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Im Zeichen der Identität: West- und Osteuropa im Konflik:Der politische Standpunkt: Im Zeichen der Identität: West- und Osteuropa im Konflikt


Die Mediation - epaper ⋅ Ausgabe 2/2019 vom 28.03.2019

Europa ist in der Krise. Seine Institutionen und politischen Repräsentanten haben durch ihr autoritäres Krisenmanagement in den letzten Jahren viel Vertrauen bei den Bürgern eingebüßt, vor allem in den ehemaligen Ostblockstaaten. Die Strategien des Westens haben sich vielfach als nicht tragfähig erwiesen und stattdessen zu viel Misstrauen und Unmut geführt. Der Weg zu einem geeinten Gesamteuropa ist dennoch möglich – wenn wir uns mit gegenseitigem Verständnis und Respekt begegnen und neue Sichtweisen akzeptieren.


Der Eiserne Vorhang, der Ost- und Westeuropa in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts für Jahrzehnte voneinander trennte, hat viele gewohnte Blickwinkel verblassen und neue Perspektiven immer normaler erscheinen lassen. Das gesamte östliche Mitteleuropa geriet durch ihn aus dem westeuropäischen Blickfeld. Dafür rückte der Süden Europas emphatisch näher. Westdeutschland begann, sich westeuropäisch zu fühlen.
Die Nachkriegsordnung bot ab 1945 beiden Teilen Deutschlands jeweils ein neues Narrativ, das einen Neuanfang markierte und zugleich dafür sorgte, die Deutschen von ihrer Geschichte abzutrennen. Im Osten hatte man den Kommunismus, für den man Opfer brachte und diente, im Westen war es eine überhöhte Vorstellung von Europa, der man zu huldigen begann.
Während andere Völker in den Ostblockstaaten ihre nationale Identität behaupteten und auch im Westen Europas alle anderen ihre Identität behalten konnten, sahen sich die Deutschen in beiden Landesteilen genötigt, die neuen Ideen „Kommunismus“ und „Europa“ zu akzeptieren.

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Bildquelle: Die Mediation, Ausgabe 2/2019

Die Rollen werden neu bestimmt

Das wirkt bis heute nach und ist ein Thema, dessen ernsthafte Diskussion helfen könnte, sich nicht weiterhin mit Unverständnis zu begegnen. Die einen halten die anderen für zurückgeblieben, faschistoid und ungebildet. Diese wiederum bezeichnen die anderen als naiv, uninformiert und wertearm. Für alle Ostblockstaaten gilt: Der Umklammerung Moskaus entkommen zu sein, ist wertvoll. Jetzt geht es darum, sich einer neuen Bedeutung in Mitteleuropa, sozusagen als Kern Europas, bewusst zu werden. Diese Entwicklung wird derzeit sehr engagiert durch die Vermittlerrolle Österreichs begleitet. Nach dem verrückten 20. Jahrhundert spielt Mittelosteuropa im 21. Jahrhundert wieder eine Rolle in Europa. Es kommt zurück auf die politische Bühne. Die Westeuropäer, die von sich selbst glauben, für ganz Europa zu sprechen, werden zunehmend hinterfragt.
Im Prinzip werden politische Strategien aus dem 19. Jahrhundert wieder aufgerufen, ganz so, als wäre das 20. Jahrhundert nur eine Unterbrechung des Fortgangs der gesamteuropäischen Entwicklung gewesen.

Unterschiedliche Identitäten bergen Konfliktstoff

In wesentlichen Fragen gibt es jedoch erhebliche Unterschiede in den Auffassungen: 1. zur türkischen und arabischen Migration, 2. zur nationalökonomischen Aufstellung in Konzernen oder mittelständischen Betrieben wie auch zur Gemeinschaftswährung und 3. in der Haltung zu Russland und Amerika.
Die Entwicklungen in der Migration bewirken entlang von Identitätsfragen eine wirklich ernst zu nehmende Krise zwischen Ost- und Westeuropa. Natürlich überlappt sie mit den eher neuzeitlichen Ansichten der Globalisten und der Regionalisten. Die einen behaupten, es gäbe ein europäisches Volk, das in einem Weltvolk aufgehe. Die anderen sind sich sicher, dass es viele Völker in Europa gibt und diese Regionen und Nationalstaaten brauchen. Die Globalisten sind davon überzeugt, dass sich eigentlich alle in erster Linie als Europäer fühlen, und erst an zweiter oder dritter Stelle nach Heimatregion oder Nationalstaat differenzieren. Seitdem es nun auch noch das Internet für so manchen möglich macht, sich in einem beliebigen Café in Hongkong mittels WLAN wie zu Hause zu fühlen, ist das Chaos perfekt.

