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In aller Eile


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Flugzeug Classic - epaper ⋅ Ausgabe 2/2023 vom 06.01.2023

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Bildquelle: Flugzeug Classic, Ausgabe 2/2023

Triumph über Frankreich: He 111 überfliegen demonstrativ Paris

Das Kampfgeschwader 4 »General Wever« stand vom ersten Tag an im Kriegseinsatz. Sein Stab und die drei Gruppen waren komplett mit der Heinkel He 111 P ausgerüstet. Am 1. September 1939 unterstand es der 2. Fliegerdivision der Luftflotte 4 unter dem General der Flieger Alexander Löhr. Im Rahmen des Aufmarsches der fliegenden Verbände verlegten die einzelnen Gruppen von ihren Friedensfliegerhorsten zu den jeweils vorgesehenen Einsatzhäfen. Beispielsweise zog die bislang in Gotha stationierte I./KG 4 fünf Tage vor Beginn der Kampfhandlungen in den Norden Breslaus um, auf den E-Hafen Langenau. Wer nun glaubte, dies sei alles von langer Hand geplant und sorgfältig vorbereitet gewesen, musste sich eines Besseren belehren lassen. Die Flieger landeten auf einem weitgehend unvorbereiteten Platz. Es fehlte an allem, insbesondere an Verpflegung und Unterkünften, aber auch an Bomben und ...

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... Nachrichtenverbindungen. Dass zur gleichen Zeit auch noch die III./KG 4 auf demselben Platz einfiel, verschärfte die Situation zusätzlich. Der Platz war nun stark überbelegt. In der ersten Nacht auf dem Flugplatz Langenau wurden Baracken errichtet, Strohsäcke, Lebensmittel und Abwurfmunition herbeigeschafft und der Platz in den wenigen Tagen bis zum tatsächlichen Angriff auf Polen weiter einsatzfähig ausgebaut. Unter anderem hob man Splittergräben aus und transportierte Bomben zu den jeweiligen Liegeplätzen.

Überfallartige Angriffe

Als die Wehrmacht schließlich am 1. September angriff, hatte das KG 4 jene Aufgaben zu erfüllen, die der Luftflotte 4 in ihrem »Kampfraum« zugewiesen waren:

– Überfallartige Angriffe auf die polnische Bodenorganisation und »möglichst rasche Zerschlagung« der gegnerischen Verbände

– Angriffe auf die gegnerischen Mobilmachungszentren um die polnische Mobilmachung zu stören

– Zerschlagung von Eisenbahnlinien und Verkehrsknotenpunkten in Westgalizien und westlich der Weichsel, um polnische Truppenkonzentrationen vor der deutschen 10. Armee zu verhindern Später kamen noch weitere Aufgaben hinzu wie zum Beispiel »bewaffnete Aufklärung«, einzeln geflogene »Störeinsätze« mit Splitter- und Brandbomben oder auch direkte Angriffe auf Truppenkonzentrationen in Dörfern und Wäldern. Zuletzt gehörte auch der Abwurf von Flugblättern, beispielsweise über Warschau, zu den Aufgaben des KG 4.

