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In der Businessclass


Der Spiegel - epaper ⋅ Ausgabe 46/2018 vom 10.11.2018

CDU Friedrich Merz gilt als Favorit im Rennen um die Merkel-Nachfolge. Doch der Anwalt ist ein Risikokandidat, nicht nur wegen seiner Millionengeschäfte in der Finanzbranche, sondern auch wegen seines aufbrausenden Temperaments.

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Bildquelle: Der Spiegel, Ausgabe 46/2018

Merkel-Konkurrent Merz: Mythos des unbeugsamen Konservativen


LUKAS SCHULZE / BONGARTS / GETTY IMAGES

Wer in diesen Tagen Kontakt zum Kandidaten Friedrich Merz sucht, dem Mann, der sich anschickt, CDU-Chef und Bundeskanzler zu werden, muss die Frankfurter Unternehmensberatung Gauly Advisors konsultieren.

Dass die Firma in der Regel nicht Politiker, sondern CEOs, Aufsichtsräte und Unternehmer berät, passt durchaus zu Merz, der sich schon seit mehr als zehn Jahren in der Finanzbranche tummelt. Gauly Advisors verspricht potenziellen Kunden, deren »Reputation und Unternehmenswert zu schützen und zu steigern«. Man sei »im Markt als eigentümergeführte Premium-Beratung« anerkannt und betreibe »strategisches Reputationsmanagement«, heißt es auf der Homepage der Agentur. »Um die tatsächliche Wirksamkeit der Kommunikation zu optimieren, ...

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... überprüfen wir die getroffenen Maßnahmen fortlaufend auf ihren Wertschöpfungsbeitrag.«

Übersetzt auf den Kunden Merz könnte man sagen: Es gilt, das Vertrauen in den Kandidaten zu stärken und zu dessen Wertschöpfung, sprich Wahl zum CDUChef, beizutragen. Vor einem Gespräch mit Merz mailt ein Gauly-Berater eine »Speed-dial-in«-Nummer mit einem Konferenzerkennungs-Code. Wenn man ihn eintippt, ist der Kandidat in der Leitung: »Friedrich Merz hier.«

Die Republik hat verrückte Tage hinter sich. Angela Merkel hat das Land noch einmal überrascht. Als sie am Montag vor einer Woche ihren Rückzug vom Parteivorsitz verkündete, waren alle, die sich schon lange in Position bringen, erst einmal sprachlos. Nur Merz, von dem die meisten dachten, er würde mit seinen Beratermillionen schon in den Ruhestand segeln, war präpariert und ließ innerhalb von Minuten durchsickern, dass er bereitstehe.

Das erste Opfer des Coups war der sonst so agile Jens Spahn, der sich in den vergangenen Jahren fleißig als konservative Alternative zu Merkel präsentiert hatte. Konservativ aber ist Merz auch, und neben dem 62-jährigen ehemaligen Frak - tionschef wirkt der 38-jährige Spahn plötzlich seltsam überambitioniert, wie ein Student, der sich anmaßt, vom Uni-Seminar ins Kanzleramt wechseln zu können. Selbst Spahns Freunde von der Jungen Union mögen sich kaum noch zu ihm bekennen.

Das Duell, das sich nun in der CDU entfaltet, wird allein zwischen Merz und Annegret Kramp-Karrenbauer ausgetragen. Die CDU-Generalsekretärin tritt an mit dem Segen der Kanzlerin, sie soll ihr Vermächtnis wahren, nicht abwickeln, deswegen wurde sie ja von der Chefin nach Berlin gebeten. Merz ist der Anti-Merkel, er unterscheidet sich von ihr in jeder Beziehung, im Inhalt, im Stil, auch in den Vermögensverhältnissen. Geld war für Merkel nie eine Triebfeder, das kann man von Merz nicht behaupten.

Für ihn wird es nun vor allem darauf ankommen, seinen Groll zu verbergen; die CDU wird keinen Chef wählen, dessen einziges Motiv es ist, Genugtuung für eine Niederlage zu erfahren, die schon anderthalb Jahrzehnte zurückliegt. Merz weiß das. Als er am Donnerstagmorgen vor jungen CDU Abgeordneten auftritt, verspricht er, nicht gegen die Kanzlerin zu arbeiten, denn auch ein Parteivorsitzender trage »staatspoli - tische Verantwortung«. Andererseits weiß er auch, wie groß der Verdruss über Merkels Führungsstil ist, ihn will er nutzen, um den Parteivorsitz zu erobern.

