wir haben beide ein Bier in der Hand, um unsere Hälse baumelt je eine Medaille, die andeutet, dass wir 2022 erfolgreich an einem 100-Kilometer-Mammutmarsch teilgenommen haben. Da auch André so ein Teil vor der stolzen Brust hängt, sickert bei mir langsam die Info durch: Wir haben es geschafft. 22:30 Stunden. Um uns herum sitzen gestandene Frauen und Männer heulend im Gras. Mir ist jetzt klar, warum die Mammuts ausgestorben sind. Ich schwöre mir: So was mache ich nie, nie, nie wieder! Danach schließe ich leicht grinsend meinen Lüftungs-Hosenschlitz – und schlummere wieder ein.

Die Mammutmärsche gibt es in Längen von 30 bis 100 Kilometern. Alle Infos:mammutmarsch.de

2| Jedes einzelne neue »Mammut« wird im Ziel von einem Empfangskomitee gebührend gefeiert. Jetzt erst mal?n Bier.