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Im.Gespräch: Reif für FRAU BLUM


Séparée - epaper ⋅ Ausgabe 24/2020 vom 04.03.2020

Mascha Hülsewig und Alexandra Steinmann sind alte Freundinnen, die in einer Art positiven Midlife-Crisis fanden: Da geht noch mehr im Leben. Wir haben mit den beiden über Sex, die Welt und natürlich ihre stilvolle Stuttgarter Erotik-Boutique „Frau Blum“ geplaudert.


Artikelbild für den Artikel "Im.Gespräch: Reif für FRAU BLUM" aus der Ausgabe 24/2020 von Séparée. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Séparée, Ausgabe 24/2020

Séparée: Wie seid ihr darauf gekommen, eine Erotik-Boutique aufzumachen?
Als wir beide Mitte 40 waren, kam der Wendepunkt in unserem Leben. Das war ein Moment, wo wir uns hinterfragt haben, ob alles gut ist, ob es noch einen Wunsch gibt, den wir uns erfüllen möchten. Eine Art Midlife-Crisis, im positiven Sinne. Bei ein paar Gläschen Rotwein ...

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Séparée: Wie seid ihr darauf gekommen, eine Erotik-Boutique aufzumachen?
Als wir beide Mitte 40 waren, kam der Wendepunkt in unserem Leben. Das war ein Moment, wo wir uns hinterfragt haben, ob alles gut ist, ob es noch einen Wunsch gibt, den wir uns erfüllen möchten. Eine Art Midlife-Crisis, im positiven Sinne. Bei ein paar Gläschen Rotwein im Garten haben wir einfach ins Blaue hinein fantasiert und festgestellt, dass die Erotik uns immer angetrieben hat, die Liebe und die Sexualität uns Lebenslust und Kraft gegeben haben. Und dass wir in diesem Bereich schon unheimlich viel experimentiert und erfahren haben. Das war die Initialzündung. Dann haben wir begonnen zu recherchieren und weder im Netz noch vor allem in Stuttgart etwas gefunden, was auch nur annähernd unseren Vorstellungen entsprach. Also ein Wohlfühlort, in dem die Lust ihren angemessenen Platz in der Mitte unserer Gesellschaft bekommt. Kurz, raus aus der Schmuddelecke! Das ist für uns das größte Paradox. Warum soll ausgerechnet die Energie, die unseren Fortbestand sichert, die uns Glücksgefühle bereitet, wie kaum etwas anderes und die uns gesund hält, mit so viel Moral, Tabus und Negativität behaftet sein?

Was habt ihr vorher gemacht?
Alex: Nachdem ich aus Griechenland zurückkam, habe ich mich in der Touristik etabliert, war über 20 Jahre selbstständige Shopleiterin eines großen Reiseunternehmens in der Stuttgarter Innenstadt und am Flughafen. Ich war also meine eigene Chefin, habe gut verdient, hatte aber auch viel Stress und wenig Zeit für mich. Ich hab mich nach mehr Lebensqualität gesehnt. Mascha: Ich war 18 Jahre Pressesprecherin im Friedrichsbau Varieté Stuttgart. Eine schöne Arbeit, bei der ich mit so vielen ungewöhnlichen und kreativen Menschen zu tun hatte. Ich war damals alleinerziehend und das feste monatliche Gehalt gab mir Sicherheit. Als mein Sohn groß wurde, hatte ich den Impuls, nochmal etwas ganz anderes zu machen, nochmal etwas zu wagen.

Wenn man euch vor 15 Jahren gefragt hätte, was ihr 2020 beruflich so macht, was wäre eure Antwort gewesen?
Alex: Dass es einmal FRAU BLUM geben könnte, hätte ich mir vor 15 Jahren nie träumen lassen. Es gab auch keine äußerliche Notwendigkeit etwas zu ändern.
Mascha: Ich war damals so glücklich mit meinem Job im Varieté, dass ich mir sagte: Hier geh ich nie wieder weg! Haha, und dann kam es doch ganz anders!

