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Impfpflicht für Masern: In Stichpunkten


ÖKO-TEST Magazin - epaper ⋅ Ausgabe 3/2020 vom 27.02.2020

Die hochemotional geführte Debatte um die Impfpflicht für Masern ist Vergangenheit – jetzt gilt sie. Was sich ab dem 1. März ändert und was diese Entscheidung im Einzelnen bedeutet, haben wir für Sie zusammengetragen.


Artikelbild für den Artikel "Impfpflicht für Masern: In Stichpunkten" aus der Ausgabe 3/2020 von ÖKO-TEST Magazin. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: ÖKO-TEST Magazin, Ausgabe 3/2020

Sie war lange umkämpft, nun ist sie Realität: die verpflichtende Masernschutzimpfung gilt ab dem 1. März. Die Bundesregierung hatte vergangenen Sommer einen entsprechenden Gesetzentwurf von CDU-Bundesgesundheitsminister Jens Spahn durchgewunken. Eine Entscheidung, die in weiten Teilen der Bevölkerung auf Zustimmung stößt: 73 Prozent sprachen sich demnach für eine Masernimpflicht aus, so ...

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... eine Umfrage des Meinungsforschungsinstituts YouGov. Andere sind empört und meinen, dass eine verpflichtende Schutzimpfung Eltern das Recht und die individuelle Verantwortung abspricht, zwischen den Risiken der Erkrankung und dem mit der Impfung verbundenen Eingriff in die körperliche Unversehrtheit abzuwägen.

Oft mangelt's an der zweiten Impfung

Auch einer von Spahns Vorgängern, Herrmann Gröhe, hielt zu seiner Amtszeit eine Impfpflicht für unnötig. „Das Problem ist nicht so sehr der kleine harte Kern der Impfgegner“, argumentierte er damals. Vielmehr gehe es darum, diejenigen, die zu einer ersten Impfung Ja gesagt haben, dazu zu führen, auch die zweite Impfung vorzunehmen. Hintergrund: Die Schutzimpfung gegen Masern besteht aus zwei Teilimpfungen. Erst nach der zweiten Dosis ist der Impfschutz komplett. Um Masernausbrüche zu verhindern, müsste die Impfquote auch für die zweite Masernimpfung bei mindestens 95 Prozent liegen. Diese sogenannte Herdenimmunität sorgt dafür, dass ein so hoher Anteil der Bevölkerung immunisiert ist und sich die Krankheit nicht weiterverbreiten kann. Dadurch wären auch die wenigen Menschen geschützt, die sich (noch) nicht impfen lassen können. Denn: Babys bekommen ihre erste Impfung erst zwischen dem 11. und 14. Lebensmonat – vorher sind sie, wenn der natürliche Nestschutz nach dem ersten Monat abklingt, ungeschützt. Und gerade für Babys kann die Krankheit gefährlich sein. Deswegen ist der Herdenschutz für sie so wichtig.

Deutschland erreicht sein Ziel nicht

An der zweiten Impfung hakt es aber in einigen Fällen: Während immerhin mehr als 97 Prozent der Schulanfänger die erste Masernimpfung erhalten, liegt die Quote für die zweite nur bei etwa 93 Prozent. Damit hat Deutschland das Ziel des Nationalen Aktionsplans, Masern und Röteln hierzulande bis zum Jahr 2020 zu eliminieren, nicht erreicht. Sicher ein Grund, weshalb der Bundesgesundheitsminister aufs Gas gedrückt und Fakten geschaffen hat. Allerdings bemängelte der Deutsche Ethikrat im Vorfeld, dass die Debatte zur Impfpflicht zu undifferenziert war und an falschen Punkten ansetzte. Der Gesetzentw urf übergehe Impf lücken bei Erwachsenen, berücksichtige die Datenlage e benso w enig w ie r egionale U nterschiede und bliebe unkonkret, wie die Impfpflicht praktisch umgesetzt werden soll. Auf der nächsten Seite: Das bedeutet die Impfpflicht.

