Weiterlesen mit NEWS. Jetzt testen.
Lesezeit ca. 9 Min.

IMPFEN SCHÜTZT


Reader´s Digest Deutschland - epaper ⋅ Ausgabe 11/2018 vom 29.10.2018

Um das Ausbrechen längst ausgerottet geglaubter Krankheiten zu vermeiden, ist Aufklärung nötig


Artikelbild für den Artikel "IMPFEN SCHÜTZT" aus der Ausgabe 11/2018 von Reader´s Digest Deutschland. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Reader´s Digest Deutschland, Ausgabe 11/2018

Micha, heute fünf Jahre alt, mit seiner Mutter Nicole


ES WAR AN EINEM feuchtkalten Februarabend. Nicole Gommers hatte ihr acht Monate altes Baby Micha in die Wiege gelegt und brachte dessen älteren Bruder Ben zu Bett. Da klingelte ihr Handy.

„Nicole, ich habe schlechte Nachrichten“, sagte die Leiterin der Kinderkrippe in Den Haag, Niederlande, in die ihre Kinder gingen. „Ein Mädchen im Hort, das nicht geimpft war, hat die Masern. Deshalb rufe ich die Eltern aller Kinder an, die womöglich Kontakt zu ihr hatten.“ ...

Weiterlesen
epaper-Einzelheft 1,99€
NEWS 30 Tage gratis testen
Bereits gekauft?Anmelden & Lesen
Leseprobe: Abdruck mit freundlicher Genehmigung von Reader´s Digest Deutschland. Alle Rechte vorbehalten.
Lesen Sie jetzt diesen Artikel und viele weitere spannende Reportagen, Interviews, Hintergrundberichte, Kommentare und mehr aus über 1000 Magazinen und Zeitungen. Mit der Zeitschriften-Flatrate NEWS von United Kiosk können Sie nicht nur in den aktuellen Ausgaben, sondern auch in Sonderheften und im umfassenden Archiv der Titel stöbern und nach Ihren Themen und Interessensgebieten suchen. Neben der großen Auswahl und dem einfachen Zugriff auf das aktuelle Wissen der Welt profitieren Sie unter anderem von diesen fünf Vorteilen:

  • Schwerpunkt auf deutschsprachige Magazine
  • Papier sparen & Umwelt schonen
  • Nur bei uns: Leselisten (wie Playlists)
  • Zertifizierte Sicherheit
  • Freundlicher Service
Erfahren Sie hier mehr über United Kiosk NEWS.

Mehr aus dieser Ausgabe

Titelbild der Ausgabe 11/2018 von Zuallererst: Gemeinsam statt einsam. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Zuallererst: Gemeinsam statt einsam
Titelbild der Ausgabe 11/2018 von Helden: Auf dünnem Eis. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Helden: Auf dünnem Eis
Titelbild der Ausgabe 11/2018 von Gesundheit: Was ist eine Fibromyalgie?. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Gesundheit: Was ist eine Fibromyalgie?
Titelbild der Ausgabe 11/2018 von Ein Parkinson-Symptom?. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Ein Parkinson-Symptom?
Titelbild der Ausgabe 11/2018 von Fragen: Guten Flug!. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Fragen: Guten Flug!
Titelbild der Ausgabe 11/2018 von Gute Nachrichten. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Gute Nachrichten
Vorheriger Artikel
DRAMA: FLUG 72 IN GEFAHR!
aus dieser Ausgabe
Nächster Artikel VERBORGENE SCHÄTZE
aus dieser Ausgabe

...

„Es geht nicht um Ben“, fuhr die Leiterin fort. „Es geht um Micha, ihn sollten Sie beobachten.“

Micha? Aber der war doch bei den Babys. Dort durften die älteren Kinder nicht hin, weil die Kleinen zu jung waren zum Impfen. Offenbar hatte das infizierte Mädchen den Babys ein Spielzeug gebracht. Und das Masernvirus kann auf Oberflächen bis zu zwei Stunden überleben.

