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IN DIE FERIEN MIT DEM E-CAR


arrive - epaper ⋅ Ausgabe 6/2019 vom 27.09.2019

Von Hamburg aus nach Italien – mit einem rein batteriebetriebenen Auto und zwei Kindern auf dem Rücksitz: Ist das Wahnsinn oder vielleicht der beste Urlaub der Welt? Eine Familie wagte mit dem neuen Kia e-Niro den Praxistest.


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Bildquelle: arrive, Ausgabe 6/2019

Das schnelle Laden kriegen auch schon die Jüngsten locker hin.


Zunächst ein Geständnis: Ich habe mit meiner Familie schon viele Kreuzfahrten gemacht, wir sind in der Elternzeit nach Australien geflogen und fahren einen zehn Jahre alten Diesel. Dazu bin ich als Journalist schon aus unsinnigsten Gründen für Geschichten um die halbe Welt geflogen. Kurz: Ich bin kein (ökologisch) guter ...

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... Mensch.

Vielleicht haben mich deshalb Greta und die Fridays-for-Future-Kids gepackt. Anfang 2019 gelobte ich Besserung und entschied: In den Sommerferien machen wir einen möglichst CO₂-neutralen Urlaub. Meine Frau war: bestürzt. Meine Kinder: vorsichtig interessiert. Zwei Wochen lang wollten wir durch Österreich und Südtirol reisen, in nachhaltig geführten Hotels übernachten, Wegwerf-Plastik vermeiden und Experten für die Reise der Zukunft werden.

Das richtige Auto (reiner Batterieantrieb, Platz für Kindersitze, Kofferraum für Buggy und genug Gepäck, möglichst große Reichweite, vernünftiger Preis) war schnell gefunden. Seit April 2019 ist der Kia e-Niro auf dem Markt, auf dem Papier entkräftet er jedes Argument von e-Car-Hatern: Mit einer Batterieladung soll er satte 455 Kilometer fahren, innen ein wahres Raumwunder sein, sich an einer Schnellladestation in weniger als eine Stunde aufladen lassen.

WELCHER WAGEN DARF ES SEIN?

Als er dann in Hamburg-Eppendorf vor unserer Tür steht, bin ich also immer noch optimistisch. Meine Frau jedoch kennt mich. Durch zehn Jahre Ehe ist sie sehr geübt darin zu erkennen, welche meiner Aussagen wirklich von Fakten untermauert sind. Und wirklich weiß ich nicht so genau, ob mein Halbwissen stimmt, das ich ihr gegenüber äußere: „Es gibt genug Schnellladestationen an den Autobahnen.“ „Der Stecker des e-Niro passt überall“, und „Bis München müssen wir vielleicht sogar nur einmal stoppen zum Laden.“

ANFANG MIT TÜCKEN

Unser Sohn Jesse ist mit seinen sieben Jahren aber sofort ein Fan, als wir am Vorabend der Reise zum Laden fahren. Wir haben gleich eine Ladestation der Hamburger Stadtwerke in unserer Straße. Die Ladesäule von „Stromnetz Hamburg“ sieht vertrauenserweckend aus, jedoch lässt sich die Bezahlung weder per SMS noch per App anschieben, wie auf der Station vermerkt. Anruf bei der Notnummer auf der Säule. Der Herr vom Störungsmanagement ist ratlos: „Wissen Sie, für App und Abrechnung sind wir nicht zuständig, nur für die Technik.“ Dann tut er etwas, was als Paradebeispiel für Kundenbindung in jedem Handbuch von Tech-Firmen stehen sollte: „Wissen Sie was, ich geb einen aus!“ Klick, der Typ-2-Stecker rastet in die Säule ein, der Strom fließt. Er ist mein Held und ich der von Jesse. Am nächsten Morgen geht es los nach Kirchberg bei Kitzbühel, 926 Kilometer, eine für E-Cars eigentlich irrwitzige Distanz. Der Batteriespeicher ist nach dem Laden über Nacht voll. Das Hauptproblem hat das erste Hamburger Ladeproblem bereits aufgedeckt: die unterschiedlichen Bezahlsysteme.

e-Niro in den Bergen – Anstiege sind überhaupt kein Problem, kosten aber Strom.


Während der Wagen lädt, bleibt ordentlich Zeit zum Spielen und für andere Aktivitäten.


Wer das Bezahlen an der Ladesäule beherrscht, hat gewonnen!


Gratis-Parkplätze für E-Autos.