KOMMENTAR

Nicht stichhaltig

So viel vorweg: Meine drei Kinder sind geimpft – mehr oder weniger brav nach Stiko-Impfkalender. Ich halte Schutzimpfungen für einen medizinischen Segen – und ein Gebot gesellschaftlicher Solidarität. Punkt. Dagegen bezweifele ich, dass eine Impfpflicht in der Form, wie sie jetzt kommen wird, geeignet ist, um die Masern in Deutschland auszurotten. Zumal die Art und Weise, mit der Bundesgesundheitsminister Jens Spahn seinen Gesetzentwurf durchgepaukt hat, unredlich ist. Darin argumentiert er mit Daten und Zahlen, denen selbst Veröffentlichungen aus seinem eigenen Ministerium widersprechen. Weder belegen die offiziellen Statistiken, dass der Impfschutz im Kindesalter „immer mehr vernachlässigt“ wurde – sondern das Gegenteil. Noch bestätigen sie „eine fortschreitende Impfmüdigkeit“. Der Deutsche Ethikrat hatte eine differenzierte Debatte angemahnt und hält eine gesetzliche Impfpflicht für alle für nicht gerechtfertigt. Führende Fach- leute sprechen von einer „kontinuierlichen, aber langsamen Verbesserung der Impfquoten durch Impfkampagnen und Impfaufklärung“. Bundesgesundheitsminister Spahn hat all das ignoriert. Warum? Alle Aspekte einer Impflicht abzuwägen, ist anstrengend, braucht Zeit und verspricht keine schnellen Erfolge. Und die Mühen der Ebene lassen sich nicht so öffentlichkeitswirksam verkaufen wie die Hauruckmethode à la Spahn. Der hat lieber Fakten geschaffen, bevor Daten und Argumente seine „Endlich greift jemand durch“-Taktik zerpflücken konnten. Bleibt nur zu hoffen, dass Spahns Schnellschuss nicht nach hinten losgeht. Es steht einfach zu viel auf dem Spiel – für jeden Einzelnen wie für die Gemeinschaft.

Annette Dohrmann ÖKO-TEST Redakteurin


IMPFEMPFEHLUNGEN PER APP

Eine App der Ständigen Impfkommission (Stiko) informiert über Fragen rund um das Impfen. Die App enthält alle aktuellen Impfempfehlungen der Stiko und damit eine Übersicht über Impfungen, die die Krankenkassen übernehmen. Zudem bietet sie Informationen zu Krankheitserregern und führt auf, in welchen Gebieten eine Impfung gegen die durch Zecken übertragbare FSME sinnvoll ist. Wer daran interessiert ist, welche Bestandteile in den Impfstoffen stecken, kann dies nachlesen. Die kostenlose App wurde ursprünglich als Impfberatung für Ärzte entwickelt. Neben Android und iOS ist sie inzwischen auch für Windows 10 (mobil und Desktop) nutzbar.

10 ANTWORTEN

Das bedeutet die Impfpflicht im Einzelnen

1
WANN KOMMT DIE IMPFPFLICHT?
Das verabschiedete Masernschutzgesetz sieht eine Impfpflicht gegen Masern vor. Sie tritt im März in Kraft.

2
FÜR WEN GILT SIE?
Kinder, die eine Kita besuchen, und Schüler müssen künftig nachweisen, dass sie gegen Masern geimpft sind. Die Impfpflicht gilt außerdem für Mitarbeiter in Kitas und Schulen, für Tageseltern, Personal in Kliniken, Arztpraxen und andere medizinische Einrichtungen sowie für alle, die in Gemeinschaftseinrichtungen leben und arbeiten.

3
WER IST AUSGENOMMEN?
Menschen, die einen ärztlichen Nachweis erbringen, dass die Impfung bei ihnen aus gesundheitlichen Gründen nicht ratsam ist. Darüber hinaus alle, die vor 1970 geboren wurden, da sie wahrscheinlich eine Erkrankung durchgemacht haben.

4
WAS GILT ALS NACHWEIS?
Entweder der Impfausweis oder ein ärztliches Attest für den Fall, dass jemand bereits einmal an Masern erkrankt war.

