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„In der Wildnis lernte ich , das Leben zu nehmen , wie es ist“


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flow - epaper ⋅ Ausgabe 69/2022 vom 11.10.2022

Lebenslauf

Artikelbild für den Artikel "„In der Wildnis lernte ich , das Leben zu nehmen , wie es ist“" aus der Ausgabe 69/2022 von flow. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: flow, Ausgabe 69/2022

CHERYL STRAYED (*1968, Spangler, Pennsylvania) ist eine amerikanische Schriftstellerin und Kolumnistin. Nach ihrem Literaturstudium veröffentlichte sie 2006 ihren Debütroman Torch (erschien unter dem deutschen Titel Wildblumen im Schnee). 2012 folgte ihr zweites Buch Wild (deutscher Titel: Der große Trip -Wild), mit dem ihr der Durchbruch gelang. Es wurde mit Reese Witherspoon in der Hauptrolle verfilmt. Ihre Ratgeberkolumne Dear Sugar brachte Cheryl Strayed viel Aufmerksamkeit. Sie lebt mit ihrem Mann Brian Lindstrom und ihren beiden Kindern in Portland, Oregon.

VERGANGENHEIT

„NACH DEM TOD MEINER MUTTER VERSUCHTE ICH, DIE FAMILIE ZUSAMMENZUHALTEN. DOCH IN UNSERER TRAUER DRIFTETEN WIR ALLE IN UNTERSCHIEDLICHE RICHTUNGEN AUSEINANDER.“

Es ist noch nicht lange her, da habe ich mich von den Kleidungsstücken getrennt, die zu einer meiner frühesten Kindheitserinnerungen gehören: ...

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... eine gestrickte Hose, eine Weste und ein Hut in der Farbe einer Cantaloupe-Melone. Ich weiß noch, wie ich sie getragen habe – da muss ich etwa zweieinhalb Jahre alt gewesen sein. Ich ging mit meiner Mutter die Straße entlang. Es war für mich etwas Besonderes, allein mit ihr unterwegs zu sein. Normalerweise waren wir nämlich zu dritt: meine Mutter, meine drei Jahre ältere Schwester Karen und ich. Ich fühlte mich unheimlich toll. Nicht unbedingt wegen meines Outfits, sondern vor allem, weil ich mit meiner Mutter allein war und mir wie ein großes Mädchen vorkam.

Damals wohnten wir noch mit meinem Vater zusammen, und später bekam ich auch noch einen kleinen Bruder, Leif. Doch meine Eltern führten keine gute Ehe. Sie mussten heiraten, als meine Mutter mit meiner Schwester schwanger wurde. 1965 gab es für sie nur drei Möglichkeiten: eine illegale Abtreibung, zu der sie nicht den Mut hatte, das Kind zur Adoption freizugeben, was sie nicht wollte, oder zu heiraten. Notgedrungen entschied sie sich für Letzteres. Meine Eltern waren gerade drei Tage verheiratet, da verprügelte mein Vater meine Mutter zum ersten Mal. Und das tat er immer wieder, bis sie irgendwann den Mut aufbrachte, ihn zu verlassen, buchstäblich mit uns dreien unterm Arm. Das war hart, für uns, aber besonders für meine Mutter. Ein paar Jahre später lernte sie meinen Stiefvater kennen. Wir zogen in den Süden Minnesotas aufs Land, mitten ins Nirgendwo. Unser Zuhause war primitiv; wir hatten weder eine Innentoilette noch Strom. Dennoch verbrachten wir schöne Jahre dort. Auf der täglichen Busfahrt zur Schule, die drei Stunden dauerte und größtenteils über unbefestigte Straßen führte, träumte ich davon, wie mein Leben später aussehen würde. Anders, da war ich mir sicher.

