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IM SIEBTEN HIMMEL


Landlust - epaper ⋅ Ausgabe 3/2018 vom 18.04.2018

Zwölf Meter über der Wupper schweben 85 000 Wuppertaler täglich durch das enge Tal ihrer Stadt. 1901 wurde das stählerne Wahrzeichen der Stadt in Betrieb genommen. Damit ist es sogar älter als die Stadt Wuppertal selbst.


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Bildquelle: Landlust, Ausgabe 3/2018

Eine Wasseramsel fliegt unter der Brücke durch und verschwindet im dichten Grün am Ufer der Wupper. Einige Meter weiter lauert ein Fischreiher reglos auf Beute. Üppige Natur inmitten einer deutschen Großstadt mit gut 360 000 Einwohnern. Dann ertönt ein metallisches Sirren. In abenteuerlich wirkender Schräglage saust die Schwebebahn durch die Kurve und passiert das Sonnborner Viadukt. So ...

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... sagen das Zugereiste. Wuppertaler sagen 111. So heißt diese Stütze, einer von 468. Damit sich auch Zugereiste zurechtfinden, sind die Stützen nummeriert. Von Wuppertal-Vohwinkel im Westen kommend immer oben rechts stehen die fortlaufenden Nummern.

12 Meter über der Wupper

Maximal 13,3 Kilometer kann der Fahrgast mit der Schwebebahn zurücklegen. Acht Meter über der Kaiserstraße in Vohwinkel bis Kilometer 2,7 hinter dem Sonnborner Autobahnkreuz und ab dann 12 Meter über der Wupper. Die Gelenkwagen erreichen bis zu 60 km/h, fahren der kurvigen Strecke und der vielen Haltestellen wegen aber meist langsamer. An immerhin 20 Haltestellen können die Passagiere ein- und aussteigen.
Und das tun sie auch; an jeder Haltestelle herrscht reger Betrieb. Ein mehr als 100 Jahre altes Verkehrsmittel, das immer noch seinen Zweck nicht nur erfüllt, sondern sich ungebrochenen Zuspruchs erfreut. Weil es für diese besondere Stadt die ideale Transportlösung bietet.

Ans Gleis gebracht

Seit 2016 werden die zwischen 1972 und 1974 in den Dienst gestellten Gelenkwagen durch neue Modelle ersetzt. Wie kommt so ein Gelenkwagen überhaupt auf das Gleis? Mathias Conrads, der Vorsitzende des Fördervereins Historische Schwebebahn e. V., hat diese Frage schon häufig beantwortet. Jeder der mit einer Spannung von 600 Volt betriebenen Motoren wiegt 2,5 Tonnen. Ein Gelenkwagen wird von vier Motoren angetrieben. Macht also zehn Tonnen. Zu viel, um den kompletten Gelenkwagen aufzugleisen. Stattdessen werden im Depot Vohwinkel zuerst die Motoren aufgegleist und dann erst die Passagierkabinen montiert. Soll ein Gelenkwagen aus dem Depot in die Gleisanlage fahren, wird dazu eine Weiche betätigt. Die anderen Wagen müssen dann einen Moment warten.

Lieber schweben als hängen

Das müssen sie auch sonst häufig. An jedem Bahnhof gibt es zwei Ampelanlagen. Bis zu 18 Wagen sind zeitgleich im Einsatz. Im Leitstand wird penibel überwacht, dass die Gelenkwagen mindestens drei Minuten Abstand zueinander halten. Sonst bestünde das Risiko des Auffahrens. So etwas ist bereits vorgekommen, aber nur sehr selten und insgesamt gilt die Schwebebahn als äußerst sicheres Verkehrsmittel. Darauf weisen die Wuppertaler mit Stolz hin, aber niemals ohne anzumerken, dass ihr Wahrzeichen von Anfang an sehr gut und zuverlässig funktioniert hat. Seltener wird erzählt, dass der Begriff Schwebebahn gar nicht zutreffend ist, weil zwischen Antrieb und Gleis ständig ein Kontakt besteht. Aber Schwebebahn klingt besser als „Hängebahn“, und wer hängt schon gern in der Luft, wenn er doch majestätisch schweben kann?

Mit 60 km/h geht es über die Wupper – Ausblicke inklusive.


