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In diesem Moment


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St.GEORG - epaper ⋅ Ausgabe 90/2022 vom 22.08.2022

GERRIT NIEBERG

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Der Blick geht nach vorn, auch ohne WM-Einsatz in Herning: Gerrit Nieberg und Ben, die Sieger im Großen Preis von Aachen 2022.

Die Reste der Siegesfeier stehen noch, die Nacht auf Gut Berl war kurz. 250 Gäste haben mit Gerrit und Familie Nieberg den Sieg mit Ben im Großen Preis von Aachen gefeiert. Auf der Terrasse türmen sich die Geschenke – Delikatessenkörbe, edle Tropfen und kiloweise Möhren, Äpfel und Leckerlis für den vierbeinigen Helden. Auf dem Rasen des Rondells im Innenhof steht ein neues Hindernis: Gerrit und Ben fast lebensgroß auf Holz als Fangständer, Hindernisstangen in Deutschlandfarben, darunter eine Planke mit dem CHIO Aachen-Logo und den Unterschriften aller Schenker von Becker bis Tebbel. Und wer hat’s gebaut? Parcourschef Frank Rothenberger natürlich, der Königsmacher in Aachen. Bis 2.30 Uhr wurde gezaubert, um sieben saß Gerrit auf dem ersten Pferd. Das Leben geht weiter, auch wenn man den Großen Preis von Aachen gewonnen hat. Doch am Vorabend war es noch einmal da, dieses Triumphgefühl. ...

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... Sogar „de Höhner“ waren gekommen und spielten ihren neuen CHIO-Song „In diesem Moment“. Dieser Moment in der Soers ging in die Geschichte ein. Nicht nur, weil Gerrits Name und der seines Pferdes Ben nun auf der Tafel neben dem Einritt ins Hauptstadion verewigt sind, sondern auch wegen der Art, wie ihnen das geglückt ist. „Kalt wie eine Hundeschnauze“, sagt Mutter Gitta dazu. Gerrit war letzter Reiter im Stechen, Scott Brash führte, niemand hatte den 29-jährigen Nieberg auf dem Zettel. „Ich hatte nichts zu verlieren“, sagt er. „Ich konnte schlechtestenfalls Fünfter werden.“ Seine Mutter fragte Christian Ahlmann und Marcus Ehning, ob man die Abkürzung vor der Hecke nehmen könne, Gerrit erkundigte sich bei Steve Guerdat. Alle drei Profis waren sich einig: Mach! Bis Hindernis fünf stand für die Zuschauer Scott Brash als Sieger fest. Schon zügig, aber nach Meinung von LK 1 an der Bande nicht risikofreudig genug gingen der junge Nieberg und sein Wallach das Stechen an. Doch dann wählten sie den Weg, den zuvor ein Ward, ein Deußer, ein Brash nicht zu nehmen gewagt hatten. Das Experiment glückte. Aus 40.000 Kehlen ein kollektives „Ohhhh!“ Gerrit: „Als ich das gehört habe, wusste ich, das kann klappen.“ Noch 58 Meter auf den letzten Oxer. Wer bremst, verliert. Ben kam auf groß, drückte ab und segelte fehlerfrei zum Sieg, zu 500.000 Euro Preisgeld, zur Chance auf den Rolex Grand Slam und zu ewigem Aachener Ruhm. Ohrenbetäubendes Geschrei auf den Tribünen. TV-Kommentator Carsten Sostmeier kamen die Tränen, Lars und Gitta Nieberg wurden auf der Tribüne von einer Umarmung in die nächste gereicht. Und Gerrit? Der nahm seinen Helm ab, galoppierte eine Ehrenrunde und grüßte lächelnd ins Publikum. „In diesem Moment“ – passender hätten die Höhner ihren CHIO-Song nicht texten können.

