Lesezeit ca. 5 Min.
arrow_back

IN DIESER WERKSTATT IST IMMER Weihnachten


Logo von Lust auf Natur
Lust auf Natur - epaper ⋅ Ausgabe 12/2022 vom 04.11.2022
Artikelbild für den Artikel "IN DIESER WERKSTATT IST IMMER Weihnachten" aus der Ausgabe 12/2022 von Lust auf Natur. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Lust auf Natur, Ausgabe 12/2022

Ihlower Klosterkrippe: jede Krippe ist ein einzigartig

B eim Blick aus dem Fenster kommen keine weihnachtlichen Gefühle auf. Es ist Mitte August. Sommerliche Temperaturen in Ostfriesland. Aber aus dem MP3-Player klingt’s weihnachtlich: Alle Jahre wieder rieselt leise der Schnee, wenn Rudolph, das Rentier mit der roten Nase, den Weihnachtsschlitten zieht … „Ich brauche das“, lächelt Hinrich Uphoff verschmitzt. „Bei mir ist immer Weihnachten. Auch im Sommer.“ Wir besuchen ihn in seiner kleinen Werkstatt in seinem Haus in Neu Barstede, einem Ortsteil der ostfriesischen Gemeinde Ihlow in Südbrookmerland.

JEDE KRIPPE IST EIN UNIKAT

Weihnachtlich sieht’s hier nicht aus. Zumindest nicht auf den ersten Blick. Wohin man schaut: unterschiedliche Werkzeuge zum Schnitzen, Stemmen und Drechseln, zum Schleifen, Bohren, Fräsen und Dekupieren. Gerade schwingt der Meister den Schreinerklüpfel (Holzhammer). In Form und Material recht unterschiedliche Weihnachtskrippen ...

Weiterlesen
epaper-Einzelheft 3,49€
NEWS Jetzt gratis testen
Bereits gekauft?Anmelden & Lesen
Leseprobe: Abdruck mit freundlicher Genehmigung von Lust auf Natur. Alle Rechte vorbehalten.
Lesen Sie jetzt diesen Artikel und viele weitere spannende Reportagen, Interviews, Hintergrundberichte, Kommentare und mehr aus über 1050 Magazinen und Zeitungen. Mit der Zeitschriften-Flatrate NEWS von United Kiosk können Sie nicht nur in den aktuellen Ausgaben, sondern auch in Sonderheften und im umfassenden Archiv der Titel stöbern und nach Ihren Themen und Interessensgebieten suchen. Neben der großen Auswahl und dem einfachen Zugriff auf das aktuelle Wissen der Welt profitieren Sie unter anderem von diesen fünf Vorteilen:

  • Schwerpunkt auf deutschsprachige Magazine
  • Papier sparen & Umwelt schonen
  • Nur bei uns: Leselisten (wie Playlists)
  • Zertifizierte Sicherheit
  • Freundlicher Service
Erfahren Sie hier mehr über United Kiosk NEWS.

Mehr aus dieser Ausgabe

Titelbild der Ausgabe 12/2022 von Liebe Leserin, lieber Leser!. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Liebe Leserin, lieber Leser!
Titelbild der Ausgabe 12/2022 von Vorfreude auf Weihnachten. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Vorfreude auf Weihnachten
Titelbild der Ausgabe 12/2022 von Malerische Gartenbilder. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Malerische Gartenbilder
Titelbild der Ausgabe 12/2022 von Lust auf SCHÖNES & NÜTZLICHES. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Lust auf SCHÖNES & NÜTZLICHES
Mehr Lesetipps
Blättern im Magazin
Ihr Kinderlein kommet
Vorheriger Artikel
Ihr Kinderlein kommet
JEDEN MONAT NEUE ABENTEUER
Nächster Artikel
JEDEN MONAT NEUE ABENTEUER
Mehr Lesetipps