Gab es schon Hinweise in eurem Leben, dass das mal ein beruflicher Weg werden könnte?
Alex: Es gab schon Anzeichen, wenn auch keine konkreten. Denn die Themen Sexualität und Erotik haben mich begleitet, seit ich denken kann. Aber Inhaberin eines „Sexshops“ kam in meinen Berufsbildern gar nicht vor! Ist auch lustig, wenn man sich ein Gespräch beim Arbeitsamt vorstellt: „Frau Steinmann, wir können Ihnen eine Umschulung in den Bereichen Sexualität und Verwendung von Lovetoys anbieten …“
Mascha: Es gibt ja Menschen, die schon als Kind genau wissen, was sie einmal werden wollen. Das war bei mir nie der Fall, ich habe einfach drauflosgelebt und das ging mal besser und mal schlechter. Neben meinem Studium an der Kunstakademie in Rom zum Beispiel habe ich immer Kneipenjobs gemacht. Es gab mal einen Zeitpunkt, wo ich ernsthaft geglaubt habe, dass Kellnern das einzige sei, was ich so richtig gut konnte. Inzwischen gibt es noch andere Skills, die ich beherrsche …

Fotos: Hagen Schmitt, Frau Blume

Muss man erst die „mittlere Reife“ haben, um sich entspannt mit dem Thema (weibliche) Sexualität beschäftigen zu können?
Es liegt schon nahe, erst einmal die „mittlere Reife“ zu erlangen. Denn die Bedürfnisse ändern sich im Laufe eines Lebens. Wir sind erfahrener, wissen schon mehr über das, was wir mögen und was nicht. Der Genuss liegt dann vielleicht mehr im Vordergrund und die Erkenntnis, dass wir Anspruch auf mehr Kultur in unserer individuellen Sexualität haben. Das ist ein ganz wichtiger Aspekt! Wir können uns weiterbilden und feststellen, dass wir in diesem Bereich nie auslernen. Hinzu kommt natürlich, dass eine neue Zweisamkeit entsteht, wenn die Kinder aus dem Haus gehen. Eine große Chance für die Partnerschaft, sich neu zu erfinden und einen erfüllten Weg gemeinsam zu beschreiten.
Es berührt uns aber auch immer sehr, wenn an unseren Abendveranstaltungen oder Erlebnisvorträgen junge Menschen da sind. Wenn sie schon früh anfangen, für sich zu sorgen, damit sie sich entfalten können. Das ist so wichtig für das ganz persönliche Glück und auch für ein respektvolles Miteinander in unserer Gesellschaft.

Wie habt ihr euch kennen gelernt und wann gemerkt, dass der Laden ein gemeinsamer Weg wird?
Wir sind seit unserer Kindheit befreundet. Wir waren auf der Waldorfschule und beide ein bisschen Außenseiterinnen. Alex hatte mit zehn Jahren den Spitznamen „Rockerin“, weil sie feuerrote Locken bis zum Po hatte. Das war damals so wild und unangepasst. Und Mascha war das Hippiekind mit einem Vater, der aussah wie ein Indianer und dem sie auf dem Schulhof lieber nicht begegnete. Wir fanden uns einfach toll! Als wir erwachsen wurden, hatten wir immer den Wunsch, ein gemeinsames Projekt zu machen. Das kam jedoch nie zustande, weil uns das Leben in verschiedene Richtungen gelenkt hat. Wir haben im Ausland gelebt – Alex in Athen, Mascha in Rom –, Familien gegründet und ein ganz „normales“ Leben geführt. Wir sind sehr unterschiedlich und passen gleichzeitig so gut zusammen, weil wir uns ergänzen. In den ersten Jahren von FRAU BLUM war uns im Eifer des Gefechts nicht so klar, dass das unser gemeinsamer Weg ist. Das sickerte erst später ins Bewusstsein.

Woher kommt eigentlich der Name „Frau Blum“?
Wir waren mitten in den Recherchen, sind rumgereist und haben uns ähnliche Shopkonzepte angeschaut, waren auf Messen unterwegs, als wir feststellten, dass das Kind ja einen Namen braucht! Als wir so ziemlich alle möglichen Titel auf Französisch, Spanisch und Italienisch ausprobiert hatten, kam uns die Erkenntnis, dass ja niemand weiß, wie man das ausspricht, geschweige denn schreibt. Also bodenständig, einfach zu merken, nicht zu plakativ und schön sollte er sein und keinesfalls ein Fräulein. Was ist mit Frau Blum? Ja, ganz ok. Wir waren einer Meinung und nahmen’s erstmal als Arbeitstitel. Frau Blum hat so gut zum ganzen Konzept gepasst, sich so schnell in unserem Sprachgebrauch etabliert, dass unsere Boutique ganz von selbst zu „Frau Blum“ wurde. Als ob sie es sich selbst ausgesucht hätte.