„Gerrit reitet unheimlich pferdefreundlich, sehr leicht und unkompliziert.“

Lars Nieberg

Fleißpreis

Eine Woche lang hatten Gerrit und seine Freundin Johanna Frauenrath – selbst als Springreiterin bis S erfolgreich – Zeit, die Tage in Aachen zu verdauen. Urlaub auf Kos. Strohhut statt Helm, Bade- statt Reithose. Nun ist wieder Alltag in Westfalen. Erstes Pferd um sieben, zwei Pferde später Frühstück mit dem Team. Weiterreiten bis zur Mittagspause. Dann nachmittags nochmal, bis am Abend alle 13 Pferde auf der Liste abgehakt sind. Und Richtung Wochenende dann wieder Turnier, diesmal in der Nachbarschaft, Westfalen-Woche in Münster-Handorf, S*-Springen statt Rolex Grand Prix. Das gehört dazu. Ebenso wie neuerdings Interviews. Dem Fotografen rutscht unbemerkt die Jacke von der Stuhllehne. Gerrit springt auf, hängt sie zurück. Eine gute Gelegenheit, wenn man gerade steht: „Noch jemand Getränke?“ Gitta Nieberg sagt: „Wenn er am Sonntag den Großen Preis gewonnen hat und Montag fehlt jemand beim Ausmisten, ist er der Erste, der eine Forke in die Hand nimmt.“ Vater Lars Nieberg, der ja als zweifacher Mannschaftsolympiasieger einer der ganz Großen des deutschen Springsports ist, ist überzeugt: „Am Ende ist Fleiß wichtiger als Talent.“ Aber letzteres schadet natürlich nicht. „Gerrit reitet unheimlich pferdefreundlich, sehr leicht und unkompliziert. Er hat ein gutes Rhythmusgefühl, ein gutes Auge, aber vor allem das nötige Gefühl am Sprung. Muss ich mehr Bein geben? Muss ich mehr mit der Hand dranbleiben? Das Pferd beim Absprung optimal zu unterstützen, macht am Ende den Unterschied. Außerdem kann Gerrit sich auf ganz verschiedene Pferdetypen einstellen“, beschreibt Nieberg Senior. Gerrit selbst sagt es so: „Heiß oder faul, das ist mir egal, Hauptsache vorsichtig und richtig was drin.“ „Unheimlich fokussiert“ ist noch eine Eigenschaft, die Gitta Nieberg einfällt. Eine logische Konsequenz für Gerrit: „Ich habe einfach gemerkt, dass es besser funktioniert, wenn ich mich ganz auf mein Pferd und mich konzentriere.“ Wohl erst recht bei einem Pferd wie Ben, der auf Turnieren zu einem gewissen Überehrgeiz neigt.

„Unsere Eltern haben darauf geachtet, dass Erfolg im Gleichgewicht zum Können steht.“

Der besondere Ben

Ben war siebenjährig, als er vor vier Jahren zu Familie Nieberg und Gut Berls Besitzer, dem ehemaligen Weltklassereiter Hendrik Snoek, kam, direkt vom Züchter, der Familie Mikulski in Hessen, die auch den S-erfolgreichen Vater Sylvain v. Baloubet du Rouet und Mutter Quipolly gezogen hat, eine Quidam de Revel-Polydor-Enkelin, die siegreich in M-Springen war. Niebergs und die Züchter kennen sich schon länger. Eigentlich ging es bei dem Besuch um ein anderes Pferd, doch das war nicht das richtige. Aber Ben – Lars Nieberg war Feuer und Flamme. Gerrit hingegen: „Ich gebe zu, ich habe da noch nicht das Gefühl gehabt, dass er in zwei, drei Jahren Aachen geht …“ „Dressurmäßig unverbraucht“ ist die Beschreibung, die Lars Nieberg einfällt. Doch Ben sprang so gut, dass er trotzdem schon S-Erfolge hatte. Problem: Er stand nicht zum Verkauf. Gut zwei Wochen, mehrere Telefonate und viel Überzeugungsarbeit waren nötig, bis Ben ins Münsterland zog. Zunächst wurde er noch überwiegend von Lars und Max Nieberg geritten, Gerrits rund ein Jahr jüngerem Bruder. Erst später konzentrierte sich Gerrit auf ihn. Auf den ersten Blick wirkt Ben recht unscheinbar. Aber sein trockener Kopf, der wache Blick, das lebhafte Ohrenspiel verraten Adel, Intelligenz und Klasse. Wie Ben tickt, beschreibt eine Geschichte von Gitta Nieberg aus Aachen: „Weil er immer so kribbelig ist auf dem Turnier, sieht Gerrit zu, dass er nie am Einritt warten muss. Jetzt im Großen Preis kam er aber einmal etwas zu früh an den Einlass und musste kurz im Gang vor dem Tor stehen bleiben. Gerrit wollte ihn nochmal umdrehen, um ihn wenigstens in Bewegung zu halten. Keine Chance! Ben war nicht dazu zu bewegen, vom Einritt wegzugehen. Er wollte da rein. Unbedingt.“ Dieser Wille ist es, der Gerrit so fasziniert. „Es gibt nichts Besseres, als zu spüren, dass dein Pferd genauso kämpft wie du! Das macht für mich die Faszination aus: das Gefühl der Einheit, gemeinsam mit dem Pferd etwas zu erreichen.“ Für Ben war 2022 bereits der dritte Aachen-Einsatz. Im ersten Jahr, 2019, war er in der Youngster-Tour am Start. „Er war in allen Springen null. Von dem Moment an war mir klar, dass es nichts gibt, das zu schwer für ihn sein könnte.“

