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In Brandenburg rührt sich etwas


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JÄGER - epaper ⋅ Ausgabe 71/2022 vom 17.06.2022

Wolf in Brandenburg

A Wir sind abhängig von unseren Landnutzern! Ohne die Menschen, die uns mit Ressourcen zur Nahrungsbeschaffung versorgen, funktioniert nur wenig im Land. Der Wolf muss von den Weiden der Landwirte bis in unsere Köpfe kommen, um über ihn zu debattieren. Die Brandenburger sind das vom Wolf am stärksten betroffene Bundesland und nehmen eine Vorreiterrolle im Umgang mit Isegrim ein. Wir haben mit dem hauptamtlichen Geschäftsführer des Forums Natur gesprochen.

Redaktion: Herr Beyer, erklären Sie uns doch bitte kurz das Zusammenspiel der Interessensverbände im Forum Natur Brandenburg und ihre Rolle.

Gregor Beyer: Ich bin Geschäftsführer des Forums Natur in Brandenburg. Wir haben in Brandenburg ein Forum, das hauptamtlich organisiert ist. Bei uns sind faktisch alle Verbände Mitglied, die im ländlichen Raum aktiv sind: Der Bauernverband, der Jagdverband, die Grundeigentümer, die ...

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Gregor Beyer: Ich bin Geschäftsführer des Forums Natur in Brandenburg. Wir haben in Brandenburg ein Forum, das hauptamtlich organisiert ist. Bei uns sind faktisch alle Verbände Mitglied, die im ländlichen Raum aktiv sind: Der Bauernverband, der Jagdverband, die Grundeigentümer, die Familienbetriebe, der Waldbesitzerverband, der Anglerverband, der Fischereiverband, der Kleingartenverband. Im Prinzip können Sie das zusammenfassen mit 200.000 Mitgliedern in rund 6.000 Betrieben und Vereinen mit einer Millionen Hektar Eigentum in Brandenburg. Wir kümmern uns als Dachverband um die Themen, die zwischen den Landnutzungsarten eine Art Querschnitt darstellen. In den letzten Jahren kam mit Dominanz das große Thema Wolf hinzu. Daraufhin hat unser Aktionsbündnis Forum Natur auf Bundesebene das Projekt „Wolf bleibt Wolf “ ausgerufen. Ich bin dort aufgrund der ganz besonderen Betroffenheit in Brandenburg im Bund in der Projektleitung tätig. Vor einigen Jahren hatte ich mir nicht vorgestellt auf einmal als Wolfsexperte bezeichnet zu werden, was nach meiner Erfahrung übrigens bei der Anzahl der Wolfsexperten nicht gerade ein Prädikat ist. Ich nutze das auch gar nicht oder nicht so häufig. Aber die Notlage in Brandenburg als mittlerweile dem Bundesland mit der höchsten Wolfsdichte, hat dann dazu geführt, dass der Geschäftsführer des Forums Natur manchmal den Eindruck hat, er habe mit nichts anderem mehr zu tun als mit dem Wolf.

Betroffen sind:

200.000 MITGLIEDER

6.000 BETRIEBE UND VEREINE

1 MILLION HEKTAR EIGENTUM

Rekordstrecken

Unter der Herrschaft Johann Georg II. von Sachsen fielen von 1656 und 1680 allein 2195 Wölfe. In Preußen wurden damals allein im Jahr 1700 stolze 4300 Wölfe erlegt. Aufgrund hoher, existenzbedrohender Verluste war Not am Mann.

Angriffe 1870

Die Wirtschaftskrise Anfang der 1870er-Jahre sowie eine starke Dürre führten dazu, dass ganze Wolfsrudel nach Istanbul vordrangen und dort viele Menschen attackierten und töteten. Auf den Straßen lagen oft tagelang die Toten. Da kaum Vieh vorhanden war, zogen die Wölfe weiter in Richtung Norden und Westen.

Wenngleich die Rudel in Bewegung waren, so herrschte doch immmer eine Bedrohung.

„Jede Nacht gibt es Übergriffe und es geht um eine extreme emotionale Betroffenheit der Halter.“

Welche Bereiche im ländlichen Raum sind ganz schwerwiegend vom Wolf betroffen?

