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Immer mit dem Strom


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aerokurier - epaper ⋅ Ausgabe 12/2022 vom 15.11.2022
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Bildquelle: aerokurier, Ausgabe 12/2022

Heute ist der große Tag, das Wetter ist optimal vorhergesagt. Im Tiefflug will ich der Donau folgen und mir das Eiserne Tor aus der Nähe anschauen. Doch je näher ich dem Canyon komme, desto schlechter wird die Sicht. Dann liegen die Wolken direkt auf den Bergen auf. Ist mein großer Traum, das Tor zu durchfliegen, damit geplatzt?

Doch erstmal zurück zum Anfang dieser Reise: Nach meinem Flug im Jahr 2019 mit dem Kiebitz nach Moskau hatte ich die Idee, der Donau vom Entstehungsort in Donaueschingen bis zur Mündung am Schwarzen Meer zu folgen. Doch im Sommer 2020 dominiert Corona das Geschehen, und 2021 gibt es in den Ländern auf der Route zu viele unterschiedliche Corona-Bestimmungen. Im April 2022 werden dann nach und nach überall die Einreiseregelungen gelockert. Für mich ist klar, dass ich die Chance dieses Jahr nutzen muss, bevor die Pandemie zurückkommt oder eine Eskalation des Ukrainekrieges ein ...

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... solches Unternehmen für lange Zeit unmöglich macht.

Vier Ziele stecke ich mir. Erstens: jeder Windung der Donau „low and slow“ zu folgen. Zweitens: wo immer möglich, im Zelt neben meinem Kiebitz zu schlafen. Drittens: im Schwarzen Meer zu baden, und Viertens: am Balaton eine Gulaschsuppe zu essen.

Die Vorbereitung für die grobe Flugroute dauert eigentlich kaum 45 Minuten und besteht hauptsächlich darin, den Lauf der Donau in der Navigations-App SkyDemon zu ermitteln und die ersten beiden Landeplätze festzulegen. Der Rest soll wie bei meinen früheren Reisen unterwegs passieren.

Schon vor dem Start kommt eine Gewitterfront

Endlich ist es so weit: Der Kiebitz ist durchgecheckt, sechs Sporttaschen und die Campingausrüstung sind im Flieger verstaut. Schon stehe ich am Rollhalt in Bremgarten und muss mich beeilen, loszukommen, da eine Gewitterfront von Westen im Anmarsch ist. Ich fliege ihr davon, immer Richtung Osten. Es geht auf direktem Kurs nach Donaueschingen. Ich nähere mich dem Ort, an dem die Donau entspringt. Dann spiele ich mir eine passende Filmmusik aufs Headset, kreise zweimal um den fast ausgetrockneten Startpunkt meines Abenteuers und wünsche dem Donauwasser und meinem Kiebitz eine gute Reise bis ans Schwarze Meer. Irgendwo steht geschrieben, dass ein Tropfen Wasser ab hier eine Woche bis zur Donaumündung braucht. Das Wasser wird mich also irgendwann überholen, da ich garantiert länger als eine Woche unterwegs sein werde.

Schon wenige Flugminuten später führt die Donau etwas mehr Wasser. Meine Befürchtung schwindet, dass ich 2850 Kilometer einem Rinnsal folgen muss. Im schwäbischen Aalen tanke ich auf, dann geht es weiter nach Straubing. Auf dem Weg liegen zwei militärische Kontrollzonen. Ich erkläre dem Tower im Funk meine Mission, und

schon darf ich der Donau weiter folgen. Herzlich werde ich eingeladen, doch noch kurz am Tower vorbeizufliegen; die Lotsen wollen wissen, was das für ein Doppeldecker ist, der eine so weite Reise unternimmt.

In Straubing darf ich am Flugplatz direkt neben dem Kiebitz campen und werde von der Vorhut eines Fliegerlagers begrüßt. Wir verbringen einen schönen Abend zusammen. Am Morgen entdecke ich vor einer Halle einen Gartenschlauch, den ich für eine kurze Dusche nutzen könnte, als ein Vereinsmitglied auf mich zukommt. Seine Empfehlung: eine warme Dusche im Vereinsheim – dort ohne Überwachungskamera. Da es wohl noch genug kalte Duschen auf dieser Reise geben wird, nehme ich das Angebot gerne an.