Wie hat euer Umfeld reagiert, dass ihr jetzt „in Erotik macht“?
Die meisten sind aus allen Wolken gefallen, fanden es total spannend oder lustig und in seltenen Fällen auch unmöglich. Von „Du ruinierst Dir Deinen guten Ruf“ über „nach spätestens einem Jahr macht Ihr wieder dicht“ bis hin zu „Ihr seid aber mutig“ haben wir alles gehört. Im Nachhinein wurde uns klar, dass die wenigsten wirklich überzeugt waren. Vielleicht auch weil der Ansatz einer Erotik-Boutique neu war. In den Köpfen waren nur die Bilder von den üblichen Sexshops, in die sich kaum jemand hineintraut. Das war uns egal, wir waren absolut überzeugt von unserer Idee!

Welche Hürden sind auf dem Weg euch begegnet?
Wir hätten früher aufmachen können, wenn die Suche nach einem Ladengeschäft einfacher gewesen wäre. Obwohl wir einen schicken Businessplan hatten mit schönen Bildern, Designobjekten, eigenem Logo und Presse, waren die Hausbesitzer skeptisch.
Eine weitere Hürde war das Internet. Da haben wir zwar unheimlich viele spannende Toys gefunden, in der Realität jedoch auch große Mängel bei Verarbeitung, Material oder Funktionalität festgestellt. Zum Glück haben wir uns die Mühe gemacht, die Produkte auf Messen oder direkt vor Ort anzuschauen. Der Schein trügt so oft gerade in dieser Branche.

Was daran kam überraschend?
Uns war nicht klar, dass gerade bei Sextoys so unglaublich viele Schadstoffe verarbeitet werden! Und es gibt absolut keine Kontrolle. Das Schlimme daran ist, dass sie über die Schleimhäute besonders gut in den Körper gelangen. Bei Kinderspielzeug ist das etwas anderes, sie sind TÜV-geprüft, da gibt es eine Lobby. Phthalate im Schnulli? Zurecht ein absolutes No-Go! Und das sollte auch bei Spielzeug für Erwachsene gelten. Es war eine Herausforderung in der Angebotsfülle die Hersteller und Manufakturen zu finden, die schadstofffrei fertigen.

Wer ist die typische Kundin/der typische Kunde im Laden?
Da dieses Thema uns alle interessiert, ergibt sich daraus eine große Bandbreite. Zumeist kommen Menschen zu uns, die bewusst leben, essen und einkaufen. Viele Paare finden den Weg zu uns, die gerne gemeinsam herausfinden möchten, was ihnen Spaß macht, Singles, die in Übung bleiben wollen und Leute, die einfach neugierig auf Neues und unternehmungslustig sind.

Wie unterscheidet sich das Kaufverhalten von Männern und Frauen bei euch im Laden?
Die meisten Frauen trauen sich zu uns, weil sie sich von Frau Blum angesprochen fühlen. Sie können hier offen über ihre Bedürfnisse sprechen und suchen meist einen Weg, um ihre eigene Lust zu entdecken. Für die Männer müssen wir eine Lanze brechen! Sie lassen sich gerne von einer Frau beraten, was sie ihren Partnerinnen Gutes tun oder schenken können. Oftmals steht für sie an oberster Stelle, dass es die Frau schön hat und dann erst denken sie an sich!

Lassen sich Kunden/Kundinnen gern beraten oder siegt da immer noch die Scham?
Es hat sich rumgesprochen, dass wir ganz individuell und ausführlich beraten. Es gibt ja so viele Feinheiten, auf die es ankommt und die den Spaß und Genuss ungemein erhöhen. Es ist aber auch ganz natürlich, dass wir Scham empfinden, denn wir begegnen uns hier auf einer ganz intimen Ebene. Und die Schamgrenze ist bei jedem anders. Für viele ist es auch eine große Erleichterung darüber sprechen zu können. Denn wo sonst hat man dazu die Möglichkeit, ohne dass man dafür verurteilt oder abgewertet wird? Oft stellt sich heraus, dass die „Probleme“ gar nicht gravierend sind, dass es vielen ähnlich geht und dass man selbst etwas dafür tun kann. Es ist nicht leicht, eine Sprache für die eigenen Bedürfnisse zu finden, aber wir sollten es versuchen!