Vom Ausgang des Duells zwischen Kramp-Karrenbauer und Merz hängt nicht nur das Schicksal der Union ab, jener Partei, die bisher 49 Jahre lang den Kanzler der Bundesrepublik gestellt hat und die nun in einzelnen Ländern so schwach geworden ist, dass sie Gefahr läuft, von der AfD überholt zu werden. Auf dem Parteitag Anfang Dezember in Hamburg wird auch die Vorentscheidung darüber getroffen, wer das Land künftig führen wird. Merkel weiß selbst, dass jeder CDU-Chef den Ehrgeiz entwickeln muss, das Kanzleramt zu übernehmen.

Zu den großen Stärken Merkels zählt ihre Affektkontrolle, nur selten lässt sie sich zu einer unüberlegten Äußerung hinreißen, und sie ist jemand, der Machtkämpfe sorgsam plant und sie nicht aus dem Bauch heraus führt. Als Merkel im Jahr 2002 auf die Kanzlerkandidatur verzichtete, rang sie im Gegenzug CSU-Chef Edmund Stoiber das Versprechen ab, nach der Wahl Merz den Fraktionsvorsitz abnehmen zu dürfen. Merz ahnte nichts, und als er sich zu Merkels Vize degradiert sah, tobte er furchtbar. »Friedrich, finde dich damit ab, du hast gegen sie verloren«, riet ihm sein Freund Wolfgang Schäuble. Merz hielt es auf Dauer nicht als Nummer zwei hinter Merkel aus. Im Jahr 2009 zog er einen Schlussstrich unter die Politik und wechselte in die Wirtschaft.

Dort ist er in den vergangenen Jahren reich geworden, er ist ein Kandidat mit Goldrand; noch kein deutscher Kanzler flog mit seiner eigenen Privatmaschine in die Hauptstadt, Merz besitzt zwei Flugzeuge, mit denen er regelmäßig zwischen dem Sauerland und Berlin pendelt. Man kann Merz nicht vorwerfen, dass er seinen Wohlstand verheimlicht hätte. Wenn man in den vergangenen Jahren mit ihm sprechen wollte, schlug er als Treffpunkt gern das Towerrestaurant »Cockpit« des Berliner Sportflughafens Schönhagen vor, von wo er nach einem schönen Mittagessen Richtung Heimat abdüste.

Merz’ Reichtum spricht nicht gegen ihn, aber seine lukrativen Mandate hat er eben auch durch seine Kontakte in die Politik bekommen. Wie schnell einen die Vergangenheit einholen kann, zeigte sich am Dienstag, als die Staatsanwaltschaft die Münchner Räume des Vermögensverwalters Blackrock durchsuchte, für dessen deutsche Tochter er als Aufsichtsratschef arbeitet.

GEORG LUKAS

Privatmann Merz beim Musizieren*, vor seinem Privatflugzeug
Verrat an den Werten der Union


Was Merz umtreibt und zurück in die Poli tik führte, ist der Niedergang der Union, ihre Verschiebung in die linke Mitte. Wie viele in der Partei sieht er den Flüchtlingssommer 2015 als Wendepunkt in Merkels Kanzlerschaft. Er kritisiert nicht, dass Merkel den in Ungarn gestrandeten Flüchtlingen Zuflucht gewährt hat. Aber die »Grenzöffnung« für Hunderttausende Menschen ohne Beschluss des Bundestags hält er für einen fatalen Fehler.

Merz geht es nicht in erster Linie um die Flüchtlingspolitik, er will die Zukunft des deutschen Parteiensystems in den Mittelpunkt seiner Kampagne stellen. Wenn die CDU einen Vorsitzenden bekommt, der für die SPD auch inhaltlich wieder ein Gegner und für die AfD eine echte Gefahr sei, dann könne sich die politische Landschaft in Deutschland wieder neu sortieren. So sieht es Merz. Er träumt von einer Wiederherstellung jener Konstellation, in der SPD und Union die Hauptkontrahenten sind und sich inhaltlich wirklich voneinander unterscheiden.

