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„Immer mehr soziale Praktiken sind an der Verfertigung von Einzigartigkeit ausgerichtet“


Dialog - epaper ⋅ Ausgabe 129/2020 vom 21.01.2020

DIALOG-Gespräch mit dem Soziologen Andreas Reckwitz über die Gesellschaft der Singularitäten


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Bildquelle: Dialog, Ausgabe 129/2020

Andreas Reckwitz


Piotr Mordel

Herr Reckwitz, Sie haben in den letzten Jahren eine Reihe von Buchpublikationen und wissenschaftlichen Aufsätzen veröffentlicht, in denen Sie die offensichtlichen Veränderungen in unserer Gesellschaft nicht nur aufgezeigt, sondern auch mit veränderten Kategorien zu erklären gesucht haben. Dabei zeigten Sie, warum der gerade in der Soziologie lange Zeit so prägende Gegensatz zwischen Individuum und Gesellschaft in dieser Form nicht haltbar ist. Da es weder beim einen noch beim anderen ...

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... so etwas wie einen festen Kern, eine immer gleichbleibende Substanz, gebe, müsse man sich stattdessen bemühen, vor allem die Prozesse und Debatten, anders ausgedrückt die Praktiken und Diskurse, zu untersuchen. Flüchtigkeit und sogar der Zufall erscheinen dann als wichtige Kategorien jeder Form von Verflechtung. In Ihrem vorletzten, 2017 erschienenen Buch „Die Gesellschaft der Singularitäten“ gehen Sie im Grunde noch einen Schritt weiter und entwerfen eine umfassende Theorie der Moderne.

Tatsachlich haben meine Bucher in den letzten zwanzig Jahren um die Frage nach der Struktur der Moderne gekreist. Es ist dies im Grunde eine klassische Frage der Soziologie. So ist am Ende des 19. Jahrhunderts die Soziologie entstanden, namlich mit der Frage, was die moderne Gesellschaft eigentlich ausmacht und wie sie sich von der Vormoderne, von traditionellen Gesellschaften, unterscheidet. Wir sind nun schon uber hundert Jahre weiter. Insofern verschiebt sich die Frage nach der Moderne. Zunachst einmal muss man eine soziologische und eine historische Perspektive miteinander verschranken. Im soziologischen Sinne beginnt die Moderne ungefahr in der zweiten Halfte des 18. Jahrhunderts mit Industrialisierung, Demokratisierung, Urbanisierung und Verwissenschaftlichung. Allerdings ist sie seitdem nicht gleichgeblieben. Und es scheint mir ganz wichtig zu sein, diesen Block Moderne zu herunterbrechen in verschiedene Phasen, die sich voneinander unterscheiden. Ich arbeite sehr stark mit einer Dreier- Unterscheidung: burgerliche Moderne, industrielle Moderne und Spat- oder Postmoderne. In vielerlei Hinsicht erschien die industrielle Moderne des 20. Jahrhunderts als eine Art Hohepunkt der Moderne, auf die sie dann zugelaufen ist. Das erweist sich mittlerweile als ein Trugschluss. Wir haben seit den siebziger, achtziger, neunziger Jahren des 20. Jahrhunderts eine neue Form von Moderne, die man Spatmoderne nennen konnte und die sich noch einmal von der industriellen Moderne zentral unterscheidet. Und genau dieser Unterschied zwischen der industriellen Moderne und der Spatmoderne steht im Mittelpunkt meines Buches uber die „Gesellschaft der Singularitaten“.

Dabei arbeite ich sehr stark mit einer Unterscheidung zwischen zwei Prozessen, die in der Moderne von Anfang an pragend waren. Das Gewicht zwischen ihnen hat sich inzwischen verschoben. Da ist auf der einen Seite ein Rationalisierungs-, sozusagen ein Vereinheitlichungsprozess. Das ist das, was man klassischerweise seit Max Weber mit der Moderne assoziiert: Sie rationalisiert, standardisiert, vereinheitlicht. Die Industrieproduktion, die Industriestadt sind dafur Beispiele. Diese Formen haben in der industriellen Moderne Mitte des 20. Jahrhunderts sicherlich ihren Hohepunkt erreicht. Es ist trotzdem wichtig zu sehen, dass es dazu immer einen gegenlaufigen Prozess in der Moderne gegeben hat. Diesen Prozess nenne ich Singularisierung oder Kulturalisierung. Hierbei geht es eben gerade nicht um das Standardisierte, um das Gleichmachen, das Einheitlich- Machen, sondern um die Produktion von Einzigartigkeit, von Besonderheit, von Individualitat im weitesten Sinne.

