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IMPFMÜDIGKEIT AUFWACHEN!


Reiter Revue International - epaper ⋅ Ausgabe 2/2020 vom 22.01.2020

Unter Pferdebesitzern grassiert die Impfmüdigkeit. Sie breitet sich zwar nicht so rasant aus wie manche Viren, scheint aber vor allem Freizeitreiter zu befallen. Dabei sind Impfungen eine der größten Errungenschaften der Medizin: Sie können schwere Krankheiten und Ansteckungen verhindern. Welche Impfungen empfohlen werden und welche nicht, wie man richtig impft und wie falsch – ein Überblick.


Amtlich wurde es im November: Der Bundestag verabschiedete ein Gesetz von Gesundheitsminister Jens Spahn, das alle Eltern verpflichtet, ihre Kinder vor dem Besuch einer Kita bziehungsweise Schule ordnungsgemäß ...

Artikelbild für den Artikel "IMPFMÜDIGKEIT AUFWACHEN!" aus der Ausgabe 2/2020 von Reiter Revue International. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Reiter Revue International, Ausgabe 2/2020

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... zweimal gegen Masern impfen zu lassen – andernfalls drohen hohe Bußgelder. Hintergrund waren seit Jahren steigende Erkrankungszahlen bei gleichzeitig sinkender Impfbereitschaft. Ob man diese Maßnahme nun für überzogen hält oder nicht: Fakt ist, dass mangelnde Impfbereitschaft laut der Weltgesundheitsorganisation WHO zu den gegenwärtig größten Gesundheitsrisiken der Welt zählt.

Diese Entwicklung macht auch vor Pferdebesitzern nicht halt. Manche halten die Impfungen für gefährlich, manche für nicht notwendig, anderen sind sie zu teuer und wieder andere fangen mit der Grundimmunisierung an, schludern aber mit den Auffrischungen. Tierärztin Karena Müller hat in der Pferdeklinik Sarstedt regelmäßig mit unzureichend geimpften Pferden zu tun. Im Interview erklärt sie, welche Risiken damit verbunden sind und welche Impfungen für den optimalen Schutz des Pferdes notwendig sind.

In der Reiterszene sind offenbar immer mehr Halter unterwegs, die ihr Pferd nicht mehr oder nicht ausreichend impfen lassen. Können Sie das bestätigen?

Ja. Wir haben tatsächlich festgestellt, dass viele Pferde, die bei uns in der Klinik eingeliefert werden, keinen oder keinen ausreichenden Tetanus-Schutz haben. Häufig wurde zwar mit der Grundimmunisierung angefangen, diese jedoch aus verschiedensten Gründen nicht ordnungsgemäß weitergeführt: schlichtweg vergessen, finanzielle Gründe, generelle Ablehnung gegenüber Impfungen oder mangelndes Wissen über den Nutzen und die Erkrankung.

Wenn wir bei uns operieren, Verletzungen versorgen oder auch nur Zahnsanierungen durchführen, müssen wir diese Patienten mit einem Tetanus-Serum schützen. Da sind wir sehr konsequent, da man Wundstarrkrampf nur in Ausnahmefällen erfolgreich behandeln kann und Pferde für den Erreger „Clostridium tetani“, der im Boden beheimatet ist, sehr anfällig sind. Dieser kann durch kleinste und oft unbemerkte Verletzungen eindringen und zu fortschreitenden Krämpfen an verschiedenen Muskelgruppen und Körperregionen führen – bis im Endstadium schließlich die Atmung aussetzt und das Tier stirbt. Immerhin: Die meisten Besitzer lassen sich vor diesem Hintergrund doch noch von der Notwendigkeit einer Impfung überzeugen – nicht zuletzt deshalb, weil sie vergleichsweise günstig ist.

Um die Tetanus-Impfung kommt also keiner herum. Worauf muss ich dabei achten?

Sie ist definitiv die Wichtigste aller Impfungen für jedes Pferd. Generell wird sie in einem Alter von einem halben Jahr durchgeführt und – je nach Impfstoff – vier bis sechs Wochen später wiederholt, dann nochmal nach etwa einem Jahr. Danach darf man die Auffrischungen nicht vergessen, die – ebenfalls je nach Impfstoff und Herstellerangaben – alle zwei bis drei Jahre anstehen.

Kann ich die Tetanus-Impfung in Kombination mit einer anderen Impfung geben?

Ja, sie wird häufig mit der Influenza- Impfung kombiniert. Diese ist übrigens die einzige Impfung, die wirklich für Turnierpferde vorgeschrieben ist! Sie kann als Kombi-Präparat auch schon beim Absetzer im Alter von einem halben Jahr eingesetzt werden und wird in der Regel ebenfalls nach vier bis sechs Wochen aufgefrischt. Die Deutsche Reiterliche Vereinigung (FN) gibt für Turnierpferde allerdings einen Zeitrahmen von 28 bis 70 Tagen an.