Das ist gar nicht mal brandenburgspezifisch. Das trifft natürlich generell zu: Die Weidetierhalter. Ich bin von der Ausbildung her Förster. Ich kann aus dem Blickwinkel der Forst etwas entspannter auf den Wolf blicken. Das heißt allerdings nicht, dass das Thema in der Waldwirtschaft nicht auch problematisch ist. Übrigens macht der Wolf die Bejagung unserer Schalenwildarten deutlich schwieriger. Als Geschäftsführer des Forums Natur ist es verständlicherweise anders. Bei unseren Bauern und unseren Weidetierhaltern im Bundesland mit der größten Wolfsdichte, haben wir jede Nacht Übergriffe von Wölfen. Es gibt keine Tage, an denen nicht irgendwelche Vorfälle stattfinden. Da geht es einmal um wirtschaftliche Fragen, klar, aber worauf ich eigentlich immer hauptsächlich hinweise ist, dass es nebenher um eine extrem hohe emotionale Betroffenheit geht. Sie dürfen nicht vergessen, dass die Weidetierhalter die Menschen sind, die morgens rausfahren und tote und verletzte Tiere vorfinden. Diese wurden nicht, wie uns all die lieben Umweltverbände immer glauben machen wollen mit einem sofortig totbringenden Kehlbiss getötet. Die Tierhalter stehen dann vor drei toten Schafen und drei Schafen, die sich in einem sehr unschönen Zustand zwischen Leben und Tod befinden. Dies ist ein sehr hartes Beispiel, was ich selber schon erlebt habe. Für den Jäger, der ich ja auch bin, bringt dies den schwierigen Umstand mit, dass ich die Schafe ja ( jagd-)rechtlich korrekt nicht einmal erlösen darf. Das muss dann der Tierarzt machen. Es sind alles schwierige Fragen, bei denen Menschen hoch emotional betroffen sind, neben der ökonomischen Betroffenheit.

Bei uns in Brandenburg hat sich die Stimmung einfach auch gedreht, das habe ich erst kürzlich wieder festgestellt. Die Debatten, die man momentan in Rheinland-Pfalz führt, die haben wir teilweise vor 15 Jahren geführt. Mittlerweile ist es so, dass die Umweltverbände sehr ruhig bei dem Thema bei uns geworden sind. Letzten Endes fangen langsam alle an zu verstehen, dass es jährlich um einen um 35 Prozent anwachsenden Bestand geht, der in der deutschen Kulturlandschaft eine um ein vielfaches höhere Kappungsgrenze der Lebensraumkapazität hat als in vergleichbaren Wildnislandschaften. In unserer Kulturlandschaft gibt es natürlich auch eine hohe Schalenwilddichte und viele andere Faktoren. Es kann so nicht mehr weitergehen. Das ist der Zustand, vor dem wir in Brandenburg stehen!

Inwiefern beeinflusst der hohe Prädatorenbestand die Artenvielfalt? Sowohl bei den Nutztieren als auch beim Schalenwild?

Die Frage nach den Nutztieren ist schnell beantwortet. Die Zahlen der Nutztierrisse korrelieren mit dem Anwachsen des Wolfsbestandes – trotz aller Schutzmaßnahmen und ähnlichem. Wir haben natürlich auch eine Betroffenheit bei den Wildtieren. Man kann sowohl ethisch-philosophisch als auch rechtlich die spannende Frage stellen, ob das ein Schaden in diesen Erwägungen ist, aber das wollen wir mal außen vor lassen. Fakt ist, dass unsere Schalenwildarten natürlich betroffen sind. Einige Arten mehr, andere weniger, ganz massiv betroffen ist das Muffelwild. Das ist in Brandenburg faktisch erloschen. Gegen den Wolf besitzt das Muffelwild leider keine Feindvermeidungsstrategie. Auch wenn man sich lange streiten kann, ob das Muffelwild heimisches Wild ist, so bleibt der Fakt, dass der Bestand erloschen ist. Wir merken es auch beim Damwild sehr stark, massiv auch beim Rotwild. Bei Letzterem in zwei sehr widersprüchlichen Effekten: Gar nicht mal primär, was die Höhe des Wildbestandes anbelangt, aber vor allem auch in der Art und Weise der sogenannten Angstrudel. Das forciert natürlich hohe Schäden, wenn viele Tiere sich lange Zeit an einer Stelle drücken. Die Bejagung macht es auch sehr schwierig. Das habe ich in der letzten Jagdsaison mehrfach erlebt. Da kommt dann ein ungewöhnlich großes Rudel, was ich so nach der scharfen Schalenwildreduktion in Brandenburg nach der politischen Wende lange nicht mehr gesehen habe. Als Jäger hat man keine Chance auch nur einen Schuss anzutragen, weil sie verschachtelt stehen. Es sind verschiedene Aspekte, die sich bemerkbar machen.

200 Wolfsopfer in Russland

Katastrophe 19. Jahrhundert

Noch im 19. Jahrhundert fielen jedes Jahr viele Menschen dem Wolf zum Opfer. Allein Russland hatte jedes Jahr fast 200 Tote durch das aggressive Raubwild zu beklagen. Auch in anderen Teilen Osteuropas waren die Verluste teils sehr gravierend. Durch die ausgedehnten Wald- und damit Einstandsgebiete ließen sich die Populationen nur sehr schwer kontrollieren, die Bevölkerung lebte mit der ständigen Angst vor dem Wolf.