Merz besitzt das Talent, der politischen Debatte Schärfe zu geben, daran kann kein Zweifel bestehen. Er kam 1994 in den Bundestag, zusammen mit Peter Altmaier und Norbert Röttgen, die zum linken Flügel der CDU gehörten und später bei Merkel Karriere machten. Damals lag das Blei der späten Kohl-Jahre auf dem Land.

Aber was Merz ärgerte, war nicht die gesellschaftliche Erstarrung. Er stimmte im Jahr 1997 gegen die Strafbarkeit der Vergewaltigung in der Ehe, zusammen mit 130 weiteren Unionsabgeordneten. Einmal rief er unter dem Gejohle eines CDUParteitags: »Ich möchte mich verdammt noch mal bei niemandem in diesem Land dafür entschuldigen müssen, dass ich seit 20 Jahren mit derselben Frau verheiratet bin und dies auch in den nächsten 20 Jahren zu bleiben gedenke.«

Was Merz umtrieb, war die wirtschaftliche Agonie jener Zeit. Als er im Jahr 2000 durch die Wirren der Spendenaffäre an die Spitze der Fraktion gespült wurde, gab es keinen schneidigeren Reformer als ihn. »Wenn man einen Sumpf austrocknen will, darf man nicht die Frösche fragen«, sagte er in einem SPIEGEL-Gespräch im Frühjahr 2003, damals ging es um Reformen des Arbeitsrechts. Die Frösche bei den Gewerkschaften und der SPD haben den Satz nicht vergessen.

Bis heute gehört zu den Widersprüchen des Friedrich Merz, dass er einerseits das Loblied auf die Kräfte des Kapitalismus singt und gleichzeitig ein heimeliges Familienideal pflegt, das von ebenjenen Kräften so wirkungsvoll untergraben wird. Der Glauben an die Segnungen der Marktwirtschaft ist bei Merz ungebrochen. Er will Deutschland zu einem Land der Aktionäre machen. Wenn man das Problem der Ver- mögensverteilung ernsthaft lösen will, werde das nicht allein über die öffentlichen Kassen gehen, sagt er.

* Mit Ehefrau und Töchtern in Brilon 1999.

Aber Merz sieht natürlich auch, dass Merkel mit ihrem Kurs Wähler weit über das traditionelle CDU-Klientel hinaus erreicht hat: viele Frauen und Großstädter, die sich früher eher einen Finger abgeschnitten hätten, als CDU zu wählen. Die will Merz nicht verlieren. Bei seiner Pressekonferenz in der vergangenen Woche nannte er neben Migration und Globalisierung den Klimawandel und die Digitalisierung als die größten Herausforderungen. Zudem bezeichnete er sich als »wirklich überzeugten Europäer«.

Nur: Wie überzeugt ist er wirklich? Bei dem Treffen mit Unionsabgeordneten am Donnerstagmorgen rückte Merz von europapolitischen Forderungen ab, die er selbst erst zwei Wochen zuvor mit unterzeichnet hatte. Bei dem Treffen im Ber - liner Haus des Familienunternehmens wurde Merz auf den Aufruf »Für ein solidarisches Europa« angesprochen, den der frühere Finanzminister Hans Eichel initiiert und den auch beispielsweise der Philosoph Jürgen Habermas unterzeichnet hatte.

In dem Papier werden unter anderem »eine Haushaltspolitik für die Eurozone, die dem Zusammenhalt und der Zukunftsfähigkeit des Währungsgebietes dient, und eine gemeinsame Arbeitsmarktpolitik bis hin zu einer europäischen Arbeitslosenversicherung « gefordert. Merz’ Unterschrift hatte auch deshalb für Erstaunen gesorgt, weil die Forderungen deutlich über das hinausgehen, was die CDU/CSUBundestagsfraktion und selbst Merkel für akzeptabel halten.