Einfahrt Haltestelle Zoo/Stadion


Platzprobleme

Dabei hatten ihr Erfinder Carl Eugen Langen und die Stadtväter der damals noch eigenständigen Gemeinden Elberfeld und Barmen – Wuppertal wurde erst 1929 als Zusammenschluss dieser Gemeinden mit Vohwinkel, Ronsdorf und Cronenberg gegründet – handfeste Gründe für ihre ebenso originelle wie zweckmäßige Transportlösung. Keiner dieser in den wilden Jahren der Industrialisierung extrem schnell gewachsenen Orte hatte jemals eine repräsentative Funktion und so gab es nirgends große Marktplätze, geschweige denn breite Schneisen für konventionelle Bahnen oder Straßen. Verkehrsraum war ein kostbares Gut im engen, dicht besiedelten Tal. So kam es zur Idee, eine Bahn über der Wupper zu bauen. Schon 1890 hat Siemens & Halske einen Entwurf für eine solche Bahn vorgelegt, die zwischen Sonnborn und Rittershausen, dem heutigen Oberbarmen, verkehren sollte. Doch ein Hochwasser belehrte die Stadtoberen eines Besseren und sie nahmen das Angebot nicht wahr. Die mittig in der Wupper stehenden Pfeiler hätten fortgespült werden können.

Import aus Köln

Der Auftritt von Carl Eugen Langen. Der 1833 geborene Unternehmer hatte bereits 1865 einen Vorläufer der Schwebebahn für seine in Köln beheimatete Zuckerfabrik gebaut. Am 05.08.1895 trug das kaiserliche Patentamt die weiterentwickelte Konstruktion als „Hochbahn mit freischwebend hängenden Personenwagen“ ein, unter der Nummer 83.047. Den Wettbewerb zwischen Siemens & Halske und Carl Eugen Langen hatte der Kölner Fabrikant zu diesem Zeitpunkt bereits für sich entschieden. Und den Begriff Schwebebahn auch bereits geprägt. Auch die Wahl auf das System mit je einer Schiene pro Fahrtrichtung war bereits gefallen. Da keins der lokalen Bauunternehmen das riesige Projekt allein hätte stemmen können, wurde kurzerhand ein Konsortium aus vier Firmen gebildet, die den Bau der Abschnitte durchführten. Und der hatte es in sich. Die Wupper schlängelt sich in stets wechselnden Radien durch das Tal. Jeder der über den Fluss ragenden Fachwerkschenkel musste eigens berechnet und konstruiert werden. Alle 200 bis 300 Meter steht ein Ankerjoch, das die Gleisanlage stabilisiert. Die Landstrecke im Westen hingegen wird von Bogenpendelstützen überspannt. Ein Meter Strecke wiegt durchschnittlich 1,1 Tonnen.

Stolz auf Nr. 5

1899 begann der Bau und schon am 24.10.1900 konnte Kaiser Wilhelm II. von Elberfeld nach Vohwinkel schweben. Noch heute wird ihm zu Ehren der Kaiserwagen eingesetzt, als Touristenattraktion. Richtige Wuppertaler heiraten natürlich darin. Und sagen nicht etwa Kaiserwagen, sondern Nummer 5. Am 24.05.1901 wurde die Strecke zwischen Vohwinkel und Kluse in Elberfeld in Betrieb genommen. Der Ausbau bis nach Oberbarmen sollte sich zwei Jahre verzögern, weil sich die dortige Bevölkerung der Schwebebahn gegenüber nicht ganz so aufgeschlossen zeigte wie die Bewohner von Elberfeld und Vohwinkel.

TUFFI, DIE LEGENDE

Wenn auch die Sicherheit der Fahrgäste von vornherein im Fokus der Entwickler gestanden hat, so gehören doch bisweilen kuriose Unfälle zur Geschichte der Schwebebahn. Berühmt wurde die Elefantendame Tuffi. Am 21.7.1950 wurde die gerade erst vier Jahre junge Dickhäuterin in die Schwebebahn verfrachtet, um dort für den Zirkus Althoff Werbung zu machen. Doch sie geriet in Panik, das versammelte Publikum erst recht, und Tuffi sprang in die Wupper. Bis auf ein paar Schrammen übersteht Tuffi den Vorfall unverletzt. Die heute allüberall erhältlichen Fotos von diesem Vorfall sind allerdings durchweg nicht echt.

DIE WUPPER

Der Amazonas des Bergischen Landes – diese Bezeichnung mag im ersten Moment übertrieben wirken, und wird sie auf die Wassermenge bezogen, ist sie das auch. Zieht man die Artenvielfalt in Betracht, trifft der Vergleich aber zu. Von den nahe des Ortes Meinerzhagen im Sauerland gelegenen Quellen rauscht die Wupper als Gebirgsbach steil bergab.

FORELLENREGION
Das schnell fließende, sauerstoffreiche Wasser beherbergt eine Fauna, die heute der Forellenregion zugerechnet wird. Zwischen der Industrialisierung und der beginnenden Renaturierung in den siebziger Jahren war die Wupper noch ein Abwasserkanal. Das ist vorbei und heute leben wieder gut 30 Fischarten in der Wupper. Neben den namensgebenden Forellen leben hier Groppen und Bachneunaugen. Zwischen Rönsahl und Leichlingen (Rheinland) befindet sich die Äschenregion. Döbel und Lachse gibt es hier, in den aufgestauten Becken der Talsperren aber auch Welse, die eine beachtliche Größe erreichen können. Zwischen Leichlingen und der Mündung in den Rhein bei Leverkusen befindet sich die Barbenregion. Meerforelle, Flussbarsch und Hecht leben hier. Auch die Vogelwelt hat sich längst erholt. Selbst so seltene Arten wie der Eisvogel oder der Schwarzstorch leben wieder an der Wupper. Über deren genaue Länge sich übrigens die Gelehrten streiten. Zwischen knapp 113 und 120 Kilometern finden sich unterschiedliche Angaben.