Inwiefern sollte in den Bestand der Wölfe eingegriffen werden?

Wir waren deutschlandweit die ersten überhaupt, die einen Vorschlag in Form einer Handreichung bezüglich eines Wolfsmanagementplans gemacht haben. Wir managen leider immer nur die Menschen oder die Probleme der Menschen und nicht den Wolfsbestand. Ein aktives Management wie es so schön heißt, gibt es nicht. Deshalb haben wir ein Modell vorgeschlagen, wie wir uns dieser Frage nähern könnten. Dabei sage ich sehr deutlich dazu, dass dieses Modell zwei Fragen beantworten muss:

1. Wie viele Wölfe sollten in der deutschen Kulturlandschaft vorhanden sein, damit dieser Wolfsbestand, übrigens keine Population, wie das die FFH-Richtlinie fordert, einen Beitrag zum günstigen Erhaltungszustand leistet? Das Jagdgesetz ist immer auch ein Schutzgesetz. Das dürfen wir nicht vergessen! Ich bin tiefster Meinung, dass der Wolf ins Jagdrecht gehört. Wir Jäger sollten uns auch für den Wolf als Wild verantwortlich zeigen.

2. Wie viele Wölfe müssen jedes Jahr entnommen, sagen wir es deutlich, geschossen werden? Nur auf diese Weise wird ein Akzeptanzbestand in Brandenburg erreicht. Wir haben einen Vorschlag zu einem Vier-Ebenen-Modell gemacht: Wie geeignet sind Lebensräume, wo sind Weidetiere und ähnliches im Zusammenhang mit einem Populationsmodell. Im Endeffekt kommen wir zu einem Akzeptanzbestand in Brandenburg von 510 Individuen. Bei einer vorgeschlagenen 15 prozentigen Entnahmequote müssten ab sofort jährlich 80 Wölfe geschossen werden.

Lässt der neue Gesetzentwurf nicht einen groben Unverstand der Verfasser durchblicken? Wird nicht eher eine Vernichtung des Schalenwildes gefordert?

Das ist ein ganz spannendes Thema. Das ist momentan das Thema, das mich am meisten fordert. Wir verschiedenen Verbände des Forum Natur sind der Meinung, dass eine Novelle des Jagdgesetztes unter verschiedenen Gesichtspunkten durchaus Sinn ergibt. Deshalb haben wir schon vor einem Jahr einen eigenen Vorschlag in die Debatte für die Novelle eingespeist. Nun macht die Landesregierung genau das Gegenteil. Sie sind auf unsere Vorschläge überhaupt nicht eingegangen. Die Regierung möchte ein sogenanntes Vollgesetz. Es soll also keine Novelle geben, sondern faktisch das alte Jagdgesetz abschaffen und ein völlig neues einführen. Das ist rechtlich mit großen Problemen behaftet. Wir würden 20, 30 Jahre brauchen, um wieder Sicherheit in der Rechtsprechung zu erlangen. Das hängt nach meiner Meinung damit zusammen, dass diejenigen die das geschrieben haben, einen ausschließlich forstlichen Blick anwenden. Daran lässt sich kritisieren, dass das den Ansprüchen unserer Kulturlandschaft nicht gerecht wird. Es geht nicht nur um den Wald. Es geht um die offene Agrarlandschaft und bei Jagd auch immer um Wasserflächen. Deshalb ist das ein Entwurf, der erheblichen Widerstand verursacht. Dieser Jagdgesetzentwurf ist pure Ideologie. Ich war ja selbst einige Jahre Parlamentarier. Es gibt nur sehr wenige Fälle, bei denen ein Vollgesetz Sinn ergibt. Unser Jagdgesetz mag in den ein oder anderen Punkten novellierungsbedürftig sein, aber es schafft eben auch Rechtsicherheit. Alle Fälle, die vor Gericht landen, sind durchgeklagt. Wenn sie heute ein neues Gesetz machen, fangen sie bei null an. Wenn wir den Waldumbau forcieren, den wir dringend brauchen, dann kann ich nicht erst ein Gesetz machen, das quasi die Stunde Null herstellt. Insgesamt müssen wir den Waldumbau mit jagdlichem Management flankieren, das fundierten Kenntnissen erfahrener Naturnutzer zu Grunde liegt.

Gregor Beyer

War in den vergangenen sieben Jahren Geschäftsführer des Forum Natur in Brandenburg. Er ist verheiratet und lebt in Eberswalde. Dort ist er leidenschaftlicher Jäger und engagiert sich in mehreren Vereinen und Verbänden. Von 2009 bis 2014 war der studierte Förster Mitglied im brandenburgischen Landtag. In dieser Zeit waren ihm Agrar-, Forst- und umweltpolitische Themen wichtige Anliegen.