Das Interesse an letzterer hangt eng damit zusammen, was man in einem bestimmten Sinne Kultur nennen konnte, Kultur im Sinne von Elementen, denen ein starker Wert zugeschrieben wird, ein asthetischer, ein ethischer oder narrativer Wert. Das ist ein Element, das wir in der Moderne seit etwa 1800 hatten, vor allem in der Romantik. Es handelte sich dabei lange Zeit um eine Gegenkraft, ein subkulturelles Element, das zwar im intellektuellen Diskurs eine Rolle spielte, aber gesellschaftlich nur eine begrenzte Wirkung hatte. Das hat sich in der Spatmoderne entscheidend verandert. Singularisierungs- und Kulturalisierungsprozesse werden auf einmal strukturbildend und sogar dominant. Das interessiert mich in meinem Buch ganz besonders.

Es ist in den letzten Jahren, vor allem in den Geistes- und Sozialwissenschaften viel von den Veränderungen die Rede gewesen, die sich seit den 1970er Jahren global abgespielt haben. Viele Menschen auf der Straße haben mittlerweile das Gefühl, eigentlich sei nichts mehr so, wie es einmal war. Zumindest, wenn sie in reichen Industriestaaten leben und sich den Luxus leisten können, darüber nachzudenken. Die meisten haben die Wahrnehmung, sie würden in einer Phase großer Veränderungen leben. Zunächst betrifft das scheinbar nur die Welt der Politik, wo überall in Europa traditionelle Volksparteien verschwinden und durch neue soziale Bewegungen ersetzt werden, welcher Art auch immer. Diese Bewegungen reagieren jedoch auf tiefergreifende Umgestaltungen, die oftmals mit dem Schlagwort „Globalisierung“ relativ einfach gefasst werden. Sie haben in Ihrem Buch vom Siegeszug der Besonderheiten, der Singularitäten, gesprochen. Können Sie kurz erläutern, was dieser für Sie so zentrale Begriff im Rahmen einer Gesellschaftstheorie bedeutet?

Begriffe wie Singularisierung und Singularitaten sind fur mich die wichtigsten Begriffe, um die besondere Struktur der Spatmoderne aufzuschliesen. Auf den ersten Blick gibt es eine Nahe zu den klassischen Begriffen, die wir kennen, also Individualisierung und Individualismus, und damit hangen sie zweifellos zusammen. Wir erleben in der Spatmoderne eine radikalisierte Form von Individualismus. Doch ich verwende halt nicht jenen traditionellen Begriff, sondern den der Singularisierung, um noch einmal eine etwas andere Perspektive in das Phanomen hineinzubringen. Singularisierung heist, dass immer mehr soziale Praktiken – in der Wirtschaft, in den Medien, in der Alltagswelt der Individuen – an der Verfertigung von Einzigartigkeit, Besonderheit ausgerichtet sind, dass sie nicht einfach standardisieren wie in der industriellen Moderne.

Diese Einzigartigkeit ist zudem haufig, was mir ein wichtiger Punkt zu sein scheint, mit starken Affekten aufgeladen. Die Rationalisierung der industriellen Welt war sehr versachlicht. Nun aber spielen sowohl positive Affekte der Faszination als auch negative Affekte der Abgrenzung eine grose Rolle. Das wichtige ist, dass sich diese Singularisierungsprozesse auf ganz verschiedene Einheiten in Gesellschaften beziehen. Sie betreffen eben nicht nur die Individuen, die an ihr eigenes Leben den Anspruch haben, besonders und einzigartig zu sein – das bezeichnete der klassische Begriff der Individualitat –, sondern es findet beispielsweise eine Singularisierung der Dingwelt statt. Zum Beispiel in der Okonomie, etwa, wenn man Produkte verlangt, die in irgendeiner Weise nicht austauschbar sind, die originell oder Markenartikel sind, – ob das jetzt Vintage- Objekte sind oder Einzelstucke. Die dritte wichtige Ebene neben Menschen und Dingen stellt die Singularisierung ganzer raumlicher Einheiten dar: weg von der Industriestadt und hin zum identifizierbaren Ort, der ein Alleinstellungsmerkmal, ein Identifikationspotenzial fur die Bewohner hat. Man erkennt dies zum Beispiel am Wettbewerb von Stadten untereinander, der zudem immer ein emotionales Element ist. Und viertens hat Singularitat eine Bedeutung in Bezug auf zeitliche Einheiten: weg von den Routinen, hin zu den Events, zu den Momenten, die Identifikations- und Erlebnispotenzial haben. Letztlich gibt es funftens sogar eine Singularisierung kollektiver Einheiten. Das klingt auf den ersten Blick paradox. In der Spatmoderne mochte man die Organisationen hinter sich lassen, die immer so sind wie die anderen, und hin zu besonderen Gemeinschaften mit Identifikationspotenzial. Dazu geho- ren auch und gerade die Nationen oder Regionen, die dann selber mit dem Anspruch auftreten, singular zu sein. Singularisierung ist insofern ein komplexer Prozess, in dem Dinge, Ereignisse, Orte und Kollektive, und selbstverstandlich Individuen als singular produziert, aber auch rezipiert und bewertet werden. Die Kehrseite davon ist, dass die Eigenschaften einfach nicht wahrgenommen werden konnen. Somit wird etwas nicht singularisiert und bleibt weitgehend unsichtbar.

