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»In der EINFACHHEIT steckt das SCHWIERIGE«


drums & percussion - epaper ⋅ Ausgabe 6/2021 vom 06.10.2021

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Jens, wann hat sich bei dir abgezeichnet, dass du das Schlagzeugspielen zu deinem Beruf machst?

Es war quasi nicht aufzuhalten. Meine Eltern haben irgendwann aufgegeben, als sie gemerkt haben, dass ich anders war als andere Jungen. Ich wollte einfach nur Musik machen – ich wollte trommeln, trommeln, trommeln. Das war schon zu Schulbandzeiten klar, und dann bin ich relativ früh, mit 18, nach Hamburg gegangen und habe den Popularmusik-Kontaktstudiengang an der Musikhochschule mitgemacht, damals noch unter Udo Dahmen. Lustige kleine Geschichte am Rande: Anselm Kluge, der ebenfalls beim Hamburger Popkurs unterrichtet, rief mich danach in Flensburg an, meinte, er bräuchte jemanden, der Lyra spielt, und sagte was von 2000 D-Mark. Darauf meinte ich: Das tut mir leid, das kriege ich nicht zusammen. Dem folgte auf der anderen Seite lautes Gelächter – und er meinte, das wäre meine Gage. Spätestens da ...

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... zeichnete sich ab, dass ich Profi werde. In meiner Top-40- Band, in der ich damals spielte, war das quasi ein spielerischer Übergang von Flensburg nach Hamburg, wo ich die ersten tollen Kontakte geknüpft und dann angefangen habe, mit meiner Band bei Franz Plasa in dessen H.O.M.E.-Studio die ersten Aufnahmen zu machen. Da war es eigentlich klar, dass ich diesen Weg gehen würde – ein ganz schöner Weg bis jetzt [lacht].

Du spielst mit sehr vielen verschiedenen Künstlern. Wie wichtig ist in dieser Hinsicht das Sight-Reading, das Vom-Blatt-Spielen?

Das Vom-Blatt-Spielen hat bei mir immer eine Rolle gespielt, aber keine über die Maßen wich-tige. Ich habe früher mal im Landesjugendjazzorchester gespielt, einer Bigband. Ich glaube, ich war der schlechteste Bigband-Schlagzeuger, den sie jemals hatten [lacht]. Martin Wind, der spätere Kontrabassist von Peter Herbolzheimers Bigband, hat immer die Augen verdreht, wenn ich ans Schlagzeug kam, weil ich damals schon eine sehr starke Ader für Pop und Rock hatte. Ich würde nicht sagen, dass ich kein guter Jazzschlagzeuger bin, aber meine Richtung war einfach eine andere. Damals habe ich vom Blatt zu spielen gelernt und seither auch immer wieder gebraucht. Aber im Studio ist man eigentlich recht wenig mit Notenblättern konfrontiert. Notenlesen ist natürlich sehr wichtig – in der Art, dass man weiß, wo man im Song ist. Aber das direkte Vom-Blatt-Spiel war in meiner Laufbahn als Schlagzeuger nicht so oft gefragt.

VOR DER PREMIERE BEKOMME ICH VON ALLEN MUSIKERN AM WENIGSTEN SCHLAF

BIOGRAFIE

Jens Carstens, Jahrgang 1971, hat als Siebenjähriger angefangen zu trommeln. Alsbald kam er in die Schulband und hatte sieben Jahre lang Klavierunterricht. Erstes Geld als Musiker verdiente er als 16-Jähriger mit einer Top-40-Band in seiner Heimatstadt Flensburg – »die harte Schule, aber auch eine sehr schöne Zeit«, wie er selber sagt. Zwei Jahre später legte der Popkurs an der Musikhochschule Hamburg bei ihm endgültig den Hebel um. Mit Kursmitstreitern formte er Anfang der 1990er-Jahre die Band Disco. Seit 2006 unterhält er sein eigenes Projekt Autobeat. Sein Hamburger Netzwerk bescherte ihm 2010 den Job als Tourdrummer von Helene Fischer, den er seitdem bekleidet.

Noch länger ist er bei Heinz Rudolf Kunzes »Verstärkung« dabei. Carstens arbeitet auch als Kinderbuchautor und unterrichtet an der Dithmarschen Musikschule in Heide und Meldorf.

EQUIPMENT

Drums: Yamaha »Recording Custom« (»Black«) 10˝, 12˝, 16˝, 18˝ Toms und 22˝ Bassdrum 14˝ x 5,5˝ Manu-Katché-Signature-Snaredrum

Cymbals: Paiste 15˝ »Masters Dark«-Hihat 18˝ »Masters Dark«-Crash 20˝ »Masters Dark«-Crash 22˝ »Masters Dark«-Ride 15˝ »PST X Swiss Medium«-Crash

Felle: Remo »Emperor« (Toms), »Ambassador« (Snare), »Powerstroke 3«-Coated (Bassdrum)

Elektronik: Yamaha DTX Multi 12

Sticks: Agner (Jens-Carstens-Signature-Modell)

Als Livedrummer von Helene Fischer bist du mit einem der größten Pop-Acts durch die Lande getourt. Wie bist du zu dem Job gekommen?

Das kam über meine Studiotätigkeit. Als ich eine Session im Hamburger Gaga-Studio für die Gruppe a-ha getrommelt habe, hat da auch Christoph Papendieck mitgewirkt. Christoph kannte ich schon sehr lange. Er war da ganz frisch der musikalische Leiter von Helene Fischer und hat mich dann in die neue Band geholt. Ich würde sagen, es ist doch in allen Städten so, dass es eine Handvoll wichtiger Musiker gibt, die man am besten kennt und die sich auch untereinander kennen – und dann ergibt sich so etwas. Ich habe

keine richtige Audition machen müssen, sondern der musikalische Leiter kannte mich bzw. mein Spiel, und dann sagte er sich: »Das ist der richtige Mann für diesen Act.«

Du selbst bist ja auch nicht ›nur‹ Schlagzeuger, sondern auch Musical-Director, etwa bei Heinz Rudolf Kunze. Welche Aufgaben hat man da?

Stimmt, bei Heinz Rudolf Kunze spiele ich nun fast schon 20 Jahre lang, das ist eine tolle Truppe. Kunze ist ein cooler Sänger und toller Künstler. Sein musikalischer Leiter bin ich seit vier Jahren. Das ist schon einiges mehr, als nur der Schlagzeuger zu sein, und man muss viel im Blick haben: Welche Instrumente werden gebraucht, wie soll das Set sein, wird etwas vorproduziert? Du nutzt die Talente, die in der Band stecken, musst aber auch ein paar klare Ansagen machen. Ab und zu muss man sich einfach durchsetzen können – und berücksichtigen, was der Künstler will, zum Beispiel im Hinblick darauf, wie die Hits gespielt werden sollen: in der normalen Version, oder macht man etwas anders? Man muss auch ein bisschen das Management im Blick haben und berücksichtigen, was von der Seite gewollt ist – und auch, was das Publikum will. Man muss auch Visionen haben. Also, es ist immer ein Tanz auf vielen Hochzeiten, was aber auch Spaß bringt – vor allem, wenn man denn die richtigen Musiker hat, die entspannt sind und die das auch umsetzen können und wollen. Am besten erarbeitet man eh alles mit ihnen zusammen.

Sicher ist das aber nicht immer entspannt, sondern auch mit Druck verbunden, der auf einem lastet – etwa wenn bei Proben oder bei einer Tour mal was schiefgeht...

Es ist ein gewisser Druck da, vor allen Dingen, wenn es in Richtung Premiere geht. Dann sitze ich oft noch bis zwei Uhr morgens mit dem Lichtmann zusammen, wir hören uns die Tracks über die große Anlage an, besprechen, ob und wie wir das Licht verändern, und ich äußere meine Meinung dazu. Ich würde sagen, ich bekomme vor der Premiere auf jeden Fall am wenigsten Schlaf von allen Musikern [lacht]. Man gibt einfach alles. Und natürlich hat man einen gewissen Druck, dass schlussendlich alles aufgeht. Gott sei Dank ist bei mir bis jetzt eigentlich immer alles gut gegangen. Mit dem Druck muss man halt einfach umgehen können.

Welchen spieltechnischen Freiraum hast du in der Zusammenarbeit mit deinen Arbeitgebern – vor allem im Hinblick auf Clicktracks und Zuspieler? Erzähl doch mal am Beispiel Helene Fischer, wie das abläuft.