... sind in Arbeit. Linker Hand ein Konglomerat von Walnusshälften. Winzig kleine Darstellungen der Weihnachtsgeschichte verbergen sich darin. In einem Ausstellungsraum nebenan offenbart sich die große Kunst des Krippenbauers: Weihnachtskrippen in allen Stilrichtungen. Manche sind opulent gearbeitet, andere wiederum sehr schlicht. Sie sind auf einem Bananenblatt oder in einer Kokosnuss dargestellt, auf Treibholz oder in einer Wurzel, in Laternen oder Glaskugeln. Jesus kommt in einem Allgäuer Bauernhaus zur Welt oder in einem Friesenhaus mit Kamin. Alle Krippen sind liebevoll und sorgfältig bis ins Detail gearbeitet. Egal, ob modern oder traditionell, friesisch oder bayrisch – jede Krippe ist ein Unikat. Jede erzählt nicht nur eine Geschichte, sondern drückt Hoffnung und Geborgenheit aus. Dabei weiß Hinrich Uphoff um die Bedeutung regionaler Bezüge, die den Menschen gerade in der Weihnachtszeit wichtig sind. Norddeutsche Krippen zum Beispiel sind karger gearbeitet als die aus dem Süden. Sie konzentrieren sich auf die zentralen Figuren, während bei Krippen aus dem süddeutschen Raum auch eine folkloristische Umgebung wichtig ist. So ist es kaum verwunderlich, dass eine orientalische Krippe, auch wenn sie noch so fantastisch ist und dem historischen Kontext entspricht, „hier bei uns leider nicht zu verkaufen ist“. Dass Jesus weder auf einer Alm noch in einem Friesenhaus geboren wurde, sondern im Nahen Osten, spielt keine Rolle.

KEIN ADVENT OHNE KRIPPEN

Die erste dokumentierte Krippe soll vom heiligen Franz von Assisi stammen, der die Geburt Christi 1221 in einem, allerdings lebenden Krippenspiel im Kloster Greccio aufführen ließ. In einer Felsengrotte stellte er eine mit Stroh ausgestattete Futterkrippe auf, um die Armut zu dokumentieren, in welcher der Sohn Gottes in die Welt kam. Die heute bekannte Form der Weihnachtskrippe entwickelte sich erst nach der Reformation. Christen in aller Welt pflegen seitdem diese Tradition. Für sie gehört eine Krippe zur Adventszeit einfach dazu. Auch für das Ehepaar Uphoff. Hinrich Uphoff erzählt vom Besuch des Münsteraner Weihnachtsmarktes Anfang der 1980er-Jahre. „Dort hatte meine Frau eine wunderbare traditionelle Weihnachtskrippe gesehen. Sehr schön, aber auch sehr teuer.“ Fast 2000 Mark sollte das gute Stück kosten. „Das wollten wir nicht ausgeben. Da habe ich spontan zu meiner Frau gesagt: ‚Das mach ich selbst. Ich baue dir eine Krippe!‘ Als Erstes habe ich natürlich eine typisch ostfriesische Krippe gebaut“, erzählt der gelernte Betriebsschlosser, der mit Holz bis dato nicht gearbeitet hatte. „In meiner Vorstellung war das ein Stall mit einem Reetdach.“

„BEI MIR IST IMMER WEIHNACHTEN. AUCH IM SOMMER.”

Hinrich Uphoff

Gesagt, getan. Bald kam eine zweite Krippe hinzu, dieses Mal im alpenländischen Stil. Inspirieren ließ sich der Krippenbauer unter anderem von Ausstellungen sowie von Darstellungen im Internet. Bald hatte er stolze 28 Krippen zusammen, die er auf einer Weihnachtsfeier der Boßelfreunde präsentierte. „Eigentlich wollte ich meine Krippen dort nur zeigen, nicht verkaufen.“ Doch es entwickelte sich sofort eine rege Nachfrage nach den ausgefallenen Schmuckstücken. War damit eine Geschäftsidee geboren? Hinrich Uphoff schüttelt den Kopf: „Nein! Es war und ist ein sehr schönes Hobby. Das soll es auch bleiben.“