Wenn man das auf die Gesellschaft umbricht, ist dieser Wunsch, etwas Besonderes zu sein, bei den Menschen stärker vertreten, die Sie sehr zu Recht als die Gewinner dieses Veränderungsprozesses beschreiben, den Angehörigen der neuen Mittelschichten, die sich stark auf bestimmte Dinge kaprizieren. Auf der anderen Seite gibt es die sogenannten Verlierer, bei denen man das Gefühl hat, sie möchten nicht das Besondere sein. Sie möchten nicht nur, dass alles so bleibt, wie es ist, sondern sie wenden viel stärker den Begriff des Kollektivs an, weil sie sich nicht sicher genug fühlen, um den neuen Herausforderungen gewachsen zu sein. Oft wird mit diesen Menschen der Begriff der Wut verbunden, was dann stark für diese Affekthaftigkeit spreche würde. Würden Sie dieses Phänomen in diesen Bereich miteinbeziehen?

Warum finden solche Singularisierungsprozesse in der Spatmoderne statt? Welches sind die Ursachen? Ich wurde hier drei benennen wollen. Zum einen die okonomische Entwicklung, der Weg von einem reinen industriellen Kapitalismus hin zu einer postindustriellen Okonomie. Diese sucht nach neuen Absatzmarkten. Hier spielt die Singularisierung der Produkte, der Ereignisse – man blicke nur auf den Tourismus – eine enorme Rolle. Die zweite Ursache ist die Digitalisierung. Das Internet im Allgemeinen und die sozialen Medien im Speziellen haben einen Raum geschaffen, in dem um Aufmerksamkeit und Anerkennung gekampft wird. Die Singularitat ist dabei die Wahrung, mit der man Clicks und Likes auf sich versammeln kann. Alles andere bleibt unsichtbar und wird demzufolge nicht wahrgenommen. Das dritte ist eine Transformation in den Gesellschaften auf der Ebene der sozialkulturellen Gruppen, namlich der Aufstieg einer neuen Mittelklasse, die sehr gut ausgebildet ist. Wir haben es in den vergangenen Jahrzehnten mit einer starken Bildungsexpansion zu tun. In der neuen Mittelklasse handelt es sich um Akademikerinnen und Akademiker, die haufig in den Metropolregionen leben und in der Wissensokonomie arbeiten. Sie sind die Gewinner dieser postindustriellen Entwicklung und sie bauen in ihre alltagliche Lebensform sehr stark Singularitatskriterien ein.

Die neue Mittelklasse ist freilich nur eine Gruppe in der Gesellschaft. Wir haben hier, und das ist, denke ich, das Neue in der Spatmoderne im Vergleich zur klassischen Industriegesellschaft, wieder eine starkere Auseinanderentwicklung von Lebenswelten und Lebensgefuhlen, ja sogar Klassen. In der industriellen Moderne hatten wir zum Beispiel in Westdeutschland, aber auch in Landern wie Frankreich oder den USA eine sehr viel starkere Nivellierung – Stichwort: Nivellierte Mittelstandsgesellschaft –, folglich eine grose Mittelschicht, die 90 Prozent der Gesellschaft ausmachte, die relativ einheitlich war. Seit den 1990er Jahren setzt eine neue Polarisierung von Sozialstrukturen ein. Auf der einen Seite steht die neue Mittelklasse, auf der anderen Seite eine absteigende neue Unterklasse, also das, was man Dienstleistungsproletariat nennt, das Erbe der alten Arbeiterschaft. Dazwischen haben wir weiterhin so etwas wie die traditionelle Mittelklasse, wobei diese sich jedoch in mancher Weise entwertet fuhlt.

Singularisierung ist eben eine zweischneidige Angelegenheit, sie hangt mit Aufwertung und mit Entwertung eng zusammen. Das, was singular erscheint, wird kulturell aufgewertet, es erscheint wertvoll. Das, was so ist, wie alles andere auch, ist entwertet, es erscheint wertlos, bestenfalls ist es funktional nutzlich. Die einfachen Routineberufe oder die mittleren Bildungsabschlusse oder das Wohnen in einer relativ unspektakularen Kleinstadt und so weiter wird von den Betroffenen teilweise genauso wahrgenommen: Es hat kaum gesellschaftlichen Wert. Somit reichen diese Entwertungsprozesse tief in die Gesellschaft hinein und haben dadurch eine hohe politische Explosivitat.

Sie deuten am Ende Ihres Buches an, diese Prozesse werden sich in Zukunft eher noch verstärken, weil der Wunsch wieder zu einer homogenen Gesellschaft zu gelangen, illusorisch sei. Was bedeutet das jetzt für unser Zusammenleben? Sie haben selbst den Begriff Klasse verwendet. In Teilen der französischen Soziologie, man denke etwa an Didier Eribon, ist dieser Begriff weiterhin sehr populär. Vielleicht gibt es dort andere Voraussetzungen, die Auseinandersetzungen werden zum Teil auf den Straßen ausgetragen. Werden sich solche Konflikte in Deutschland Ihrer Meinung nach künftig noch vertiefen oder hüten Sie sich vor solchen Prognosen?

