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IM WA LD DER MASKEN


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National Geographic Traveler - epaper ⋅ Ausgabe 3/2021 vom 15.10.2021

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Bildquelle: National Geographic Traveler, Ausgabe 3/2021

Drei junge Borucas laufen durch ihr Dorf. Sie tragen Masken, die für den Danza de los Diablitos gefertigt werden.

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„Pura Vida!“, sagt Juan mit einem breiten Grinsen im Gesicht und legt den ersten Gang ein, um uns die steile Schotterpiste mitten im tropischen Regenwald hinaufzubringen. „Pures Leben“ heißt das wortwörtlich, wird aber in Costa Rica zu jeder Gelegenheit verwendet – als Gruß, auf die Antwort, wie es einem geht, und als Ausdruck der Freude. „Genieß die Massage“, höre ich unseren Fahrer noch sagen, kralle mich fester an den Griff in der Tür des Autos und ergebe mich dem wilden Geschaukel. Das rote Geröll und der Regen verschmelzen zu einer endlos scheinenden Piste aus Schotter und Schlamm, unser Geländewagen gräbt sich wie ein wildes Tier den Bergrücken hinauf. Die Zivilisation haben wir schon lange hinter uns gelassen, und die Balken auf meinem Mobiltelefon verschwinden rapide, während wir am braunen Wasser des Rio Grande entlangfahren. Steile Berge erheben sich zu unserer Linken, umgestürzte ...

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... Felsbrocken liegen bedrohlich am Straßenrand.

Wir sind auf einem Teil der ursprünglichen Panamericana unterwegs, der 30 000 Kilometer langen Straße, die sich über den amerikanischen Kontinent von Alaska im Norden bis hinunter nach Argentinien erstreckt. Plötzlich taucht ein Schild mit verblichener Farbe auf. „Boruca 8 km“ steht darauf, und wir biegen scharf links auf einen Feldweg ab. Dieses kleine weiße Schild, auf halber Höhe an einem Eisenrohr befestigt, ist das Tor in die Vergangenheit.

DIE TRADITION DER MASKEN IST ÜBER 500 JAHRE ALT. WÄH - REND DER SPANISCHEN EROBERUNG TRUGEN SIE DIE BORUCAS, UM DIE EINDRINGLINGE ZU VERSCHEUCHEN.

COSTA RICA IST EIN PARADIES FÜR NATURLIEBHABER. DOCH NUR WENIGE REISENDE KOMMEN, UM DIE INDIGENE KULTUR BESSER KENNENZULERNEN.

Drei Millionen Touristen kamen in Vor- Corona-Zeiten jedes Jahr nach Costa Rica. Besucher werden vor allem durch die wilde Landschaft und die Strände angezogen. Costa Rica ist ein Paradies für Naturliebhaber, die Halbinsel Osa einer der Orte mit der größten Artenvielfalt der Erde. Mit der zweitlängsten linken Welle der Welt stellt der Süden Costa Ricas außerdem ein attraktives Ziel für Surfer dar. Die Kriminalität im Land ist gering, die medizinische Versorgung sehr gut und die Einheimischen, Ticos genannt, sind ein sehr herzliches und offenes Volk. Doch nur sehr wenige Reisende kommen, um die lokale, zum Teil jahrtausendealte indigene Kultur zu erkunden. Viele kaufen sich zwar in letzter Minute am Flughafen Souvenirs und Balsa-Masken, um sie mit nach Hause zu nehmen, doch was es damit auf sich hat, weiß kaum jemand.

