Lesezeit ca. 10 Min.
arrow_back

IM ZENIT DER MACHT


Logo von Metal Hammer
Metal Hammer - epaper ⋅ Ausgabe 4/2022 vom 09.03.2022

Artikelbild für den Artikel "IM ZENIT DER MACHT" aus der Ausgabe 4/2022 von Metal Hammer. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Metal Hammer, Ausgabe 4/2022

Würde man von GHOSTs atemberaubendem neuen Opus IMPERA nicht dermaßen viele Ohrwürmer davontragen, böte sich die Eröffnungsmelodie der Fernsehserie ‘Game Of Thrones’ als passender Soundtrack zum Thema an. Wie TOBIAS FORGE in seiner Reinkarnation PAPA EMERITUS IV das Auf und Ab der Mächte vertont und mit welchen Mitteln er für den Erhalt seines eigenen Imperiums kämpft, verrät er im Interview mit METAL HAMMER.

Ghost haben es geschafft: Wie derzeit viele europäische Bands, die professionell Musik machen und auf dieses Einkommen angewiesen sind, ergriffen die Schweden Ende Januar die Flucht nach vorn und reisten in die Vereinigten Staaten von Amerika. Dort begaben sie sich bis Anfang März auf eine Konzertreise mit Volbea Dass parallel die Interview-Pflichten zur Promotion des neuen Albums bewältigt werden wollen, scheint Tobias Forge vor keine größeren Probleme zu stellen: Zwar meldet sich der ...

Weiterlesen
epaper-Einzelheft 4,99€
NEWS Jetzt gratis testen
Bereits gekauft?Anmelden & Lesen
Leseprobe: Abdruck mit freundlicher Genehmigung von Metal Hammer. Alle Rechte vorbehalten.
Lesen Sie jetzt diesen Artikel und viele weitere spannende Reportagen, Interviews, Hintergrundberichte, Kommentare und mehr aus über 1050 Magazinen und Zeitungen. Mit der Zeitschriften-Flatrate NEWS von United Kiosk können Sie nicht nur in den aktuellen Ausgaben, sondern auch in Sonderheften und im umfassenden Archiv der Titel stöbern und nach Ihren Themen und Interessensgebieten suchen. Neben der großen Auswahl und dem einfachen Zugriff auf das aktuelle Wissen der Welt profitieren Sie unter anderem von diesen fünf Vorteilen:

  • Schwerpunkt auf deutschsprachige Magazine
  • Papier sparen & Umwelt schonen
  • Nur bei uns: Leselisten (wie Playlists)
  • Zertifizierte Sicherheit
  • Freundlicher Service
Erfahren Sie hier mehr über United Kiosk NEWS.

Mehr aus dieser Ausgabe

Titelbild der Ausgabe 4/2022 von TOTGESAGTE ROCKEN LÄNGER. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
TOTGESAGTE ROCKEN LÄNGER
Titelbild der Ausgabe 4/2022 von DIE FALSCHE MUSIK AM RICHTIGEN ORT. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
DIE FALSCHE MUSIK AM RICHTIGEN ORT
Titelbild der Ausgabe 4/2022 von HAMMER FÜR ALLE. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
HAMMER FÜR ALLE
Titelbild der Ausgabe 4/2022 von LESERFORUM. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
LESERFORUM
Mehr Lesetipps
Blättern im Magazin
ALLE TÜREN OFFEN
Vorheriger Artikel
ALLE TÜREN OFFEN
DAS LETZTE LICHT
Nächster Artikel
DAS LETZTE LICHT
Mehr Lesetipps

... Ghost-Chef aus Seattle im Bundesstaat Washington aufgrund einer Verzögerung im durchgetakteten Plan ein paar Minuten zu spät zum Zoom-Gespräch, spricht dann aber beschwingt über sein fünftes Opus und dessen Hintergründe. Zuerst übermittelt er jedoch seine Empfindungen angesichts der langersehnten Rückkehr auf die Bühne. „Der Beginn einer Tournee ist immer chaotisch, ein echter Alptraum“, unkt er, kann dabei jedoch auf eine eingespielte Live-Truppe zählen, mit der er bereits Hunderte Shows absolviert hat. Diesmal war trotzdem vieles anders: „Vorgestern beim Auftakt-Gig auf der Bühne zu stehen, fühlte sich etwas unreal an. In den letzten zwei Jahren war ich bei fast keinem Konzert und habe selten viele Leute auf einmal gesehen. Dann steht man plötzlich in einem Raum mit Tausenden Menschen, wie man es schon so oft getan hat, und weiß: Genau so gehört es! Trotzdem musste ich mich zwicken – passiert das gerade wirklich?“