Die Niederlande erlebten gerade eine anhaltende Masernwelle. Im Mai des Vorjahres waren die Masern in Gemeinden von Seeland im Süden bis zur Provinz Overijssel im mittleren Nordosten ausgebrochen. Dort leben viele strenggläubige Anhänger reformierter Kirchen. Das Virus breitete sich sogar bis in das 7500 Kilometer entfernte British Columbia, Kanada, aus: durch einen Touristen, der sich in den Niederlanden angesteckt hatte.

Einige Tage später bekam Micha Fieber, wurde apathisch und übergab sich. Schließlich zeigte sich auch der charakteristische Hautausschlag. Er zählte zu den 2700 Menschen, die an Masern erkrankt waren.

Doch was bedeuten Zahlen im Vergleich zu dem, was Nicole und ihr Mann Jörgen, ein Architekt, in den schlaflosen Nächten an der Seite ihres Sohnes erlebten? Selbst heute, viereinhalb Jahre später, kann Nicole die Bilder und Geräusche nicht vergessen. Micha, wie er schwach und teilnahmslos in dem Krankenhausbettchen lag, sein kleiner Körper be deckt von Schläuchen, die ihn mit Nahrung und Antibiotika versorgten, um die Lungenentzündung zu bekämpfen, die er zusätzlich bekommen hatte. Ärzte und Pfleger hinter Atemschutzmasken huschten ins Zimmer und wieder hinaus, das langsame Piep-piep-piep des Monitors übertrug seine Lebenszeichen.

Selbst als Michas Körper auf die Antibiotika ansprach, erklärten die Ärzte nüchtern, dass er noch nicht über den Berg sei. Als Folge der Masern könnte eine Ohrenentzündung ihn taub werden lassen, eine sekundäre Gehirnentzündung (Enzephalitis) sein noch unreifes Immunsystem dazu veranlassen, fälschlicherweise gesunde Gehirnzellen zu attackieren. Aber am meisten Angst hatten sie vor einer Hirnhautentzündung (Meningitis). Dabei würde sich die Membrane entzünden, die sein Rückenmark und sein Gehirn umgaben.

So weit war es gekommen, weil ein Elternpaar seine Tochter nicht hatte impfen lassen.

CHOLERA. Beulenpest. Typhus. Influenza. Polio. Pocken. Tuberkulose. Einige dieser Krankheiten haben im Lauf der Geschichte Furcht und Schrecken verbreitet und Millionen Tote gefordert. Bereits im 18. Jahrhundert wurden im Westen die ersten Impfstoffe entwickelt wie beispielsweise der Pockenimpfstoff vom britischen Arzt und Wissenschaftler Edward Jenner.

Doch der Durchbruch gelang erst Mitte des 20. Jahrhunderts mit Antibiotika sowie Impfprogrammen, unter anderem gegen Tuberkulose, Masern, Mumps, Röteln. Endlich mussten die Menschen nicht mehr mit dem Schlimmsten rechnen, wenn ihr Kind Husten oder hohes Fieber bekam.


In Europa und einem Großteil der westlichen Welt erleben wir geradeden Ausbruch von Krankheiten, die längst ausgerottet schienen


In den vergangenen zwei Jahrzehnten sind diese Krankheiten dank der verfügbaren Impfungen in Europa nahezu verschwunden. Gleichzeitig haben sich Menschen und Gruppierungen – sogenannte Impfgegner – zu einer Anti-Impf-Allianz zusammengefunden. Sie wollen die Öffentlichkeit davon überzeugen, dass Impfungen schreckliche Konsequenzen haben. Manche lehnen Impfungen auch generell ab. Sie glauben, der natürliche Weg sei immer der richtige, oder sie gehören einer religiösen Gruppierung an, die ihnen verbietet, ihren Körpern fremde Substanzen zuzuführen.

Andere sind der Meinung, dass die Wissenschaft sich irrt, und berufen sich auf gekonnt präsentierte, furchterregende Einzelfälle aus dem Internet. Die vielleicht schrecklichste Studie wurde vom – inzwischen mit einem Berufsverbot belegten – britischen Gastroenterologen Andrew Wakefield geleitet. Sie sorgte 1998 für Aufsehen, als sie in der renommierten britischen MedizinzeitschriftThe Lancet veröffentlicht wurde.

