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„IN DIESER EXTREMEN ZEIT LE RNTE ICH MICH BESSER KENNEN“


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Grazia - epaper ⋅ Ausgabe 44/2022 vom 27.10.2022

INTERVIEW

VIELE JAHRE GALT SILVANA KOCH-MEHRINals weibliches Aushängeschild der FDP. Die Wuppertalerin war schon bei den Jungen Liberalen, später Mitglied im Parteipräsidium, Abgeordnete und Vizepräsidentin des Europaparlaments (von 2004 bis 2014, mit Unterbrechungen). Nach Plagiatsvorwürfen beendete sie ihre Politkarriere und gründete an ihrem Wohnsitz Brüssel die Stiftung Women Political Leaders (WPL), eine weltweit einflussreiche Organisation von Frauen in politischen und wirtschaftlichen Führungspositionen, die eng mit den Vereinten Nationen zusammenarbeitet und u.a. von Ministerpräsidentinnen und Nobelpreisträgerinnen unterstützt wird. 2019 wurde bei Koch-Mehrin Brustkrebs entdeckt. Ein einschneidendes Erlebnis, das sie innehalten ließ, wie die 51-Jährige berichtet, und ihrem hektischen Leben eine ganz neue Richtung gab…

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Artikelbild für den Artikel "„IN DIESER EXTREMEN ZEIT LE RNTE ICH MICH BESSER KENNEN“" aus der Ausgabe 44/2022 von Grazia. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Grazia, Ausgabe 44/2022

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... Sie heute noch, Frau Koch-Mehrin?

Vor was sind Sie geflohen?

Sicherlich auch vor mir selbst. Wenn man ständig etwas zu tun hat, muss man sich nicht mit komplexen, tiefergehenden Fragen befassen. Punktuell ist das vermutlich okay, aber es sollte nicht zum Dauerzustand werden.

MachtesIhnenAngst,überIhreÄngstezusprechen?

Nicht mehr. Für das Buch konnte, ja musste ich sehr offen sein. Mein Co-Autor Uli Hauser hat mich da ganz häufig extrem gefordert, nachgehakt, gebohrt – auch wenn ich oft sagte: Ich kann nicht mehr! Er sagte dann: Silvana, nimm es nicht persönlich. Deine Geschichten sind die Geschichten von vielen.

„DIE HEKTIK WAR EINE FLUCHT VOR MIR SELBST“

Lässt sich lernen, wie man mit Ängsten umgeht und sie überwindet?

Ja. Ich war nach der Krebsdiagnose völlig überfordert. Die Art und Weise, wie ich vorher mit Stress umging, funktionierte nicht mehr. Die professionelle Hilfe, die ich mir holte, die Psychotherapie, als es gar nicht mehr anders ging – das hat mir geholfen. Sehr wichtig war für mich aber auch, mit anderen Krebskranken zu sprechen, die in der medizinischen Behandlung schon ein paar Monate weiter waren als ich, sie beendet oder teilweise sogar schon den ersten Rückfall hatten. Und natürlich war meine Familie ein Riesenhalt.

Krisewarimmer,schreibenSieinIhremBuch.HilftdieseErkenntnis,wennmanselbstindertiefstenKriseseinesLebenssteckt?

Ich finde, ja. Es relativiert so manches. Andererseits muss man Instrumente für sich finden, die einem helfen, nicht in Schockstarre zu verharren und das eigene Leben wieder in die Hand zu nehmen.

EsgibtÄngste,dieschwereKrankheitenoderberuflicheVeränderungenauslösen,unddanngibtesdieaktuellvomUkraine-Krieg oder der Klima- und Energiekrise getriggerten Ängste. Sehen Sie da Unterschiede?

Die von außen herangetragenen Ängste kann man kaum beeinflussen. Aber selbst da hilft ein Repertoire an Instrumenten, um sich nicht total ausgeliefert zu fühlen. Nur ein Beispiel: Atemtechniken – so banal das klingen mag – sind in dem Zusammenhang total wichtig. Früher habe ich mich arroganterweise ab und zu ein bisschen darüber mokiert. Aber was die richtige Atmung in bestimmten Momenten bewirken kann, habe ich inzwischen begriffen.

KanntenSieÄngsteüberhaupt,bevorSie2019IhreKrebsdiagnoseerhielten?

Ich habe Karrierehöhen und -tiefen erlebt, klar, und auch andere emotional belastende Situationen. Aber eine so existenzielle Bedrohung, wie es Krebs ist, noch nicht. Insofern war ich eher ein unbeschwerter Mensch – und deshalb überhaupt nicht vorbereitet auf das, was mich plötzlich überrollte.

AuchdasWissendarum,wozuMännerallesfähigsind,verbalundkörperlich,löstefrüherÄngstebeiIhnenaus,wissenSieheute.

In den 1990er-Jahren galt vieles von dem als „normal“, wo heute zu Recht bei allen die Alarmglocken schrillen. Auch in meiner Partei, der FDP, war das so. Aber ich will niemanden bloßstellen oder beschuldigen. Ich selbst habe damals als Politikerin so manchen Unsinn verzapft. Etwa, dass man als Frau alles nicht so ernst nehmen und auch mal auf Durchzug stellen sollte. Aber meine Töchter sagen mir heute: Mama, das war ganz falsch. Man muss die Dinge klar benennen und darf sie nicht akzeptieren, sonst hört es nie auf, dass Männer glauben, sie könnten sexistische Sprüche bringen und übergriffig werden. In der deutschen Politik gab es ein #MeToo nicht wirklich. Auch deshalb sind wir weit davon entfernt, in einer normalisierten Gesellschaft zu leben.

IhreÄngstehättenSieentschiedenergemacht,schreibenSie.Inwiefern?

In dieser extremen Zeit habe ich mich einfach besser kennengelernt. Ich habe Klarheit gewonnen, in Bezug auf mich selbst, auf andere Menschen, auf das, was ich will. Ich schaffe es zwar nicht immer, diese Entschiedenheit beizubehalten. Aber ich werde 52, und ich weiß, dass es nicht noch mal 52 Jahre werden. Also überlege ich viel mehr, ob etwas wirklich sein muss und ob ich das überhaupt möchte.

HatsichderSinndesLebensfürSieverschoben?

Auf jeden Fall in die Tiefe – und vor allem im Verhältnis zu meinen Kindern und meinem Mann.

Interview: Kalle Schäfer