Prognosen sind immer sehr schwierig. Die Soziologen haben damit haufig falsch gelegen. Ich wurde eher sagen, es gibt unterschiedliche Szenarien, wie die Entwicklung weitergeht. Drei Moglichkeiten sehe ich. Die erste ware: Dieser vergangene Prozess wird tatsachlich fortsetzt. Das wurde bedeuten, sowohl die neue, akademisierte Mittelklasse, als auch die neue Unterklasse werden immer starker. Es gibt manche Kollegen, die genau so etwas vermuten. Gerade in Frankreich spricht zum Beispiel Christophe Guilluy von einer neuen Polaritat zwischen „classe superieure“ und „classe populaire“. Die traditionelle Mittelklasse lost sich demnach auf, einige steigen auf, andere steigen ab, und am Ende haben wir eine Art grosen gesellschaftlichen Dualismus. Das ware gewiss eine sehr explosive Angelegenheit: Klimaschutzer gegen Gelbwesten sozusagen. Ein zweites, pessimistischeres Szenario, lauft darauf hinaus, was mein Kollege Oliver Nachtwey „Abstiegsgesellschaft“ genannt hat. Uber die Digitalisierungsprozesse konnten nicht nur Routinetatigkeiten in der Mitte, sondern ebenso viele Arbeiten von Hochqualifizierten uberflussig werden. Damit wurde ein groser Teil der neuen Mittelklasse nach unten abrutschen. Das ware naturlich eine besonders explosive Mischung. Ein drittes, optimistischeres Szenario ware, wenn eine Art Rekonstruktion einer Mittelstandsgesellschaft gelange. Das ware der Fall, wenn die prekare Klasse entprekarisiert werden konnte und wieder Anschluss an die Mittelklasse fande. Dabei konnte gerade in Europa die demografische Entwicklung hilfreich sein, weil durch den Mangel an Arbeitskraften einfache oder mittlere Tatigkeiten wieder wertvoller werden konnten. Ein Beispiel ist die aktuelle Debatte in Deutschland uber eine Aufwertung der Pflegeberufe durch die staatliche Politik. Hier wird es stark davon abhangen, wie die Politik auf die Konfliktlage in Zukunft antwortet.

Andreas Reckwitz


Piotr Mordel

Das ist mehr oder weniger die Situation, wie sie sich in den nördlichen und westlichen Ländern heute darstellt. Sind aber nicht die Unterschiede der Gesellschaften im europäischen Rahmen, noch mehr global betrachtet, im Grunde größer als die Gemeinsamkeiten? Sie sprechen davon, es hätten sich scheinbar überraschende Bündnisse ergeben, etwa zwischen dem Front National Marine Le Pens und Putin. Das stimmt im Einzelfall sicher, dennoch selbst wenn Gruppierungen der kulturell „Abgehängten“ sich im Kampf gegen das Neue, Offene, Individuelle, gegen die wie auch immer definierten „Eliten“ einig sind, so ist es unvorstellbar, dass – sagen wir mal – der Islamische Staat mit amerikanischen Tea Party-Aktivisten kooperiert. Und daran anschließend: Kann man wirklich von einem globalen Modell sprechen? Für mich wäre China ein Gegenbeispiel. Dort gab und gibt es zwar tatsächlich einen massenhaften sozialen Aufstieg der Mittelschichten, bloß von einer Individualisierung größeren Stils kann eher keine Rede sein. Das Kollektiv scheint stärker zu sein denn je, jedenfalls in der politischen und wirtschaftlichen Führung des Landes …

Diese Frage ist sehr berechtigt. Die Analyse, die ich in diesem wie in meinen fruheren Buchern vornehme, bezieht sich schon in erster Linie auf den globalen Norden, also das, was fruher die westliche Industriegesellschaft genannt worden ist, die OECD-Lander. Auf diese hat sich in der Vergangenheit der soziologische Blick immer gerichtet. Wobei ich es schon ganz wichtig finde, dass es nicht nur um Deutschland geht. Man kann vielmehr grundsatzliche Parallelen zu den USA, Frankreich, England, oder Polen ausmachen. Es handelt sich daher um eine Art Idealtypus des Nordwestens. Global betrachtet gibt es durchaus grose Ungleichzeitigkeiten, die man nicht alle auf einen gemeinsamen Nenner bringen kann. Die Postindustrialisierung des globalen Nordens korreliert mit einer nachholenden Industrialisierung von Teilen des globalen Sudens, wie Chinas oder Sudostasiens. Diese beiden Prozesse sind eng miteinander verbunden. Das ist eine globale Arbeitsteilung in der Okonomie. Neben den Gewinnern auf globaler Ebene – etwa die aufstrebende Mittelklasse in China – gibt es noch ein weiteres Segment, namlich die global „Abgehangten“, die an diesem Prozess nicht teilnehmen, wie die sogenannten „failed states“. Deshalb scheint mir doch der Hinweis auf die globale Heterogenitat wichtig zu sein. Trotzdem konnte man zum Beispiel unter Hinweis auf Pankaj Mishras Buch „Das Zeitalter des Zorns“ sagen, es ergeben sich dabei global betrachtet Fronten, die den Fronten im Westen sehr ahnlich sind. Auf der einen Seite gibt es auch hier Gewinner wie die Angehorigen der aufsteigenden chinesischen Mittelklasse, auf der anderen Seite gibt es Prekare des Sudens, die in Regionen leben, die diesen Prozess nicht mitgemacht haben und teilweise versuchen, durch Migration in den Norden zu drangen.