REGELN UND AUSBRÜCHE

Das tat es. Bereits zum Tourneeauftakt gaben Ghost mit ‘Hunter’s Moon’ und ‘Kaisarion’ erste Stücke von IMPERA zum Besten und stimmten ihr Publikum auf das kommende Werk ein. Die Wandlung vom PREQUELLE-Protagonisten Cardinal Copia zum neuen Anführer Papa Emeritus IV war wie üblich bereits am Ende des vorherigen Tourneezyklus’ vollzogen worden. Unterschiede zwischen beiden? „Er hat einfach die besseren Klamotten!“, lacht der Strippenzieher über sein neues Alter Ego. Während der mit dem geheimnisvollen Band-Image zusammenhängende Mummenschanz eine stete Wiederholung erfährt, versucht der Kreativ-Chef bei seiner Herangehensweise an den Kompositionsprozess möglichst oft neue Wege einzuschlagen. Dies beinhaltet das Finden von Wortspielen und frischen Phrasen für die Texte, um simple, bereits verwendete Reime zu vermeiden, gilt aber auch für die Musik: „Ich versuche, mich jedes Mal ein bisschen neu zu erfinden. Natürlich muss ich aber auch darauf achten, dass die Stücke gut und hörbar ausfallen, damit ich sie mag. Es ist eine Art Mischung aus Intuition und dem Wissen darüber, was man typischerweise tut“, erläutert der 41-Jährige, der für seine fünfte Platte einige Experimente anstrebte. Eines davon betrifft ‘Kaisarion’: „Normalerweise schreibe ich nicht in Dur, sondern orientiere mich an meinem Gemütszustand, der eher melancholisch ist. Das ist seltsam, da ich viele schnellere Stücke und erhebende Musik mag. Doch wenn ich selbst komponiere, tendiere ich dazu, die Tonart Moll zu verwenden. Diesmal wollte ich eine superpositive Eröffnung ausprobieren – zumindest, was die Musik betrifft...“ Eine weitere Vorgabe, die Forge sich selbst auferlegte, betrifft die Vermeidung schneller Übergänge von Strophen zum Refrain. Als Inspiration dafür nennt er Def Leppard: „Beim Hören von PYROMANIA oder HYSTERIA ist es verrückt, wie lange sie vom Beginn eines Stücks zum Refrain brauchen! Es wirkt wie fünf verschiedene Sektionen, bevor der Refrain kommt. Diese Machart wollte ich ausprobieren. Es war wie ein Spiel, immer neue Passagen zu ergänzen – etwas ganz anderes eben als das kurze ‘Square Hammer’ mit seinen Ramones-artigen Arrangements.“

„ICH WOLLTE IMMER, DASS SICH GHOST WENIGEN REGELN UNTER-WIRFT, DASS ALLES MÖGLICH IST. EIN BISSCHEN WIE BEI QUEEN.“

TOBIAS FORGE

Forge liebt die Herausforderung, vermutet aber, Details wie diese würden am Ende wohl den wenigsten Fans auffallen. Dennoch benötigt er nach über 15 Jahren mit Ghost und diversen Projekten zuvor neue Impulse, um das Musizieren für sich spannend zu halten. IMPERA entpuppt sich dementsprechend als reich ausgestattetes Füllhorn kreativer Ideen und wartet mit einer enormen Bandbreite von Einflüssen, Instrumenten und Akzenten auf – die üppige Ausstattung enthält mannigfaltige Chöre, Orchestrationen, Anklänge von Marschmusik, Orgel, Hörner und vieles mehr. Dabei beinhaltet das Werk einen durchaus metallischen Kern und klingt hinsichtlich Gitarrenarbeit und Riffs sogar härter als zuletzt. Der Vordenker bewegt sich beim Songwriting innerhalb eines festen „Regelwerks“, legt aber viel Wert darauf, sich innerhalb dieses Rahmens so frei wie möglich auszuleben. „Das ist schon seit OPUS EPONYMOUS so. Jenes Album fiel bereits ziemlich verspielt aus, der Spielplatz war damals nur etwas begrenzter und wir hatten weniger Spielzeug zur Verfügung“, schmunzelt er. „Ich wollte immer, dass sich Ghost wenigen Regeln unterwirft, dass alles möglich ist. Ein bisschen wie bei Queen.“