HAPPY WIFE, HAPPY LIFE

In Deutschland herrscht ein verwirrendes Heer von Strombetreibern, Stadtwerken und Dienstleistern über die Ladesäulen. Ist man nur in einer Stadt oder Region unterwegs, stellt man sich einfach auf den jeweiligen Dienst ein. Bei einer Fernreise über Ländergrenzen hinweg wird es aber schwieriger. Mein Ziel: Ich will nur eine App nutzen für Stationssuche und Bezahlung. Aber welche? Auf unserer Fahrt teste ich – zur Beunruhigung meines Familien-Teams – einige durch. Schließlich lande ich bei „mobility+“ von enBW, laut kurzer Recherche ist das Deutschlands drittgrößtes Energieversorgungsunternehmen.

Vorteile: Als ADAC-Mitglied kann ich dort einen festen Tarif einstellen (0,30 Euro / kWh bei einer Schnellladestation). Freischaltung und Bezahlung erfolgen über die App. Keine Ahnung allerdings, ob ich auf der Karte der Anwendung alle Ladestationen sehe, die es gibt. Es sind jedenfalls genug für uns und ich schieße mich auf die Nutzung ein.

Ein typischer Stopp sieht schließlich für uns so aus. Wir fahren mit einer Ladung von über 400 Kilometer los. Bei etwa 150 Kilometern Restkapazität steuern wir die nächste Schnellladestation an, in der App unterscheidet sich diese durch ein kleines Pluszeichen auf der Karte von den normalen Stationen. Bereits in der App sehen wir, ob die Station einen freien Platz hat und wieviel Energie sie abgibt. Oft sind es 50 kWh, noch genug für einen knapp über einer Stunde langen Halt, denn unser e-Niro verfügt über 64 kW Batteriekapazität (es gibt auch eine Version mit 39,2 kW).

Angekommen an der Station, klassischerweise auf einer Autobahnraststätte, drücke ich in der App auf „Jetzt laden“. Das Kabel der Station wird entriegelt und Jesse steckt es in die Buchse am e-Niro vorne. Dann heißt es für alle: Pause! Was soll ich sagen: Es läuft super. Ohne Getriebe und lästiges Schalten gleiten wir dahin, Spurhalteassistent und Abstandswarnsystem verrichten ihre Arbeit. Die Kinder schlafen wesentlich besser als in unserem recht lauten BMW.

Angekommen im Hotel Elisabeth in Tirol zeige ich Jesse, wie man den ebenfalls im Auto vorhandenen Adapter für Haushaltsstecker nutzt. Eine Außensteckdose gibt es zum Glück beim Parkplatz. Dort dauert das Laden zwar bis zu 22 Stunden, aber da wir hier einige Tage verbringen, ist das kein Problem. Als wir Kitzbühel besuchen, wartet eine positive Überraschung: Auf dem sonst kostenpflichtigen Parkplatz gibt es Gratis-Stell- plätze für E-Cars. Nicht nur zahlen wir also keine Parkgebühr, der Ökostrom wird uns auch noch geschenkt. Wir gucken dem Team vom HSV, das in Kitzbühel trainiert, eine Stunde zu, dann geht es weiter. Unser nächster Halt, das Parkhotel Holzner in Oberbozen, liegt auf 1.221 Metern Höhe. Die Serpentinen meistert das Auto hervorragend. Ich denke daran, welche Schaltgetriebe- Orgien ich früher feiern musste bei solchen Strecken und ihren Haarnadelkurven. Ein echter Fortschritt!

FAMILIENTIPPS: SO GELINGT DER URLAUB MIT DEM E-

CAR

arrive-Autor Thomas Weiss mit Jesse und Minna, Foto unten: Yvonne Weiss.