Die sozialen Spannungen in Deutschland werden momentan vor allem an zwei, miteinander verwobenen Punkten festgemacht: den Auswirkungen der Flüchtlingskrise von 2015 und der unterschiedlichen gesellschaftlichen Entwicklung im alten Westen und im alten Osten, also mit dem, was man anhaltende Vereinigungsschmerzen nennen könnte. Wie bewerten Sie den Einfluss der Vereinigung Deutschlands im Rahmen Ihrer Überlegungen zu tiefergreifenden Umgestaltungsprozessen und Mentalitätswandeln? Ein Teil Ihrer Überlegungen scheint wie maßgeschneidert für die deutsche Entwicklung zu sein.

Zunachst einmal ist diese Situation mit West- und Ostdeutschland doch sehr speziell und sie lasst sich nicht leicht auf andere Lander ubertragen. So hat sicherlich die auch 30 Jahre nach dem Fall der Mauer in Ostdeutschland immer wieder aufkommende Debatte daruber, ob man die eigene Lebensleistung entwertet sieht, naturlich mit der sehr besonderen Entwicklung nach der Wiedervereinigung zu tun. Von der Besonderheit des deutschen Falls einmal abgesehen, wurde ich eigentlich behaupten, dass in vielerlei Hinsicht – selbst, wenn das vielleicht zunachst etwas paradox klingt – sich die Situation in Ostdeutschland, gerade im Vergleich mit anderen Landern Europas oder Nordamerikas gar nicht so sehr als etwas Ausergewohnliches darstellt, sondern als der Normalfall. Ja, Ostdeutschland ist fur die Entwicklung in den Industrielandern im Grunde viel reprasentativer als Westdeutschland. Letzteres ist teilweise immer noch viel starker industrialisiert als andere westliche Lander. In Ostdeutschland ist die Polarisierung der Sozialstruktur, die Postindustrialisierung, noch viel drastischer und hat in einem viel kurzeren Zeitraum stattgefunden. Die DDR war ein Industriestaat par excellence. Dieses System ist dann innerhalb weniger Jahre nach der Wiedervereinigung kollabiert. Wir haben eine tiefgreifende Entindustrialisierung erlebt. Das ist fur den Westen insgesamt paradigmatisch. In den USA oder Grosbritannien hat dies langer gedauert, in Ostdeutschland fand das Gleiche statt, aber im Zeitraffertempo. Und wir haben in Ostdeutschland eine ganz starke Disparitat zwischen den Grosstadten, die florieren, wie Berlin, Leipzig, Jena, die von der Wiedervereinigung eher profitiert haben, uber die Universitaten und die Wissensokonomie. Dazu haben wir abgehangte Regionen im landlichen Bereich, die unter extremen Bevolkerungsruckgang leiden. Eine solche Entwicklung, die von einer starken raumlichen Polaritat gekennzeichnet ist, ist jedoch insgesamt charakteristisch fur das, was wir in Europa und Nordamerika erleben. Auch das Aufkommen der Rechtspopulisten, das in Ostdeutschland noch starker ist als in Westdeutschland, lasst sich zum Beispiel eher mit der Lage in Frankreich vergleichen. Man sollte insgesamt also Ostdeutschland nicht so sehr als Sonderfall betrachten – es gibt manch- mal in der deutschen Diskussion diese Neigung –, sondern in vielerlei Hinsicht als paradigmatischen Fall fur die Entwicklung der Industrielander insgesamt.

Ist es eigentlich ein Widerspruch, wenn jemand zu einer Pegida-Demo geht und damit sich zu einem Weltbild bekennt, das eher auf das Kollektive, die Vergangenheit hin, ausgerichtet ist, auf die Sicherheit in den sozialen Prozessen, wenn diese Person dann in seinem sonstigen Leben Elemente verkörpert, Ansichten vertritt oder Dinge tut, die eher für eine spätmoderne Gesellschaft typisch sind? Wenn er beispielsweise in einen Laden geht, um sich dort am 3DDrucker etwas herstellen zu lassen, das nachher nur bei ihm existiert … Es gibt folglich eine deutliche Überschneidung von Verhaltensweisen, verschiedene Facetten von Identität, was in praxeologischer Hinsicht nicht weiter überraschend ist.

