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Impfen: Vollkasko oder auf Risiko?


ÖKO-TEST Spezial Kinder & Familie - epaper ⋅ Ausgabe 4/2016 vom 14.04.2016

Impfen ist nach wie vor ein hochemotionales Thema. Seit im vergangenen Jahr ein Anderthalbjähriger an Masern starb, gibt es nun für Eltern, die ihr Kind in eine Kita schicken wollen, eine verpflichtende Impfberatung. Sogar eine Impfpflicht wird diskutiert.


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Foto: goodluz/Shutterstock

Es ist weit mehr als nur ein kleiner Piks: Seit es im vergangenen Jahr in Berlin zu einem großen Masernausbruch kam, in dessen Folge ein ungeimpftes Kleinkind an der Infektionskrankheit starb, sind die Debatten zum Thema Impfen hierzulande wieder heftig aufgeflammt. Für Eltern mit einem Neugeborenen macht es die hitzige ...

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... Diskussion nicht einfacher, zu einer individuellen Entscheidung zu kommen. Zumal theoretisch schon wenige Wochen nach der Entbindung die ersten Impftermine beim Kinderarzt anstehen.

Derzeit sieht der Impfkalender die Immunisierung gegen 13 Infektionskrankheiten innerhalb der ersten beiden Lebensjahre vor. Los geht es im Alter von sechs Wochen mit einer Schluckimpfung gegen Rotaviren, die schwerste Durchfälle bei Säuglingen und Kleinkindern auslösen können. Wenig später, mit zwei Monaten, steht ein Sechsfach- Impfstoff gegen Diphtherie, Hepatitis B, Hib (Haemophilus influenzae Typ b), Keuchhusten (Pertussis), Kinderlähmung (Poliomyelitis) und Wundstarrkrampf (Tetanus) auf dem Programm, der insgesamt dreimal im ersten Lebenshalbjahr und einmal im zweiten Lebensjahr verabreicht wird. Auch der Schutz vor Pneumokokken wird für alle Säuglinge und Kleinkinder ab dem vollendeten zweiten Lebensmonat empfohlen. Und nach dem ersten Geburtstag folgt – im Abstand von vier bis sechs Wo- chen – eine zweimalige Impfung gegen Masern, Mumps und Röteln (MMR-Impfung), die zusätzlich mit einer Impfung gegen Windpocken (Varizellen) kombiniert werden sollte. Darüber hinaus wird ab dem zweiten Lebensjahr die einmalige Impfung gegen Meningokokken C empfohlen – das sind die häufigsten Erreger bakterieller Hirnhautentzündungen und Blutvergiftungen.

Während die meisten Eltern den Empfehlungen der Ständigen Impfkommission am Berliner Robert-Koch-Institut (Stiko) vertrauen und impfen lassen, sehen andere den vollgepackten Impfkalender mit Unbehagen. Wer überlegt, ob tatsächlich jede dieser Impfungen sinn voll ist oder nicht zumindest zu einem späteren Zeitpunkt gegeben werden könnte, muss sich schnell rechtfertigen. Obwohl es in Deutschland (noch) keine Impfpflicht gibt, stehen „speziell Eltern von Kindern im ersten Lebensjahr unter einem starken Druck, den offiziellen Impfempfehlungen Folge zu leisten“, stellt der Verein Ärzte für individuelle Impfentscheidung fest. Das gehe sogar so weit, dass einige Ärzte die weitere Behandlung von Kindern ablehnen, deren Eltern sich gegen Impfungen entscheiden.


Den vollen Impfkalender sehen manche mit Unbehagen


Der frühe Zeitpunkt der ersten Impfungen ist einer der häufigsten Einwände. Das Immun- und Nervensystem von Säuglingen sei noch nicht vollständig ausgereift und könnte – vor allem durch die Mehrfachimpfstoffe – geschädigt werden. Impfkritiker vermuten beispielsweise einen Zusammenhang zwischen flächendeckendem Impfen und der starken Zunahme von Allergien oder chronischen Erkrankungen wie Asthma und Diabetes schon im Kindesalter. Die Befürworter halten diese These allerdings für widerlegt. So weist Stiko-Mitglied Dr. Martin Terhardt darauf hin, dass es in der DDR bei einer wesentlich höheren Durchimpfungsrate weniger Allergien gegeben habe. Seit der Wiedervereinigung nehme die Impfquote in den östlichen Bundesländern ab, Allergien aber zu. Und das Robert-Koch-Institut (RKI) argumentiert: „Bestimmte Infektionen treffen Säuglinge deutlich schwe- rer als ältere Kinder.“ Das sei ein wesentlicher Grund, warum Babys schon so früh geimpft werden sollten. Auf die 20 wichtigsten Einwände von Impfskeptikern geht das Robert-Koch-Institut auf seiner Website ein (www.rki.de → Impfthemen A-Z→ Impfeinwände). Die Wissenschaftler haben dort auch aufgeführt, warum die jeweiligen Schutzimpfungen in den Impfkalender aufgenommen wurden.