Weiter geht’s nach Krems in Österreich, die Donau hat nun schon deutlich an Format gewonnen. Jetzt, da ich Deutschland hinter mir gelassen habe, nehme ich das Gas etwas raus. In nur zwei Tagen habe ich schon 850 von 2850 Kilometern bis zur Mündung zurückgelegt und es liegen noch drei Wochen vor mir. Die Wettervorhersage meldet Gewitter. Aber ich habe Glück: Der Kiebitz bekommt einen Hallenstellplatz, ich darf im Zelt schlafen und bin am Abend beim Vereinsgrillfest am Flugplatz Krems eingeladen.

In der Nacht werde ich vier Mal aufgeweckt: Der Rettungshubschrauber startet von hier aus zu seinen Einsätzen, die Abflugroute liegt genau über meinem Zelt. Dann endlich zwei Stunden Schlaf. Gegen fünf Uhr weckt mich geschäftiges Treiben am Flugplatz. Ich öffne meine Zeltplane und entdecke vier Heißluftballone, die offenbar bei Sonnenaufgang starten wollen. Meine Stimmung hebt sich, und ich beobachte das Schauspiel. Plötzlich spüre ich es ganz deutlich: Mein Abenteuer hat jetzt so richtig begonnen.

Im Zelt plane ich den nächsten Tag und entdecke einen kleinen, privaten Flugplatz in der Slowakei, etwas abseits der Donau. Um acht

Uhr kontaktiere ich den Besitzer und werde spontan eingeladen, dort zu landen. Also mache ich mich nach dem Frühstück im Flugplatzrestaurant von Krems auf den Weg. Ich genieße jede einzelne Windung der Donau und nehme das Gas raus, damit es nicht zu schnell geht. Die Luftwaffenbasis Tulln (LOXT) lässt mich dem Fluss durch die Kontrollzone folgen. Dann wird es richtig spannend: Ich will Wien entlang der Donau überfliegen. Auf meinem Air-Traffic-Monitor sehe ich Airliner wie an einer Perlenkette am Wiener Flughafen starten und landen. Ich erkläre dem Lotsen mein Anliegen. Der sieht aber keine Chance, da ich die Abläufe zu sehr stören würde. Zum ersten Mal auf dieser Reise muss ich die Donau verlassen. Dabei gehen mir etwa 40 Kilometer Fluss „verloren“. Die Kontrollzone in Bratislava darf ich wieder der Donau folgend durchqueren. Ich freue mich. Der Lotse hilft mir sogar dabei, dem Flusslauf genau zu folgen.

Kurz vor der ungarischen Grenze biege ich links von der Donau ab, um am privaten Zeliezovce Airfield (ohne ICAO-Code) zu landen. Ich umkreise die kleine Landewiese, um sicherzustellen, dass ich hier richtig bin. Als der Besitzer aus dem Haus kommt und mir eifrig zuwinkt, stelle ich erleichtert fest: Das Tagesziel ist erreicht. Es folgt eine herzliche Begrüßung. Bei einem Touchdown-Kaffee lerne ich Frau und Töchterchen des Flugplatzchefs kennen. „Heute Abend gibt es Gulasch beim Schwiegervater“, erklärt er. Zwei Stunden später bin ich auf einer kleinen Familienfeier und freue mich, dass ich dafür eine Kiste Bier spendieren kann. Es ist tatsächlich die beste Gulaschsuppe meines Lebens. Der Schwiegervater kommt vom Balaton – damit ist Ziel Nummer drei meiner Liste erledigt.

Immer noch der Donau folgend lande ich am nächsten Tag in Budaörs (LHBS) in der Nähe von Budapest. Gewitter liegen in der Luft. Der Flugplatzverwalter hat Mitleid, und der Kiebitz darf Seite an Seite mit zwei weiteren Doppeldeckern in der Halle stehen. Nun gilt es, den Tank wieder zu füllen. Ich finde jemanden, der mich zur Tankstelle fährt. Dank ihm bekomme ich den Sprit um 30 Prozent günstiger. Aufgrund der Krise darf ich aber leider nur 20 Liter in den Kanister füllen.