Die Täler und Berge entlang des Rio Grande sind die Heimat der Borucas und Terrábas, der indigenen Völker, deren Vorfahren zur Zeit der Ankunft der Konquistadoren den größten Teil der östlichen Pazifikküste des heutigen Costa Rica bewohnten. Wie auf dem übrigen amerikanischen Kontinent ist die Geschichte der Ureinwohner bis heute von Unterwerfung, Verfolgung, Verleugnung des traditionellen Glaubens und systematischer Auslöschung ihrer alten Bräuche und Sprache geprägt. Dabei gibt es in Costa Rica durchaus Bemühungen, die indigene Bevölkerung zu schützen: 1939 verabschiedete die Regierung ein Gesetz, das von der indigenen Bevölkerung bewirtschaftetes Land zu deren unveräußerlichem Eigentum erklärte. 1977 kam das indigene Gesetz von Costa Rica dazu, das die Grundrechte der indigenen Bevölkerung erklärte. Es definierte den Begriff indigen, führte die Selbstverwaltung der Reservate ein und gab Begrenzungen für die Landnutzung innerhalb der Reservate vor (die Einheimischen lehnen den Begriff Reservat übrigens ab – sie bevorzugen Territorium). Doch die Realität sieht anders aus: Trotz der Gesetze ist heute mehr als die Hälfte des indigenen Landes von Costa Rica nicht in der Hand der indigenen Bevölkerung. Gründe dafür sind zum Beispiel Straßenbau und illegale Landverkäufe.

IM LAUFE DER ZEIT WURDE SPANISCH ZUR VORHERRSCHENDEN SPRACHE. DOCH IN DER GEMEINDE BEMÜHT MAN SICH, BORUCA NICHT AUSSTERBEN ZU LASSEN .

TRADITIONEN NEU BELEBT

„I shój creraban?“ „Wie geht es dir?“ – Herzlich empfängt uns Aylan Morales Garro auf der Kan Tan Educational Farm. Das letzte Stück unserer Anreise war noch einmal abenteuerlich: Als wir in Boruca nach dem Weg fragten, zeigten die Einheimischen auf eine schmale Metallbrücke über einen Bach. „Auf keinen Fall“, war sich Juan sicher. Also fuhren wir über einen unbefestigten Pass zum Flussbett hinunter, quer durch das Wasser – und auf der anderen Seite mit Vollgas wieder hinauf. So ganz kann ich immer noch nicht glauben, dass ich heil angekommen bin.

Aylan hat die Kan Tan Educational Farm nach alter traditioneller Bauweise gemeinsam mit seinem Vater gebaut, der als Agrarwissenschaftler und Mitglied des Expertenmechanismus für die Rechte indigener Völker des Menschenrechtsrats in Genf eine lokale Berühmtheit ist. Die Farm liegt mitten in einem Waldstück, das sich seit 40 Jahren regeneriert. Auf einer Lichtung stehen fünf Hütten als Beispiel für ein typisches Boruca-Dorf. Hier werden Veranstaltungen organisiert, Gruppen und einheimische Geistführer empfangen, aber auch Touristen, die die lokale Kultur kennenlernen möchten. Man schläft in Viererhütten in einfachen Stockbetten, einem großen Schlafsaal oder Hängematten. In der Nähe befindet sich einer der großen Friedhöfe ihrer Vorfahren, deshalb hat der Ort für die Boruca eine große spirituelle Bedeutung.

Mittlerweile ist es dunkel geworden, und wir beziehen unsere Hütte. Wie die anderen ist sie konisch geformt und hat ein steiles Dach, das mit Savannengräsern gedeckt ist. Die dunkelbraunen Wände bestehen aus breiten, horizontal verlegten Holzbrettern. Ein letzter Blick in den sternenklaren Himmel, dann gehen wir schlafen, umgeben von der Ruhe der Berge. Am nächsten Morgen führt Aylan uns durch eine kleine Zeremonie, bei der er den Berg um die Erlaubnis für uns bittet, zu bleiben und ihn zu besuchen. Zum Abschluss zündet er Räucherstäbchen auf einem alten bemoosten Grab an. Danach machen wir einen Spaziergang über die Farm, während Ana Elsa Leiva, die von allen liebevoll „Cara Anita“ genannt wird, für uns ein traditionelles charíčo zubereitet, ein Tamal aus reifen Kochbananen und Bohnen. Alle Zutaten kommen frisch von den Feldern der Farm. Dort bedienen sich auch die Tiere des Dschungels, erzählt Cara Anita. „Wir pflanzen bewusst immer etwas mehr an, als wir brauchen. So reicht es für alle.“