Contagio

Gerrits bestes Pferd war damals der Holsteiner Schimmelhengst Contagio, mittlerweile Rentner und im Deckeinsatz auf Gestüt Zangersheide. Ihm verdankt Gerrit seine ersten großen internationalen Erfolge. In Mannheim sprang das Paar zum ersten Mal über 1,60 Meter, ein Zeitfehler, platziert. Kurz darauf Rang drei im Großen Preis von Nörten-Hardenberg. Dann die Deutschen Meisterschaften in Balve, Platz vier. Danach wurde Contagio verkauft. Doch es stellte sich heraus, dass die Paarung mit seiner neuen Reiterin dann doch nicht ideal funktionierte.

Nach einem Jahr kauften Niebergs und Hendrik Snoek Contagio zurück. Schon kurze Zeit später knüpften Gerrit und der Colman-Sohn da an, wo sie aufgehört hatten, gewannen den Großen Preis von Frankfurt, waren platziert in Hagen und Mannheim. Dann der CSIO3*-Nationenpreis von Uggerhalne, für Gerrit der erste Auftritt in Rot, für seinen Vater der letzte. Gerrit und Contagio waren zweimal null, entscheidend für den Sieg der Mannschaft. Staffelübergabe. Auch ein „Höhner-Moment“.

Schritt für Schritt

Als Kinder aus anderen Reiterfamilien schon eine Medaille nach der anderen nach Hause brachten, ritten Gerrit und Max noch zuhause auf ländlichen Turnieren. „Unsere Eltern haben uns nie gepusht. Sie haben sehr darauf geachtet, dass der Erfolg in gutem Gleichgewicht zum wahren Können steht“, sagt Gerrit. „Es gibt ja einige, die in jungen Jahren viel Erfolg haben, von denen man später aber nie wieder etwas hört …“ Bei ihm war es umgekehrt. Er war schon 13, als er ernsthaft mit dem Reiten begann. Bis dato spielte er vor allem Fußball, gehörte immerhin zur Stützpunktauswahl des DFB. Max hingegen ritt schon seit einem Jahr. Außerdem drehte sich bei Familie Nieberg, die damals noch auf Gestüt Wäldershausen in Hessen tätig war, ohnehin 24/7 alles um Pferde. Eines Tages sagte Gerrit, er würde es gerne versuchen mit dem Reiten, aber Lars und Gitta (er nennt sie beim Vornamen, „das war praktischer auf dem Abreiteplatz, wo ja alle ,Mama‘ oder ,Papa‘ rufen“) dürften bitte nicht sauer oder enttäuscht sein, wenn er nicht dabeibliebe. Dazu gab es ohnehin keinen Anlass. Wann Gerrit klar wurde, dass er Profi werden will? „Eine Woche nachdem ich angefangen habe.“ Seinen Eltern zuliebe lernte Gerrit zwar auch noch „was Vernünftiges“, machte eine Ausbildung zum Steuerfachgehilfen („Selbst wenn ich mich verletzen würde, ins Büro würde ich nicht zurückgehen!“), aber eigentlich habe er immer nur reiten wollen. Er durchlief eine Ausbildung zum Pferdewirt am DOKR, machte seinen Meister und kehrte zurück aufs Gut Berl, arbeitete weiter beharrlich an seiner Karriere.