Den erstaunten Abgeordneten erklärte Merz, er sei »absolut nicht für eine europäische Arbeitslosenversicherung«. Das Haftungsprinzip müsse in der EU weiter gelten. Es sei ihm darum gegangen, neue Impulse für Europa zu setzen. Das Ganze sei ein Konsenspapier gewesen, daher habe er sich nicht in jedem Punkt durchsetzen können. Der Kandidat legte eine Wendigkeit an den Tag, die er sonst gern der Kanzlerin vorwirft.

Merz’ Kandidatur ist auch deshalb so furios gestartet, weil ihn der Mythos des unbeugsamen Konservativen umgibt. Merz habe aufgrund seiner jahrzehntelangen politischen Erfahrung bewiesen, was er könne, schwärmt der frühere Bundestagsabgeordnete Wolfgang Bosbach.

Allerdings neigen auch Politiker dazu, die Vergangenheit zu verklären. Merz profitiert davon, dass er über Jahre kaum in der Öffentlichkeit stand. Jeder kann deshalb seine Hoffnungen und Wünsche auf ihn projizieren. Tatsächlich hatte Merz nur sehr kurz ein politisches Führungsamt inne. Er wurde im Februar 2000 Vorsitzender der Unionsfraktion im Bundestag. Im Herbst 2002 musste er dieses Amt wieder abgeben. Er stand gerade mal zweieinhalb Jahre an der Fraktionsspitze. Anders als es vielen im Rückblick erscheint, hat er seinerzeit alles andere als Führungs - fähigkeit bewiesen.

Bereits zum Amtsantritt bescheinigte ihm die konservative »Welt«, der falsche Mann für den Job zu sein: »Ein Technokrat durch und durch, profilierungssüchtig, ohne jede Fähigkeit zur Integration«, schrieb das Blatt. Merz lieferte in den Folgemonaten wenig Anlass, dieses Urteil zu revidieren. Nach einem Jahr im Amt war Merz’ Stellung in der Fraktion so prekär, dass wichtige Landesgruppenchefs wie der spätere Bundestagspräsident Norbert Lammert aus Nordrhein-Westfalen über seine Ablösung nachdachten. Dazu kam es nicht. Aber den Zweikampf um die Frage, wer die Nummer eins in der CDU sei, entschied die Parteivorsitzende Merkel eindeutig für sich.

Fachlich wäre Merz dem Job des Kanzlers gewachsen. Er kann Leute mitreißen und für seine Ideen begeistern. Seine Reden sind geschliffen, und er hat im Gegensatz zu Merkel keine Angst, Kontroversen offen auszutragen. Seine Bewerbung könnte der demokratischen Debatte, die Merkel so sanft erstickte, wieder Sauerstoff zuführen.

Aber unklar ist, ob Merz die strategische Geduld und die nötige Selbstkontrolle für das Amt des Bundeskanzlers hat. »Friedrich hat sich über die vergangenen zehn Jahre verändert«, sagt ein alter Weggefährte. »Er ist ruhiger und kontrollierter geworden.« Andere allerdings wissen noch immer von Zornesausbrüchen zu berichten, wenn das Gespräch auf Merkel und ihre Politik kommt.

Die Arbeit eines Spitzenpolitikers, vor allem eines Kanzlers, ist eine fortwährende Kette von Rückschlägen, Misserfolgen und Kränkungen. Jeder Hinterbänkler darf herummäkeln, jeder Leitartikler weiß es besser. Merkel hat sich nie dazu hinreißen lassen, auf einen scharfen Kommentar mit einer scharfen Replik zu antworten. Sie ärgert sich, weiß aber ihre Wut mit dem Gedanken zu zügeln, dass sie am Ende eben doch am längeren Hebel sitzt.

Merz hat nach der ersten richtigen Schlappe aufgegeben, statt geduldig auf seine Chance zu warten. Mit seiner Kritik an Merkel ist er zum Liebling der konservativen und marktliberalen Kritiker der Kanzlerin aufgestiegen. Als Staatsmann hat er sich durch diese Flucht nicht empfohlen. Selbst Freunde wie Schäuble sind sich unsicher, ob er das Stehvermögen für das Kanzleramt hat.