Die spatmoderne Gesellschaft hat durchaus Grundstrukturen, denen sich kaum jemand entziehen kann. Ob es jetzt die Digitalisierung ist, oder die Entwicklung hin zu einem kognitiven kulturellen Kapitalismus. Sogar nationalistische, identitare, rechtspopulistische oder fundamentalistische Bewegungen partizipieren am Internet, sie bedienen sich genauso der Aufmerksamkeitsokonomie. Sie versuchen haufig, sich als singular zu inszenieren, und zwar als kollektiv singular. Diese neuen kulturellen Gemeinschaften arbeiten ganz stark mit dem Singularitatsmythos etwa des eigenen Volkes. Sie befinden sich nicht auserhalb der Gesellschaft der Singularitaten, versuchen aber bestimmte Dinge umzudefinieren.

Sie deuten ebenfalls an, diese Singularitäten seien nicht gleichzusetzen mit Individualitäten. Die eigene Willensfreiheit ist so gar nicht vorhanden. Sie signalisieren an einer Stelle, im Hintergrund seien ganz andere Kräfte aktiv, die alles in der Hand halten, es steuern. Es stellt sich somit etwas wie die Machtfrage. Das klingt ein bisschen wie Kapitalismuskritik, aber vielleicht meinen Sie das gar nicht so …

Ich meine nicht, es sind Personen, die das steuern, sondern Prozesse. Deshalb ist es manchmal so schwierig zu verstehen, was Singularisierung bedeutet, und deshalb verwende ich nicht den Begriff der Individualisierung, weil man da sehr leicht die Konnotation hat, so, wie Ulrich Beck das schon geschrieben hat, von einer Freisetzung von Individuen. Individuen werden nach Beck in der Zweiten Moderne freigesetzt von sozialen Bindungen, mit allen Vor- und Nachteilen. Darum geht es jetzt bei der Singularisierung nicht. Es ist gar nicht so leicht zu begreifen, aber es geht eigentlich um die gesellschaftliche Fabrikation von Einzigartigkeiten. So ist es zum Beispiel bei den Bewertungsportalen im Internet, die dann zertifizieren, welches Reiseziel als singular, als attraktiv gilt, und welches nicht, welches Buch, welche CD oder welcher YouTube-Darsteller. Das sind alles anonyme Strukturen und Prozesse, in denen etwas singularisiert oder auch entsingularisiert wird. Man muss sich klarmachen, dass es sich um gesellschaftliche Fabrikationsprozesse handelt, die kaum eine Steuerungszentrale haben, die anonym sind, und wo das einzelne Individuum kaum eine Einflussmoglichkeit besitzt. Die gesellschaftliche Streuung von Aufmerksamkeit und Anerkennung sind Prozesse, die sich nicht wirklich steuern lassen.

In Ihrem Buch habe ich einen Punkt vermisst, der zeigt, wie schnelllebig doch unsere Zeit mittlerweile geworden ist. Jetzt kann man natürlich sagen, das sei nicht Ihr Thema gewesen. Nun hat man in den letzten Monaten das Gefühl, alle Welt rede nur noch über das Klima. Liegt das daran, dass nun ein paar Jahre vergangen sind, seit ihr Buch entstanden ist, und deswegen dieses Thema Ihnen nicht so wichtig war? Würden Sie das heute stärker berücksichtigen oder ist das ein Bereich, der nicht so sehr in Ihr Argumentationsmuster passt, weil es eigentlich um etwas ganz Anderes geht? Ich erlaube mir an dieser Stelle den Einwand, dass es schon länger soziologische, anthropologische und philosophische Ansätze gibt, die auf die zerstörerische Rolle des Menschen in Bezug auf unseren Planeten genauer eingehen, wie der soge- nannte Posthumanismus, der eng mit der Anthropozän-Debatte verbunden ist.

Es ist kein Buch uber alles und hat als solches sicher seine Grenzen. Allerdings kann man versuchen, die Diskussionen der letzten Jahre uber den Klimawandel, die Klimaproteste, in diese Kategorien einzuordnen. Am Ende des Buches stelle ich die Frage nach der Krise des Allgemeinen. Es ist mittlerweile auf der politischen Ebene angekommen, dass wir innerhalb der Gesellschaft der Singularitaten, wie sie sich in den letzten Jahrzehnten ebenso politisch entwickelt hat, Politikformen haben, die im weitesten Sinne Differenz favorisiert haben. Auch und gerade in einer neoliberalen Politik, in der immer wieder von Wettbewerbsformen die Rede ist, geht es letztlich um Differenz. Man mochte besser sein, okonomisch lukrativer sein als andere. Wir haben selbst im linksliberalen Kontext, wo es um Diversitat geht, ein Lob von Differenz. Die Politik der letzten Jahrzehnte hat ihren Reiz sehr stark auf Dynamik gelegt, auf das Aufbrechen von Strukturen. Mittlerweile haben wir eine neue nachdenkliche und kritische Bewegung, die zudem die Nachteile einer solchen Politik sieht. Deshalb haben wir zunehmend in der Debatte die Rede von der Krise und der deshalb notwendigen starkeren Berucksichtigung des Allgemeinen oder die Forderung nach der Rekonstruktion einer Politik, die sich an das Allgemeine richtet, und zwar auf ganz verschiedenen Ebenen. Ein Beispiel ist die Diskussion um ein bedingungsloses Grundeinkommen. Brauchen wir denn eine Grundversorgung fur alle? Ahnliches begegnet uns in der Debatte um kulturelle Integration. Ist nicht so etwas wie ein Grundwertekonsens in unseren Gesellschaften notig?