Warum sind die Vorgaben bezüglich der Influenza-Impfung für Turnierpferde so strikt?

Der Infektionsdruck ist bei Turnieren einfach besonders hoch. Hier kommen viele verschiedene Pferde aus vielen verschiedenen Ställen zusammen und befinden sich in einer Stresssituation. Deshalb gelten die Vorgaben der FN: Die Auffrischung muss halbjährlich erfolgen, allerdings mit einer Karenzzeit von 21 Tagen. Außerdem gelten Sperrzeiten von sieben beziehungsweise 14 Tagen nach der letzten Impfung. Bei Freizeitpferden reicht generell eine Auffrischung pro Jahr nach der Grundimmunisierung aus.


„Wir haben tatsächlich festgestellt, dass viele Pferde, die bei uns in der Klinik eingeliefert werden, keinen oder keinen ausreichenden Tetanus- Schutz haben.“
Karena Müller


UNSER EXPERTE

FOTO: PRIVAT

Karena Müller
ist Tierärztin und seit 2018 in der Pferdeklinik der Tierklinik Sarstedt tätig. Berufsbegleitend absolviert sie den Masterstudiengang für Pferdemedizin in Berlin. Sie ist selber seit vielen Jahren Reiterin.
www.tierklinik-sarstedt.net

Sie sagten, dass sich die Besitzer in der Regel von der Tetanus-Impfung überzeugen lassen. Gilt das auch für die Influenza-Impfung?

Mit den Turnier-Reitern gibt es kaum Diskussionen, da das Regelwerk der FN eindeutig ist und man eh keinen Einfluss darauf hat. Die Freizeitreiter sträuben sich aber häufig. Typisch sind Argumente wie „Ich reite ja nur ein bisschen aus“, „Mein Pferd hat keinen Stress“ oder „Ich gehe nicht zu Veranstaltungen“. Das ist auf der einen Seite auch richtig und genau der Grund, aus dem es ausreicht, diese Pferde nur einmal jährlich gegen Influenza zu impfen. Auf der anderen Seite muss man aber bedenken, dass dieser Erreger die „Pferdegrippe“ auslöst und sehr infektiös ist. Er kann durch Tröpfcheninfektion und Kontakt, auch über Gegenstände wie Sattelzeug, Mistgabeln, Kleidung und Schuhe, sehr leicht übertragen werden und verursacht plötzliches Fieber, Appetitlosigkeit, Apathie, Husten und das typischerweise bei mehreren Pferden gleichzeitig. Die Impfung schützt einerseits das einzelne Pferd und minimiert andererseits, flächendeckend eingesetzt, den Infektionsdruck und die Infektionsgefahr für andere Pferde. Je mehr Pferdehalter sich aus der Impfverantwortung rausnehmen, desto größer die Gefahr eines Influenza-Ausbruchs.

Konkretes Beispiel: In einem Stall bricht tatsächlich Influenza aus. Kann sich ein Pferdehalter, der sein Pferd bis dato nicht geimpft hat, weiterhin weigern?

Die meisten großen Ställe nehmen aus hygienetechnischen und verantwortungsbewussten Gründen ohnehin nur geimpfte Pferde auf. Nicht geimpfte Pferde sind eher in kleineren Beständen oder auf dem Gelände des Besitzers anzutreffen. Eine generelle Verpflichtung, sein Pferd impfen zu lassen, besteht außer für Turnierreiter aber nicht. Ansonsten muss man im Einzelfall entscheiden, ob es Sinn macht, nachzuimpfen. Der Impfschutz wird erst zwei Wochen nach der zweiten Impfung aufgebaut. Insgesamt sind für die Grundimmunisierung also sechs Wochen einzuplanen.

Impfgegner der Influenza-Impfung kritisieren häufig, dass nicht jeder Impfstoff die gleiche Wirkung hat …

Das ist richtig. Influenza-Impfstoff ist nicht gleich Influenza-Impfstoff! Es gibt weltweit verschiedene Influenza-Stämme. In Europa ist aktuell jedoch nur der so genannte Florida-Stamm mit seinen verschiedenen Formen relevant. Diesen enthält jedoch nicht jeder Impfstoff! Nach dem heutigen Wissensstand erzielt man den größten Schutz, wenn man die verschiedenen Impfstoffe ab und zu wechselt, um dadurch eine möglichst hohe Kreuzimmunität zu erzielen.

Die Empfehlungen bezüglich der Herpes- Impfung haben sich in den vergangenen Jahren geändert. Von einer allgemeinen Empfehlung ist man dazu übergegangen, sie speziell für tragende Stuten zu empfehlen. Warum sind sie besonders gefährdet?