1_Ausrüstung: Ideal ist ein Typ-2-Stecker und ein Adapter für Haushaltssteckdosen. Beides war im e-Niro vorhanden.
2_Die Kinder mit einbinden. Jesse etwa führte eine Check-Liste, die wir vor jedem Start durchgingen (Batterieklappe zu?…), und liebte es, das Fahrzeug korrekt anzustecken.
3_Hotels: Vorher klären, ob es Ladestationen gibt oder normale Steckdosen bei den Parkplätzen oder in der Tiefgarage.
4_Die jeweils passende App auswählen. Zur Auswahl stehen etwa PlugShare, Next Plug, Plugsurfing oder Open Charge Map (webbasiert). Die perfekte App gibt es noch nicht. Manche sind gut für die Navigation zur nächsten Station, manche für die Bezahlung, manche bieten Sondertarife an. Wie beschrieben lief es bei diesem Text mit der App mobility+ gut.
5_App des Autoanbieters nutzen. Meist lässt sich diese mit dem Wagen koppeln, so dass man immer über den Ladezustand informiert ist, auch wenn man nicht beim Auto ist. Da es immer noch Stationen gibt, die nach Zeit abrechnen, kann man so den Wagen schnell wieder entkoppeln.
6_Wer auf Autobahnen über 120 Stundenkilometer fährt, verbraucht die Batterieleistung wesentlich schneller. Fährt man eher rasant, berücksichtigt das jedoch auch die App des Wagens und berechnet das bei der Reichweitenanzeige mit ein.
7_Wer längere Strecken fahren will , wählt Ladestationen, die mindestens 50 kWh anbieten, sonst dauert das Laden zu lange.
8_Und der letzte Tipp: Geduld ist nach wie vor gefragt. Der Suchprozess nach Ladesäulen, die Steckerwahl, das Abrechnen: Wenig ist einheitlich geregelt, alleine die Anweisungen und Infos auf den Ladesäulen unterscheiden sich massiv. Nach der dritten, vierten Ladung stellt sich aber Routine ein.


„ Mittels Rekuperation, der Rückgewinnung von Bremsenergie, gewinnen wir 25 Kilometer Reichweite durch das Gefälle zwischen Oberbozen und Bozen.“


Jesse wird auf der Strecke immer mehr zum Ladeprofi.


KLETTERMEISTER

Das Holzner verfügt über zwei Tesla- Ladestationen, die aber trotz Typ-2-Stecker nicht für andere E-Cars als Teslas geeignet sind. Jedoch ist da auch ein „Mennekes“-Stecker, freigeschaltet für alle E-Cars. Zum Glück können wir uns in Südtirol bei den Hotels so versorgen, denn die EnBW-App funktioniert nur in Deutschland und Österreich.

Bei der Weiterfahrt dann eine Überraschung: Durch die Rekuperation, die Rückgewinnung von Bremsenergie, fahren wir mit einer Reichweite von 405 Kilometern in Oberbozen. Als wir unten in Bozen ankommen, werden 430 Kilometer angezeigt. 25 Kilometer Gewinn durch das Gefälle! Beim Zwischenstopp in dem sehenswerten „Kristallwelten“ von Swarovski gibt es wieder auf speziellen Parkplätzen kostenlosen Strom für E-Cars. Meine Frau wird von Tag zu Tag entspannter. Weiter geht’s durch Südtirol: Das nächste Hotel, der Garberhof im Vinschgau, bekommt seine Heizenergie von einer Holzschnitzelanlage, seinen Strom vom Wasserwerk. Hier laden und wohnen wir also mit besonders gutem Gewissen.

SO LÄSST ES SICH REISEN

Auch zu unserem letzter Aufenthaltsort, das Hotel Fanes in St. Kassian, muss der e-Niro einige Serpentinen überwinden. Als wir durch die Dolomiten fahren, spüren wir einen anderen Vorteil des batteriebetriebenen Fahrens: Wir stören die vielen Radfahrer und Wanderer, die die Region erkunden, nicht mit lauten Fahrgeräuschen. Schon fast beseelt von dem Gefühl, nachhaltiger zu reisen, machen wir uns nach insgesamt zwei Wochen wieder auf die Rückfahrt nach Hamburg.

Hat uns die 2.500 Kilometer lange Fahrt mit dem E-Car überzeugt? In jedem Fall. Selbst meine Frau, Besitzerin eines Motorradführerscheins und eingefleischter Kraftstoff-Fan, grummelt am Ende: „Ja, das kann ich mir vorstellen. Schon praktisch. Und gut aussehen tut er auch.“ Jesse ist begeistert von der Technik, Minna von der Stille beim Fahren, ich wegen der niedrigen Ladekosten. Wir hatten eine abenteuerliche Reise mit vielen organisatorischen und technischen Hindernissen erwartet – und kamen am Ende entspannter, zufriedener und mit einem besseren Gewissen zurück als von vielen anderen Urlauben.

Thomas Weiß

2.500 Kilometer mit dem E-Auto in den Urlaub: für Familie Weiss ein voller Erfolg.


Leise und unauffällig: Ohne CO₂-Emissionen hat man in der Traumlandschaft ein besseres Gewissen.