Die Studie stellte einen Zusammenhang her zwischen dem Mumps-Masern-Röteln (MMR)-Impfstoff und Magen-Darm-Erkrankungen sowie Autismus. Zwölf Jahre später zogThe Lancet den Artikel zurück, denn Wakefield hatte die zwölf Kinder der Studie sorgfältig ausgesucht, um seine Theorie zu stützen. Darüber hinaus wurden einige seiner Forschungsarbeiten von Anwälten unterstützt, die im Auftrag von Mandanten gegen Hersteller von Impfstoffen prozessierten. Die britische Ärztekammer befand, dass Wakefield unethisch gehandelt hatte in einer „geringschätzenden Art den Kindern gegenüber.“

Dennoch lebt der MMR-Mythos bis heute fort. Die Impfraten sind niedriger, als vor Wakefields Auftritt. Daneben bewegt die Menschen eine große Bandbreite von Fragen zu Mythen und Falschmeldungen wie die, dass Impfstoffe von Zellen abgetriebener Föten stammen, oder dass Impfstoffe gegen krebsverursachende humane Papillomviren tödliche Giftcocktails seien. Die Antwort auf beide Fragen ist ein klares „Nein!“

ALLE DIESE FAKTOREN führten in Europa und einem Großteil der übrigen westlichen Welt dazu, dass wir mit dem Ausbruch von gefährlichen Krankheiten ringen, die längst bezwungen schienen. Allen voran die Masern, die tödlich enden können.


Kleinkinder unter zwölf monaten sind zu jung, um geimpft zu werden.Sie sind nur durch die Gruppenimmunität geschützt


In einem 1000-Seelen-Dorf reichen zwei ungeimpfte Kinder, um einen Ausbruch auszulösen, der Hunderte ansteckt oder Tausende, wenn der Virus die Dorfgrenze übertritt. Deshalb betonen Vertreter der Weltgesundheitsorganisation (WHO), dass 95 Prozent der Bevölkerung geimpft sein müssen. Nur so erlangt man eine sogenannte Gruppenimmunität, die ihre verwundbarsten Mitglieder schützt: Babys, alte Menschen und solche mit geschwächtem Immunsystem. In Europa liegt die Impfrate mittlerweile in 22 von 29 Staaten unter der 95-Prozent-Marke.

Heidi Larson, Anthropologin an der Londoner Hochschule für Hygiene und Tropenmedizin, sagt, es gibt ernst gemeinte Bedenken gegen die Sicherheit der Impfung. Doch die Nebenwirkungen beschränkten sich normalerweise auf eine entzündete Einstichstelle am Arm oder Bauchweh, beides sei am nächsten Tag verschwunden. Auf keinen Fall wiegen derlei Nebenwirkungen schwerer als das Risiko, wenn man nicht geimpft ist.

Larson leitet das Projekt „Impfvertrauen“, das weltweit das Vertrauen von Menschen in Impfprogramme überwacht. Es erarbeitet auch Analysen und Richtlinien für Gesundheitsbehörden, die Öffentlichkeit einzubinden, sodass sich die Einstellungen gar nicht erst radikalisieren.

2016 ergab eine Umfrage unter 65 819 Menschen in 67 Ländern, dass die meisten Befragten Impfungen für wichtig halten, dass ihr Vertrauen in dieselben jedoch niedrig sei. Das gilt besonders für Europa: 41 Prozent der Befragten in Frankreich und 36 Prozent in Bosnien und Herzegowina zweifeln die Sicherheit an, im Vergleich zum europäischen Durchschnitt von 12 Prozent.

Weitere Staaten, in denen das Vertrauen ins Impfen gering ist, sind Griechenland mit 26 Prozent, Italien mit 21 Prozent, Slowenien mit 22 Prozent und Rumänien mit knapp 20 Prozent. Portugal dagegen besitzt mit 4,2 Prozent Zweiflern eine der höchsten Vertrauensraten der Welt. „Jedes Mal, wenn man ein Medikament nimmt, geht man ein Risiko ein“, fährt Larson fort. „Mit einer Nadel gestochen zu werden, wenn man nicht unmittelbar von einer Krankheit bedroht wird, erscheint uns riskanter.“

Babys im Alter von Micha sind nur durch die Gruppenimmunität geschützt


Impfgegner glauben, dass hinter den Impfungen allein finanzielle Interessen von Pharmakonzernen stehen, und verdächtigen die Wissenschaft, unlauter zu sein. Eine Kurzrecherche im Internet bringt neue Studien an den Tag, unter anderem eine von den beiden italienischen Wissenschaftlern Antonietta Gatti und Stefano Montanari.