IN NUR ZWEI TAGEN HABE ICH 850 VON 2850 KILOMETERN ENTLANG DER DONAU ZURÜCKGELEGT

Den Tag in Budapest nutze ich, um meine Weiterreise zu planen. Am nächsten Morgen stehe ich um fünf Uhr auf, dann der Wettercheck und schnell mit dem Taxi zum Flugplatz. Der bestellte Grenzpolizist kommt pünktlich und lässt mich offiziell nach Serbien ausreisen. Ich starte kurz danach und nehme Kurs Richtung Süden.

Eigentlich hatte ich geplant, in Pecs (LHPP) nochmals zu tanken, doch die Tankstelle ist geschlossen. Daher nehme ich Sprit aus dem Zusatztank und schaffe es so zum internationalen Flughafen von Belgrad. Der Controller ist sehr hilfsbereit, ich darf wieder einmal durch die Kontrollzone hindurch der Donau folgen und auf dem Airport landen. Ein Follow-me-Auto holt mich am Rollhalt ab und sorgt dafür, dass ich mich nicht auf dem Taxiway verfahre. Es folgt eine formale Passkontrolle. Im VIP-Warteraum sitze ich kurz darauf mit den Piloten eines Privatjets bei Kaffee und Keksen und warte auf den Weiterflug. Dann fährt ein Shuttle vor, die beiden Piloten kommen auch mit. Der Shuttle hält kurz darauf zwischen meinem Kiebitz und dem Learjet. Beim Anblick meines UL-Doppeldeckers kommt der Learjet-Kapitän ins Schwärmen und fragt, ob wir nicht tauschen könnten. Nach einem kurzen Blick in sein Cockpit schüttele ich den Kopf: definitiv zu viele Knöpfe. Dann erzählt er vom serbischen Präsidenten, den er fliegen wird. Zu meiner Überraschung fährt dann tatsächlich eine Wagenkolonne mit Polizeifahrzeugen und Blaulicht vor. Ich zücke die Kamera, aber einer der Bodyguards gibt mir hektisch Zeichen, die Kamera verschwinden zu lassen. Ich bin einsichtig, da ich fürchte, sonst von den Herren in Schwarz abgeführt zu werden. Etwas später starte ich quasi als Wingman des serbischen Präsidenten und nehme Kurs Richtung Zrenjanin (LYZR). Kurz vor der Landung erwischt mich ein Schauer. Milos, ein Fluglehrer am Platz, öffnet schnell das Hallentor eines Wartungsbetriebs. So bekommt der Kiebitz nur ein paar Tropfen ab. Ich werde wieder mal herzlich begrüßt und zum obligatorischen Landebier eingeladen. Dabei gesellen sich immer mehr Piloten dazu.

Mir knurrt der Magen, und so bestelle ich spontan Pizza für alle. So zieht sich der Nachmittag bis in den Abend. Ich darf mein Zelt direkt am Platz aufschlagen, und man empfiehlt mir, statt des Gartenschlauchs mit rostbraunem Wasser die warme Mechaniker-Dusche in der Halle zu nutzen. Darauf gehe ich gerne ein.

Milos ist Fluglehrer und sitzt außerdem nebenberuflich im Cockpit eines Agrarflugzeugs mit dem Namen Dromedar. Seine Aufgabe ist es, im Tiefflug über dem Fluss Insektenschutzmittel zu versprühen. Wir erkennen Gemeinsamkeiten in der Flussfliegerei und verbringen die Tage miteinander am Flugplatz. Nach der zweiten Nacht möchte ich weiter. Dazu brauche ich mindestens sechs Stunden stabiles, fliegbares Wetter. Um vier Uhr morgens checke ich noch im Zelt das Wetter, dann noch einmal um sechs Uhr. Ich brauche jetzt ein Wetterfenster – aber keine Chance, am Ende bleibe ich doch ganze vier Nächte hier.

Früh am Morgen geht es weiter nach Belgrad

Endlich kann es weitergehen, ein Zeitfenster von sechs bis sieben Stunden öffnet sich. Damit das reicht, muss ich noch in der Nacht aufstehen und mit Stirnlampe das Zelt abbauen. Milos kommt extra um 4:30 Uhr und hilft mir, damit ich früh in die Halle kann. Kurz nach sechs starte ich Richtung Belgrad. Ich bin deutlich früher dort als geplant. Doch die Sache zieht sich am Flughafen in die Länge, und ich werde nervös. Meine Sorge wächst, dass sich das Zeitfenster für den Weiterflug schließt. Endlich kann ich starten. Alle Gates sind mit Passagierflugzeugen belegt. Es gilt also, schnell in die Luft zu kommen, bevor die Airliner starten.