Spätestens seit der Geschichte mit Contagio weiß Gerrit aber auch: Erfolg steht und fällt mit den Pferden. Ein Auftritt wie der von Ben in Aachen weckt Begehrlichkeiten aus aller Welt. Da stehen Summen im Raum, die wurden noch nicht gezahlt, als Lars Nieberg auf dem Zenit seiner Karriere war. Gerne würden die Eltern es ihrem Sohn ermöglichen, Ben zu behalten. „Aber es gibt eine Schmerzgrenze. Da wäre es einfach unvernünftig, nicht zu verkaufen“, so Gitta Nieberg. „Aber wir haben einen reellen Schutzpreis.“ Gerrit sagt, er verstehe das. Aber natürlich würde er ihn lieber behalten. „Was soll ich mit mehr Geld auf dem Konto? Momente wie der in Aachen sind es, weswegen wir das machen. Aber ich verstehe auch, dass man rational bleiben muss. Die anderen Pferde wollen ja auch gefüttert werden.“ Und eines ist auch ganz klar, sagt Gitta Nieberg: „Wir würden nicht an jeden verkaufen!“ Namen will sie nicht nennen, aber Reiter von denen man weiß, dass die Pferde für sie Sportgeräte sind, kämen nicht infrage.

Hoffnungsträger

Was aber, wenn Ben verkauft wird? Mit dem zehnjährigen Schimmel Blues d’Aveline hat Gerrit ein Zweitpferd, dem er ähnlich Großes zutraut wie Ben. Sein Schweizer Besitzer hatte selbst bei Niebergs angerufen und gefragt, ob sie Lust hätten, sich sein Pferd anzuschauen und ihn gegebenenfalls in Beritt zu nehmen. Ein Glücksfall. Seit gut einem Jahr lebt der Baloussini-Sohn nun auf Gut Berl. Wie Ben ist auch Blues d’Aveline ein Baloubet du Rouet-Enkel. Äußerlich haben die beiden keinerlei Ähnlichkeit. Blues ist ein Hüne von Pferd, eher kantig und wirkt recht schwer. Gerrit: „Erst dachte ich, ,oh, ein Trecker!‘, wie man so sagt. Aber tatsächlich hat Blues viel Charakter, ist sehr sensibel und kann ein richtiger Dickkopf sein. Aber im Parcours will er immer alles richtig machen, lernt schnell und bringt alles mit.“ Ein Blick in Blues‘ Eintrag in der FEI-Datenbank zeigt: nicht ein einziges Turnier, bei dem er nicht wenigstens eine Schleife mit nach Hause gebracht hätte. Und das von Doha bis Aachen.

ZUR PERSON

Gerrit Nieberg

geb. 1993, aufgewachsen auf Gestüt Wäldershausen in Homberg/ Ohm, 2012 Umzug auf das Gut Berl in Münster-Wolbeck von Hendrik Snoek. Bis er 13 war talentierter Fußballer, dann Schienbeinschoner gegen Gamaschen eingetauscht. Nach dem Realschulabschluss Ausbildung zum Steuerfachgehilfen, Pferdewirt und schließlich auch Meisterprüfung. Heute angestellt als Bereiter auf Gut Berl. Seit gut einem Jahr liiert mit Springreiterin Johanna Frauenrath.

Ben und Blues, zweimal B, zweimal das Baloubet-Blut – Zufall? Gerrit sagt, um sich eingehender mit der Zucht zu beschäftigen, fehle ihm die Zeit. Anders ist es, wenn die Zuchtprodukte auf seiner Stallgasse eingezogen sind. Gerrits größte Nachwuchshoffnung heißt Amigo und ist richtiges Nieberg-Familienpferd, ein Sohn des von seinem Vater gezogenen A Conto Son, der wiederum ist ein Enkel von Lars Niebergs ehemaligem Erfolgspferd Adlantus As. Und auch die Mutter, For Nistria, ist ein Nieberg-Produkt, die Kombination aus For Pleasure, mit dem Lars Nieberg 1996 Mannschaftsolympiasieger wurde, und seinem ersten großen Erfolgspferd, der Stute Nistria. Von dem Ergebnis dieser Blutkombination verspricht sich Gerrit viel.