Kritiker werfen der Physikerin und dem Apotheker vor, sie würden mit ihren Büchern und bezahlten Vorträgen Geschäfte aus der Impfkritik machen. Außerdem seien ihre Arbeitsmethoden unwissenschaftlich.

MEHR ALS 41 000 KINDER und Erwachsene haben sich in der WHO-Region Europa in den ersten sechs Monaten dieses Jahres mit Masern angesteckt. Das sind bereits 70 Prozent mehr als im gesamten Jahr 2017. Monatliche Länderberichte zeigen, dass 2018 bislang mindestens 37 Menschen daran gestorben sind.

Im Verlauf des Jahres 2017 gab es in 15 der 53 Staaten der Region Europa größere Ausbrüche – die schlimmsten in Rumänien mit 5562 Fällen, gefolgt von Italien mit 5006 und der Ukraine mit 4767. Im Jahr 2017 starben insgesamt 30 Menschen an Masern.

In Frankreich hat 2018 eine Masernwelle in der Region Nouvelle-Aquitaine allein im Februar mehr als 500 neue Fälle zur Folge sowie den Tod einer 32-jährigen Frau in der Stadt Poitiers. Dort mussten 22 Personen wegen Masern ins Krankenhaus eingeliefert werden, darunter zehn Kinder. In einer Presseerklärung forderte die örtliche Gesundheitsbehörde, die Menschen sollten angesichts der Todesfälle prüfen, ob sie geimpft seien. Wenn nicht, sollten sie die Impfung umgehend nachholen – denn dies sei die einzige Möglichkeit, eine Epidemie zu stoppen.

Persönliche Geschichten über Verlust und Leid bewegen die Menschen überall und sind auch ein Aufruf zum Handeln. In Rumänien enthüllte Ion Prava˘ta˘t¸, der Bürgermeister von Valea Seaca˘, einem Dorf im Osten des Landes, dass ein zehn Monate altes Mädchen im Februar an Masern starb, weil ihre Eltern die Impfung schriftlich verweigert hatten. Sie hatten im Fernsehen Berichte gesehen, wonach Impfstoffe tödlich seien. „Nach dieser Tragödie reagierte die Gemeinde schockiert, und die Impfrate bei Kindern stieg auf 85 Prozent“, berichtet er.

Doch wie ändert man die Einstellungen von Menschen? Angesichts des Anstiegs sinnloser Todesfälle haben einige Regierungen radikale Maßnahmen ergriffen und eine Impfpflicht für insgesamt zehn Kinderschutzimpfungen erlassen. Sie argumentierten, die Gefahr einer Epidemie oder einer Pandemie sei zu groß, um sich darauf zu verlassen, dass Eltern ihre Kinder freiwillig impfen lassen.

Italien wählte letztes Jahr im November als erstes Land diesen Weg. Ohne Impfung darf kein Kind die Schule besuchen. Im Vorfeld der nationalen Wahlen im März schwächte die populistische Regierung die Regelung allerdings ab: Sie nahm die Vorschrift zurück, dass Eltern eine ärztliche Bescheinigung vorlegen müssen, die beweist, dass bei ihrem Kind Impfschutz besteht.

Experten sehen darin einen gefährlichen Rückschritt. „Als Arzt erstaunt es mich, dass jedes Kind, das einen Schwimmkurs macht, eine ärztliche Bescheinigung vorlegen muss, dass es gesund ist. Aber ein nicht geimpftes Kind darf mit einer einfachen Erklärung seiner Eltern den Kindergarten besuchen“, erläutert Dr. Roberto Burioni, Professor für Mikrobiologie und Virologie an der Università Vita-Salute San Raffaele in Mailand und Autor eines Buches über die Vorteile des Impfens.