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Bildquelle: Die Mediation, Ausgabe 2/2019

Allerdings werden diejenigen, die daheim in den europäischen Städten und Dörfern jeden Tag die Rädchen drehen, damit alles sauber und benutzbar ist und der Alltag läuft, langsam immer zorniger. Sie fragen sich, ob denn diese Weltenbummler, die von Toleranz und alle seien eins („Migration gehört doch heute einfach dazu“) reden, aber nicht in den ärmeren Vierteln der Städte wohnen, noch ihre Brüder und Schwestern sind. Oder ob sie nicht eher Heimatvergessene sind, die für ihre Lebensweise, die sie als modern „verkaufen“ und allen anderen aufzwingen, Privilegien erwarten, und dabei gar nicht beachten, welchen Schaden das anderen Lebensweisen zufügt. Das ist in West- und Osteuropa so. Westdeutschland ist in dieser Frage übrigens eher eine Insel. Ehemalige westeuropäische Imperien spüren diese Konflikte deutlich brutaler.

Wenn mit zweierlei Maß gemessen wird

Die Menschen im Osten Europas haben sich etwas geschaffen, etwas aufgebaut. Es mag nicht der gleiche Reichtum wie in Westeuropa sein, aber es ist ihnen wichtig und wertvoll. Und es gibt ihnen auch eine Würde zurück, die sie in der zweiten Welt in den Zeiten des Kommunismus nur mit Mühe wahren konnten. Daher war die erste Erschütterung ihrer neuen materiellen Werte durch die Finanzmarktkrise ab 2007 ein gravierender Vertrauensbruch.

Vor allem der Umgang mit dieser Krise hat das Misstrauen geschürt. Plötzlich galt zweierlei Maß: Im Osten hieß es bis dahin immer: Haltet Euch ran und baut den Kapitalismus auf. Man kann nur ausgeben, was man hat. Das traf sich mit der Mentalität und wurde so gemacht. Heute sind die ehemaligen Ostblockstaaten der deutliche Beweis dafür, dass individuelle Freiheit und wirtschaftlicher Wettbewerb zusammen funktionieren. Es ist nur nicht mehr so viel wert, da offenbar verschiedene Maßstäbe angelegt werden. Denn für den Süden Europas galt auf einmal: Ihr könnt nichts dafür, macht vielleicht ein paar Reformen, wir öffnen einen Rettungsschirm. In den zahlen nun auch die Bürger aus dem Osten ein, deren Renten in ihrem Land nur halb so hoch sind wie im Hauptempfängerland Griechenland.

Als dann 2015 die Migrationsfrage auf die Tagesordnung kam, ging das Vertrauen gänzlich verloren. Südosteuropäer, die beruflich gut ausgebildet sind und die deutsche Sprache beherrschen, dürfen nur eingeschränkt zum Arbeiten nach Deutschland kommen. Analphabeten aus fernen Ländern, die beides nicht aufweisen können, ziehen an ihnen vorbei.

Ausblick

Osteuropa wird um seine Identität, seine Würde und seine Unabhängigkeit kämpfen, zornig und trotzig. Westeuropa hat seine natürliche Autorität, prosperierende Volkswirtschaften aufbauen zu können, verloren. In osteuropäischen Augen wirken viele Westeuropäer wie selbstmordbereite Schönwettersegler. Die Diskussion hat gerade erst begonnen.

Antje Hermenau

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Bildquelle: Die Mediation, Ausgabe 2/2019

1964 in Leipzig, Sachsen, geboren, stammt aus einfachen Verhältnissen. Runder Tisch Leipzig 1989/90, Sächsischer Landtag und Deutscher Bundestag waren politische Stationen.
Sie hat zwei akademische Abschlüsse. Seit 2014 ist sie selbstständige Unternehmerin und Publizistin, arbeitet für Mittelständler im BVMW und die Freien Wähler in Sachsen.
Kontakt: www.antje-hermenau.de, kontakt@antje-hermenau.de.


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