HERRSCHER UND DELEGATION

Um dabei möglichst kreativ vorzugehen, arbeitet Forge seit einigen Jahren mit bekannten externen Komponisten zusammen, die hauptsächlich aus seinem Heimatland stammen. Die Kollaboration begann 2013 mit drei INFESTISSUMAM-Stücken (‘Year Zero’, ‘Body And Blood’, ‘Monstrance Clock’) und setzte sich – in unterschiedlicher personeller Aufstellung – auf sämtlichen Folgewerken fort. Auf IMPERA tritt neben weiteren Akteuren insbesondere das bereits für zwei PREQUELLE-Stücke (‘Dance Macabre’, ‘Life Eternal‘) engagierte Duo Salem Al Fakir und Vincent Pontare in Erscheinung. Die Vorgehensweise bei dieser Zusammenarbeit erfolgt nach einem interessanten Muster: „Normalerweise bringe ich zwei Ideen ein und präsentiere ihnen beide. Das betrifft die Basisteile eines Lieds – ich habe eine ungefähre Vorstellung davon, was Strophe, Refrain und andere Teile sein könnten. Ich frage sie, was ihnen besser gefällt und zum Lächeln bringt“, eröffnet Forge, der seine Mitstreiter damit zu weiteren Einfällen inspiriert, sich ihr Feedback anhört und dann zur Überarbeitung übergeht. „Es ist, als hätte man einen Editor, als würde man einen Text schreiben, den jemand anderes bearbeitet. Wie eine Art Nachhilfe. Ich genieße die volle Aufmerksamkeit einer Person, die ich kenne und respektiere – und die dafür sorgt, dass der Song so gut wie möglich wird. Das kann man in einer Band nicht unbedingt erwarten: Wenn eine Person mehr schreibt, können die Beiträge der anderen eigenmächtig ausfallen. Jeder will eigene Passagen unterbringen, um sich eine Beteiligung zu sichern. Man kann nicht immer darauf zählen, dass das auch das Beste für ein Lied ist“, elaboriert der Schwede. Er ist der Meinung, mit externen Komponisten einen „reineren“ Prozess zu erleben. „Auch weil ich nicht zehn Songs mit ein und derselben Person schreibe, sondern ein paar mit diesem und ein paar mit jenem, erhalte ich ihr jeweils Bestes fokussiert statt auf zehn Lieder aufgeteilt. Wenn man zehn Stücke mit einer Person schreibt, erlischt irgendwann das Interesse.“ Er versteht sich dabei auch als Kurator des Materials – schließlich beruht die Entscheidung, mit welchem Songwriter er woran arbeitet, auf seinem Instinkt. So sei es auch seine Aufgabe, am Schluss das komplette Album zusammenzustellen, während sämtliche Partner nur einzelne Lieder kennen. „Es macht richtig Spaß, ihnen am Ende das Gesamtergebnis vorzustellen und zu zeigen, worauf ich an dieser oder jener Stelle hinauswollte.“

„IN DER WESTLICHEN WELT FRÖNEN WIR DER VORSTELLUNG, DASS ES IN ALTEN ZEITEN BARBARISCH, UNKULTIVIERT UND WENIG AUFGEKLÄRT ZUGING, WÄHREND WIR UNS HEUTE AM GIPFEL DER ZIVILISATION WÄHNEN UND STETIG WEITERENTWICKELN. DOCH IN DEN LETZTEN FÜNF JAHREN BEWEGEN WIR UNS IN AMERIKA WIE EUROPA ZURÜCK.“

