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Impfen: Nur ein kleiner Piks?


ÖKO-TEST Spezial Kinder & Familie - epaper ⋅ Ausgabe 11/2014 vom 07.11.2014

Dreizehn Impfungen in zwei Jahren: Die meisten Eltern stellen den Rundumschutz für ihr Kind nicht infrage. Doch wer Zweifel am Vollkasko-Paket äußert, gerät unter Rechtfertigungsdruck. Die Impfdebatte ist hochemotional.


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Foto: Dmitry Naumov/iStock/Thinkstock

Zur Ruhe kommen Eltern eines Neugeborenen nicht: Kaum haben sie sich im neuen Alltag eingerichtet, stehen diverse Impftermine beim Kinderarzt an. Derzeit sieht der Impfkalender die Immunisierung gegen 13 Infektionskrankheiten innerhalb der ersten beiden Lebensjahre vor. Los geht es im Alter von etwa sechs Wochen mit einer Schluckimpfung gegen ...

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... Rotaviren, die schwerste Durchfälle bei Säuglingen und Kleinkindern auslösen können. Gleichzeitig steht ein Sechsfach-Impfstoff gegen Diphterie, Hepatitis B, Hib (Haemophilus influenzae Typ b), Keuchhusten, Kinderlähmung (Poliomyelitis) und Wundstarrkrampf (Tetanus) auf dem Programm, der insgesamt dreimal im ersten Lebenshalbjahr und einmal im zweiten Lebensjahr verabreicht wird. Auch der Schutz vor Pneumokokken wird für alle Säuglinge und Kleinkinder ab dem vollendeten zweiten Lebens monat empfohlen. Und nach dem ersten Geburtstag folgt – im Abstand von vier bis sechs Wochen – eine zweimalige Impfung gegen Masern, Mumps und Röteln (MMR-Impfung), die zusätzlich mit einer Impfung gegen Windpocken kombiniert werden sollte. Während die meisten Eltern den Empfehlungen der Ständigen Impfkommission am Berliner Robert-Koch-Institut (Stiko) vertrauen und ihr Kind durchimpfen lassen, sehen andere den vollgepackten Impfkalender mit Unbehagen. Wer überlegt, ob tatsächlich jede dieser Impfungen sinnvoll ist oder nichtzumindest zu einem späteren Zeitpunkt gegeben werden könnte, findet sich unversehens in einer emotional und polarisierend geführten Debatte wieder. Obwohl es in Deutschland keine Impfpflicht gibt, stehen „speziell Eltern von Kindern im ersten Lebensjahr unter einem starken Druck, den offiziellen Impfempfehlungen Folge zu leisten”, stellt der Verein Ärzte für individuelle Impfentscheidung fest. Das gehe sogar so weit, dass einige Ärzte die weitere Behandlung von Kindern ablehnen, deren Eltern sich gegen bestimmte Impfungen entscheiden.

Manche Eltern sehen den vollgepackten Impfkalender mit Unbehagen und fühlen sich vom behandelnden Kinderarzt mit ihren Ängsten nicht ernst genommen.


Foto: RidvanArda/iStock/Thinkstock

Können frühe Impfungen das Immunsystem schädigen?

Der frühe Zeitpunkt der ersten Impfungen ist einer der häufigsten Einwände. Das Immun-und Nervensystem von Säuglingen sei noch nicht vollständig ausgereift und könnte – vor allem durch die Mehrfachimpfstoffe – geschädigt werden. Impfkritiker vermuten beispielsweise einen Zusammenhang zwischen flächendeckendem Impfen und der starken Zunahme von Allergien oder chronischen Erkrankungen wie Asthma und Diabetes schon im Kindes alter. Die Befürworter halten diese These allerdings für widerlegt. So weist Stiko-Mit-glied Dr. Martin Terhardt darauf hin, dass es in der DDR bei einer wesentlich höheren Durchimpfungsrate weniger Aller gien gegeben habe. Seit der Wiedervereinigung nehme die Impfquote in den östlichen Bundesländern ab, Allergien aber zu. Und das Robert-Koch-Institut (RKI) argumentiert: „Bestimmte Infektionen treffen Säuglinge deutlich schwerer als ältere Kinder.” Das sei ein wesent licher Grund, warum Babys schon so früh geimpft werden sollten. Auf die 20 wichtigsten Einwände von Impf skeptikern geht das Robert-Koch-Institut auf seiner Web site ein (www.rki. de → Impf themen A–Z → Impf einwände).