Kurz darauf bietet sich ein absolutes Highlight meiner Reise: der Flug durch das Eiserne Tor an der Donau. Das Wetter ist als perfekt vorhergesagt, doch dann verschlechtert sich die Sicht, die Wolkengrenze sinkt von Minute zu Minute immer tiefer. Ich beschließe, on top zu gehen. Die Flugverkehrskontrolle gibt mir die Freigabe. Doch dann das Wunder: Nach 30 Minuten verziehen sich die Wolken wieder, und unter mir erscheint die Donau: ein schier endloser, magischer Strom. Gänsehaut pur!

Mein nächstes Ziel: Drobeta in Rumänien. Der Flieger bekommt einen Platz in der Halle, und ich gönne mir ein Zimmer in einer Pension. Von Drobeta geht es tags darauf nach Letca Nou?. Dieser Flugplatz ist bei SkyDemon nicht zu finden. Außerdem sind Doppeldecker hier selten. Einige Piloten kommen eigens zum Flugplatz, um den Kiebitz zu sehen. Es naht eine weitere Gewitterzelle. Aber der Flugplatzeigentümer bietet mir an, seinen Flieger nach draußen zu stellen, damit der Kiebitz ein trockenes Nest hat – was für eine Geste!

Eine Nacht später komme ich der Weltpolitik, die dieser Tage leider von Krieg beherrscht wird, ganz nah. An der Grenze zur Ukraine lande ich auf dem Flugplatz V?deni. Die Flugplanung ist kompliziert, mehrere militärische Sperr- und Beschränkungsgebiete liegen auf dem Weg. Nach gut einer Stunde nähere ich mich der Kontrollzone an der Military Airbase Baza Aerian?. Im Funk höre ich amerikanische Piloten, die offenbar gerade von einem Einsatz zurückkommen. Sie unterhalten sich darüber, dass im Osten ein Ultraleichtflugzeug fliegt – was für ein Nervenkitzel!

Am Flugplatz V?deni, nur 20 Kilometer von der Grenze entfernt, erwartet mich Flugplatzchef und -besitzer Albert. Er baut gerade einen Kiebitz und ist schon sehr neugierig auf mein Flugzeug. Dann gibt er mir wertvolle Tipps für den Flug entlang der Donau und der ukrainischen Grenze. Im Gegenzug habe ich für ihn ein paar Ideen zum Einbau des Motors.

Dann kommt der große Tag. Wenn alles klappt, erfülle ich mir heute Ziel Nummer eins: das Donaudelta am Schwarzen Meer. Ich gebe einen Flugplan auf, und prompt meldet sich eine Dame von der Flugsicherung per Telefon. Eine Kleinigkeit muss geändert werden, sonst ist alles gut. Die Route ist genehmigt. Ich starte und schalte den Transponder an. Ich weiß, dass die AWACS-Aufklärer mich im Blick haben. Leider gelingt kein Funkkontakt. Ich steige auf 2500 Fuß, aber immer noch kein Kontakt. Zum Glück habe ich den Mode-S-Transponder. Auf dem Display sehe ich, dass ich sichtbar sein müsste. Mein Flug entlang der ukrainischen Grenze sollte jedenfalls keinen Einsatz der Luftwaffe zur Folge haben. Ich drehe das Funkgerät auf optimalen Empfang und deaktiviere die Rauschunterdrückung. Dann habe ich einen kaum hörbaren Kontakt. Ich gebe mein Anliegen durch und höre ein schwaches „D-MSZR, copied.“ Ab jetzt bin ich safe. Zehn Minuten später ist der Kontakt so gut, dass ich mich störungsfrei mit der Flugverkehrskontrolle unterhalten kann.

Endlich ist das Donaudelta in Sicht

Nach einer Stunde Flug erreiche ich dann das Donaudelta. Ich drehe nach rechts ab. Man hat mich gewarnt, dass die grüne Fläche nicht etwa eine saftige Außenlandewiese ist, sondern meterhohes Schilf. Bei einem Motorausfall kann man dort leicht verloren gehen – mitsamt dem Flugzeug. Ich zelebriere den Flug über meinem Ziel mit einer Dose Red Bull und spiele die passende Musik aufs Headset.