Werdet ihr nach neutralen Einkaufstüten gefragt?
Haha, ja klar, immer wieder, aber auch immer seltener! Oft freuen sich die Menschen einfach, dass es uns gibt, dass wir einen geschützten, schönen und offenen Raum geschaffen haben, in dem jede/r einfach so sein kann, wie er/sie ist. Und dann nehmen sie auch gerne die Tüten mit unserem Logo.

Wie nimmt man Leuten die übertriebene Scham beim Thema Sex?
Gibt es überhaupt eine übertriebene Scham? Scham ist etwas Natürliches, sie macht uns auch zu sozialen Wesen innerhalb unserer Gesellschaft. Hinzu kommen unsere individuelle Geschichte und unser Umfeld. Je nach dem, was wir erlebt haben, müssen wir uns mehr oder weniger abgrenzen, haben Angst verletzt zu werden. Umso schöner ist es, wenn man hinschaut, hinterfragt und dadurch Veränderung beginnen kann. Das gilt auch für die Sexualität. Wir versuchen unseren Kund*innen aufgeschlossen und ohne Vorurteile zu begegnen, sie einzuladen, sich dem Thema zu öffnen.

Burlesque-Künstlerin Fanny di Favola entblättert sich kunstvoll zum 5-jährigen Jubiläum von Frau Blum.


Verführerische Accessoires wie Halsbänder und Armbänder aus Federn und venezianische Masken schmücken die Regale aus Weinkisten.


Innenansicht


Die beiden Künstler Miss Honey Lulu und Mathieu Bolillo bei der Eröffnungsparty am 1. März 2014.


Fotos: Alexandra Klein; Sophia Koestler; Frau Blum

Dezent beklebte Scheiben mit ausgestanztem Logo lassen viel Licht in die schöne Boutique.


Von Krönchen über Federkragen bis hin zu Glasdildos, die wie kleine Skulpturen aussehen, ist alles handverlesen und liebevoll dekoriert.


An der Stuttgartnacht, an der alle Kulturinstitutionen ihre Pforten öffnen, bringt die Stuttgarter Burlesque-Ikone Raunchy Rita das Frau Blum-Publikum im Ananaskostüm zum Kochen.


Fotos: Sophia Koestler; Josh von Staudach; Alexandra Klein

Was war bisher eure denkwürdigste/lustigste Begegnung in Verbindung mit dem Laden?
Unsere älteste Kundin geht jetzt auf die 80 zu. Als sie das erste Mal kam, hat sie ein Kleid für einen Besuch im Swingerclub gesucht. Wir haben eins gefunden, was ihr außerordentlich gut stand und in dem sie sich wohlfühlte. Als sie ging, meinte sie: „Weißt Du, Schätzchen, mein Mann ist vor ein paar Jahren gestorben. Wir hatten kein wirklich erfüllendes Liebesleben und ich bin nie auf meine Kosten gekommen. Das will ich jetzt ändern!“ Das war so berührend, dass wir Gänsehaut bekamen. Sie hat ja so recht, es ist wirklich nie zu spät!
Eine lustige Zeit war, als eine Tageszeitung einen riesigen Artikel deutschlandweit über uns brachte. Die Überschrift war: Die Dildo-Freundinnen aus Stuttgart – Unser geiles Gemüse macht Frauen glücklich. Abgebildet war ein großes Foto von uns mit lauter Lustbringern in Form von Mais, Karotte, Aubergine und Gurke. Am Tag darauf lief unser Telefon heiß. Landwirte aus ganz Deutschland wollten diese Dildos für ihre Frauen bestellen.
Es kommt immer wieder vor, dass wir angerufen und gefragt werden, wie viele Frauen da sind und mit wie viel man ungefähr rechnen muss. Wir standen erstmal auf der Leitung, bis wir merkten, da will jemand in einen Puff. Oder dass jemand nach den Pornokabinen sucht. Das erledigt sich jedoch ganz von selbst, da die Atmosphäre hier ganz offensichtlich eine andere ist …

Was hat sich in den letzten Jahren im Bereich Erotik/Sexualität euer Meinung nach verändert?
Zum einen ist unsere Gesellschaft nach wie vor übersexualisiert und gleichzeitig sehr prüde. Wir können jedoch auch einen Wandel feststellen. Es geht mehr und mehr zu einer selbstbestimmten und positiven Sexualität hin, die auch immer mehr einen Platz in unserer Gesellschaft bekommt. Frauen übernehmen zusehends mehr Verantwortung für ihre Sexualität, räumen mit alten Tabuthemen auf. Dass zum Beispiel eine Frau „unrein“ ist, wenn sie ihre Periode hat, ist doch Irrsinn! Das weibliche Geschlecht ist auch in der Bildsprache immer präsenter. Dass Kirchtürme eine phallische Form haben ist für uns ganz geläufig. Was aber hat eine vulvische Form?