Merz wäre nicht der erste Anwärter, der nicht an seinen Fähigkeiten, sondern an seinem Temperament scheitert. Der frühere Finanzminister Peer Steinbrück wollte im Jahr 2013 auch ins Kanzleramt. Er war ein ausgewiesener Fachmann, aber er hatte sich nicht im Griff. Am Ende ließ er sich für ein Magazincover mit ausgestrecktem Mittelfinger ablichten. Damit hatte er sich unmöglich gemacht.

Den Mittelfinger würde Merz nicht zeigen, aber er kann auch sehr aufbrausend sein. Würde einer wie Merz ruhig Blut bewahren, wenn der türkische Präsident ihn einen Nazi nennen würde? Oder wenn sein Bild auf den Straßen von Athen angezündet würde?

Merz’ Schwäche ist, dass er politische Auseinandersetzungen persönlich nimmt. Außerdem muss er zeigen, dass er fähig ist, Frauen einzubinden. Merz ist noch in einer Welt politisch sozialisiert, in der es als vollkommen normal galt, wenn auf Podien nur Herren im grauen Anzug saßen. Offenbar will Merz auf dem Parteitag im Dezember auch einen Kandidaten vorstellen, der unter ihm als CDU-Generalsekretär dient, sollte er die Wahl gewinnen. Parteifreunde raten ihm dringend zu einer Generalsekretärin.

Merz’ größte Flanke sind allerdings seine Jahre in der Finanzwirtschaft. Wie rasch die Situation außer Kontrolle geraten kann, wurde am Dienstag deutlich. Da tickerte plötzlich die Meldung über die Agenturen, dass Ermittler der Kölner Staatsanwaltschaft die Münchner Niederlassung von Blackrock durchsucht hätten, um Material zu sogenannten Cum-Ex-Aktiendeals im Zeitraum 2007 bis 2011 sicherzustellen.

Blackrock gilt schon wegen seiner schieren Größe als mächtigster Finanzkrake der Welt. Der Konzern legt das Geld von Groß- und Kleinanlegern an und verfügt so über einen riesigen globalen Kapitalstock von mehr als 6000 Milliarden Dollar, den es in Tausende Unternehmen in aller Welt gesteckt hat. Merz ist seit 2016 bei dem US-Vermögensverwalter Aufsichtsratschef des Deutschlandgeschäfts.

Der Cum-Ex-Skandal gilt in Europa als größter Steuerskandal aller Zeiten. Um bis zu 55 Milliarden Euro soll der Fiskus europaweit geschädigt worden sein, weil sich Profianleger die Kapitalertragssteuern doppelt erstatten ließen, die sie nur einmal gezahlt hatten – ein fraglos illegitimes, wegen unklarer Rechtslage und Gesetzes - lücken nicht zwingend illegales Vorgehen. Dutzende Geldhäuser sind verwickelt, vor allem deutsche.

Welche Rolle die Amerikaner, die jedwede Mittäterschaft bestreiten, dabei gespielt haben sollen, bleibt nebulös. Ebenso wie die Umstände, unter denen die Razzia durchgestochen wurde, kaum dass die Schnüffler die Blackrock-Räume am noblen Münchner Lenbachplatz verlassen hatten. Offenbar richtete sich der Verdacht nicht gegen Blackrock selbst, sondern gegen andere Beteiligte des Cum-Ex-Verfahrens.

Die US-Fondsgesellschaft ist einer der größten Verleiher von Wertpapieren, könnte also auch indirekt und unwissentlich an den dubiosen Steuerdeals beteiligt gewesen sein. Immerhin erklärte die Staatsanwaltschaft tags darauf, dass zumindest gegen Merz »keine Verdachtsmomente für die Begehung einer Straftat oder Ordnungswidrigkeit« vorlägen. Da freilich war die Botschaft schon im Umlauf, dass der mögliche Merkel-Nachfolger für eine Institution arbeitet, die in einen Mega - skandal verwickelt sein könnte.