DIE MATERIALIEN LIEFERT DIE NATUR

Das ganze Jahr über arbeitet der sympathische 73-Jährige an seinen Krippen. Die Materialien liefert ihm die Natur: Baumstämmchen, Äste und Zweige, vorwiegend Birke, Kirsche oder Linde sowie Treibholz, Reetblüten und Flechten, Wurzeln, Rinde, Schwämme, Pilze und Moose. Aber auch schöne Steine, Sand und andere eher ungewöhnliche Materialien für den Krippenbau bringt das Ehepaar Uphoff gerne von seinen Reisen mit nach Hause. Die Ausgestaltung einer neuen Herberge für Josefs kleine Familie hat Uphoff stets im Hinterkopf – auch unterwegs. Die Figuren für die Weihnachtgeschichte kauft er fast ausnahmslos in Italien. Sie seien besonders filigran und sauber gearbeitet, sagt er. Ehefrau Grete teilt die Leidenschaft ihres Mannes. Ohne ihre Zustimmung und ihre Unterstützung sei ein solch aufwändiges und zeitintensives Hobby nicht möglich, betont Hinrich Uphoff. Abgesehen davon, dass sie ihm bei den zahlreichen Krippenausstellungen in Ostfriesland tatkräftig behilflich sei.

EINZIGARTIG: DIE IHLOWER KLOSTERKRIPPE

Das Christuskind, Maria und Josef in einem ovalen Weidenkorb, platziert inmitten einer kleinen Felsenlandschaft, war die erste Krippe, die Hinrich Uphoff für einen Weihnachtsbasar seiner Heimatgemeinde Ihlow beisteuerte. Die zunächst vage Idee einer speziellen „Ihlower Krippe“ ging ihm seitdem nicht mehr aus dem Kopf. Aber wie sollte sie aussehen? Unterschiedliche Entwürfe wurden erarbeitet – und wieder verworfen. Bei Kaffee und Kuchen im idyllischen Garten des Klostercafés kam die „Eingebung“, erinnert er sich lächelnd. „Es musste etwas mit dem Ihlower Forst zu tun haben. Und natürlich sollte unsere Klosterstätte eine Rolle spielen, die ja inmitten des wunderbaren, etwa 350 Hektar großen Waldes steht!“ Wer schon einmal dort war, bestaunt fasziniert die Teilrekonstruktion der früheren Zisterzienserabtei Schola Deï (Schule Gottes). Beim Blick auf das bogenförmige Eingangsportal der Imagination wusste Hinrich Uphoff, wie seine Klosterkrippe aussehen wird. Einerseits sollte die Darstellung der Geburt Christi in Holz aus dem Ihlower Forst eingebettet sein, zum anderen sollte die Szene in einer kleinen Grotte implementiert sein, die die gotischen Bögen des Kirchenschiffs nachempfindet. So ist die Ihlower Krippe etwas ganz Besonderes, etwas Einzigartiges. Sie ist betont schlicht und minimalistisch gearbeitet und bietet gerade mal Platz für die entscheidenden Figuren: Maria und Josef mit dem Jesuskind in der Krippe. Der Boden ist mit rotem Sand ausgelegt – entsprechend den Klinkerböden, die in den charakteristischen Backstein- oder Klinkerkirchen in Ostfriesland üblich sind. Verkauft werden die Ihlower Krippen unter anderem auf dem stimmungsvollen Ihlower Lüchtermarkt rund um die weihnachtlich geschmückte Klosterstätte, der in diesem November wieder stattfinden soll, sowie das ganze Jahr über im liebevoll eingerichteten Klosterladen im historischen Forsthaus. Eine kleine Ausstellung ist auch – gleich neben der Werkstatt – im Hause Uphoff zu bestaunen.

Mehr als hundert kleine und mittlere Baumstämmchen mit der vertrauten Geschichte sind hier gerade wieder in Arbeit. Und während sich Hinrich Uphoff über ein, in einen Schraubstock eingespanntes Stück Holz beugt, um mithilfe von Schreinerklüpfel und Hohlbeitel behutsam die imaginären Bögen des Kirchenschiffs auszustechen, träumt Bing Crosby im Hintergrund gerade von einer weißen Weihnacht …

Text: Susanne Höh