Als der Oberbefehlshaber der Luftwaffe, Hermann Göring, am 31. August 1939 unter dem Stichwort »Ostmarkflug« den Überraschungsangriff auf die Bodenorganisation der polnischen Luftwaffe befahl, erreichte der Befehl Langenau abends um halb neun. Doch am folgenden Morgen des 1. September 1939 herrschte dichter Nebel, der jeden Flugbetrieb verhinderte. Erst kurz vor 13:00 Uhr startete die I./KG 4 zu ihrem ersten »Feindflug«. Der galt dem Flugplatz von Krakau, dessen Hallen, Unterkünfte und im Freien abgestellte Flugzeuge die Kampfflieger ohne nennenswerte Gegenwehr bombardierten. Weil dies auch noch ohne eigene Verluste gelang, war der erste »scharfe« Einsatz ein voller Erfolg. Das Ganze wiederholte sich am darauffolgenden Tag bei Angriffen auf die Flugplätze von Deblin-Irena und Deblin-Golap. Danach nahmen die Heinkel He 111 der I./KG 4 die Infrastruktur der polnischen Eisenbahn aufs Korn. Sie bombardierten Bahnhöfe, Züge, Kreuzungen und Gleise und erlitten jetzt auch den ersten eigenen Verlust. Am dritten Kriegstag drängten polnische Jäger während eines Luftkampfes eine He 111 aus ihrer Kette heraus und ab. Die Übrigen sahen die Maschine noch in den Wolken verschwinden, dann verlor sich ihre Spur. Zwei ihrer vier Besatzungsmitglieder kehrten jedoch einige Tage später wieder zum Verband zurück. Ihre beiden Kameraden waren bereits während des Luftkampfes gefallen, sie selbst schlugen sich nach der Notlandung auf polnischem Gebiet in zweitägigen Tag- und Nachtmärschen zu den eigenen Linien durch. Und sie blieben nicht die einzigen. Die heftigen Angriffe und Kämpfe der ersten Kriegstage gingen auch an anderen Besatzungen des KG 4 nicht spurlos vorüber. Zwar gelangen Bordschützen der Heinkels auch erste Abschüsse polnischer Jäger, doch auch immer mehr deutsche Bomber kehrten mit Dutzenden von Einschusslöchern und Verwundeten an Bord zu ihrem Platz zurück. Andere wurden abgeschossen, auch von der gegnerischen Flak. Es gab Vermisste, Verwundete und Tote.

»Nun sind wir über Polen !«

Mit einigen Tagen Verspätung griff auch das Kampfgeschwader 55 »Greif« mit seinen Heinkel He 111 in die Kämpfe gegen Polen ein. Hans Grah, Angehöriger der 1. Staffel, beschrieb das Geschehen der ersten Tage, das ebenfalls mit der Verlegung vom Heimatplatz zum Einsatzhafen in der Nähe von Breslau begann.

Am 4. September 1939, dem vierten Tag nach Kriegsbeginn, flog die Staffel ihren ersten »scharfen« Einsatz: »Unser wackeres technisches Personal hatte seit dem frühen Morgen die Maschinen klargemacht, die Bombenwarte hatten bereits beladen. Nun warteten wir noch auf den Einsatzbefehl. Inzwischen kam der ungefähre Frontverlauf heraus. Donnerwetter, da waren unsere Truppen aber bereits gewaltig vorgerückt. Um 10:00 Uhr, endlich, kommt der Staffelkapitän mit dem Einsatzbefehl.« Die 1./KG 55 soll den Bahnhof von Tarnow sowie Züge auf freier Strecke ins Visier nehmen.

Grah weiter: »In aller Eile werden die Karten vorbereitet, die Kurse ausgerechnet, dann starten wir: erster Feindflug! Etwas angespannt und auch wohl etwas erregt sind wir wohl alle. Was werden wir sehen, was erleben auf diesem Flug? Ob wohl alle zurückkehren? Es ist doch ein kleiner Unterschied gegenüber den vielen Flügen im Frieden! Wir erreichen die Oder, überfliegen eine Menge E-Häfen, vollbelegt mit Stukas, Bombern, Ju’s, dann überfliegen wir große Wälder. Wir steigen. Unten sehen wir die Reichsgrenze, gut zu erkennen an dem Drahthindernis auf den Befestigungsbauten und der Unmenge von Schützengräben auf polnischer Seite. Nun sind wir über Polen!«

Die Bomben des Kettenhundes

Grah beschrieb Dörfer und die »langen Staubstraßen«, auf denen die deutschen Bodentruppen vorrückten, Fahrzeug hinter Fahrzeug, »lange Staubfahnen hinter sich lassend«. Eine zurückfliegende Do-17-Staffel kam ihnen entgegen, sie passierten das Industriegebiet von Krakau, wurden vom dortigen Flugplatz aus von Flak beschossen, doch aus zu großer Distanz drohte hier keine Gefahr. Jenseits der Weichsel erstreckte sich jener »größere Wald«, hin- ter dem sich die anvisierte Bahnlinie befand. »Ich mache mein Bombenzielgerät klar, stoppe die Zeit, wir sind 4000 m hoch. Da werfen die ersten Maschinen schon. Ja klar, da unten stehen ja Züge, einer hinter dem anderen. Ich winke den Flugzeugführer ein, die ersten beiden Bomben ziele ich auf die Lokomotive. Etwas rechts neben dem Zug liegen sie, schade! Der Heckschütze ruft gleich ›Treffer!‹, aber so war es doch nicht. Die Bomben des Kettenhundes liegen direkt im Zug. Riesige Rauchwolke. Da unten ist die Hölle los. Nun gibt es Treffer auf Treffer, und da unten steht ein Zug neben dem anderen.«