Als wir mit Aylan hinunter ins eigentliche Dorf fahren, erklärt er, dass nur noch ein paar Ältere hier Boruca sprechen. Im Laufe der Zeit wurde Spanisch zur vorherrschenden Sprache. Doch in der Gemeinde bemüht man sich, die Sprache nicht ganz aussterben zu lassen. In der einheimischen Schule wird Boruca mit einem simplen Schulbuch ab der fünften Klasse gelehrt. Wir stehen auf einem sandigen Platz, durch ein einfaches traditionelles Palmdach geschützt vor der Sonne und dem tropischen Regen. Ein schlammiges Motorrad lehnt an einem Baum, eine Handvoll Stühle mit gewebten, fleckiggrauen Kissen stehen herum. Ein paar Kätzchen springen aus einem Busch, ungepflegt und dünn, aber sehr verspielt.

Aylan pfeift drei junge Männer zu uns herüber, die Masken vor dem Gesicht und ein sackartiges Oberteil tragen und eine Flöte in der Hand halten. Einer von ihnen reicht uns eine Maske. Seine Augen strahlen, sein Gesicht wird ganz weich, und voller Stolz fährt er mit den Fingern über seine eigene Maske, als er beginnt, mir von Don Ismaël zu erzählen. Am 27. November 2014 verlor die indigene Gemeinde Boruca eine Ikone: Don (ein geschätzter Titel, der dem englischen „Sir“ ähnelt) Ismaël González. Er wurde 86 Jahre alt und war die einzige lebende Person, die jemals zum „Kulturpatron des Landes“ erklärt wurde. Sein Vermächtnis ist gewaltig: Weil er immer stolz auf seine Wurzeln war, widmete er sein Leben der Erhaltung des kulturellen Erbes seiner Vorfahren und der Entwicklung einer Einkommensquelle für die Gemeinschaft. In den frühen Siebzigern belebte er die Maskenschnitzerei neu. Die Kunst stand kurz vor dem Aussterben, nur noch wenige Bewohner fertigten die Masken für das Fest der Los Diablitos. Doch Don Ismaël brachte den Borucas, zum Teil erst 13 Jahre alt, das Schnitzen auf traditionelle Weise wieder bei.

ES GIBT EINE NEUE GENERATION VON KÜNSTLERN, DIE DIE BEDROHUNG IHRER KULTUR DURCH DIE ZERSTÖRUNG DER UMWELT ZUM THEMA MACHEN.

Die Tradition der Boruca-Maske ist mehr als 500 Jahre alt. Während der spanischen Eroberung trugen die Einheimischen Diablito-Masken, kleine Teufelsmasken, um die unwillkommenen Eindringlinge zurückzuscheuchen. Im Laufe der Jahre wurden die Boruca zu versierten und detailverliebten Reliefschnitzern. Ich bin völlig fasziniert, als ich ihnen bei der Arbeit zusehe: Von einem Stamm aus Balsa-oder Zedernholz entfernen sie die Rinde, schneiden das Holz in Stücke und teilen es längs in der Mitte. So entstehen halbrunde Stücke. Das Innere wird mit Meißel und Hammer ausgehöhlt, anschließend die abgerundete Vorderseite der Maske von Hand glattgeschliffen und das Motiv auf das Holz skizziert. Nun beginnen die Künstler damit, den negativen Hintergrundbereich zu entfernen, wodurch ein dreidimensionales Gesicht entsteht. Für die feinen Details verwenden sie Exakto-Messer. Zedernholz ist sehr hart und schwer zu schnitzen, daher sind die Masken aus dieser Holzart nicht ganz so detailliert. Balsa -holz hingegen ist sehr weich – mit diesen Masken können die Künstler die Nuancen eines Gesichtsausdrucks oder von Blüten besonders gut herausarbeiten. Es gibt drei verschiedene Stile, und jeder erzählt eine bestimmte Geschichte über die Kultur. Die traditionellste ist die diablito oder „Teufelsmaske“, dann gibt es die ecologica, die Tiere und Pflanzen des Regenwaldes zeigt. Sie wurde von einer neuen Generation von Künstlern entwickelt, die sich über die Bedrohung ihrer Kultur durch die Zerstörung der Umwelt Sorgen machen. Die combinados schließlich sind eine Verschmelzung der diablitos und der ecologica, eine Mischung des traditionellen und des zeitgenössischen Stils.