Das toxische Steuerthema lässt Merz auch bei seinem anderen prominenten Finanzmandat nicht los. Es geht um die Düsseldorfer Privatbank HSBC Trinkaus & Burkhardt, in deren Aufsichtsrat Merz seit 2010 sitzt. Das Geldhaus an der noblen Königsallee hat seit Langem Ermittler im Haus, die zweifelhafte Aktiendeals der Jahre 2005 bis 2011 untersuchen. Trinkaus bestreitet, sich bewusst an Steuertricks beteiligt zu haben, kann aber Alleingänge einzelner Händler nicht ausschließen.

HSBC hat dem Fiskus maximal Steuern in niedriger zweistelliger Millionenhöhe vorenthalten. Eine etwaige Rückzahlung wird der Bank kaum wehtun. An Merz dagegen bleibt hängen, dass er abermals für eine Adresse arbeitet, die womöglich getrickst hat – anders als bei Blackrock teilweise während seiner Amtszeit.

Der Sauerländer selbst verdammt öffentlich Steuertricksereien à la Cum-Ex, gibt sich intern aber keinen Illusionen hin: Mit dem Generalverdacht gegen seine Finanzengagements werde er wohl leben müssen. Seine eigene Vermögensbildung indes kann nach seinen Jahren in der freien Wirtschaft als erfolgreich abgeschlossen gelten. Bereits einer seiner ersten Aufträge entpuppte sich als Glücksgriff. Gleich nach seinem Aus als stellvertretender Fraktionschef war Merz als Partner bei der USKanzlei Mayer Brown eingestiegen, und sein wohl lukrativstes Mandat war der Auftrag, für die staatseigene Westdeutsche Landesbank einen Käufer zu finden.

Kenner des Vorgangs wundern sich noch heute darüber, dass ausgerechnet er 2010 den Auftrag bekam. Schließlich galt Merz zu der Zeit noch als wenig verdrahtet in der Welt der Finanzinvestoren. Hinzu kam, dass die nordrhein-westfälischen Sparkassen als Miteigentümer der Landesbank die Verhandlungen von Beginn an torpedierten, weshalb Fachleute das Unterfangen im Prinzip vom Start weg als aussichtslos einstuften.

Es kam, wie es kommen musste: Der von der EU-Kommission angeordnete Gesamtverkauf scheiterte, Merz konnte dennoch branchenübliche Tagessätze von über 5000 Euro abrechnen. Insgesamt soll Mayer Brown mit dem WestLB-Mandat einen deutlich zweistelligen Millionen - betrag verdient haben. Und so ist es kein Wunder, dass Merz das Scheitern des Verkaufs sportlich nahm, wie ein damals Beteiligter sich heute noch erinnert.

Ärger könnte Merz aufgrund eines anderen Mandats bekommen. Er ist seit Ende 2017 Aufsichtsratschef des Flughafens Köln-Bonn. Kurz zuvor war dort der langjährige Geschäftsführer Michael Garvens in Ungnade gefallen, er soll Geschäftspartner protegiert und Mitarbeiter allzu üppig alimentiert haben.

Merz hatte mit Zustimmung des Aufsichtsrats einen Aufhebungsvertrag mit Garvens abgeschlossen, in dem der Flughafen auf alle weiteren Ansprüche verzichtet. Der Deal könnte Merz gefährlich werden, sollte die Staatsanwaltschaft Anklage erheben. Möglicher Vorwurf: Untreue.

Weniger schlagzeilenträchtig, aber beispielhaft für die Netzwerk-Geschäfte des Friedrich Merz ist ein Mandat in seiner Heimatstadt Arnsberg. Dort hat er vor Jahren den Klopapierproduzenten Wepa vor der Insolvenz gerettet, seither ist er Chef des Aufsichtsrats. Kommt der zu seinen Sitzungen zusammen, kann sich Merz angeregt mit Ratsmitglied Wilken von Hodenberg unterhalten.

Das Aufsichtsratsmitglied der Private-Equity-Gesellschaft DBAG führt seit einigen Jahren eine eigene Anlagefirma namens UFK Beteiligungs GmbH, einer der Wepa-Eigentümer. Und wohl nicht ganz zufällig hat die Firma dieselbe Anschrift wie die Vermögensverwaltung Volatus, über die Merz sein Geschäftsflugzeug vom Typ »Socata« vermietet. Hodenbergs UFK, die Wepa Industrieholding SE, Volatus sowie Merz’ Stiftung und sein Anwaltsbüro residieren teils auf derselben Etage eines schmucklosen Bürohauses im Arnsberger Stadtteil Neheim. Vor der Tür ist der Parkplatz Nummer drei für »FM« reserviert, Friedrich Merz.