TOBIAS FORGE

„MEINE FINGER FOLGEN NICHT IMMER DEM, WAS ICH HÖREN WILL.“

TOBIAS FORGE

Obgleich der Familienvater die Zügel fest in seiner Hand hält, hat er dabei stets das Ergebnis im Blick – und deshalb auch kein Problem damit, hinter (in seinen Augen) talentierteren Musikern zurückzutreten. Wirkte am PREQUELLE-Instrumental ‘Helvetesfönster’ bereits Mikael Åkerfeldt von den „sehr talentierten“ und „gut befreundeten“ Landsleuten Opeth als Akustikgitarrist mit, zeichnet auf IMPERA dessen Kollege Fredrik Åkesson für die Gitarren verantwortlich. „Er kann das viel besser als ich! In jungen Jahren spielte ich ständig Gitarre. Ich begann mit sieben und war wohl mit etwa zwanzig auf dem Höhepunkt. Dann spielte ich lange Zeit gar nicht: Auf Tour singe ich viel und übe manchmal Schlagzeug; beim Komponieren neuer Songs zupfe ich etwas herum. Fredrik spielt jeden Tag vier Stunden – er ist unglaublich talentiert!“, erklärt der Multiinstrumentalist, der auf IMPERA hauptsächlich als Sänger und Bassist zu hören ist. „Ich spiele Schlagzeug, Bass, Gitarre und Keyboard und kann daraus einen Ghost-Song erschaffen. Mehr Spaß macht es aber, wenn darauf jemand zu hören ist, der das wirklich gut kann. Also nutze ich Fredrik und sein Talent, um zu kanalisieren, was ich auszudrücken versuche. Meine Finger folgen nicht immer dem, was ich hören will.“

ERBAUEN UND ERHALTEN

Forges feines Gespür dafür, wann die Unterstützung anderer für die Umsetzung seiner Vision notwendig ist, bedingt den immensen Erfolg des Phänomens Ghost mit. Auch an anderer Stelle bewies der Band-Gründer zuletzt intuitive Fähigkeiten: So konzipierte er Teile von PRE- QUELLE (2018) als eine Art zeitgenössischen Kommentar, in dem Mittelalter und Pest als Metaphern für Tendenzen der heutigen Gesellschaft (wie etwa die Hexenjagd im Internet) verwendet wurden. Nachdem auf dieses düstere, aber treffende Bild nichts weniger als eine reale Infektionskrankheit folgte und die angesprochene Problematik auf die Spitze trieb, hofft der Schwede nun, mit IMPERA weniger prophetisch ins Schwarze zu treffen – drehen sich Teile des neuen Werks doch um das Erstehen und Verschwinden von Imperien und sind damit ebenfalls nicht weit vom von Unsicherheit geprägten Zeitgeist entfernt. Der Impuls dafür geht kurioserweise auf genau die Stadt zurück, in der sich Forge beim Gespräch aufhält: Seattle. Dort entdeckte der historisch interessierte Künstler 2014 in einem Buchladen ‘The Rule Of Empires: Those Who Built Them, Those Who Endured Them, And Why They Always Fall’ von Universitätsprofessor Timothy H. Parsons und fühlte sich noch vor dem Lesen dazu inspiriert, eines Tages ein Album über das Auf und Ab der Mächte zu schreiben. „Es ist interessant anhand der Geschichte zu beobachten, wie Reiche erbaut wurden und aufgrund der menschlichen Natur stets auseinanderfielen. In der westlichen Welt frönen wir der Vorstellung, dass es in alten Zeiten barbarisch, unkultiviert und wenig aufgeklärt zuging, während wir uns heute am Gipfel der Zivilisation wähnen und stetig weiterentwickeln“, sinniert Forge über den (symbolisch) in der Viktorianischen Gotik angesiedelten Komplex. „Doch in den letzten fünf Jahren bewegen wir uns in Amerika wie auch Europa zurück. Wir werden etwas religiöser, etwas konservativer, das Rad dreht sich rückwärts. Im heutigen modernen Leben nehmen wir an, dass frühere Reiche aufgrund von Versagen fielen, sich unseres aber bewähren wird. Es wäre schön, wenn das stimmte, doch historisch und statistisch betrachtet wird es nicht so sein.“

