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„IN DER TRAUER BRAUCHTE ICH ZEIT FÜR MICH“


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Frau im Spiegel - epaper ⋅ Ausgabe 44/2021 vom 27.10.2021

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Bildquelle: Frau im Spiegel, Ausgabe 44/2021

STARKE FRAU Gila von Weitershausen, eine Urenkelin des Reichskanzlers Georg von Hertling (1843-1919), arbeitet nach ihrer Auszeit wieder mehr in ihrem Beruf

Bislang mochte sie über diese Zeit nicht öffentlich sprechen: Im Mai 2020 hat Gila von Weitershausen, 77, ihren geliebten Mann Dr. Hartmut Wahle verloren. Der Radiologe und Psychoanalytiker starb nach längerem Krebsleiden nur zwei Wochen vor seinem 80. Geburtstag. Über 30 Jahre waren die beiden ein Paar. In Wahles Todesanzeige stand: „Man sieht die Sonne langsam untergehen und erschrickt doch, wenn es plötzlich dunkel ist“. Für die Schauspielerin, die gerade in Hamburg als tanzende Witwe auf der Bühne steht, gibt es nach dem Trauerjahr wieder mehr Licht und Freude. Nicht nur ihre Familie, besonders Sohn Manuel sowie ihre Enkel Eloise, 13, Daphne, 11, und Hugo, 8, helfen ihr dabei. Auch der Beruf und das Annehmen der Trauer.

Als Lily Harrison erobern Sie in der Tragikomödie „Sechs Tanzstunden in sechs Wochen“ das Hamburger Theaterpublikum. Sind Sie eine gute ...

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... Tänzerin?

Eigentlich nicht, zumindest was Standardtänze angeht. Natürlich war ich als junges Mädchen in der Tanzstunde, aber ich fand das spießig und bürgerlich. Ich bin eine 60er-Jahre-Frau, habe lieber Rock’n’Roll zu den Stones und den Beatles getanzt. Ich habe die Fetzen fliegen lassen.

Auf der Bühne des Ernst Deutsch Theaters machen Sie trotzdem eine sehr gute Figur. Haben Sie einen Lieblingstanz?

Der einzige Standardtanz, den ich wirklich liebe, ist der Wiener Walzer. Zum Strauß- Walzer aus dem Radio habe ich an Silvester immer mit meinem Mann ins neue Jahr hineingetanzt. Das hatte so etwas Fröhliches, Beschwingtes, Positives.

SECHS TANZSTUNDEN IN SECHS WOCHEN

TANZEN IN DER TRAUER In der Tragikomödie spielt Gila von Weitershausen die Witwe Lily, die ihre Tochter verloren hat. Sie hat Tanzlehrer Michael Minetti (Mark Weigel, 52) engagiert. Er trauert um seinen Freund

Im Theaterstück sind Sie eine pensionierte Lehrerin, waren mit einem Baptistenprediger verheiratet, haben Ihre Tochter ver-loren und sind jetzt Witwe. Ganz schön viele Schicksalsschläge auf einmal…

Das stimmt. Aber Lily war in ihrer Ehe nicht glücklich. Ihr Mann war stockkonservativ, tiefgläubig und streng. Er hat sie unter Druck gesetzt. Sie hat sehr gelitten und fühlt sich nach seinem Tod wie befreit.

Was machen Sie tagsüber in Hamburg?

Die sechswöchigen Proben waren anstrengend und auch die Vorstellungen kosten viel Kraft. Ich bin tagsüber in meiner freien Zeit eigentlich ziemlich faul. Um meinen Akku aufzuladen, gehe ich viel raus und erkunde Hamburg zu Fuß. Ich flaniere und genieße die Stadt.

STOLZE MUTTER

VERBUNDENHEIT Sohn Manuel, heute 50, stammt aus von Weitershausens Beziehung mit dem französischen Regisseur Louis Malle

Wo wohnen Sie in Hamburg?

In einer kleinen Wohnung im Grindel-Viertel. Hier ist es lebendig. Jung und alt, bürgerlich und nicht bürgerlich begegnen sich. Es gibt viele kleine Läden und italienische Restaurants. Ich liebe Pasta in allen Variationen!

Wie wichtig ist Ihr Beruf für Sie?

Ich habe in den letzten Jahren wegen meiner privaten Situation kaum gearbeitet. So langsam fange ich wieder an. Im Sommer habe ich eine Folge von „Kreuzfahrt ins Glück“ gedreht und jetzt ist Theaterspielen dran. Das war auch ein Versuch.