5
WELCHE SANKTIONEN DROHEN?
Wer gegen die Impfpflicht verstößt, dem droht ein Bußgeld von bis zu 2.500 Euro. In der Praxis werden Verweigerer wohl eher indirekt sanktioniert: Gemeinschaftseinrichtungen dürfen Ungeimpfte nicht aufnehmen und Ärzte, Pflegepersonal und Lehrer ohne Nachweis nicht beschäftigen.

6
GIBT ES AUCH VORSCHRIFTEN ZUM ZEITPUNKT DER IMPFUNG?
Indirekt. Wer sein Baby in der Krippe betreuen lassen will, muss künftig entsprechend nachweisen, dass es gegen Masern geimpft wurde. Als frühestmöglicher Zeitpunkt gilt ein Alter von neun Monaten.

7
GILT DIE PFLICHT NUR FÜR MASERN?
Das beschlossene Gesetz richtet sich zwar eigentlich gegen Masern – in der Praxis ist es aber auch eine Impfpflicht für Mumps und Röteln, da derzeit nur Kombinationsimpfstoffe gegen die drei Infektionskrankheiten verfügbar sind.

8
WER DARF IMPFEN?
Die Spritze dürfen alle Ärzte mit Ausnahme von Zahnärzten verabreichen. Möglicherweise erhält man Schutzimpfungen künftig auch in der Apotheke.

9
WARUM GERADE MASERN – WAS IST DARAN SO GEFÄHRLICH?
Bei Masernerkrankungen kann es in Ausnahmefällen zu ernsten Komplikationen und Folgeerkrankungen kommen. Laut Robert- Koch-Institut kommt es in einem von 1.000 Fällen zu einer Hirnentzündung (Enzephalitis). Die wiederum endet bei 10 bis 20 Prozent der Betroffenen tödlich; bei 20 bis 30 Prozent ist mit bleibenden Schäden am zentralen Nervensystem zu rechnen. Schwerste Folgeerkrankung ist SSPE, die subakute sklerosierende Panenzephalitis. Sie tritt laut Weltgesundheitsorganisation (WHO) in 1:10.000 bis 1:100.000 Fällen auf – etwa sechs bis acht Jahre nach einer Maserninfektion. Besonders hoch ist das Risiko für Kinder, die jünger als fünf Jahre sind. SSPE endet in aller Regel tödlich.

10
WELCHE NEBENWIRKUNGEN DER MASERNIMPFUNG
SIND BEKANNT?
Eine Schutzimpfung regt die körpereigene Abwehr an. Als Reaktion darauf kommt es in etwa 5 von 100 Fällen zu Rötungen und Schwellungen der Einstichstelle, die auch schmerzen kann. Auch umliegende Lymphknoten können anschwellen. Darüber hinaus kann sich die Körpertemperatur vorübergehend erhöhen, und es kann zu Kopfschmerzen, Magen-Darm-Beschwerden und Mattigkeit kommen.

MASERN in Zahlen

72 Kinder und Erwachsene

sind 2018 in Europa an Masern gestorben. Infiziert hatten sich laut der Weltgesundheitsorganisation WHO im gleichen Jahr 82.596 Menschen.

14 Tage

dauert es in etwa von der Exposition bis zur sichtbaren Erkrankung. Das Problem: Ansteckend sind Masern schon drei bis fünf Tage vor dem Auftreten der Pusteln.

95 Prozent

aller Ungeschützten, die auch nur kurz mit dem Virus in Kontakt kommen, erkranken.

0,05 bis 0,1 Prozent

So hoch ist die Masern-Sterblichkeit nach Angaben der WHO in entwickelten Ländern. In weniger entwickelten Ländern liegt sie bei bis zu sechs Prozent.

95 Prozent

der Bevölkerung müssten geimpft oder bereits einmal an Masern erkrankt sein, damit Deutschland sein Ziel, die Masern auszurotten, erreichen könnte.


Fotos: Science Photo Library / PHANIE / VOISIN; imago images/Panthermedia Illustrationen: LaHellen/Shutterstock

Foto: Nina Rocco/ ÖKO-TEST Illustrationen: LaHellen/Shutterstock; Noun Project