Hergestellt werden die Masken für den sogenannten Danza de los Diablitos. Der Tanz der Teufelchen, der vom 30. Dezember bis zum 2. Januar stattfindet, spielt die Eroberung durch die Spanier nach. „Dieses jährliche Fest ist für das Volk in vielerlei Hinsicht wichtig“, erklärt Aylan. „Es feiert den Widerstand gegen die spanische Kolonialisierung und die Fähigkeit, trotz des fremden Einflusses eine Identität mit eigenen Traditionen zu bewahren.“ Mitmachen dürfen nur Männer, die in Boruca geboren sind. Sie führen ein beeindruckendes Spektakel auf: Am ersten Tag wandern die Krieger, die das Herannahen fremder Eindringlinge bemerken, hoch in die Berge, um einen besseren Ausblick zu haben. Nachdem sie ihre Geister um Hilfe angerufen haben, kehren sie zurück und tragen nun eine Art Kittel aus Sackleinen und Masken, die die unterschiedlichen Geister darstellen. Die spanischen Kolonisatoren werden durch einen Stier symbolisiert – eine große, mit Sackleinen bedeckte Kiste und eine Maske in Form eines Stierkopfes. Drei Tage lang verhöhnen die kleinen Teufel den Stier, sie schlagen ihn, doch er wehrt sich. Am vierten und letzten Tag sind die Diablitos stärker und entschlossener, ihre Anzahl hat sich verdoppelt, sie sind nun in Bananenblätter gekleidet und tragen wieder andere Masken. Dies ist der Höhepunkt des Festes – die Teufelchen besiegen den Stier und töten ihn.

NATURSCHUTZ INKLUSIVE

„Die Zeiten haben sich im Dorf geändert, die Straße im Zentrum ist jetzt asphaltiert“, sagt Aylan, als wir an den Häusern entlangschlendern. Früher wurde im traditionellen Stil gebaut, heute sind die Dächer aus Metall und die Wände aus Beton. „Und da oben ist Cuasran“, fügt Aylan unvermittelt hinzu und zeigt nach oben ins endlose Grün. Ich versuche etwas am Hang des Tropenwaldes zu erkennen – vergeblich. Aylan klärt mich auf: Bei den Boruca gibt es eine Fülle von Legenden, die von Generation zu Generation weitergegeben werden. Ihre Hauptgottheit ist Sibú, der Schöpfer der Erde und der Menschheit sowie der Gott der Moral und der Weisheit. Eine der wichtigsten Geschichten ist die von Cuasran, der mit seiner Familie vor den spanischen Invasoren floh und auf einem Berg in der Nähe des Dorfes Boruca Zuflucht suchte. Sibú gab ihm die Gabe der Unsterblichkeit und trug ihm auf, das Dorf und seine Bewohner zu beschützen. Der Ort, an dem er wohnte, heißt Berg Cuasran – und ist bis heute der heiligste Ort der Borucas. „Wir haben einen tiefen Respekt für die erzählten Geschichten“, sagt Aylan zum Abschied. „Sie sind ein wichtiger Teil unserer Identität.“

ZUR LODGE FÜHRT KEINE STRASSE. ZU ERREICHEN IST SIE NUR PER BOOT ODER MIT EINER KLEINEN GONDEL, DIE DEN REISSENDEN FLUSS ÜBERQUERT.

Ein paar Tage später stehe ich am Ufer des Flusses Pacuare und packe meinen Rucksack und die Kamera in wasserdichte Säcke. Die Boote werden noch einmal nachgepumpt, damit sie uns auf dem Fluss, der durch steile grüne Wände rauscht, sicher an unser Ziel bringen: die Pacuare Lodge. Dort möchte ich noch einen weiteren indigenen Stamm Costa Ricas kennenlernen: die Cabécar. Zur Lodge, die in der Talamanca-Gebirgskette liegt, führt keine Straße. Zu erreichen ist sie nur per Boot oder mit einer kleinen Gondel – die nicht mehr als ein großer Eisenkorb ist und den reißenden Fluss überquert.