Und jetzt die Diskussion um den Klimawandel. Hier geht es um den ganzen Planeten. Deshalb ist es verstandlich, dass die Figuren des Universalen, des Allgemeinen als Gegenbewegung wieder an Einflusskraft gewinnen. Und die Entwicklung ist noch nicht an ihrem Ende angekommen. Das ist der eine Aspekt. Der andere Punkt ist dagegen, dass man sich fragen kann, wer eigentlich die soziale Tragergruppe der Klimadebatte ist. Es ist ja nicht die gesamte Gesellschaft, sondern wenn man genauer hinschaut, handelt es sich um die neue Mittelklasse. Wer sind die Schuler, die die „Fridays for Future“-Bewegung tragen? Es sind in der Regel Gymnasiasten und Studenten. Das ist gar nicht so neu. Denn das okologische Bewusstsein, wie es in den 1980er Jahren allmahlich entstanden ist, war und ist in der neuen Mittelklasse beheimatet, seit es sie gibt. Es handelt sich also um eine politische Bewegung, die einen bestimmten sozialen Ort in der Gesellschaft hat. Die neue Mittelklasse ist eben ethisch stark sensibilisiert. Ich gehe in meinem Buch zum Beispiel auf ethischen Konsum ein, der fur die neue Mittelklasse ganz wichtig ist: Ernahrung soll gesund und nachhaltig sein, Energiegewinnung soll nachhaltig sein. Aus diesen fur die neue Mittelklasse typischen Verhaltensweisen ergibt sich dann ein neuer Konfliktraum. Denn die traditionelle Mittelklasse hat ganz andere politische Prioritaten. Schauen wir beispielsweise auf die franzosische Gelbwesten-Bewegung, die sich ursprunglich an einer okologisch motivierten Erhohung der Benzinpreise entzundet hat.

Das Schöne an Ihrem Buch ist, dass man immer wieder gewisse Aha-Erlebnisse hat. Vor allem da, wo sich ihre allgemeinen Überlegungen durch Beispiele aus dem Alltag veranschaulichen lassen. Unter anderem kann ich sehr gut den Gegensatz zwischen Information und Narration nachvollziehen. Die Bedeutung ersterer ist vor allem mit dem letztlich bildungsbürgerlich geprägten und durch die bedeutende Rolle der Ingenieure und Kybernetiker verbundenen Hoch-, oder wie Sie es nennen Industriemoderne, verbunden. Rationale Erklärungen zur Erfassung und Steuerung der Realität waren hauptsächlich bis in die 1970er Jahre wichtig. Heute dagegen kommt es oft mehr darauf an, besondere Geschichten zu erzählen, die uns emotional berühren, die einmalig sind und nicht mehr den Anspruch von Allgemeingültigkeit erheben. Das betrifft auch und gerade die junge Generation, die unter anderem im kulturellen Bereich mit dem, was wir vor 20-30 Jahren toll gefunden haben, nicht mehr viel anfangen kann. Die Aufmerksamkeitsspanne lässt mehr und mehr nach, die medial genutzten Formen werden immer kürzer. Memes, Snaps, SMS und Selfies sind längst im Alltag angekommen. Das Gleiche gilt erst recht im Bildungsbereich. Für eine Schule oder Universität heißt das: Bloß keine langen Texte, die die Leute überfordern, son sondern sie mit Geschichten und Bildern am besten unbemerkt didaktisiert „dort abholen, wo sie sind“. Halten Sie diesen Prozess für unumkehrbar? Oder ist diese Frage zu bildungsbürgerlich im klassischen Sinne gedacht?

