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IMMER, WENN DER MOND SCHEINT


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Bergsteiger - Das Tourenmagazin - epaper ⋅ Ausgabe 2/2022 vom 14.01.2022

Prättigau | Schneeschuhwandern

Artikelbild für den Artikel "IMMER, WENN DER MOND SCHEINT" aus der Ausgabe 2/2022 von Bergsteiger - Das Tourenmagazin. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.
Stirnlampen? Die brauchen wir nicht, wenn der Vollmond am Himmel steht.

Es ist Mitternacht und unter meinen Füßen knirscht der Schnee. Der Vollmond steht hoch am Himmel, so hoch, dass er von keinem der umliegenden Gipfel mehr versteckt wird, auch nicht von den Wipfeln der Tannen.

Still stapfe ich Dominik hinterher. Er ist der Wander- und Schneeschuhguide, mit dem ich hier mehrere Tage unterwegs bin. Wann wir zuletzt ein Wort gewechselt haben, muss unten gewesen sein, als wir die Piste gleich hinter dem Haus gequert haben. Dabei hatten wir uns den ganzen Tag über recht viel zu sagen. Jetzt scheinen alle Worte eingefroren zu sein wie die langen Eiszapfen am Scheunendach, an dem wir gerade vorbeilaufen.

Wir marschieren in einer stummen Welt. Alles, was wir hören, ist der Schnee unter unseren Füßen. Ein sanftes Stapfen bei jedem Schritt, gleichmäßig, monoton. Dominik gibt die Schritte vor, im selben Rhythmus mache ich sie ihm nach.

Ein paar ...

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... Tannen weiter schreit ein Kauz. Und immer wieder rieselt Pulver zu Boden, wenn die Äste der Tannen nachgeben. Anstatt die Stille zu brechen, deutet Dominik mit seinem Wanderstock nach rechts und links. Auf den Fuchs, der gerade hinter den Bäumen verschwindet. Die große Wechte weiter vorne. Auf die Pistenraupen in der Ferne, die den Berg als kleine, leuchtende Punkte nach oben kriechen.

»Wer im Dunkeln unterwegs ist, muss auch das wissen, was er nicht sehen kann.«

Süchtig nach dem Mond

Dominik deutet auf den Mond, der vor unseren Augen immer höher steigt. Er ist so hell, dass er unsere Schatten auf die Schneedecke malt. Während ich in meinen Gedanken versunken bin, hält Dominik vor mir an, stößt beide Wanderstöcke in die Schneedecke und zieht die Thermoskanne aus seinem Rucksack. Wir stehen jetzt auf einer kleinen Anhöhe, rings um uns der Wald, dahinter die Alpenwelt. Teepause. Als ich beim ersten Schluck die Augenbrauen nach oben ziehe, grinst Dominik. »Mit Schuss. Damit wir wachbleiben.« Er flüstert. »Als ich vorher gesagt habe, ich bin ein Nachtmensch. Süchtig nach dem Mond. Das verstehst du jetzt, oder?« Ja, das verstehe ich jetzt.

Eine gute Stunde muss es jetzt her sein, dass wir aufgebrochen sind. Schätze ich. Mein Zeitgefühl aber habe ich mit dem letzten Blick auf die beleuchteten Häuser unten im Tal verloren. Auf mein Smartphone habe ich nicht geschaut, eine Uhr habe ich nicht dabei. Und ansonsten tue ich mich schwer, mich in der Nacht zu orientieren. »Genau das macht ihren Reiz aus«, sagt Dominik, als ich mich still umsehe. »Dass wir zwar vielleicht in einer Gegend unterwegs sind, die wir kennen. Die aber wird nachts zu einer völlig anderen Welt.«

Seit Dominik Karrer diese Erfahrung zum ersten Mal gemacht hat, zieht es ihn immer wieder raus, sobald der Mond am Himmel steht. Er kann gar nicht anders. Und er kann nicht anders, als Gäste in diese besondere Welt mitzunehmen. Seither bietet er als Wander- und Schneeschuhguide Mondschein-Schneeschuhtouren an. In seiner Heimat, dem Prättigau. In der Schweizer Bergwelt oberhalb von St. Antönien, die zügig in die Gipfelwelt Österreichs übergeht. Eine Region, die Dominik seit seiner Jugend kennt. Besser als seine Westentasche. Und doch ist nachts alles anders.

Deswegen stehen wir gerade hier: in Schneeschuhen, auf dieser Lichtung im Wald, um Mitternacht. Ich fühle mich wie in einer Schneekugel. Immer, wenn sie jemand schüttelt, geben die Äste der Tannen nach, Schnee rieselt auf den Boden. Ansonsten steht die Welt um uns herum still. Und tatsächlich kann ich mir in diesen Momenten auch vorstellen, dass das rings um uns alles ist. Dass weiter draußen nichts mehr kommt.

