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IMMER DER NASE NACH


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Wohn!Design - epaper ⋅ Ausgabe 2/2022 vom 23.02.2022

CHALLENGE

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Bildquelle: Wohn!Design, Ausgabe 2/2022

Also dieses neue Eau de Parfum. Ganz exzellent. „Juniper“ heißt es. Wacholdernoten hat man schon mal aus dem einen oder anderen Flakon erschnuppert, aber diese Verbindung mit Basilikum als Kopfnote, unterlegt mit Jasmin und Freesie auf einer Basis aus Baumharz und Moschus – das ist einmalig. Es gibt auf dem Markt nichts Vergleichbares. Ganz kurz dominiert eine Gin-Note, doch im Anschluss entwickelt sich ein elegantes Fluidum. Ausbalanciert. Vitalisierend. Unisex und damit ganz am Puls der Zeit.

Die Marke? Retterspitz. „Ooooh, darauf hat mein Vater schon geschworen“, verkündet eine Freundin, die sich nach meiner nächsten Reise erkundigt und gerade in Rente gegangen ist. „Er vertraute der heilenden Wirkung und hat sich Retterspitz von uns immer aus der Apotheke? Auf nach Nürnberg! Vor Kurzem hat dort ein erster Retterspitz-Store eröffnet. „Du wirst die zwei Geschäftsführer mögen“, mutmaßt ...

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... der Inhaber einer renommierten Hamburger Public- Relations-Agentur für Fashion, der mich zu diesem Ausflug ermutigt, trotz Corona. Mögen? Das ist vollkommen untertrieben.

Schon nach wenigen Sätzen faszinieren Markus Valet und sein Bruder Florian. Durch ihr Auftreten – sophisticated, tiefenentspannt und aufmerksam – doch genauso mit dem, was sie sagen und tun. Schnell wird deutlich, dass die beiden vor allem eines nicht sind: erfolgsgetrieben. Endlich mal kein Höher, Schneller, Weiter. Kein Mehr, Mehr und noch Mehr. Neuer Store und Duft begleiten das 120-jährige Jubiläum der Firma, die sich durchgehend in Familien-besitz befindet. Fast stellt sich das Gefühl ein, dass sich die beiden Valets die Projekte zum Markengeburtstag geschenkt haben, jedenfalls passiert hier nichts primär aus pekuniären Gründen – und schon gar nicht der Launch eines absoluten Nischenprodukts wie Juniper.

„Wir möchten organisch wachsen. All das ist nicht auf Kurzfristigkeit ausgelegt, sondern auf Stabilität. Wenn man an die Produktionsgegebenheiten oder an die Mitarbeiter denkt – dass sich all das entwickeln kann. Ein gesundes Wachstum, kein zwanghaftes, weil einem der Wettbewerb im Nacken sitzt“, erläutert Markus Valet, und sein Bruder ergänzt: „Wir treiben einen ziemlichen Aufwand mit der Wareneingangskontrolle, genauso wie in der Produktion. Alles muss ja am Ende nochmals geprüft werden. Ein enormes Wachstum? Das funktioniert nicht, wir könnten es gar nicht produzieren.“ Warum auch? Es läuft. Die Anfänge liegen eigentlich schon in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, als Margarete Weber, geborene Riegel und spätere Retterspitz, beginnt, ein Heilwasser und Schönheitsmittel selbst herzustellen und zu vertreiben. Die Rezeptur stammt ursprünglich von einem Mediziner. 1901 wird das Präparat unter dem Markennamen „Universal-Heilwickel-Bäder von Margarete Retterspitz“ eingetragen. Ein Jahr später startet die Produktion in Nürnberg – auf Initiative ihres Nachfolgers, des ehemaligen Apothekers Hans Scheck, der damit das heutige Unternehmen gründete. 1920 folgt „Retterspitz Innerlich“. Nach dem Krieg verlegt Dr. med. Gerhard Valet, Arzt und Enkel des Firmengründers, die Produktionsstätten nach Behringersdorf und erweitert die Produktpalette für Heilpräparate und Pflegekosmetik. Die Rezepturen basieren auf natürlichen Zutaten wie Thymian, Schachtelhalm oder Zaubernuss, pflegenden Ölen von Avocado bis Jojoba sowie ätherischen Essenzen von Birke und Minze bis zur Fichtennadel als Bestandteile einer ganzheitlichen Philosophie. Mit ihr avanciert Retterspitz zu einer der bekanntesten Apothekenmarken in Deutschland.

Was ist oder wäre in einer Erfolgsgeschichte wie dieser überhaupt noch eine Challenge? „Also ziemlich genau vor zehn Jahren haben wir einen Relaunch gemacht. Die Welt von Retterspitz war geprägt von den Siebzigerjahren und hatte sich überlebt. Damals waren wir für einige Zielgruppen gar nicht mehr so relevant. Das war wirklich eine Herausforderung – nicht mal das Modernisieren an sich, sondern die Essenz von Retterspitz herauszuarbeiten“, antwortet Markus Valet. „Vergleichbar mit dem Profil einer Skulptur an einem öffentlichen Gebäude, deren Konturen durch Umwelteinwirkungen verschwommen sind. Das wieder zu schärfen, das war schwierig. Natürlich ist das die Basis, um andere Zielgruppen anzusprechen und außerdem für Social Media tauglich zu sein und so eine gewisse Jetztzeitigkeit zu erreichen.“ Am Ende des Tages geht es Florian Valet zufolge um ein Gesamtkunstwerk: „Das Produkt in der Tasche ist von hoher Qualität. Als Kunde nimmt man sie nur bedingt wahr, weil man unsere Herstellung nicht sieht. All das kann das Design einer Verpackung kommunizieren.“ Sein Geschäftspartner weist dazu auf einen weiteren Aspekt hin: „Wenn man in die Bleikammer unserer Firma geht, also in einen Raum, der wegen der Brandsicherung mit Blei ausgekleidet ist – da liegen alle alten Dokumente und Rezepturen – wenn man die Unterlagen unseres Urgroßvaters durchwühlt, stellt man fest, dass es schon damals um die ganzen Zulassungen und behördlichen Genehmigungen gegangen ist. Für uns eine wichtige Grundlage. Heute ist es die EU, die den Arzneimittelbereich stark reguliert, und das betrifft genauso medizinische Produkte wie Kosmetik und Duft. Für ein kleines Unternehmen ist es nicht leicht, die ganze Klaviatur zu spielen und ein großes Investment, sich die jeweiligen Dokumente, Zertifikate und alles, was wir brauchen, ausstellen zu lassen.“