Meine Mutter starb jung; sie war erst 45. Ich war damals 22, im selben Alter wie sie, als sie mit mir schwanger geworden war. Als sie die Krebsdiagnose erhielt, hatte sie nur noch drei Monate zu leben. Die Nachricht traf mich völlig unerwartet. Während ihrer Krankheit war ich immer für sie da. Ich half ihr, blieb bei ihr im Krankenhaus und sorgte für sie. Nach ihrem Tod kümmerte ich mich um die Beerdigung und alles, was dazugehörte. Ich versuchte, die Lücke, die sie hinterließ, zu füllen, um die Familie zusammenzuhalten. Gleichzeitig war ich über ihren Tod völlig verzweifelt. Es wurde schnell klar, dass ich diese Aufgabe nicht stemmen konnte. In unserer Trauer drifteten wir alle in unterschiedliche Richtungen auseinander. Nach ein paar Monaten geriet ich in eine Phase, in der mich der Schmerz regelrecht überwältigte. Ich zerstörte alles in meinem Leben, was gut war. Bisher war ich eine ehrgeizige junge Frau. Ich hatte immer davon geträumt, Schriftstellerin zu werden. Aber von diesem Moment an versank ich im Chaos. Ich hatte mit neunzehn geheiratet, und obwohl die Ehe gut lief – mein damaliger Mann liebte mich und ich ihn –, war ich in dieser Zeit nicht in der Lage, eine glückliche, gesunde Beziehung zu führen. Ich betrog meinen Mann und zerstörte, was wir hatten. Ich trank und nahm Drogen, um meine Gefühle zu unterdrücken. Alles lief aus dem Ruder.

Im Sommer 1995 kam ich schließlich an einen Wendepunkt. Da war ich 26. Ich entschied mich, den Pacific Crest Trail zu laufen. Dieser Fernwanderpfad führt von der Mojave-Wüste im Süden Kaliforniens bis nach Oregon nahe der kanadischen Grenze. Ich wanderte 94 Tage und mehr als 1600 Kilometer durch die Wildnis, allein und ohne Trekkingerfahrung. Das war das größte Abenteuer meines Lebens. Der Weg war härter, als ich es mir vorgestellt hatte. Und einsam: In den ersten Tagen begegnete ich keiner Menschenseele. Doch diese weite Strecke zu Fuß zurückzulegen half mir, meine Kraft wiederzufinden und mein Leben zu verändern. Ich lernte, die Dinge anzunehmen, wie sie sind. Ich wollte nicht ohne meine Mutter leben, aber ich musste es. Auch wenn das unendlich schmerzhaft für mich war.

GEGENWART

„MIT 44 VERÖFFENTLICHTE ICH MEIN BUCH WILD. MIT IHM GELANG MIR DER DURCHBRUCH ALS SCHRIFTSTELLERIN. DASS MEINE GESCHICHTE SO VIELE MENSCHEN BERÜHRT, AHNTE ICH NICHT.“

Ich habe Englisch und Literatur studiert, weil ich Schriftstellerin werden wollte. Mit 38 veröffentlichte ich mein erstes Buch. Sechs Jahre später erschien Wild, ein sehr persönliches Buch über meine Erfahrungen auf dem Pacific Crest Trail und was mich dorthin brachte. Es ist die Geschichte einer Frau, die mit nichts als einem Rucksack in die Wildnis ging. Einem Rucksack, der viel zu schwer für sie war. Und darum geht es wirklich in meinem Buch: das Unerträgliche zu ertragen. Weiterzugehen, auch wenn ich nicht noch zehn Meilen einen Berg hochgehen will. Das Buch wurde ein großer Erfolg. Es wurde in mehrere Sprachen übersetzt und schließlich mit Reese Witherspoon in der Hauptrolle verfilmt. Ich hätte nicht erwartet, dass meine Geschichte so viele Menschen berühren würde.

Bücher haben mir schon immer viel bedeutet, sowohl Belletristik als auch Sachbücher. In dunklen Zeiten half mir das Lesen, weiterzumachen. Bis heute finde ich viele Antworten auf meine Fragen in Memoiren, Romanen, Kurzgeschichten und Essays. Als ich kurz nach der Buchveröffentlichung gefragt wurde, ob ich eine Ratgeberkolumne für eine Internetseite schreiben wollte, eine Art Kummerkasten, habe ich sofort zugesagt. Ich wurde nicht dafür bezahlt, aber ich habe den Auftrag sehr ernst genommen. Ich beschloss, dass Dear