Noch interessanter wird die Thematik, wenn man den Schweden etwas persönlicher dazu befragt – schließlich hat er mit Ghost eine Art eigenes Imperium erschaffen und muss sich um dessen Erhalt kümmern. Forge hält es dahingehend für wichtig, die Fluidität und den wechselhaften Charakter aller Dinge anzuerkennen und danach zu leben: „Als Kontrollfreak war das über die Jahre wohl am schwersten zu verstehen. Wie viele andere Kontrollfreaks war auch ich eher ein Opfer meiner Einstellung“, meint er, und erinnert sich an die Jahre des Misserfolgs vor Ghost. „In solch einer Situation hat man alle Zeit der Welt, um einen wasserdichten Plan zu schmieden, von dem man nie abweichen will. Doch wenn die Realität dazwischenkommt, fällt es schwer, sich anzupassen, da man sein goldenes Schloss auf dem Hügel errichtet hat und alles Abweichende als Versagen begreift. Doch man kann nicht einfach alles aufgeben, nur weil sich Dinge nicht wie geplant entwickeln. Mit Ghost haben sich gewissermaßen all meine Träume erfüllt – ich hatte nichts und bekam fast alles!“ Die Herausforderung sei nun, all das wertzuschätzen, um daran festzuhalten. „Ich will mit Ghost noch so viel erreichen, obgleich nichts davon, was man heute sieht, so geplant war – es sind Abwandlungen meines Originalplans. Alles ist im Fluss. Fans, die uns mögen, könnten sich schon morgen von uns abwenden; nichts bleibt für immer. Deshalb muss ich so flexibel wie möglich sein und das Beste versuchen. Während sich andere am Moment erfreuen, frage ich mich bereits, wie das Glück erhalten werden kann. Wie eine Beziehung, die ständig gepflegt werden muss.“ 

Exemplarisch für dieses Gefühl steht das vielfältig instrumentierte, zwischen Ekstase und Kriegsvorahnungen pendelnde ‘Twenties’, das deutliche Parallelen zwischen den „Goldenen Zwanzigern“ vor einem Jahrhundert und dem Hier und Jetzt nahelegt. „Absolut! Viele Dinge, die jetzt geschehen, ähneln denen vor hundert Jahren. Die spanische Grippe, die Anzeichen für Krieg... Und der vormalige US-Präsident drehte mit seinem Denken die Uhr zurück in die Dreißiger. Beängstigende Zeiten...“, meint Forge, schränkt jedoch ein: „Ich zeichne aus Pop-kulturellen Gründen zur Unterhaltung ein dystopisches Bild, doch ich denke positiv und glaube daran, dass der Überlebenswille der Menschheit stärker ist, als es gerade aussieht; als dieser Drang zur Selbstzerstörung.“

GUT UND BÖSE

So (über-)inszeniert das Schauspiel von Ghost auf der Bühne wirkt, so bereitwillig lässt der Band-Vorsteher im direkten Gespräch die Maske fallen. Hinter ihr verbirgt sich weder ein knallhart kalkulierender Geschäftsmann noch ein machthungriger Alleinherrscher, sondern vielmehr ein so talentierter wie cleverer Künstler auf dem Höhepunkt seines Schaffens, der nach dem erfolglosen Beginn seiner Karriere auf die Bausteine Image und Aura (früher auch: Anonymität) setzte, um sich endlich musikalisch ausleben und seine Vision verwirklichen zu können. Das Spiel mit christlicher Symbolik und deren Umdeutung begleitet Ghost seit den Anfängen und ist mitverantwortlich für das riesige Interesse an der Band, aber auch Ablehnung und Kritik. Das Cover von IMPERA verbindet Aspekte, die eigentlich im Kontrast zueinander stehen: „Es erschien mir passend, die Pose von Aleister Crowley aufzugreifen, da sie ein so ikonisches, satanisches Bild ist“, sagt Forge dazu. Auch das Kokettieren mit „satanischen“ Elementen (etwa in den Texten) gehört zum Image seiner Truppe – doch sieht sich diese überhaupt als satanisch an und wenn ja, in welchem Sinn? „Wenn man sich in Mittelamerika umhört, werden dem alle zustimmen: Wir sind Teufelsanbeter, die für alles Schlechte der Welt verantwortlich sind, da wir zum Beispiel LGBTQ und Pro-Choice (das reproduktive Selbstbestimmungsrecht von Frauen – Anm.d.A.) unterstützen“, lacht Forge. „Pop-kulturell betrachtet bin ich ein Teufelsanbeter, doch definitiv eher in dieser speziellen Sichtweise. Ich hege Sympathien für die Idee des Dunklen, doch das Böse, Teuflische kommt in meinen Augen in Form von ISIS oder Trump daher. Rock’n’Roll halte ich nicht für böse. Er wurde erfunden, um Menschen glücklich zu machen und ein gutes Gefühl zu geben. Dagegen tun viele, die für das Gute stehen – Bibelverfechter und Rechtschaffene –, alles in ihrer Macht Stehende, um das Leben vieler Menschen zu erschweren und zerstören. Was wir in der westlichen Rock’n’Roll-Gemeinschaft tun, dient meiner Meinung nach einem höheren Zweck.“

KATRIN RIEDL