1 St. Antönien liegt eingebettet in wilde Schweizer Berglandschaft. Die Häuser sind teilweise bis zu 300 Jahre alt.

2 Der Schnee hält sich hier lange bis ins Frühjahr – weit länger als anderswo in der Schweiz.

Wissen, was nicht sichtbar ist

Die Stirnlampe, die ich mir über die Mütze gezogen habe, als Dominik die Holztür hinter uns geschlossen hat, habe ich noch kein einziges Mal angeschaltet. Weil der Mond hell genug ist, weil Dominiks Augen in der Dunkelheit mehr zu sehen scheinen als alle anderen – und auch, weil wir die Gegend tagsüber schon kennengelernt haben.

»Wer nachts unterwegs ist, muss auch das wissen, was er nicht sehen kann«, hat Dominik vorher beim Abendessen erklärt. Am Besten ist es, die Region erst tagsüber zu erkunden. Das haben auch wir gemacht. Kurz nach Sonnenaufgang haben wir uns heute schon einmal die Schneeschuhe an die Füße geschnallt. Sonnencreme auf der Nase, die Sonnenbrille vor den Augen. Unterwegs im Schnee-Eldorado der Schweiz, St. Antönien ist hier der Ausgangspunkt für vielversprechende Touren. Schon die Anfahrt war eine Vorschau auf die Ursprünglichkeit der Tour: Wer die Serpentinen nach St. Antönien nach oben kurvt, der steuert auf eine Schweiz zu, wie sie früher vielleicht einmal war. Die Straße ist schmal, Autos dürfen nicht breiter als 2,30 Meter sein. Und immer wieder stehen Schranken hinter den Kurven bereit, die das Tal bei zu viel Schnee komplett von der restlichen Welt abriegeln.

An diesem Morgen aber waren die Straßen frei und vor uns lag ein Traumtag. Keine Wolke am Himmel, die Temperatur knapp unter dem Gefrierpunkt. Kalt genug, damit der Pulver unter unseren Füßen nicht schwer wird. Warm genug, um Abenteuer und Aussicht lange genießen zu können. Und wir: mittendrin in diesem Dorado.

»Wenn es wo Schnee hat, dann hier. Wenn es hier keinen Schnee gibt, dann in der ganzen Schweiz nicht«, sagte Dominik, als wir die weißen Hänge in Serpentinen nach oben zogen. Auf dem Plateau dann eine Überraschung, die Dominik für uns vorbereitet hatte. Als er sie aus dem Rucksack zieht, beantwortet das meine Frage von vorher, warum er wohl so schweres Gepäck dabei habe.

Auf die Prättigauer Art

»Ausrüstung«, hatte Dominik mit einem Augenzwinkern gesagt. Für ihn gehört dazu offenbar standardmäßig eine Flasche Wein, ein Campingkocher samt Topf, ein Pfund Käsefondue-Mischung und Brot. Die nächste Stunde verbringen wir damit, mit unseren Lawinenschaufeln eine Bank und einen Tisch in den metertiefen Schnee zu buddeln. Denn wenn Dominik schon eine komplette Fondue-Ausrüstung nach oben schleppt, dann sollte doch auch der Rahmen stimmen.

»Wenn es wo Schnee hat, dann hier. Wenn es hier keinen Schnee gibt, dann in der ganzen Schweiz nicht«

»Patschifig ist unser Zauberwort dafür«, sagt Dominik. Das bedeute so viel wie gemütlich, entspannt. Auf die Prättigauer Art, eben. Darum dreht es sich hier. Nicht um mehr, vor allem aber um nicht weniger. Mit schweren Armen saßen wir dort: Auf einer Picknickbank aus Schnee, vor einem Topf voller Käse – und dahinter, da türmten sich die steilen Felsflanken des Rätikon in den Himmel. Unser Rundum-Blick reichte zur Schesaplana, die knapp an der Dreitausend-Meter- Marke kratzt und damit der höchste Gipfel des Rätikon ist. Wir blickten zu den markanten Gipfeln von Drusenfluh und Sulzfluh. »Nachts wirken beide von der Dunkelheit wie zugedeckt«, sagte Dominik, bevor er sich den Fondue-Spieß in den Mund steckte.

»Nachts ist alles anders. Alles ist neu. Alles ist echt.«

Und Dominik hatte mal wieder recht. Denn während wir jetzt um Mitternacht mit dem warmen Teebecher in der Hand auf der kleinen Anhöhe stehen, rings um uns der Wald, da tauchen hinter den Tannen wieder die hohen Gipfel des Rätikon auf. Und obwohl der Mond so hell scheint, wirken die markanten Felswände jetzt wie von der Dunkelheit zugedeckt.

Das Wunder der Nacht

»Deswegen«, wirft Dominik plötzlich unvermittelt in die Stille. Deswegen, entgegne ich fragend. »Deswegen bin ich einfach süchtig nach dem Mond. Du hattest mich vorher gefragt, warum ich ein Nachtmensch bin.« Dominik nippt langsam an seinem Tee, bevor er flüsternd und mit klarem Blick in den Mond fortfährt. »Nachts ist alles anders. Alles ist neu. Alles ist echt.«