Diese Entwicklung, das Interesse am Singularen, Besonderen, das in unserer Gesellschaft so stark ist, ist interessanterweise mit zwei ganz unterschiedlichen Zeitstrukturen verbunden. Sie haben jetzt sehr stark die Kurzfristigkeit betont. Damit ist die Suche nach dem immer Neuem verbunden. Ich hatte das genauer in meinem Buch uber das Kreativitatsdispositiv behandelt. Auf der anderen Seite haben wir zusatzlich, wenn wir im kulturellen Bereich bleiben, die grose Bedeutung von Strukturen der Langfristigkeit. Das zeigt sich am Trend zu den Serien, etwa uber die Streamingdienste, die mit einem sehr langen Zeithorizont verbunden sind. Da geht es ebenfalls um die besonderen Geschichten, sie sollen aber moglichst immer weiter fortgesetzt werden. Man kann sich dann uber einen langeren Zeitraum in diese narrative Welt vertiefen, die immer komplexer wird, weil sie uber eine langere Zeit differenzierter entfaltet werden kann. Die Doppelstruktur von extremer Kurzfristigkeit einerseits, dezidierter Langfristigkeit andererseits ist typisch fur die Singularisierung von Kultur. Also: Gerade mit dem Fortschreiten der Digitalisierung werden sicherlich bestimmte Formen des Kurzfristigen, des immer wieder Neuen, das schnell verschwindet, besonders pramiert. Trotzdem bekommt man offenbar diese Gegentendenz der Langfristigkeit ins Spiel. Ahnliches gilt fur die Warenwelt. Auf der einen Seite existiert die Welt der Mode, die auf immer neue Entwicklungen und Kaufanreize setzt, auf der anderen Seite gibt es den Trend, Produkte zu wahlen, die man langfristig verwenden kann, die vielleicht sogar vererbt werden konnen, folglich die Tendenz zu den ‚Klassikern‘.

Vielen Dank für das Gespräch.

Mit Andreas Reckwitz sprach Markus Krzoska.

Prof. Dr. Andreas Reckwitz • (geb. 1970) deutscher Soziologe und Kulturwissenschaftler, Professor für vergleichende Kultursoziologie an der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt an der Oder. Von 1989 bis 1995 studierte er Soziologie, Politikwissenschaft und Philosophie an den Universitäten Bonn, Hamburg und Cambridge. 1999 wurde er an der Universität Hamburg mit der Dissertation „Dia Transformation der Kulturtheorien“ zum Dr. phil. promoviert, und 2005 mit der Schrift „Das hybride Subjekt. Eine Theorie der Subjektkulturen von der bürgerlichen Moderne zur Postmoderne“ habilitiert. Jüngst wurde Andreas Reckwitz mit dem renommierten Gottfried Wilhelm Leibniz-Preis der Deutschen Forschungsgemeinschaft 2019 ausgezeichnet. Er veröffentlichte u. a. „Struktur. Zur sozialwissenschaftlichen Analyse von Regeln und Regelmäßigkeiten“ (1997), „Unscharfe Grenzen. Perspektiven der Kultursoziologie“ (2008), „Die Erfindung der Kreativität. Zum Prozess gesellschaftlicher Ästhetisierung“ (2012), „Die Gesellschaft der Singularitäten. Zum Strukturwandel der Moderne“. 2019 erschien sein neues Buch mit dem Titel „Das Ende der Illusionen. Politik, Ökonomie und Kultur in der Spätmoderne“.

Das Internet im Allgemeinen und die sozialen Medien im Speziellen haben einen Raum geschaffen, in dem um Aufmerksamkeit und Anerkennung gekämpft wird. Die Singularität ist dabei die Währung, mit der man Clicks und Likes auf sich versammeln kann. Alles andere bleibt unsichtbar und wird demzufolge nicht wahrgenommen.

Es geht eigentlich um die gesellschaftliche Fabrikation von Einzigartigkeiten. So ist es zum Beispiel bei den Bewertungsportalen im Internet, die dann zertifizieren, welches Reiseziel als singulär, als attraktiv gilt, und welches nicht, welches Buch, welche CD oder welcher YouTube-Darsteller. Das sind alles anonyme Strukturen und Prozesse, in denen etwas singularisiert oder auch entsingularisiert wird. Man muss sich klarmachen, dass es sich um gesellschaftliche Fabrikationsprozesse handelt, die kaum eine Steuerungszentrale haben, die anonym sind, und wo das einzelne Individuum kaum eine Einflussmöglichkeit besitzt.

Markus Meckel Zeitansagen. Texte und Reden aus zwei Jahrzehnten. ibidem-Verlag 2019

„Zeitansagen“ hat Markus Meckel im Laufe seines Wirkens unzählige gemacht. Er war Pfarrerssohn, unbequemer Schüler und Wehrdienstverweigerer in der DDR, Pfarrer, Gründer der oppositionellen sozialdemokratischen Partei in der DDR, Außenminister der ersten frei gewählten DDR-Regierung, langjähriger Bundestagsabgeordneter und Außenpolitiker im vereinten Deutschland sowie schließlich Präsident des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge e.V. Sehr offen spricht Markus Meckel in seinen Texten und Reden aus zwei Jahrzehnten über seinen ungewöhnlichen Lebensweg in der DDR und über die Zeit von Friedlicher Revolution und Deutscher Einheit. Er stellt unbequeme Fragen an unseren Umgang mit der wechselvollen Geschichte des 20. Jahrhunderts und plädiert mit Leidenschaft für eine durch und durch europäische Sichtweise auf Geschichte und Außenpolitik.

Man sollte Ostdeutschland nicht so sehr als Sonderfall betrachten, sondern in vielerlei Hinsicht als paradigmatischen Fall für die Entwicklung der Industrieländer insgesamt.