Apropos Rezeptur: Juniper entstand übrigens in Zusammenarbeit mit Geza Schön – „ein Rockstar der Parfum-Szene“ –, der schon vor mehr als einem Jahrzehnt mit seiner Duftserie „Molecule“ verwöhnte Nasen in seinen Bann zog und eine ganze Branche inspirierte. Mit ihm gab es auf Anhieb eine Basis. Schön kannte Retterspitz und hatte Lust auf diesen Job. „Das ist vielleicht wie mit einer künstlerischen Arbeit. Man findet sie interessant, sie spricht einen an und wenn man dann die Person kennenlernt, die sie geschaffen hat, und man spricht die gleiche Sprache, ist das eine Grundvoraussetzung für uns, eine Kooperation einzugehen“, erklärt Markus Valet, für den Schön „ein olfaktorisches Kunstwerk“ geschaffen hat.

Auch zwischen Katja Reiter und den Brüdern Valet stimmt die Chemie. Die Innenarchitektin aus Dänemark mit Wahlheimat Nürnberg erhielt den Auftrag, dem ersten Retterspitz-Store Gestalt zu verleihen. „Es ging mir darum, eine Basis zu finden und eine eigene Welt für die Produkte zu kreieren“, sagt Reiter, die in puncto Freundlichkeit und Charisma ihren beiden Auftraggebern in nichts nachsteht. Man spürt und sieht sofort, dass hier ein perfektes Match ablief. „Markus und Florian waren so verrückt, diesen Weg mit uns zu gehen und sich auf ein Konzept einzulassen, das man mit allen Sinnen erfahren kann.“ Realisiert wurde es in der Nürnberger Innenstadt in einem Komplex, der zum Hotel „Karl August“ gehört. Alle Materialien kommen aus der Region, etwa die zwölf Tonnen Jura-Marmor aus Eichstädt, die Reiter mit Hilfe eines Steinmetzes zu einer abgestuften Präsentationswand mit Wasserkaskade verarbeiten ließ. Die Inspiration dazu lieferten fernöstliche Berglandschaften mit ihren angelegten Reisterrassen. So ungewöhnlich wie der Wunsch der Innenarchitektin, auf einen Teil des Estrichs zu verzichten, um in einem Wanneneinbau einen kleinen Garten einzurichten. „Trotz Skepsis des Vermieters haben wir das irgendwie geschafft und es einfach ausprobiert – mit Mut und Vertrauen, dass es auch funktioniert.“ Das tut es und regt die Sinne an, wie die Steininsel mit Waschbecken in der Mitte des Shops, an der Seifen und Duschgels ausprobiert werden können. Der Wasserauslass, er wurde in die Decke installiert, ist gleichzeitig eine Leuchte. „Wassergeräusche und Luftfeuchtigkeit sind ja immer sinnliche Erfahrungen“, – wie die authentischen Oberflächen, auf denen die Hände gerne ruhen. In einer benachbarten Nische entstand eine Art Apotheken-Szenario, das auf die Herkunft des Unternehmens anspielt. „Dafür habe ich mir viele Apotheken angeschaut. Ich nehme aber auch die Umgebung auf: Die Rundbögen sind ein Stilelement der Renaissance, die Nürnberg geprägt hat und sich heute noch in den Brücken über die Pregnitz finden lässt. Wir sind hier direkt am Wasser.“ Die weitere Unterhaltung über historische Bauten, Stile und deutsche Eigenheiten gereicht genauso zur Freude wie die Erläuterungen zu den verwendeten Hölzern: Robinie und Akazie. „Der Schreiner hat uns die Baumaterialien besorgt. Es ist natürlich auch ein deutsches Holz. Das war der Firma Retterspitz ganz wichtig, dass alle Werkstoffe regional sind und zu ihrem Produkt passen.“ Reiters Liebe zum Detail äußert sich besonders in den beiden Vitrinen (Seite 55 oben). Es sind Meisterwerke handwerklicher Fertigung und subtiler Gestaltung – „eigentlich eine Hommage an alte Vitrinen“, weiß die Innenarchitektin, die ihre Werke mit einer ausgeklügelten Beleuchtung und raffinierten, technischen Details ausstattete.

Die hölzernen Skulpturen erfreuen die Valet-Brüder genauso wie der komplette Store: „Er spiegelt alles, was uns ausmacht: Tradition, Verlässlichkeit, Wirksamkeit und das »Apothekige«. Doch es geht auch um eine zusätzliche Nähe zu Menschen, um einen Raum zum persönlichen Beraten und Interagieren“, so Markus Valet, der sich freut, dass er vor Ort noch mehr über die Wünsche und Bedürfnisse seiner Kundschaft erfahren kann. „Es geht um Nahbarkeit“, findet sein Bruder Florian, „um aufrechtes Handeln und persönlichen Kontakt. Unsere Marke ist echt und auf positive Weise bodenständig.“ Das schätzen auch wir.

sd