Arbeitsteilung

Die Zucht spielt eine große Rolle auf Gut Berl. Mutterstuten und Fohlen stehen ein Stück entfernt vom Sportstall. Man lässt Reitplatz und -hallen hinter sich, fährt die Zufahrt mit den Holz eingefassten Weiden zu beiden Seiten weiter und landet auf einer eigenen Hofstelle. Große Abfohlboxen stehen für werdende Mütter bereit, sind zu dieser Jahreszeit aber an Sportreiter vermietet. Mütter und Fohlen sind längst umgezogen auf die weitläufigen Weiden mit Zugang zu einem Laufstall, der die Ausmaße einer Reithalle hat. Die Tore sind Tag und Nacht offen. Eine Betonplatte vor dem Stall hält Matsch fern und macht Hufe und Beine stark. Die eigenen Jungpferde werden auf Gut Berl angeritten und erst später verkauft bzw. gegebenenfalls behalten. Beim Training helfen sich alle gegenseitig und speziell für die dressurmäßige Arbeit schaut regelmäßig Olli Oelrich vorbei bzw. inzwischen dessen Schülerin Florine Kienbaum. Rund 50 Pferde sind zu arbeiten, 95 Prozent aus dem Springlager, aber auch ein paar Dressurpferde. Lars Nieberg: „Vor ein paar Jahren haben wir auch angefangen, Dressurpferde zu züchten. Man kann sie einfach früher gut verkaufen. Außerdem macht es Spaß, diese Fohlen mit den tollen Bewegungen zu sehen.“

Im Alltag kümmert sich die gesamte Familie Nieberg darum, dass Gut Berl läuft. Gerrit und Max sind bei Hendrik Snoek als Reiter angestellt. Eifersucht unter den Geschwistern? Gibt es nicht, sagt Gerrit. „Wir ergänzen uns super.“ Max kümmert sich inzwischen hauptsächlich um die jungen Pferde. „Das kann er viel besser als ich“, sagt sein Bruder. Auch der Handel sei eher Max‘ Metier. „Er kann besser auf Leute zugehen.“ Dafür war Gerrit schon immer ehrgeiziger. Und hat das von seinem Vater erwähnte Talent, es den Pferden auf der einen Seite einfach zu machen und sie auf der anderen Seite optimal zu unterstützen. Lars Nieberg ist Betriebsleiter, sitzt aber ebenfalls täglich im Sattel. Gitta Nieberg kann aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr reiten – zu ihrem großen Bedauern. Sie kümmert sich um das Büro („Nicht meine Lieblingsbeschäftigung!“), darum, dass die Fohlen frühzeitig Vertrauen zum Menschen fassen und darum, dass sich auch alle Menschen auf Gut Berl wohlfühlen. Ihre Söhne sind inzwischen in eigene Wohnungen auf dem Betrieb gezogen, so viel Abstand muss sein. Aber wenn es wichtig wird, sind alle dabei. So, wie in Aachen.

Jetzt erst recht

„Das war ein ganz, ganz besonderer Moment, aber ich bin immer noch derselbe.“ Gerrit mag Adrenalin (Jetski-Fahren vor Dubai, Fallschirmspringen mit Johanna), aber keine großen Worte und Gesten. Trotzdem hat er ein Ziel, das er auch klar formuliert: „mich dauerhaft an der Spitze zu etablieren“. Dass er nicht für die WM nominiert wurde, war eine Enttäuschung. Die ganze Saison war darauf ausgelegt. Lars Nieberg hatte Anfang des Jahres mit Jan Tops gesprochen, damit Gerrit die Chance bekommt, bei den Global Champions Tour-Turnieren an den Start zu gehen, um Erfahrung zu sammeln. So platzierten sich Gerrit und Ben in Doha, rutschten in die Top 18 der Westeuropa-Liga fürs Weltcup-Finale, wurden dort 13. der Gesamtwertung als zweitbestes deutsches Paar, waren in St. Tropez zweimal platziert. In Hamburg wurde es Rang sechs im Großen Preis der Global Tour mit Blues d’Aveline. Dann die Nationenpreiseinsätze mit Ben, vier und null Fehler in St. Gallen, null und vier Fehler in Rotterdam. Und dann Aachen. Beständigkeit, dein Name ist Ben. Gerrits Zusammenfassung: „Die Tendenz in den letzten Monaten war ja stetig steigend, und Aachen lief ja auch ganz gut …“ Trotzdem keine WM. Aber Gerrit blickt nach vorn. „Ich fange ja erst an.“

Autorin

Dominique Wehrmann

war sehr dankbar für die Geduld aller Beteiligten, trotz mehrfacher Regenunterbrechungen immer wieder aufs Neue für Fotos zu posieren!