„Es gibt weltweit verschiedene Influenza- Stämme. In Europa ist aktuell jedoch nur der sogenannte Florida- Stamm in seinen verschiedenen Formen relevant.“
Karena Müller


Es gibt verschiedene Herpes-Virus-Typen. EHV-1, und selten auch EHV-4, kann ab dem siebten Trächtigkeitsmonat einen Virus-Abort bei der hochtragenden Stute verursachen oder die Geburt von lebensschwachen Fohlen. Der dadurch entstehende Verlust kann sowohl finanziell als auch emotional sehr hoch sein. Außerdem ist durch die Ansteckungsgefahr das Risiko, dass gleich mehrere Stuten eines Bestandes einen Virus-Abort erleiden, nicht gering.

Warum wird die Herpes-Impfung nicht mehr für alle Pferde empfohlen? Die neurologische Form greift ja Gehirn und Rückenmark an und kann zu Lähmungen und Festliegen führen, so dass es häufig unvermeidlich ist, die Tiere einzuschläfern.

Hier findet momentan ein Umdenken statt. Es gilt als nachgewiesen, dass die Herpes-Impfung einen Virus-Abort verhindern und respiratorische Symptome zumindest reduzieren kann. Ob dies jedoch auch für die neurologische Form gilt, ist momentan eher umstritten. Ebenso erscheint es fraglich, ob die Virusausscheidung durch die Impfung wirklich reduziert werden kann. Allerdings gilt die bestandsweise Herpes-Impfung weiterhin als wichtiger Baustein eines Hygiene-Regimes, um den Infektionsdruck zu reduzieren. Fakt ist: 80 Prozent aller Pferde gelten als EHV-positiv.

In Deutschland infizieren sich zunehmend Pferde mit dem West-Nil-Virus. Eine Impfung ist seit einiger Zeit auf dem Markt. Braucht mein Pferd diese nun auch noch?

Nachdem 2018 der erste Fall in Deutschland aufgetreten ist, ist die Zahl der Fälle in 2019 bereits auf 30 gestiegen, verteilt auf die Bundesländer Berlin- Brandenburg, Sachsen- Anhalt und Thüringen. Das Virus wird ja durch Stech- und Tigermücken auf das Pferd übertragen, wobei es in 30 bis 40 Prozent der Fälle zu Komplikationen kommt. Der Erreger setzt sich unter anderem in Gehirn und Rückenmark fest und verursacht Ataxien und Lähmungen der Hinterhand. Diese Pferde versterben häufig oder behalten bleibende Schäden.

Wir haben uns gerade mit Kollegen aus den betroffenen Gebieten unterhalten und sind uns einig, dass es nur noch eine Frage der Zeit sein wird, bis sich die Erkrankung auf die benachbarten Bundesländer und von da aus weiter in Deutschland ausbreitet. Gerade Weidepferde sind besonders gefährdet und sollten mindestens durch Repellentien oder Decken vor Mücken geschützt werden. Außerdem wird die Tierärzteschaft die Impfung zu Beginn der nächsten Mückensaison ausdrücklich in den betroffenen und gefährdeten Bundesländern empfehlen. Sie bietet nachweislich Schutz und ist gut verträglich, allerdings auch relativ teuer.

Die Borreliose-Impfung ist ebenfalls noch recht neu. Ist sie notwendig?

Es ist sehr umstritten, ob es beim Pferd überhaupt eine Borreliose als klinische Erkrankung gibt. Eigentlich hat sich fast jedes Pferd schon mal mit diesem Erreger auseinandergesetzt. Eine Indikation liegt also nicht wirklich vor. In der Praxis wird die Borreliose-Impfung auch kaum gegeben.

Was ist mit der Tollwut-Impfung? Deutschland gilt ja eigentlich als tollwutfrei.

Ja, Tollwut spukt vor allem in den Köpfen der Besitzer noch als Schreckgespenst herum, vielleicht auch wegen des doch eindringlichen Namens. In Deutschland wurde zuletzt 2006 ein Tollwutfall bei einem Fuchs gemeldet, seitdem gelten wir als tollwutfrei. Es gibt zwar noch die Tollwut-Form, die Fledermäuse befällt, aber keine Berichte, dass sich darüber schon einmal Pferde angesteckt haben.


„Die Tierärzteschaft wird die Impfung gegen das West-Nil- Virus ausdrücklich in den betroffenen Bundesländern empfehlen.“
Karena Müller


Impfgegner berufen sich häufig auf starke oder nicht kalkulierbare Nebenwirkungen der einzelnen Impfstoffe. Gibt es Impfungen, bei denen Sie das bestätigen können?

Ja, die Druse-Impfung gilt als recht unverträglich. Sie wird unter die Innenseite der Oberlippe geimpft, was schnell zu einer schmerzhaften lokalen Reaktion führen kann. Außerdem kann sie sehr gefährlich werden, wenn ein Pferd in einem betroffenen Bestand geimpft wird, das den Erreger womöglich schon in sich trägt. Ein Kollege von mir hat genau diesen Fall einmal gehabt und das Pferd wäre fast daran gestorben.