Wie sehen die aktuellen Impfempfehlungen der Ständigen Impfkommission aus?

In den ersten zwei Lebensjahren sieht die Stiko die Immunisierung gegen insgesamt 13 Infektionskrankheiten vor: Tetanus (Wundstarrkrampf), Diphtherie, Pertussis (Keuchhusten), Haemophilus influenzae Typ b (Hib), Poliomyelitis (Kinderlähmung), Hepatitis B (Leberentzündung), Pneumokokken, Varizellen (Windpocken), Masern, Mumps, Röteln, Meningokokken und Rotaviren. Hier der Impfkalender (Stand: August 2015) mit den empfohlenen Immunisierungen:

Kompakt

Welche Impfstoffe gibt es?
Grundsätzlich unterscheidet man zwei Arten von Impfstoffen: Lebend- und Totimpfstoffe. Bei Lebendimpfstoffen wird das Immunsystem mit abgeschwächten Erregern in Kontakt gebracht. Das ist beispielsweise bei den Impfungen gegen Masern, Mumps, Röteln oder Windpocken der Fall. Totimpfstoffe dagegen enthalten abgetötete bzw. inaktivierte Teile der Viren oder Bakterien. Sie kommen etwa bei den Impfungen gegen Diphtherie, Polio, Keuchhusten, Hepatitis, Tetanus und weiteren zum Einsatz. Das Immunsystem kann sich durch die Impfung charakteristische Strukturen des Krankheitserregers merken. Bei einem Kontakt mit diesem Erreger zu einem späteren Zeitpunkt reagiert das Immunsystem dann sehr schnell und aktiviert die körpereigene Abwehr. Bei Totimpfstoffen unterscheidet man darüber hinaus zwischen Polysaccharid- und Konjugat-Impfstoffen. Polysaccharid- Impfstoffe garantieren oft keinen Langzeitschutz. Koppelt („konjugiert“) man die Polysaccharid-Impfstoffe jedoch an einen Träger, also einen sogenannten Konjugat-Impfstoff, reagiert das Immunsystem viel stärker. Als Träger werden Proteine eingesetzt.

Foto: Komsan Loonprom/Shutterstock

Verschiedene Impfkategorien

Standardimpfungen, etwa gegen Tetanus oder Diphtherie, sind für alle Menschen der jeweiligen Alters- und Bevölkerungsgruppe empfohlen. Auffrischungsimpfungen müssen regelmäßig wiederholt werden, um den Schutz aufrechtzuerhalten. Indikationsimpfungen werden nur für Personen mit einem individuell erhöhten Risiko für bestimmte Infektionen (beispielsweise FSME) oder für chronisch Kranke empfohlen. Dann gibt es noch Riegelimpfungen bzw. postexpositionelle Prophylaxe (PEP), die nach Ausbruch einer Erkrankung verabreicht werden, um die Verbreitung des Erregers zu verhindern.

Schon wieder ein Impftermin? In den ersten zwei Lebensjahren sieht der Impfkalender die Immunisierung gegen 13 Infektionskrankheiten vor.


Foto: Lisa S./Shutterstock

Wenn die Kinder älter werden, macht sich eine gewisse Impfmüdigkeit breit, die den Befürwortern der Immunisierung Kopfzerbrechen bereitet. Zwar steigen die Impfquoten unter Deutschlands Schulanfängern seit Jahren an. Doch besonders bei der zweiten Impfung gegen Masern, Mumps und Röteln (MMR), die den Impfschutz erst komplett macht, gibt es Verbesserungsbedarf. Problematisch sind aus Sicht der Gesundheitsexperten auch die Masern-Impflücken bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen, die dazu führen, dass immer wieder gefährliche Masernepidemien wie die im Jahr 2015 auftreten. Gerade Masern würden oft nicht ernst genommen. Dabei kann bei dieser hochansteckenden Infektionskrankheit noch nach vielen Jahren eine Gehirnhautentzündung auftreten und zu Behinderungen führen.