Sugar eine regelmäßige Kolumne werden sollte, für die ich anonym darüber schrieb, was es bedeutet, Mensch zu sein. Die Texte, die ich verfasste, sind sowohl durch den Verlust meiner Mutter als auch durch meine Liebe zu ihr geprägt. Eine der ersten Zuschriften, die ich erhielt, kam von einem Vater, der vom Verlust seines Sohnes berichtete. Der Junge, Anfang zwanzig, war von einem betrunkenen Autofahrer getötet worden, und der Vater war in tiefer Trauer. Er fragte, wie er nun weiterleben sollte. Einer meiner Gedanken dazu lautete: Egal, wie schlimm deine Trauer ist, irgendwann kommt wieder etwas Schönes. Das habe ich selbst so erlebt. Aber mir ist wichtig zu betonen, dass ich als Kolumnistin für Dear Sugar die Weisheit nicht gepachtet habe. Ich denke nur mit und fühle mich hinein. Ich weiß längst nicht alles.

Auch nachdem bekannt wurde, dass ich die Autorin hinter der Kolumne Dear Sugar bin und mein Buch Tiny Beautiful Things mit einer Auswahl von Briefen und Antworten aus meiner Kolumne erschienen war, machte ich weiter. Bis heute beantworte ich jeden Monat eine Reihe von E-Mails, die mir Leser:innen zuschicken. Das ist ein wichtiger Teil meiner Arbeit, und manche Briefe bringen mich um den Schlaf. Bei jeder Antwort, die ich schreibe, suche ich nach etwas in mir selbst – wobei der Grundstein für alles von meiner Mutter gelegt wurde.

Ich weiß, dass die Art, wie sie mich geliebt und erzogen hat, dazu beiträgt, wie ich mich heute fühle. Sie war weise, optimistisch und gutherzig. Das ist ein Teil von mir, und den möchte ich an andere weitergeben.

Ich bin überzeugt davon, dass die Lektionen, die wir über das Leben lernen, größtenteils mit etwas Schmerzhaftem zu tun haben. Und dass wir sie im Nachhinein oft gern ändern würden. Doch ich glaube, diese schmerzhaften Erfahrungen gehören zum Leben dazu, sie sind ein Teil davon und prägen uns. Ich werde oft von Leuten, die Wild gelesen haben, gefragt: Wenn du die Wanderung noch einmal unternehmen würdest, mit dem Wissen, das du jetzt hast – würdest du dann alles noch einmal genauso machen? Würdest du wieder so viel Ausrüstung und so ungeeignete Schuhe mitnehmen und ohne Training an den Start gehen? In einem ersten Impuls will ich dann antworten: Nein, ich würde es anders machen. Aber nach kurzer Überlegung denke ich auch: Es hat mir viel gebracht, genau diese Erfahrungen zu machen. Aus den körperlichen Schmerzen während der Wanderung, die durch das viele Zeug, das ich mit mir herumschleppte, noch schlimmer wurden, lernte ich zum Beispiel, dass ich die Konsequenzen meiner Entscheidungen tragen muss. In jedem Moment mit dem auskommen zu können, was ist – das ist das Leben.

ZUKUNFT

„WAS ICH DAMALS DACHTE, ALS ICH NACH DREI MONATEN ZU FUSS MEIN ZIEL ERREICHTE, DENKE ICH AUCH HEUTE FAST JEDEN TAG: WIE DANKBAR ICH FÜR JEDEN EINZELNEN KILOMETER BIN.“

Neun Tage nach meiner Rückkehr vom Pacific Crest Trail lernte ich meinen jetzigen Mann Brian Lindstrom kennen. Vier Jahre später waren wir verheiratet. Er ist Dokumentarfilmer und kommt wie ich aus der Arbeiterklasse. Wir sind Seelenverwandte: Wir teilen die gleichen Werte und haben die gleiche Einstellung zum Leben. Aber wir sind auch beste Freunde. Mit Brian zusammenzukommen war mit das Beste, was mir je passiert ist. Wir beide gehen jeden Tag spazieren, reisen gerne und unterstützen uns gegenseitig bei der Arbeit.