Schließlich griffen die Heinkel den Bahnhof von Tarnow an, Grah nahm eine Eisenbahnwerkstatt ins Visier: »Ich winke den Flugzeugführer ein. ,Links, geradeaus, fein links, gut‘, das Ziel liegt im Fadenkreuz, die Bomben fallen, der Mechaniker schreit ›Treffer!‹« Für die 1./KG 55 war der Bahnhof von Tarnow ein leichtes Ziel. »Da unten steht alles voller Züge, alle Gleise voll, es brennt unten, Züge, Bahnhofsgebäude, alles ein Rauch.« Als die deutschen Flieger sämtliche Bomben abgeworfen hatten und zum Heimflug abdrehten, standen »riesige Rauchfahnen« über dem Areal. Die polnische Flak schoss, aber nicht effizient. Wie Grah berichtete, »hatten wir keinerlei Schaden an unseren Mühlen.«

Tatsächlich verloren die beiden Gruppen des KG 55 während des gesamten »Polenfeldzuges« nur eine einzige Besatzung.

Mehrmonatiger »Sitzkrieg«

Und je länger der Krieg anhielt, umso schwächer wurde der Widerstand Polens. Nachdem am 17. September 1939 sowjetische Truppen vereinbarungsgemäß in Ostpolen einmarschierten, durfte die Demarkationslinie zwischen Wehrmacht und Roter Armee nicht mehr überflogen werden. Spätestens ab dem 20. September war die Niederlage Polens vorhersehbar, danach verlegten immer mehr deutsche Kampffliegerverbände »zurück ins Reich«.

Auch »im Westen« galt seit dem 3. September 1939 der Kriegszustand. Doch zwischen der Niederlage und Besetzung Polens durch Wehrmacht und Rote Armee und dem Beginn des Westfeldzuges lag eine mehrmonatige Phase, die als »Sitzkrieg«, »Phoney-War« oder »Drôle de guerre« in die Annalen einging. Zwischendurch richtete sich die Aufmerksamkeit vor allem auf Skandinavien, auf den Ende November 1939 beginnenden Angriff der Sowjetunion auf Finnland, der zum Sowjetisch-finnischen Winterkrieg führte, sowie auf die im April 1940 beginnende »Unternehmen Weserübung«, der Besetzung Dänemarks und Norwegens durch die deutsche Wehrmacht.

Monate der eher unspektakulären Vorbereitung dessen, was da kommen sollte. Beispielsweise flogen Heinkel He 111 des KG 55 Fotoaufklärung über gegnerischem Gebiet oder warfen Flugblätter ab, weshalb böse Zungen zu jener Zeit auch von einem »Papierkrieg« sprachen. Für derartige Einsätze überpinselte man die Maschinen mit einem leicht wieder abwaschbaren Schwarz, um sie für Flak und gegnerische Nachtjäger unsichtbar zu machen. Doch nicht alle derartigen Einsätze waren von Erfolg gekrönt, beispielsweise dann nicht, wenn die Kameras in großen Höhen einfroren und keine Bilder lieferten oder die Flugzeugführer beim Abwurf der Flugblattpakete das rechtzeitige Drosseln der Motoren vergaßen und man die Papierbündel kaum aus den Bombenschächten herausbekam.