Inwiefern?

Ich fragte mich: „Geht es überhaupt? Kann ich noch spielen? Kann ich mir die langen Texte merken?“ Und ja, zum Glück funktioniert noch alles! Sowohl körperlich als auch geistig. Die Arbeit macht mir zwar viel Spaß, aber ich werde definitiv nicht mehr so viel spielen wie früher. Wenn jedoch ein schönes Angebot kommt, bin ich aufgeschlossen.

Sie haben schwere Zeiten hinter sich. 2020 starb Ihr Mann Hartmut. Wie haben Sie diesen Verlust verkraftet?

In der ersten Phase der Trauer brauchte ich meine Zeit für mich, ging auf Distanz und habe mich zurückgezogen. Ich wollte außer meiner Familie niemanden sehen. Doch irgendwann ist es gut, auch wieder unter Menschen zu gehen und sich mit anderen Themen zu beschäftigen. Die Arbeit war dabei hilfreich. Mein Rat für alle Trauernden: Man sollte sich nicht zu lange verkriechen. Man muss den inneren Schweinehund überwinden und wieder rausgehen.

Wie wichtig war das Trauerjahr für Sie?

Mir war nie bewusst, dass das Trauerjahr wirklich stattfindet. Aber es ist tatsächlich so. Ich habe diese zwölf Monate gebraucht. Ich habe mich nicht nur mit der Erinnerung an die Zweisamkeit beschäftigt, sondern auch mit dem Alleinsein. So nach dem Motto: „Ich habe das geschafft!“ Das hat mich gestärkt. Man sollte das Trauerjahr zulassen. Die Zeit hilft definitiv bei der Trauer.

„Mein Mann fehlt mir jeden Tag“

Man sagt, dass man als Trauernder alles einmal durchleben muss: also Geburtstage, den Hochzeitstag, Weihnachten …

Das stimmt. Danach wird es allmählich besser, der Schmerz anders und erträglicher. Dennoch vermisse ich meinen Mann. Er fehlt mir jeden Tag.

Haben Sie psychologische Hilfe in Anspruch genommen?

Nein. Durch meinen Mann, der ja Therapeut war, gibt es in meinem Umfeld viele Menschen, die in dem Bereich arbeiten. Insofern wurde und werde ich da gut aufgefangen.

Das Leben muss ja auch irgendwie weitergehen…

Diesen Satz hört man oft. Doch es ist tatsächlich eine elementare Entscheidung: Lebe ich weiter oder nicht? Schaffe ich das ohne meinen Partner oder nicht? Ich habe es geschafft. Was hat Ihnen in der Trauerbewältigung noch geholfen?

Ich spreche mit meinen Naturgeistern, wenn ich spazierengehe. Ich nehme das Leben heute anders wahr, viel bewusster und noch viel intensiver als früher.

Welchen Stellenwert Ihr Mann für Sie?

Er war mein Mann. Das sagt doch alles, oder?

Ihr Sohn Manuel lebt mit seiner Familie in Paris. Wie oft sehen sie sich?

So oft es geht. Im Sommer haben wir zusammen vier Wochen Ferien gemacht. Meine drei Enkelkinder wachsen mir so langsam über den Kopf. Die beiden Mädchen sind jetzt Teenager und gehen aufs Gymnasium. Ich freue mich schon auf Weihnachten. Da kommen alle zu mir ins Chiemgau. An den Kindern sieht man wirklich, wie die Zeit vergeht. Mein Sohn ist jetzt 50!

Haben Sie unerfüllten Lebenstraum?

Nein. Ich bin ganz zufrieden mit meinem Leben. Mein Traum waren immer die Bretter, die die Welt bedeuten. Ich darf noch heute auf ihnen stehen und spielen. Das ist ein großes Geschenk und macht mich glücklich.

Könnten Sie sich irgendwann eine neue Partnerschaft vorstellen?

Damit beschäftige ich mich momentan überhaupt nicht. Ich habe ja meine Familie und meine Freunde.

Können Sie gut allein sein?

Ja, ich bin sogar gern allein. Das ist auch berufsbedingt. Ich war in den letzten Jahrzehnten so viel unterwegs und habe immer allein in Hotels und Wohnungen gelebt. Für mich ist der Zustand des Alleinseins also nicht neu. Aber damals gab es immer auch das Zuhause, in dem mein Mann auf mich wartete. Das ist jetzt nicht mehr so. ◼

CLAUDIA WILLRUTH