Die Wissenschaftler haben dort auch aufgeführt, warum die jewei ligen Schutzimpfungen in den Impf kalender aufgenommen wurden.

Dabei wird klar, dass bei einigen nicht nur medizinische, sondern auch pragmatische Überlegungen eine Rolle spielen – etwa bei der Immunisierung ge- gen Hepatitis B. Die Wahrscheinlichkeit, sich damit anzustecken, ist für Säuglinge ohne familiäre Risiken äußerst gering, räumt das RKI ein. Ein allgemeines Risiko der Infizierung besteht erst mit Beginn der sexuellen Aktivität. Als eine Begründung für die Hepatitis-B-Impfung im Babyalter führen die Wissenschaftler aber die geringen Impfquoten bei Jugend lichen an.

In den ersten zwei Lebensjahren reiht sich ein Impftermin an den nächsten. Im gelben Impfausweis sind die Immunisierungen und verwendeten Impfstoffe genau vermerkt.


Foto: klickerminth/Fotolia

Die Entscheidung für oder gegen die Impfung liegt weiter bei den Eltern.


Foto: hartphotography/Shutterstock

Wenn die Kinder älter werden, macht sich eine gewisse Impfmüdigkeit breit, die den Befürwortern der Immunisierung Kopfzerbrechen bereitet. Zwar steigen die Impfquoten unter Deutschlands Schulanfängern seit Jahren an. Doch besonders bei der zweiten Impfung gegen Masern, Mumps und Röteln (MMR), die den Impfschutz erst komplett macht, sehen offizielle Stellen Verbesserungsbedarf. Problematisch sind aus Sicht der Gesundheitsexperten vor allem die Masern-Impflücken bei Jugend lichen und jungen Erwachsenen, die dazu führen, dass immer wieder gefährliche Masern epidemien auftreten.

Gerade Masern würden noch immer auf die leichte Schulter genommen. Dabei kann bei dieser hochansteckenden Infek tionskrankheit noch nach vielen Jahren eine Gehirnhautentzündung auftreten und zu Behinderungen führen.

Die Rückkehr scheinbar eingedämmter Krankheiten

Skeptische Eltern scheuen die Impfung gegen die scheinbar harmlose Kinderkrankheit häufig aus Angst vor Impfschäden.

Tatsächlich kann es in seltenen Einzel fällen (1: 1 Million) zu einer Entzündung des Gehirns kommen. Die Impf experten des RKI weisen jedoch darauf hin, dass diese Gefahr bei ungeimpften Kindern, die an Masern erkranken, tausend mal höher liege. Häufig werden Impfungen auch versäumt, weil Eltern annehmen, das Ansteckungsrisiko sei gering. Schließlich kommen Krankheiten wie die früher so gefürchtete Poliomyelitis (Kinderlähmung) gerade in den westlichen Industrie ländern nicht mehr vor. Doch das ist ein gefährlicher Trugschluss. Denn lässt der Impfeifer nach, sind auch scheinbar eingedämmte Infektionskrankheiten schnell wieder auf dem Vormarsch. Vorbeugung ist also weiter wichtig. Denn Krankheitserreger sind mobil. Durch Migra tion und Reisen werden zum Beispiel aus Osteuropa oder Asien Erreger wieder eingeschleppt. So tritt auch Kinderlähmung noch immer in einigen afri kanischen und asiatischen Ländern auf.