Der Pacuare schottet auch die geschätzt knapp 15 000 Ureinwohner der Cabécar größtenteils von der Außenwelt ab. So konnten sie sich ihre Sprache bewahren, die immer noch alle beherrschen. Sie glauben an ihren eigenen Gott und leben in Familienclans, in denen die Frauen das Sagen haben. Dement - sprechend wird akzeptiert, dass sie sich die Männer aussuchen und sich ihrer nach Lust und Laune auch wieder entledigen. Die Cabécar haben ihre eigenen Ärzte und bauen ihr Essen selbst an. Es gibt keinen Handyempfang oder Supermarkt, keinen Bäcker. Und kein Geld. Wozu auch?

Damit das so bleibt, kann man die Cabécar nicht besuchen. Aber in der Pacuare Lodge mehr über ihr Leben und ihre Kultur erfahren. Sie liegt zwischen den papageiengrünen Palmen des Regenwaldes, direkt am Ufer eines der schönsten Wildwasserwunder der Welt. Hier setzt man sich sehr für die Erhaltung der natürlichen Ressourcen des umliegenden Regenwaldes ein. Die geringstmögliche Belastung der Umwelt hat Priorität. So wurde die Lodge mit natürlichen Materialien errichtet, das Wasser wird per Solarenergie erwärmt und Strom nur begrenzt eingesetzt. Im Restaurant kommen biologische, lokal angebaute Zutaten auf den Teller, viele davon von der eigenen Biofarm des Resorts. Das Wasser stammt aus einer nahe gelegenen natürlichen Quelle, es gibt umfangreiche Recyclingprogramme, und: Die Lampen und kleinen Holzfiguren in den Zimmern haben die Cabécar hergestellt.

Mit Gummistiefeln und Regenponcho ausgestattet, steht Susanna Montoya, Mitarbeiterin der Pacuare Lodge, vor mir, um mich abzuholen: zu einer Wanderung in ein kleines nach gebau - tes Dorf der Cabécar. Der Regen rinnt mir in die Augen, und es ist eine ordentliche Herausforderung, auf dem schmalen, rutschigen Pfad durch den Dschungel zu laufen. Susanna hat weniger Probleme. „Dieser Weg ist viele Jahrhunderte alt und wird auch heute noch von den Ureinwohnern benutzt“, sagt sie fröhlich.

Schnaufend und völlig durchnässt erreiche ich eine Lichtung und erblicke eine kleine Runde Hütten mit Palmendach. Als ich die erste betrete, fällt mir als Erstes auf, dass sie zwei Türen hat. Für die Cabécar ist das ganz logisch, erklärt Susanna. „Eine zum Hinein- und eine zum Hinausgehen.“ Als ich mich umsehe, entdecke ich unzählige von Hand gefertigte Gegenstände. Mit detaillierten Schnitzereien verzierte Hocker und Tische, liebevoll gearbeitete Skulpturen. Wie Kunstwerke sehen sie aus, die auch in einer kleinen Galerie stolz neben anderen Werken von Künstlern stehen könnten. Es sind einzigartige Objekte, die mit Aufmerksamkeit, Leidenschaft und gemäß jahrhundertealter Traditionen hergestellt wurden, und Zeugnisse einer Kultur, die von so vielen Seiten bedroht ist. Das exakte Gegenteil von den Souvenirs am Flughafen.

AUF INDIGENEN SPUREN

COSTA RICA: INFOS UND REISETIPPS AUF EINEN BLICK

In die Kultur der Urvölker Costa Ricas einzutauchen, ist eine einmalige Erfahrung. Am besten verbindet man einen Besuch mit weiteren Highlights des Landes.