Ihr bietet auch viele verschiedene Veranstaltungen an. Was kommt am besten an?
Sexuelle Bildung interessiert die Menschen brennend, und es gibt kaum Orte, wo man sich in diesem Bereich weiterbilden kann. Das ist sehr schade, denn wir kriegen guten Sex bekanntlich nicht in die Wiege gelegt, aber man kann etwas dafür tun. Inzwischen kommen namhafte Referenten aus ganz Deutschland und der Schweiz zu uns und vermitteln ihr Wissen auf erfrischende und humorvolle Art. Uns ist es auch gelungen, die Pionierin Deborah Sundahl aus den USA für einen Vortrag über weibliche Ejakulation und den G-Punkt am 24. April bei uns zu gewinnen. Unsere „Handarbeitsabende“, an denen man ganz konkrete Massagegriffe für die verschiedenen erogenen Zonen lernt, sind sehr beliebt. Uns geht es auch darum, dass Menschen alternative Lebensformen wie die Polyamorie kennenlernen oder einen BDSM-Workshop machen können, um den Horizont zu erweitern und herausfinden, was ihnen gefällt und was nicht. Und dann gibt es noch unsere Kabarett-Abende und Burlesque-Shows, die sind inzwischen legendär! Frau Blum bietet Raum für freien Austausch und Kommunikation.

Wonach wählt ihr eure Produkte aus?
An oberster Stelle stehen Material, Funktion und Design. Die Qualität muss einfach hochwertig sein, damit wir hinter den Produkten stehen können. Insofern haben wir kleine Manufakturen sowie bekannte große Hersteller im Sortiment, soweit körperfreundlich, phthalatfrei und fair produziert wird und wann immer sich die Möglichkeit bietet: regional und Made in Germany. Uns ist es wichtig, dass die Kunden glücklich die Boutique verlassen und wiederkommen.

Was geht immer?
Unsere Stauversüßerle! Das sind kleine, potente Vibratoren, die wir immer in der Handtasche haben sollten. Wenn man mal im Stau steckt und es grad pressiert, stimulieren sie sogar durch die Jeans …

Was muss sich ändern, damit (weibliche) Sexualität nicht mehr so ein Tabuthema ist?
Es ist so wichtig, dass gerade wir Frauen uns um unsere Sexualität kümmern und Verantwortung übernehmen. Dass wir wissen, wie wir aussehen, uns ausprobieren und herausfinden, was wir mögen und was nicht. Wir sollten dazu beitragen, unsere Lust zu erobern und sie nicht aus den Händen geben. Kommunikation spielt dabei eine große Rolle. Unsere Partner*innen können nur schwerlich ahnen, was uns Spaß macht. Männer haben es ein wenig einfacher in unserer Gesellschaft, sie können ihre Sexualität freier leben, ohne gleich eine „Schlampe“ zu sein. Ungeheuerlich, wie sich das Schlampenthema so hartnäckig hält!

Wir werden manchmal kritisiert, dass ein Erotikmagazin für Frauen frauenfeindlich sei. Wie passen Feminismus und eine Erotikboutique (für Frauen) zusammen?
Das kennen wir so nicht bzw. sehen wir darin keinen Widerspruch! Geht es nicht grundsätzlich um Selbstbestimmung? Wir suchen ein gleichwertiges Miteinander von Mensch zu Mensch, was unseres Erachtens dringend nötig ist.

Was wünscht ihr euch für die Zukunft?
Wir wünschen uns für die Zukunft, dass sich immer mehr Menschen mit ihrer Sexualität auseinandersetzen und dadurch ein zufriedeneres Leben führen können. Das ist letztendlich auch der Sinn unserer Arbeit, davon sind wir aus tiefstem Herzen überzeugt. Und auch eine ganze Menge Glückshormone für uns und unsere Kunden, so dass wir als ein inhaberinnengeführtes Ladengeschäft weiterhin gegen den Bestellungswahnsinn im Internet bestehen können. ♥

Akt.Er: JASPER

Fotos: Sabine Schäfer / bildpassion in Koop. mit Uwe Koeberich / Spectrum Vog