Brian und ich haben zwei Kinder: Unser Sohn Carver ist 18, unsere Tochter Bobbi, benannt nach meiner Mutter, ist 16. Mutter zu sein und mit Kindern zu leben hat sich auf jeden Aspekt meines Lebens ausgewirkt. Es erfordert unglaublich viel Hingabe, und gleichzeitig habe ich so viel von meinen Kindern gelernt. Seit ich selbst Kinder habe, denke ich oft daran, wie viel meine Mutter mir beigebracht hat. Ich frage mich auch, wie sie es damals geschafft hat, als sie meinen Vater verlassen und uns drei mitgenommen hat. Sie war erst 27, und wir waren noch so klein. Wir hatten weder Geld noch irgendeine Sicherheit. Und auch wenn wir ihr als Kinder hier und da geholfen haben: Sie hat alles gemeistert, und wie!

Mit meinen Geschwistern hatte ich früher ein enges Verhältnis und wir standen uns nah. Jetzt, als Erwachsene, ist das leider nicht mehr so, und auch von meinem Stiefvater habe ich mich entfernt. Er war sehr lieb zu mir, als meine Mutter noch lebte, und ich bin dankbar, dass ich zumindest für einen Teil meines Lebens eine Vaterfigur hatte. Aber schon bald nach dem Tod meiner Mutter lernte er eine andere Frau kennen, mit der er immer noch zusammen ist und die sich vermutlich von unserer Existenz bedroht fühlte. Er hat sich für sie entschieden.

Inzwischen bin ich 54, und es fällt mir immer leichter, mich von materiellen Dingen zu trennen. Ich dachte früher lange: Ich muss alles behalten, denn das ist das Einzige, was ich noch von meiner Mutter habe. Dass unsere Familie nach dem Tod meiner Mutter auseinanderbrach, bleibt für mich das Schmerzlichste. Nicht zuletzt deswegen habe ich wahrscheinlich den ganzen alten Krempel aufgehoben: von der melonenfarbenen Kinderkleidung bis zum Hochzeitsschleier meiner Großmutter. Ich wurde über die Jahre zur Hüterin aller Dinge. Das war eine echte Bürde, denn lange hatte ich keinen festen Wohnsitz und musste für die Sachen einen Lagerraum mieten. Sie waren mir wichtig, weil sie mich an meine Mutter erinnerten. Heute befinde ich mich in einem Prozess des Loslassens. Natürlich besitze ich noch einige Erinnerungsstücke, die ich niemals hergeben würde. Aber vieles hat für mich seinen Zweck erfüllt. Wenn ich Texte für Dear Sugar schreibe, geht es auch oft darum: um das Abwerfen von seelischem oder materiellem Ballast und darum, nicht länger alles kontrollieren zu wollen. Die Hollywood-Version des Loslassens sieht so aus, dass man sich irgendwann von allem trennt und ruft: „Ich bin frei!“ In der Realität verläuft die Entwicklung oft viel langsamer – in meinem Fall dauert sie schon seit Jahrzehnten an.

Es ist nun genau 27 Jahre her, dass ich mein Ziel, die Brücke der Götter, zu Fuß erreichte und meine über 1600 Kilometer lange Wanderung beendete. Was ich damals dachte, denke ich auch heute noch fast jeden Tag: wie dankbar ich für jeden einzelnen Kilometer bin. Die schweren, die leichten, die schönen, die elenden. Der Tod meiner Mutter hat bis heute großen Einfluss auf meine Lebenseinstellung. Ich hatte mir nie viele Gedanken über Sterblichkeit gemacht, doch seit ihrem Tod bin ich mir ihrer sehr bewusst. Ich weiß inzwischen, wie schnell sich alles ändern kann. Ihr Tod hat mir die Augen dafür geöffnet, wie wichtig es ist, anderen zu sagen, dass man sie liebt und was sie einem bedeuten. Und nicht zu warten, bis irgendwann der richtige Moment kommt. Sprich aus, was du auf dem Herzen hast, und zwar sofort und jederzeit! Das ist meine Botschaft.

INTERVIEW CLEMENTINE VAN WIJNGAARDEN