Skeptische Eltern scheuen die Impfung gegen die scheinbar harmlose Kinderkrankheit häufig aus Angst vor Impfschäden. Tatsächlich kann es in seltenen Einzelfällen (1: 1 Million) zu einer Entzündung des Gehirns kommen. Die Impfexperten des RKI weisen jedoch darauf hin, dass diese Gefahr bei ungeimpften Kindern, die an Masern erkranken, tausendmal höher liege. Häufig werden Impfungen auch versäumt, weil Eltern annehmen, das Ansteckungsrisiko sei gering. Schließlich kommen Krankheiten wie die früher so gefürchtete Poliomyelitis (Kinderlähmung) gerade in den westlichen Industrieländern nicht mehr vor. Doch das ist ein gefährlicher Trugschluss. Denn lässt der Impfeifer nach, sind auch scheinbar eingedämmte Infektionskrankheiten schnell wieder auf dem Vormarsch. Vorbeugung ist also weiter wichtig. Denn Krankheitserreger sind mobil. Durch Migration und Reisen werden zum Beispiel aus Osteuropa oder Asien Erreger wieder eingeschleppt. So tritt auch Kinderlähmung noch immer in einigen afrikanischen und asiatischen Ländern auf.


Masern gelten vielen als harmlose Krankheit – aber das stimmt nicht


Die Ausrottung von Krankheiten durch weltweite Impfkampagnen ist möglich. Mit den Pocken ist das bereits 1977 gelungen. Und die Experten hoffen, diese Erfolgsgeschichte bei der Kinder- lähmung in naher Zukunft zu wiederholen. Ursprüngliches Ziel der Gesundheitspolitik war es auch, dass Masern und Röteln durch flächendeckendes Impfen bis 2015 zumindest in Europa vollständig verschwinden. Das ist gescheitert. Deutschland will dieses Ziel der Weltgesundheitsorganisation (WHO) nun durch den im vergangenen Jahr verabschiedeten Nationalen Aktionsplan erreichen: Der sieht vor, Masern und Röteln hierzulande bis zum Jahr 2020 zu eliminieren. Doch dafür wäre eine Impfquote von 95 Prozent auch für die zweite MMR-Dosis notwendig. Erst dann ist die sogenannte Herdenimmunität erreicht, die dafür sorgt, dass ein so hoher Anteil der Bevölkerung immunisiert ist, dass sich die Krankheiten nicht weiterverbreiten können. So wären auch die wenigen Menschen geschützt, die (noch) nicht geimpft sind. Derzeit liegt die Impfquote für die zweite Masernimpfung (vorgesehen im Alter von 36 Monaten) bundesweit jedoch erst bei knapp 85 Prozent.

Um die bestehenden Impflücken zu schließen, wurde 2015 im Präventionsgesetz eine verpflichtende Impfberatung für Eltern festgeschrieben, die ihr Kind in einer Kita betreuen lassen wollen. Nach Ausbruch einer Krankheit können ungeimpfte Kinder demnach auch vom Besuch der Einrichtung ausgeschlossen werden. Doch einigen Medizinern und Politikern geht die Regelung nicht weit genug. Sie fordern sogar eine Impfpflicht für Kleinkinder. Nachdem sich die CDU Ende 2015 dafür ausgesprochen hatte, signalisierte auch der Koalitionspartner SPD Unterstützung für das Vorhaben, das die Regierungsparteien offenbar 2016 in Angriff nehmen wollen. Bei den meisten Deutschen würde eine Impfpflicht auf Zustimmung stoßen – 79 Prozent sprachen sich in einer Umfrage der DAK-Gesundheit dafür aus. Impfskeptiker dagegen sind empört, dass Eltern diese Entscheidung abgenommen werden soll.


Wenn viele Kinder geimpft sind, werden Krankheiten eingedämmt


Bislang haben die Eltern noch die Verantwortung. Und vielen Müttern und Vätern wäre vermutlich schon geholfen, wenn der Kinderarzt ihre Ängste und Einwände angesichts immer neuer Impfstoffe und Impfempfehlungen ernst nehmen würde. Der Verein Ärzte für individuelle Impfentscheidung, dessen Mitglieder sich ausdrücklich nicht als Impfgegner verstehen, unterstützt Eltern bei der Suche nach einem Arzt, der sie umfassend berät:

www.individuelle-impfentscheidung.de

Nur ein kleiner Piks – aber manchmal hat der kindliche Organismus zu tun, die Impfung zu verarbeiten. Doch die Krankheiten selbst sind in der Regel schlimmer.


Foto: imago/Christian Ohde