Aussicht von oben: Mindestens acht Meter über dem Boden schwebt die Bahn.


ÜBER DIE WUPPER GEHEN

Seit dem 19. Jahrhundert steht das Amtsgericht Wuppertal auf einer Insel in der Wupper. Wollte ein Unternehmer Konkurs anmelden, musste er über die Wupper gehen. Daraus hat sich die Redensart entwickelt. Wer über die Wupper ging, war bankrott.

13,3 km misst die Strecke zwischen Vohwinkel und Oberbarmen.


In den historischen Kaiserwagen kann man heute noch bei Ausflugsfahrten oder Veranstaltungen einsteigen.


Die neueste Wagengeneration ist in Himmelblau unterwegs.


Ab Vohwinkel führt die Strecke zunächst über Land. Hier halten Bogenpendelstützen die Schwebebahn.


Das hat sich über die Zeit gründlich geändert. Heute fährt jeder in Wuppertal mit der Schwebebahn. Mit der Regionalbahn geht es schneller von Oberbarmen nach Vohwinkel. Die Schwebebahn benötigt für die Strecke etwa eine halbe Stunde, die Regionalbahn nicht einmal die Hälfte. Aber die Romantik einer Fahrt mit der Schwebebahn kann ein anderes Verkehrsmittel nicht bieten und sich mit dem Auto durch das enge Tal zu quälen bereitet schon gar keine Freude.

Einstieg Vohwinkel

Das Betreten der Schwebebahn vermittelt bereits im ersten Moment ein Gefühl von Jahrmarkt. Der Gelenkwagen pendelt in Querrichtung. Daher muss der Passagier genau hinschauen, dann den ersten Fuß aufsetzen, den zweiten nachziehen und darüber staunen, dass das Pendeln weitergeht. Mathias Conrads winkt ab: „Es gibt Dinge, über die denkt der Wuppertaler nicht nach.“ Mit satter Beschleunigung fährt die Schwebebahn an. Der Vorwärtsdrang beendet das Pendeln und der Blick konzentriert sich bald auf die verblüffend grüne Umgebung. Unter Schatten spendenden Bäumen stehen Angler, im Fluss planschen Kinder, auf Bänken dösen Wuppertaler, denen das charakteristische Sirren ihrer Schwebebahn längst in Fleisch und Blut übergegangen ist. Vohwinkel war dereinst ein Verkehrsknotenpunkt. Die Metallindustrie in Hohenlimburg und Hagen beförderte ihre Waren in Richtung Düsseldorf, und wenn die Kaiserstraße heute auch eher vom Einzelhandel geprägt wird, die breite Auslegung der Straße unter der Schwebebahn zeugt noch immer von der einstigen Bedeutung. Am Bahnhof Vohwinkel kreuzt die Route von Solingen, der Klingenstadt, nach Norden. Doch die Schwebebahn rattert leise nach Osten. Über Bruch, wo bergische Architektur die Strecke säumt – grauer Schiefer, weißer Putz und grüne Fensterläden –, und Hammerstein sowie Sonnborn zur Haltestelle Zoo/Stadion. Hier geht die Land-in die Wasserstrecke über. Den über der Wupper verlaufenden Teil der Strecke.
Es geht kilometerlang über das Gelände der Bayer-Werke. Doch auch in Richtung Elberfeld, heute Wuppertals Zentrum, bleibt es um die Schwebebahn herum grün und den Fischreihern macht der urbane Trubel augenscheinlich nichts aus. Danach wird das aus der ratternden Schwebebahn zu sehende Bild wieder ländlich. Der Alte Markt und die Werther Brücke stehen für den Stolz Barmens, einer der ersten Großstädte der Region. Die Eisvögel, die unter der Schwebebahn über den Fluss sausen, zeigen sich davon aber unbeeindruckt. Rott und Kothen heißen die Stadtteile hier, miteinander verbunden von steilen Treppen. Deutschlands San Francisco – eine Übertreibung ist das keineswegs.

KONTAKT :Förderverein Historische Schwebebahn e.V. Der Förderverein zeigt historische Ausstellungsstücke in einem Firmengebäude an der Vohwinkler Straße, der Eintritt ist frei. Infos über: Mathias Conrads, Kaiserstraße 49, 42329 Wuppertal

■ Text: Stefan Heins, Fotos: Andrea Schneider