Porträts der Ex-Fraktionschefs Merz, Merkel*: Nach der ersten Schlappe aufgegeben


STEFAN BONESS / IPON

Merz ist tief im Sauerland verwurzelt. Sein Großvater, ein NSDAP-Mitglied, war bis 1937 Bürgermeister in dem kleinen Städtchen Brilon. Der Vater, Joachim Merz, arbeitete als Richter und führte in den Siebzigerjahren am Landgericht in Arnsberg Strafverfahren mit NS-Bezug. Merz’ Ehefrau Charlotte ist Direktorin des Amtsgerichts Arnsberg.

Vor 13 Jahren haben die beiden die Merz-Stiftung gegründet, es geht um Bildung und Erziehung. Man finanziert Trommeln für den Musikunterricht in Grundschulen oder verleiht Preise an die Arnsberger Schüler mit dem besten Notendurchschnitt. In der Gaststätte Rodelhaus, im Stadtteil Neheim, trifft sich jede Woche der Rotary Club Arnsberg. Merz ist seit Jahren Mitglied, 2009 war er Präsident. Bis dahin war der Club 52 Jahre lang ein reiner Männerverein aus Ärzten, Apothekern und Pfarrern. Merz hielt die Regel für Unfug, es gab heftige Diskussionen damals im Rodelhaus, am Ende setzte sich Merz durch. Seitdem nimmt der Club auch Frauen auf.

Kaum einer seiner Duzfreunde hat damit gerechnet, dass Merz die Kanzlerin beerben möchte. Auch nicht Wolfgang Fischer, der seit neun Jahren Bürgermeister in Olsberg ist und Merz aus Zeiten der Jungen Union in den Achtzigerjahren kennt. Vergangene Woche, kurz nachdem Merz’ Kandidatur bekannt geworden war, schrieb Fischer seinem Kumpel eine SMS: »Super! Klasse! Endlich!«

Merz gilt derzeit bei vielen in der CDU als Favorit im Rennen um die Merkel-Nachfolge, aber die Dinge sind natürlich im Fluss. »Würde die Mitgliederbasis entscheiden, dann hätte Merz jetzt schon gewonnen «, sagt der CDU-Bundestagsabgeordnete Franz Josef Jung. Der ehemalige Verteidigungsminister ist wie Merz Mitglied des Andenpaktes, eines Männerbunds, der sich einst zusammenschloss, um die Macht in der CDU aufzuteilen, und der dann so geschickt von Merkel ausgetrickst wurde.

Viele im Andenpakt sannen auf Rache, und als sich der Bund im vergangenen Herbst in Berlin zum jährlichen Dinner traf, sondierten die Männer, wie sich die CDU nach dem absehbaren Ende der Ära Merkel wieder auf Kurs bringen ließe. Alle Blicke richteten sich auf Friedrich Merz, der geschmeichelt lächelte, sich aber noch bedeckt hielt. Nun hat er sich erklärt.

Wie wird sich das Land ändern, sollte Merz tatsächlich ins Kanzleramt einziehen? Merz ist niemand, der seine Worte hütet, er hat Spaß daran, wenn sie zünden wie Knallfrösche. Das kann das Land beleben. Merkel hat den Streit und auch den Krawall ausgelagert, dafür ist nun die AfD zuständig, während in der immer etwas überanständigen Merkel-CDU ein feiner, wenn auch etwas gouvernantenhafter Ton herrschte. Merz ist schnell beleidigt, aber er hat auch seine Freude daran, ordentlich auszuteilen, was amüsant ist, allerdings in der Außenpolitik auch gefährlich werden kann. Merkel hat Deutschland auch deshalb solche Reputation verschafft, weil sie ihre Worte wägte.