Zwei weitere Stunden später lande ich nahe der Stadt Konstanza auf dem Privatflugplatz Costinesti am Schwarzen Meer. Der Eigentümer des Platzes macht sogar früher Feierabend, um diesen ungewöhnlichen Gast im Doppeldecker zu begrüßen. Nach einem Kaffee bietet er mir seinen Hallenstellplatz an. Leider passt der Kiebitz nicht

in die Halle: Er ist 25 Zentimeter zu hoch. Ich verzurre ihn unwetterfest im Freien. Der Flugplatzchef fährt mich dann nach Konstanza. Dort nehme ich zur Feier des Tages ein Hotelzimmer mit Meerblick und Wellnessdusche. Abends gehe ich im Schwarzen Meer schwimmen und begieße auch dieses erreichte Ziel mit einem kühlen Landebier.

Am nächsten Tag will ich eigentlich am Strand faulenzen. Leider sind schon wieder Schlechtwetterfronten auf dem Weg. Schließlich schaue ich nicht aufs Meer, sondern aufs Tablet und versuche meine Rückreise über Bulgarien, Griechenland und entlang der Adria zu planen. Doch es scheitert schon an Bulgarien: Keiner der fünf angefragten Privatflugplätze erlaubt mir eine Landung. Auch die Komplikationen mit den griechischen Airports stimmen mich nicht gerade euphorisch. Die Planung in Kombination mit der anstehenden Wetterveränderung wird unkalkulierbar. So entscheide ich mich für den kürzesten Weg nach Hause. Außerdem vermisse ich meine Frau. Schon um 6:30 Uhr bin ich am Platz Costinesti. Die Wachhunde und der Wachmann begrüßen mich fröhlich. Zwei Stunden später bin ich abflugbereit. Leider kommen jetzt starke Böen von der Seite. Trotzdem lasse ich den Motor an und bringe ihn am Startpunkt auf Drehzahl. Dann fällt der Windsack kurz in sich zusammen, für mich das Zeichen, die Bremse zu lösen und Vollgas zu geben. Rund 150 Meter später bin ich der Luft. In solchen Momenten liebe ich meinen treuen Rotax.

Knapp 500 Kilometer fliege ich in einem Rutsch. In Drobeta darf ich bei Endre nochmals volltanken, nach einer Pause und Vesper bei ihm am Flugplatz geht’s zügig weiter der Donau entlang, diesmal stromaufwärts.

Auf dem Weg nach Hause treffe ich 15 ukrainische Hubschrauberpiloten, die mit ihrem Kamow-Ka-32-Löschhelikopter vor drei Wochen auf einem kleinen Platz gestrandet sind. Nach Hause können sie nicht, ihre Familien haben sie schon lange nicht mehr gesehen. Am nächsten Tag fragt mich einer von ihnen, ob ich schon weiterfliege. In seinen Augen lese ich: „Nimm mich mit, ich will raus hier!“ Ich kann leider nicht helfen. Die Verabschiedung ist herzlich, ich wünsche alles Gute und dass dieser unsinnige Krieg bald ein Ende findet. Der Pilot hat Tränen in den Augen. Ich steige in meinen Kiebitz, starte den Motor und rolle an den im Spalier stehenden Hubschrauberpiloten vorbei. Was sie in diesem Moment wohl denken? Nach dem Start mache ich einen tiefen Überflug und winke ein letztes Mal.

Ich fliege weiter über den Balaton, und mir kommt der Gedanke, dass es vielleicht vielen so geht wie diesen Piloten. Sehnsüchtig sieht man dem hinterher, der mit leichtem Gepäck in die Ferne fliegt.

Mein Kopf ist voll mit den Abenteuern, Erlebnissen und Menschen dieser Reise. Jetzt will ich aber nur noch auf dem kürzesten Weg nach Hause. Über Freiburg fliege ich nach Bremgarten. Dort warten vor dem Hangar meine Frau, unser Hündchen Lilly und Erwin, ein treuer Kiebitz-Freund – natürlich mit einem kühlen Landebier. ae