Angst vor französischer Flak

Als am 10. Mai der Westfeldzug begann, nahmen die Heinkel He 111 der Geschwader 51 »Edelweiß« und 55 »Greif« französische Flughäfen ins Visier. Daran beteiligte sich auch die 1./KG 55. Hans Grah erinnerte sich: »Vor uns liegen die Karten. Wind, Kurse – die Knemeyer drehen sich. Draußen sind die Maschinen warmgelaufen.« Da dicke Nebelschwaden über den Platz zogen, blies man den befohlenen Kettenstart ab, die Bomber hoben Verglichen damit war es in jener Zeit an der deutsch-französischen Grenze verhältnismäßig ruhig. Doch auch dort gab es entlang der deutsch-französischen Grenze immer wieder kleinere Scharmützel, auch zwischen den jeweiligen Luftstreitkräften. Ansonsten jeweils einzeln ab. »Eine Ewigkeit will das heute dauern, bis wir frei sind vom Boden. Über uns torkeln schon die ersten Positionslichter der Kameraden. Dann sind wir endlich auch am Himmel, der Nebel liegt unter uns.«

"Nur mit äußerster Anstrengung finden wir unseren richtigen Platz wieder."

Die Maschinen der Staffel vereinten sich in der Luft und gingen gemeinsam auf Kurs. »Viel ist nicht am Boden aus- zumachen. Nur mühsam kann der Rhein erkannt werden, direkt rechts von uns muss Straßburg liegen. Wir sind jetzt über Frankreich.« Die Angst vor der gegnerischen Flak wurde zum ständigen Begleiter, doch »alles bleibt ruhig. Nancy können wir mehr ahnen als sehen. Und schon haben wir den großen Moselbogen, den wir so gut aus unzähligen Unterrichtsstunden kennen, vor uns. Dort müsste nun Toul liegen. Der Flugplatz muss rechts sein, also Kurve.«

Die ersten Bomben verfehlten ihre Ziele, die Bomber versuchten es noch mal. »Weite Kurve. Neuer Anflug – aber wo ist der Platz? In dem ungewissen Dämmerlicht und dem starken Dunst da unten sehen wir überall Flugplätze. Nur mit äußerster Anstrengung finden wir unseren richtigen Platz wieder heraus.« Doch auch der zweite Anflug misslang, erst beim dritten Versuch trafen sie ihr Ziel und kehrten zu ihrem Einsatzhafen zurück.

Heißer Empfang

Bei ihrem ersten Einsatz im Westen blieben Grah und seine Besatzungskameraden unversehrt, bei ihrer Rückkehr stellten sie jedoch fest, dass dies keinesfalls die Regel war: »Andere Maschinen sind bereits zurück. Die haben’s schwerer gehabt und sind heiß empfangen worden. Eine Maschine ist drüben geblieben, eine ging gleich beim Start in den Acker, eine weitere blieb an einem Baum hängen und eine dritte hatte wegen Motorschaden den Start gar nicht erst versucht.« Dass derartige Einsätze jedoch auch gründlich danebengehen konnten, weil die damaligen Möglichkeiten der Navigation bei schlechter Sicht noch in den Kinderschuhen steckten, zeigte die versehentliche Bombardierung von Freiburg im Breisgau durch eine verirrte Kette des KG 51 am selben Tag.

Im Wesentlichen kamen den deutschen Kampfflieger-Verbänden während des Westfeldzugs dieselben Aufgaben zu, die sie schon in Polen zu erfüllen hatten: Luftangriffe auf militärische Einrichtungen, Verkehrsinfrastruktur und gegnerische Truppenansammlungen.

Und darüber hinaus folgten weitere Angriffe auf Häfen, feindliche Schiffseinheiten und alsbald auch Ziele jenseits des Kanals: in Großbritannien – und damit wurde ein ganz neues Kapitel aufgeschlagen.

Bisher erschienen (Auswahl):

FC 06/2022 Messerschmitt Bf 110

FC 08/2022 Bristol Blenheim

FC 10/2022 Messerschmitt Me 410

FC 12/2022 Gruman Avenger

1050 Schuss Munition standen im B-Stand früher He 111 zur Verfügung

7600 He 111 wurden mindestens gefertigt

120 km/h betrug die Mindestgeschwindigkeit einer He 111 beim Abheben

330 km/h erreichte die He 111 P-4 mit üblicher Bombenlast

8 schwere 250-kg-Bomben konnten die 1939/40 eingesetzten He 111 P und H aufnehmen 

1 einzige Besatzung verlor das KG 55 während des gesamten »Polenfeldzuges«