Die Ausrottung von Krankheiten durch weltweite Impfkampagnen ist möglich. Mit den Pocken ist das bereits 1977 gelungen. Und die Experten hoffen, diese Erfolgsgeschichte bei der Kinderlähmung in naher Zukunft zu wiederholen. Ursprüngliches Ziel der Gesundheits politik war es auch, dass Masern und Röteln durch flächendeckendes Impfen bis 2015 zu- mindest in Europa vollständig verschwinden. Doch dafür wäre eine Impf quote von 95 Prozent auch für die zweite MMR-Spritze notwendig. Erst dann ist die sogenannte Herdenimmunität erreicht, die dafür sorgt, dass ein so hoher Anteil der Bevölkerung immunisiert ist, dass sich die Krankheiten nicht weiterver breiten können. So wären auch die wenigen Menschen geschützt, die noch nicht geimpft werden können. Derzeit liegt die Quote aber erst bei 92,4 Prozent. Der ehemalige Bundesgesundheitsminister Da niel Bahr hatte daher das Thema Impf pflicht für Kinder wieder ins Gespräch gebracht. Doch während der FDP-Mann damit bei den meisten Deutschen auf Zustimmung stieß – 79 Prozent sprachen sich in einer Umfrage der DAK-Gesundheit dafür aus – waren Impfskep tiker empört: Eltern hätten das Recht und die individuelle Verantwortung, zwischen den Risiken der Erkrankung und dem mit der Impfung verbundenen Eingriff in die körperliche Unversehrtheit abzuwägen.

Den Anspruch auf körperliche Unversehrtheit erheben aber auch die Impfbefürworter. „Jeder hat schließlich das Recht, nicht rücksichts los mit jedem Sch… angesteckt zu werden”, heißt es in einem Internetforum. Und: „Impfen bedeutet, soziale Verantwortung zu tragen.

Wer sich gegen eine Impfung entscheidet, schadet möglicherweise nicht nur dem eigenen Kind, sondern unter Umständen auch anderen.” Doch die Entscheidung liegt bei den Eltern. Und vielen Müttern und Vätern wäre vermutlich schon geholfen, wenn der Kinderarzt ihre Ängste und Einwände angesichts immer neuer Impfstoffe und Impfempfehlungen ernst nehmen würde. Der Verein Ärzte für individuelle Impfentscheidung, dessen Mitglieder sich ausdrücklich nicht als Impfgegner verstehen, unterstützt Eltern bei der Suche nach einem Arzt, der sie umfassend berät: www.individuelle-impfentscheidung. de

Welche Arten von Impfstoffen gibt es?

Bei einer Impfung wird das Immunsystem mit abgeschwächten Erregern (Lebendimpfstoffe) oder mit inaktivierten Teilen der Viren oder Bakterien (Totimpfstoffe) in Kontakt gebracht. Das Immunsystem kann sich durch die Impfung charakteristische Strukturen des Krankheitserregers merken. Bei einem Kontakt mit diesem Erreger zu einem späteren Zeitpunkt reagiert das Immunsystem dann sehr schnell und aktiviert die körpereigene Abwehr. Polysaccharid-Impfstoffe, zum Beispiel gegen Meningokokken und Pneumokokken, garantieren oft keinen Langzeitschutz. Außerdem kann es sein, dass die Immunantwort bei mehreren Impfgaben schlechter wird. Mehrmalige Auffrischimpfungen sind daher mit Polysaccharid-Impfstoffen nicht möglich. Koppelt („konjugiert”) man die Poly saccharid-Impfstoffe jedoch an einen Träger, also einen sogenannten Konjugatimpfstoff, reagiert das Immunsystem viel stärker.

Als Träger werden Proteine eingesetzt. Das Antigen wird nun vom Immunsystem besser erkannt, reagiert stärker und stimuliert das immunologische Langzeitgedächtnis. Indikationsimpfstoffe werden nicht für die routinemäßige Anwendung empfohlen, sondern nur wenn der Impfling besonders gefährdet ist, weil er entweder eine Vorerkrankung hat oder zum Beispiel einer gesundheitlich gefährdeten Gruppe angehört. Auch für Reisen kann es Indikations impfungen geben.

Wie sehen die aktuellen Impfempfehlungen der Ständigen Impfkommission aus?

In den ersten zwei Lebensjahren sieht die Stiko die Immunisierung gegen insgesamt 13 Infektionskrankheiten vor: Tetanus (Wundstarrkrampf), Diphtherie, Pertussis (Keuchhusten), Haemophilus influenzae Typ b (Hib), Poliomyelitis (Kinderlähmung), Hepatitis B (Leberentzündung), Pneumokokken, Varizellen (Windpocken), Masern, Mumps, Röteln, Meningokokken und Rotaviren. Hier der Impfkalender (Stand: Oktober 2014) mit den empfohlenen Immunisierungen: