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In der FALLE?


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Madame - epaper ⋅ Ausgabe 11/2022 vom 12.10.2022

REFLEXION

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ZU SEXY FÜRS AMT? Die finnische Premierministerin Sanna Marin posierte 2020 für das Magazin „Trendi“ im Blazer. Ohne BH. Damit entfachte sie damals schon eine hitzige Debatte, welche Kleidung angemessen wäre.

Eswar Anfang August und für finnische Verhältnisse ziemlich heiß. Corona schien Geschichte, die Stimmung war leicht überdreht. Es gab Alkohol und womöglich noch deftigere Euphorieverstärker. Jedenfalls wurde es eine wilde Party, und irgendjemand machte Videos mit dem Handy: johlende Leute in ihren 30ern, die in einem Wohnzimmer Grimassen schneiden und sich selbstironisch-sexy antanzen. Eine junge Frau im Spaghettiträger-Top reißt die Arme in die Luft, kniet auf dem Boden.

Wackelige Filmchen dieser Art flackern täglich abermillionenmal über unsere Social-Media-Kanäle, ohne dass sie größeren Anstoß erregen würden. Aber bei diesem hier war die Sache anders. Ganz anders. Denn die Frau, ...

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... die sich da inmitten der aufgekratzten Party Crowd fröhlich lasziv räkelt, war nicht irgendeine Mittdreißigerin, sondern Sanna Marin, 36 Jahre alt, verheiratet, Mutter einer vierjährigen Tochter und seit bald drei Jahren Ministerpräsidentin Finnlands. Ein Land, das eine 1350 Kilometer lange Grenze mit Russland hat und gerade dringend in die Nato aufgenommen werden will, weil die Weltlage ziemlich ernst ist.

Binnen Kurzem tauchten weitere Bilder der rauschhaften Nacht auf. Gefeiert wurde in zwei verschiedenen Wohnungen und schließlich im Separee eines Helsinkier Szeneclubs mit dem treffenden Namen „Klubbi“. Tagelang beherrschten die geleakten

Videoschnipsel die Schlagzeilen. Marin geriet in Erklärungsnot. Darf eine Ministerpräsidentin inmitten einer Wirtschaftskrise und einer angespannten Sicherheitslage einfach mal eine Nacht durchfeiern, um Druck abzulassen? Und vor allem: Darf sie sich als Frau, die das höchste Regierungsamt innehat, dabei in sexy Posen filmen lassen, während die Streitkräfte in erhöhter Alarmbereitschaft sind?

Zunächst gab sie sich wortkarg, sie bedauerte nicht etwa, dass sie gefeiert hatte, sondern lediglich, dass die privaten Bilder geleakt worden waren. Ja, sie habe Alkohol getrunken, räumte sie ein, aber in Maßen und so, dass sie jederzeit in der Lage gewesen wäre, ihr Amt auszuüben. Ob bei der Party auch Drogen konsumiert worden seien? „Nicht, dass ich wüsste“, antwortete Marin knapp. Das stand in  einem gewissen Kontrast zu den Gesten und dem Gesang einiger Partygäste – Musiker, Models und ein paar Influencer – auf dem Video, denn die reiben sich die Finger unter die Nase und rufen „Jauhojengi“. Grob übersetzt heißt das so viel wie „Pulverbande“ und ist ein finnisches Slang-Wort für Kokain.

UNTE RTRÄNEN ... ... entschuldigte sich Sanna Marin im August für diese ausgelassenen Partybilder, die zuvor geleakt worden waren. Die ganze Welt diskutiert, was der jungen Amtsinhaberin erlaubt sein soll.

ROCK ’N’ ROLL & INSTAGRAM

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Weitere Bilder tauchten auf: Sie habe mit mindestens drei Männern getanzt und bei zweien auf dem Schoß gesessen, wurde nach Auswertung des Materials protokolliert. Auf einem Videoausschnitt ist sie mit einem Mann zu sehen, der nicht ihr Ehemann ist und ihrem Nacken mit seinem Mund ziemlich nahekommt. Und dann gab es noch ein Foto von zwei Models, die ihre blanken Brüste notdürftig mit einem Pappschild mit der Aufschrift „Finnland“ verdecken, während sie sich innig küssen. Das Bild ist offenbar in der Residenz der Ministerpräsidentin entstanden, in jenem Saal, in dem sie sonst Pressekonferenzen mit ausländischen Gästen abhält. Da zuckten dann auch Finnen zusammen. Denn die Residenz der Premierministerin ist in Finnland „ein bisschen wie ein heiliger Ort der Demokratie“, erklärt die Politikwissenschaftlerin Johanna Vuorelma vom Center for European Studies der Universität Helsinki.

Marin entschuldigte sich für diese Aufnahmen – die bereits im Juli bei einer früheren Party entstanden waren – und nannte sie „unangemessen“. Sie hatte die beiden Social-Media-Sternchen nach dem Besuch des Musikfestivals Ruisrock offenbar gemeinsam mit weiteren Bekannten zu einer Party in ihrer Residenz Kesäranta eingeladen. Eine der Küssenden leistete Abbitte: Sie bedaure zutiefst, ein Foto veröffentlicht zu haben, das nicht hätte aufgenommen werden sollen, sagte Sabina Särkkä, die im Übrigen auch in jener rauschenden Nacht am 6. August mit von der Partie war. Da hatte die Premierministerin ziemlich eng mit ihr getanzt. Ebenfalls öffentlich äußerte sich der Sänger Olavi Uusivirta – jener Mann, der am Hals der Ministerpräsidentin hing: Er habe keine Affäre mit Marin, versicherte Uusivirta und wünschte allen noch ein schönes Wochenende.

Spätestens da war die ganze Nummer aus dem Ruder gelaufen. Marin musste gegensteuern. Sie unterzog sich einem Drogentest: negativ.

Die Opposition zog die Urteilsfähigkeit der Premierministerin dennoch in Zweifel. Die Gesellschaft aus Influencern und Starlets, mit denen sie sich vergnügte, weckte Argwohn. Kein guter Umgang für eine Premierministerin. Sie laufe Gefahr, erpressbar zu werden. Kritiker und Journalisten aus aller Welt durchforsteten derweil ihre Social-Media-Konten nach Auffälligkeiten. Ergebnis: Auf den meisten Bildern trägt Sanna Marin diskrete dunkle Blazer und Hosen, gelegentlich knielange Röcke und weiße Tops. Arbeitskleidung, hinter der die Person und die Frau gleichsam verschwindet.

Doch ihre Gegner versuchten einige wenige Glamour-Shots als Beleg für ihren Hang zur Inszenierung zu werten. Es gibt ein paar Babyfotos von ihrer Tochter und eines, das Marin beim Stillen zeigt. Die Bilder sind allerdings vier Jahre alt. Vor zwei Jahren hat sie sich für das Magazin „Trendi“ doch tatsächlich im Blazer und ohne Bluse fotografieren lassen! Und am fraglichen Abend vor der Party in ihrer Residenz im Juli hatte sie das Ruisrock-Musikfestival besucht – und sich dabei von der Fotografin Janita Autio in Biker-Jacke, Boots und Cut-off-Shorts ablichten lassen. Janita Autio steht auch im Verdacht, die Partyvideos gefilmt und auf ihrem privaten Instagram-Account veröffentlicht zu haben.

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„Natürlich spielt das Geschlecht bei der ganzen Diskussion eine Rolle, aber diese Sache wäre auch zum Skandal geworden, wenn es um einen männlichen Premier ginge“, glaubt Anu Koivunen, Professorin für Gender Studies an der Universität Turku. Schwungvoller Alkoholgenuss sei in Finnland weit verbreitet und gesellschaftlich durchaus geduldet, allerdings nur, solange er sich im Privaten vollziehe. „Dass die Partybilder öffentlich wurden, darin liegt der Skandal“, glaubt Koivunen.

Hinzu komme allerdings, dass Marins Tanzbewegungen nun mal aus dem Reservoir popkultureller Vorstellungen sexualisierter Weiblichkeit schöpften. „Da wird die Premierministerin, die sonst im schwarzen Arbeitskostüm wie hinter einem Panzer verschwindet, auf einmal zum weiblichen Körper.“ Die Finnen müssten nun im Grunde „drei Versionen von Sanna Marin“ miteinander vereinbaren, glaubt Koivunen: „Die nüchterne, kaum emotionale, Hosenanzug tragende Krisenpolitikerin; das ‚Partygirl‘, das sexy Posen macht; und die mittlerweile weltweit bekannte Medienperson. Dass die Premierministerin eine Celebrity ist, für die Hillary Clinton tanzt, sind die Finnen nicht gewohnt“, erklärt Koivunen.

Auch die Politikwissenschaftlerin Johanna Vuorelma glaubt nicht, dass Marin stärker in der Kritik steht, weil sie eine Frau ist. „Das wird im Ausland wahrscheinlich eher überbewertet“, schätzt Vuorelma. „Wir sind in Finnland eigentlich ziemlich weit in Sachen Gleichberechtigung. Sie ist schließlich nicht die erste Frau als Premierministerin, und männliche Premiers sind für Geringeres schon viel härter kritisiert worden.“ setze verstoßen?“, ist die legale; „Hat sie die Institution des Ministerpräsidentenamtes beschädigt?“, ist die politische. Und: „Sollte eine Mutter sich so in der Öffentlichkeit benehmen?“, ist die moralische.

Die Politologin sieht drei Aspekte, die in der Debatte in Finnland vor allem eine Rolle spielen: „Es gibt eine legale, eine politische und eine moralische Dimension: „Hat sie gegen Ge- Marin hatte beim Aufbau ihres Images in den Jahren zuvor großen Wert darauf gelegt, als bodenständige, pflichtbewusste und fleißige Person zu erscheinen, die mit ihrem Mann – mit dem sie seit 18 Jahren zusammen ist – in einem finnischen Durchschnitts-Millennial-Apartment wohnt, das sie „gern putzt“, wie sie in einem Interview verriet. Sie kommt aus einer Familie der unteren Mittelklasse und jobbte nach der Trennung ihrer Eltern in einer Bäckerei, um die Mutter zu entlasten. Diese lebte nach der Scheidung von Sanna Marins Vater übrigens mit einer Frau zusammen. Die Erfahrung der Regenbogenfamilie machte Marin zu einer entschiedenen Kämpferin für LGBTQ-Rechte.

Während ihre Gegner der Premierministerin einen Mangel an Reife und Urteilskraft attestierten, lösten die geleakten Videos zugleich eine internationale Welle feministischer Solidarität aus. In ganz Skandinavien posteten Frauen Tanzvideos zur Unterstützung von Marin. Die Aktion zog Kreise, schließlich tanzten auch Hillary Clinton und der Shootingstar des linken Flügels der Demokraten in den USA, Alexandria Ocasio-Cortez. Clinton postete ein Foto, das sie vor Jahren bei einem Besuch Cartagenas in Kolumbien zeigt – damals war sie noch Außenministerin der USA. „Tanz weiter, Sanna Marin“, twitterte Clinton zum Bild.

REGENBOGEN- POWER Gute Laune und Flagge zeigen: Sanna Marin geht bei der Helsinki Pride im Juli für die Rechte der LGBTQ auf die Straße. Marin wurde von ihrer Mutter und deren Lebenspartnerin großgezogen, nachdem ihr Vater die Familie verlassen hatte.

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Marin hatte unterdessen ein weiteres Mal öffentlich um Verständnis gebeten. Auf einer Parteiveranstaltung der Sozialdemokraten erklärte sie Ende August unter Tränen, sie sei auch nur ein Mensch, der in „diesen dunklen Zeiten etwas Freude Licht und Spaß“ brauche. Sie verstehe, dass diese privaten Bilder niemand sehen wolle, aber sie habe keine einzige Amtsverpflichtung versäumt und werde sich weiter dafür einsetzen, das Land stärker zu machen. „All das“ – damit warten wohl die Partys gemeint – sei doch irrelevant, wo es die europäischen Freunde in Kiew doch gerade so schwer hätten.

Mit diesem für ihre Verhältnisse ungewöhnlich emotionalen Auftritt scheint sie den Skandal fürs Erste hinter sich gelassen zu haben. Mitte September zeigten Umfragen, dass ihre Popularität sogar gestiegen war. Dass man ihr die Partyaffäre in Finnland bislang nachzusehen scheint, liegt auch daran, dass sich die junge Frau in den knapp drei Jahren im Amt als effiziente Anführerin einer komplexen Fünf-Parteien-Koalition und als seriöse Krisenmanagerin erwiesen hat. Als sie im Dezember 2019 ins Amt kam, war sie mit 34 die jüngste Regierungschefin Europas. Bis auf eine kurze Phase als Transport- und Kommunikationsministerin hatte sie noch nie eine Behörde geführt. Ihre Berufserfahrung beschränkte sich auf einen Aushilfsjob als Kassiererin in einem Kaufhaus, mit dem sie ihr Studium finanzierte.

Nach kaum drei Monaten im Amt sah sich die junge Premierministerin mit der Corona-Epidemie konfrontiert. Die bewältigte sie bislang relativ souverän. Die größte Herausforderung ergab sich für Marin jedoch durch den Ukraine-Krieg. Finnland verbindet mit Russland eine jahrhundertelange, konfliktreiche Geschichte. Die Erinnerung an den Winterkrieg der Jahre 1939/40, in dem Zehntausende Finnen starben und das Land große Gebiete an die Sowjetunion verlor, prägt bis heute die Erinnerung vieler Familien. Nach dem russischen Angriff auf die Ukraine Ende Februar gab Finnland seine seit fast 80 Jahren bestehende militärische Blockfreiheit auf und beantragte noch im Mai gemeinsam mit Schweden die Aufnahme in die Nato.

Es war eine Zeitenwende auf Finnisch. Marin, die eher dem linken Flügel der Sozialdemokratie angehört, spielte eine entscheidende Rolle, nicht nur zögernde finnische Genossen zum radikalen Kurswechsel zu bewegen, sie half auch, die noch stärker pazifistisch geprägten schwedischen Sozialdemokraten zu überzeugen.

Als sie den Beschluss zum Nato-Beitritt gemeinsam mit der damaligen schwedischen Ministerpräsidentin Magdalena Andersson auf einer Pressekonferenz verkündete, trug Sanna Marin übrigens die inzwischen notorische Biker-Lederjacke. Ministerpräsidentinnen können also auch in Lederjacken sehr ernsthafte Politik machen.

AUTOR Sascha Lehnartz, 53, ist Chefkorrespondent für Außenpolitik bei der „Welt“. Er besitzt seit 30 Jahren eine Schott-Perfecto-Lederjacke und fühlt sich nun durch Sanna Marin bestätigt. Bei Besuchen in Finnland fiel ihm angenehm auf, dass Gleichberechtigung weiter entwickelt zu sein scheint als in Deutschland.