ANREISE

Lufthansa fliegt von Frankfurt direkt zum Juan Santamaria International Airport in der Hauptstadt San José. Flugzeit: ca. 11 Stunden. Eine gute Option ist auch Iberia mit einem Zwischenstopp in Madrid. lufthansa.de, iberia.com Ausländische Staatsbürger ohne Wohnsitz in Costa Rica müssen bei der Einreise ein Flugticket zur Weiter-oder Rückreise vorweisen können. Mindestens acht Stunden vor Besteigen des Flugzeuges muss außerdem jede reisende Person ein digitales Gesundheitsformular (Pase de Salud) ausfüllen. Bei Einreise ist der erhaltene QR-Code vorzulegen.

REISEZEIT

Costa Rica ist ganzjährig bereisbar. Am trockensten ist es von Dezember bis April. Zwischen Mai und November gibt es regelmäßige Regenschauer, diese dauern aber meist nicht allzu lange. Die Durchschnittstemperaturen bewegen sich zwischen 22 (Oktober) und 26 Grad (März). Im Hochland kann es allerdings weitaus kälter werden, vor allem nachts.

ÜBERNACHTEN

Kan Tan Educational Farm

In den einfachen Hütten und Hängematten der Farm finden etwa 40 Besucher Platz, die mehr über das Leben der Boruca erfahren möchten. Aufenthalte sind direkt über Aylan und sein Team buchbar. kan-tan.org Pacuare Lodge Das luxuriöse Eco-Hotel besteht aus lediglich 20 Suiten. Jede davon bietet einen atemberaubenden Blick, entweder in den tropischen Garten, das dichte Grün des Dschungels oder auf den reißenden Fluss. Einige der Häuser verfügen über einen eigenen Pool auf der Terrasse und ein spektakuläres Outdoor-Badezimmer. Zur Lodge gehört auch ein Restaurant, in dem Biokost aus dem eigenen Garten und der Region serviert wird. Ab ca. 620 Euro, pacuarelodge.com

Poas Lodge

Die ideale Unterkunft für die erste und/oder letzte Nacht der Reise: Die Poas Lodge liegt in den Bergen nördlich der Hauptstadt San José, der Flughafen, ist nur 45 Minuten entfernt. Geführt von den US-Amerikanern Matt und Leah, bietet das Hotel gemütliche Zimmer und Familiensuiten im Kolonialstil und ein Restaurant mit grandioser Aussicht auf die Stadt. DZ ab 105 Euro, poaslodge.com

RUNDREISE

Djoser bietet eine 15-tägige Gruppenreise durch Costa Rica an. Nach dem Auftakt in San José geht es an die Karibikküste und zum Nationalpark Tortuguero. Weitere Highlights: der Vulkan Arenal, der Nebelwald in Monteverde, der den seltenen Quetzal beheimatet, und Sámara, ein entspannter Badeort an der Pazifikküste. Inklusive sind Flüge, Hotels, Transfer, Reisebegleitung und Gruppenausflüge. Ab 2095 Euro p. P., djoser.de

SEHENSWERTES IN COSTA RICA

Golfo Dulce

Die große, von einsamen Stränden gesäumte Bucht zwischen der Osa-Halbinsel und dem südlichen Ende der Pazifikküste verdankt ihren Namen dem Süßwasser, das hier aus vier Flüssen ins Meer fließt. An den Mündungen wachsen Mangroven. Bei einer Kajaktour kann man Kaimane, Schlangen, Affen, Leguane und zahlreiche Wasserbewohner entdecken.

Nationalpark Corcovado

Im Südwesten des Landes gelegen, beheimatet der Corcovado einen der am besten erhaltenen Regenwälder Costa Ricas mit einer riesigen Vielfalt an Tier- und Pflanzenarten. Ausgangspunkt für Wanderungen ist Puerto Jiménez, im Park gibt es Rangerstationen mit Unterkünften.

Karibikküste

Im Gegensatz zur Pazifikseite sind die Strände hier kleiner und meist weniger überlaufen. Einen Besuch wert sind die Playa Negra mit schwarzem Strand, die Playa Cocles mit zwei Kilometer goldenem Sandstrand und die Playa Manzanillo, die auch tolle Bedingungen für Taucher bietet.