Bei Helene Fischer hat die Band vor der Tour am Anfang eine ziemlich lange Vorbereitungsphase, in der wir die Songs üben oder die Arrangements spielen. Dabei haben wir eine Menge Freiraum. Unser musikalischer Leiter hat sehr gute, moderne Ideen, die teilweise ganz schön vom Original der CD-Aufnahme abweichen. Helene ist da sehr offen für Vorschläge und Ideen. Teilweise üben wir als Band wirklich ein paar Wochen zusammen und machen im Studio Aufnahmen, die dann zur Tanzabteilung gehen, damit die wiederum ihre Choreografien dazu einstudieren können. Die Gewerke arbeiten quasi alle parallel, und nachher wird das alles zusammengeführt. Das ist schon sehr spannend bei so einer riesigen Produktion. Man muss, bevor’s zur ersten Show geht, alles zusammensetzen, und dann müssen die Videozuspieler zum Time-Code der Musik passen. »Helene Fischer live« ist eine sehr amerikanische Show, würde ich sagen. Vorbilder sind da, obwohl es ein anderes Genre ist, Pink und Co. Das heißt, wenn nach vielen, vielen Wochen alles steht, dann läuft es wie auf Schienen. Ich würde mal schätzen, dass das Ganze zu 98 Prozent vom Click abhängt.

DISKOGRAFIE

(Auswahl) Heinz Rudolf Kunze: Der Wahrheit Die Ehre (2020) Helene Fischer: Helene Fischer (2017)

Heinz Rudolf Kunze, Jens Carstens, Julia Ginsbach: Quentin Qualle – Rock Am Riff (2015) a-ha: Foot Of The Mountain (2009)

Rosenstolz: Willkommen (2004)

Jan Plewka: Zuhause da war ich schon (2002)

Udo Lindenberg: Und ewig rauscht die Linde (1996)

NETZ

www.instagram.com/ jenscarstens_/?hl=de

Es geht auch nicht anders, weil das Licht, die Videozuspieler und alles andere zum Click-Time- Code läuft. Dass das alles synchron läuft, ist ganz wichtig bei so einer großen Arena-Bühnenshow.

Du bist ein Schlagzeuger, der immer das spielt, was der Song braucht. Worauf sollte man in Sachen »songdienliches Spiel« achten? Wie kann man das üben?

Ich sehe mich als musikalischen Schlagzeuger; als Musiker scanne ich den ganzen Song und überlege mir bei jedem Titel, was dieser spezifische Song braucht. Ich kann also nur als Tipp geben, einfach viel zu Songs zu spielen und sich anzuhören, was bei bekannten Produktionen die jeweiligen Schlagzeuger gespielt haben – und bei allem immer die Produktion und die Komposition im Blick zu behalten. Natürlich geht es immer wieder Parts, besonders Instrumentalparts, wo man sich austoben kann, aber wichtiger ist mir, eine Dynamik in das Lied hineinzubringen. Ich hatte ja auch sieben Jahre lang Klavierunterricht und komponiere selber viele Songs. Wenn man am Schlagzeug ein Lied begleitet, finde ich es wichtig, sich nicht nur als Schlagzeuger zu sehen, der sich auslebt, sondern als Teil der Band.

Dein Karrieretipp für diejenigen, die einen ähnlichen Weg wie du einschlagen wollen?

Mein Tipp lautet: Ganz viel Spaß haben an dem, was man tut, viel spielen, immer noch mal einen Meter mehr machen und ganz viel ausprobieren. Und nicht zu früh »Nö, das mag ich nicht.« sagen, sondern versuchen, sich mit Dingen anzufreunden. Und auch gerade bei einfachen Dingen nicht sagen: Och, das ist mir zu simpel, das muss ich nicht machen. Oft steckt gerade in der Einfachheit das Schwierige, finde ich. Es gibt dieses Beispiel von Michael Jacksons Song »Beat It«. Es ist nämlich gar nicht so einfach, vier Minuten lang diesen scheinbar simplen Beat so amtlich zu spielen, dass es am Ende für einen Welthit-Groove reicht.

Interview: Dirk Brand Transkription: Cord Radke