In Europa haben sich in den ersten sechs Monaten dieses Jahres bereitsmehr als 41 000 Kinder und Erwachsene mit Masern angesteckt


„Das schlimmstmögliche Szenario in einem Schwimmkurs ist, dass ein einzelner Kursteilnehmer stirbt“, erläutert Dr. Roberto Burioni. „Ein ungeimpftes Kind dagegen kann andere Kinder und Erwachsene anstecken, wie wir es hier bei der aktuellen Masern epidemie erlebt haben. Be troffen sind vor allem Babys unter zwölf Monaten.“

Rumänien erwägt ähnliche Maßnahmen wie die frühere italienische Regierung. Frankreich fährt die härteste Linie von allen. Vor der französischen Nationalversammlung kündigte Premierminister Edouard Philippe die Entscheidung so an: „In Frankreich – der Heimat des Impfpioniers Louis Pasteur – sterben heute Kleinkinder an Masern. Das ist nicht akzeptabel.“

Die Reaktionen sind gemischt. Einige Elterngruppierungen begrüßen die Impfpflicht, weil sie finden, dass die Gesundheit und Sicherheit ihrer Kinder wichtiger ist als ihre Wahlfrei-heit. Andere, unter ihnen auch Mediziner, sind besorgt, dass eine Impfpflicht zu einem Bumerang werden könnte. Die Menschen wollen sich nicht bevormunden lassen, vor allem nicht von Behörden, denen sie immer weniger vertrauen.

„Ich bin kein Fan von Zwang“, sagt Heidi Larson. „Ich denke, dass Menschen Dinge tun sollten, weil sie davon überzeugt sind und verstehen, wie wichtig es ist.“ Für sie geht es darum, Wege zu finden, die Öffentlichkeit einzubeziehen. Dazu gehört, dass sich Gesundheitsexperten mehr Zeit nehmen müssen, um die Ängste der Patienten anzuhören und Fragen verständlich zu beantworten. Außerdem sollte man bei Impfkampagnen auch die Kinder mit einbeziehen.

Wichtig ist darüber hinaus, die Menschen daran zu erinnern, dass früher Epidemien und Pandemien Millionen Menschen, sogar ganze Zivilisationen auslöschten. „Menschen vergessen so etwas“, sagt die Historikerin Ida Milne von der National University of Ireland Maynooth. „Ich mache meine Arbeit, damit wir es nicht vergessen.“

ZURÜCK NACH DEN HAAG. Nach mehr als einem Monat lag Nicole Gommers im Halbschlaf neben Michas Bettchen, da vernahm sie ein vertrautes Glucksen. Als sie ihre Augen öffnete, sah sie eine winzige Hand nach ihrem gelockten Haar greifen. In dem Moment wusste sie, dass ihr Sohn wieder gesund würde. Und sie wusste auch, dass sie verhindern wollte, dass andere Eltern denselben Albtraum durchleben mussten wie sie.

Nachdem ihre Geschichte in einer Zeitung veröffentlicht worden war, wurde sie plötzlich zum Blitzableiter in einer hoch emotionalen Debatte, die von beiden Lagern geführt wurde. Einige unterstützten sie, doch die meisten reagierten erbost. „Sie sagten, dass die Entscheidung für oder gegen eine Impfung eine persönliche sei“, erinnert sie sich. „Aber mir ist das Lebensrecht meines Kindes wichtiger.“

Heute ist Micha fünf Jahre alt. Der Junge kuschelt gern und glaubt als Fußballfan, dass eines Tages Superstar Lionel Messi vom FC Barcelona an die Haustür der Familie klopfen und ihn fragen wird, ob er zum Spielen herauskommt.

Als seine Mutter Nicole ihm kürzlich eine Kugel Eis kaufte, leckte er daran und sagte: „Mama, ich habe ein schönes Leben.“ Da dachte Nicole, dass er um ein Haar diese Chance nicht bekommen hätte. „Oh ja, Micha, das hast du wirklich.“

Gewöhnlich ist es nicht das Glück, das uns fehlt, sondern das Wissen um das Glück.
HELENE STÖCKER , dt. Frauenrechtlerin (1869-1943)


FOTOGRAFIERT VON GOFFE STRUIKSMA

FOTO: MIT FREUNDLICHER GENEHMIGUNG VON NICOLE GOMMERS