Wenn man mit Merz spricht, wirkt er manchmal wie ein Mann, der in einer Zeitkapsel gefangen war. All die Debatten über die Gefahren des Kapitalismus, über die Schattenseiten der Globalisierung scheinen ihn nicht so durchgeschüttelt zu haben wie den Rest des Landes. Manchmal wirkt er immer noch wie ein Mann, der bei »Sabine Christiansen« über die Reformen für den Standort Deutschland spricht. Es ist schwer vorstellbar, dass das Verbot von Plastiktrinkhalmen zur Leidenschaft des Friedrich Merz wird. Eher wird er sich um die Verlängerung der Lebensarbeitszeit kümmern.

Merz glaubt an die Familie, zu der Mann und Frau, Kinder und die Ehe gehören. Die gesellschaftspolitischen Reformen, die Merkel vorangetrieben hat, hielt er für einen Verrat an den Werten der Union, auch wenn er das heute nicht mehr laut sagt. Andererseits würde Merz aller Voraussicht nach mit den Grünen regieren müssen, was seine Möglichkeiten auch wieder begrenzte. Einen Rollback jedenfalls würde es kaum geben. Merz müsste sich als Kanzler auf einen symbolischen Konservatismus beschränken müssen, wie in den Nullerjahren, als er sagte, er habe nichts gegen die Homo-Ehe, »solange ich da nicht mitmachen muss«. Das klang dann nicht wie Kohl, schon eher nach Adenauer. Merz, das ist sein Widerspruch, jettet mit dem eigenen Flugzeug durch die Welt, aber zu Hause in der Stube riecht’s nach Sauerbraten.

Merkel weiß, wie schnell ihre Kanzlerschaft zu Ende gehen kann, wenn Merz die Macht in der Partei erobert. Sie macht sich da keine Illusionen. Als Merz am Dienstagabend im Landesvorstand der CDU Nordrhein-Westfalen seine Kandidatur begründete, klagte er über den rüden Ton der CSU gegen Merkel. »So geht man nicht mit einer Kanzlerin um«, erklärte Merz treuherzig.

Gleichzeitig bemühte er sich um ein vertrauliches Gespräch mit Merkel, das dann Anfang der Woche auch telefonisch zustande kam. Merz signalisierte der Kanzlerin, dass er als Parteichef nicht gegen sie arbeiten würde. Später wiederholte er die Zusage auch öffentlich. Aber Merkel ist lange genug im Geschäft, um zu wissen, was von solchen Versprechen im Zweifel zu halten ist.

* In der Fotogalerie vor dem Fraktionssaal der Union im Berliner Reichstag.

Melanie Amann, Tim Bartz, Dinah Deckstein, Lukas Eberle, Markus Feldenkirchen, Martin Hesse, Ralf Neukirch, René Pfister

Video
Die Macht des Andenpakts
spiegel.de/sp462018cdu oder in der App DER SPIEGEL

Politische Stationen von Friedrich Merz

1994
Abgeordneter
Bei der Bundestagswahl erobert Merz ein Direktmandat im Wahlkreis Hochsauerland. Im Parlament profiliert er sich als Wirtschafts- und Finanzexperte.

2000
Fraktionsvorsitzender der CDU/CSU
Im Sog der CDU-Spendenaffäre muss Wolfgang Schäuble von seinen Ämtern zurücktreten. Auf ihn folgen Angela Merkel als Parteichefin und Merz als Fraktionsvorsitzender. 2002 wird Merz von Merkel verdrängt.

2003
»Bierdeckel«- Steuererklärung
Mit einem radikal einfachen Einkommensteuermodell sorgt Merz im November für Furore. Sein Konzept scheitert später an der Schwesterpartei CSU.

2004
Rückzug aus der CDU-Spitze
Merz will nicht mehr für das Parteipräsidium kandidieren, legt im November sein Amt als stellvertretender Fraktionsvorsitzender nieder, bleibt aber Abgeordneter.

2009
Abschied aus der Politik
Nach der Wahl im September verlässt Merz den Bundestag. Er begründet den Schritt mit seinen beruflichen Plänen, aber auch mit seiner Unzufriedenheit über die Politik der Großen Koalition.

2014
Reformkommission
Im Oktober wird Merz Mitglied in einer von drei Kommissionen, mit denen die CDU versucht, ein neues Profil zu entwickeln.