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In einem Land nach unserer Zeit


Kunst und Auktionen - epaper ⋅ Ausgabe 4/2020 vom 13.03.2020

Hans-Christian Schink sucht die Schönheit in der Einöde zwischen Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern


Artikelbild für den Artikel "In einem Land nach unserer Zeit" aus der Ausgabe 4/2020 von Kunst und Auktionen. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Kunst und Auktionen, Ausgabe 4/2020

Hans-Christian Schink (* 1961), „Bei Helpt“, Edition 8+2 AP


Hans-Christian Schink (* 1961), „Zwischen Schwarzensee und Schönhausen“, Edition 8+2 AP


Hans-Christian Schink, Hinterland, Hartmann Books, 2020, 45 €


Das, was unbemerkt an einem vorbeizieht, rückt Hans-Christian Schink in den Fokus. Für seinen neuen Fotoband Hinterland blieb er an Orten stehen, die der Betrachter normalerweise gar nicht erst anpeilen würde. Verlassene Landstriche zwischen Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern mit ...

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... weltentrückt klingenden Namen wie Kleisthöhe, Schwarzensee und Klein Luckow machte er nicht nur zur Kulisse, sondern zum Bildinhalt. Was vor dem Autofenster oder Zugabteil verschwimmt, hält Schink bewusst an, friert die meist winterliche Landschaft zu epischen Naturbetrachtungen ein: Das sind Felder, über denen ein trüber Nebelschleier liegt. Kahle Kopfweiden, deren dünne Zweige in den Himmel greifen. Mal erblickt man einen zugefrorenen See, mal mit Reif bedeckte Wiesen. Hier eine Kuh auf der Weide, dort Schwäne auf einer dünnen Eisschicht.


Auch wenn Schink keine Sehnsuchtsorte zeigt, spricht aus jedem Bild Poesie


In gedämpften Farben bildete er über sieben Jahre hinweg die Stimmung einer Region ab, in der das Land noch immer das Leben bestimmt. Er zog an die Ränder, dahin, wo die Stadt ausfranst, und nähert sich einer Gegend, die heute viel zu selten klargesehen wird. In seinen zurückhaltenden Aufnahmen verklärt Schink die Provinz weder als Weite, in die man flieht, noch verteufelt er sie als Enge, der man entkommen will. Seine Stärke liegt darin, der Peripherie ihre Eigenheiten zu lassen. Sie so rau zu zeigen, wie sie bisweilen ist. Schinks Aufnahmen sind Achtsamkeitsübungen auf dem Papier. Sie führen vor, dass Innehalten und Aushalten von Einöde und Einsamkeit manchmal nah beisammen liegen.

Farbe setzt Schink bewusst und dosiert ein. Wo die Winterlandschaft anfangs vom Schwarz-Weiß aus Baumsilhouetten und Schnee dominiert wird, weitet sich die Palette, je weiter man voranschreitet. Vor dem trüb verhangenen Himmel arbeitet der Fotograf zarte Stillleben heraus, lässt Schneebeeren wie kleine weiße Tupfer im braunen Gestrüpp aufleuchten, zeigt Heuballen, überzogen mit zartrosafarbenen Hüllen, gelben Raps und grüne Schutzplanen. Auch wenn er keine reinen Sehnsuchtsorte präsentiert, spricht aus jedem seiner Bilder Poesie, selbst wenn sich die Schönheit der Einöde beiläufig, manchmal erst auf den zweiten Blick, zu erkennen gibt. Da liegt es nahe, dass seiner subjektiven Kartografie ein Gedicht von Oswald Egger vorangestellt ist. Auch Egger durchstreift in seiner Lyrik die Landschaft, verwandelt das Alltägliche - das Moos und den Ahorn - in Traumwelten, für die er eine Sprache erfindet, die aus der Zeit gefallen wirkt.

Eggers und Schink verbindet ihre feste Verhaftung in der Gegenwart - und ihr Hang zur Romantik. So kommt es nicht von ungefähr, dass Schinks Kompositionen an Gemälde von Landschaftsmalern wie Caspar David Friedrich erinnern. Doch wo Friedrichs Naturdarstellungen von mystischer Überhöhung durchdrungen sind, stellen sich Schinks Fotografien einem nüchtern entgegen. Er stilisiert die Weite nicht als trostlos, die Stille nicht als erhaben. Pathos liegt ihm, trotz der Großformatigkeit seiner Werke, fern. Schink zeigt schlicht, was ist. Und doch lassen sich seine Bilder nicht rein dokumentarisch lesen. Für ihn ist Hinterland mehr als die Erkundung einer Gegend. Der Titel der Serie bezieht sich, so der Künstler, auch auf die imaginären Landschaften seiner Erinnerung. Auf die Landschaften, die er aus seiner Kindheit kennt.

Geboren wurde Schink 1961 in Erfurt, bekannt wurde er Ende der Neunzigerjahre mit seiner Werkgruppe „Verkehrsprojekte Deutsche Einheit“, für die er den Autobahn- und Schienenausbau in den neuen Bundesländern nach der Wiedervereinigung fotografierte. Er hielt den Moment der Entstehung fest, zeigte, noch bevor der Verkehr zum Rollen kam, wie sich die Betonkolosse - die Fahrspuren, Trassen und Brückenpfeiler - ihren Weg durch die Felder und Wälder bahnen. Seine Aufnahmen bewiesen einmal mehr, was der Anthropologe Marc Augé meinte, als er die Autobahn als klassischen „Nicht- Ort“ bezeichnete - als Ort ohne eigen Identität, als Transitzone der Isolation und Entwurzelung.

Schon damals ging Schink weit über die sachliche Dokumentation hinaus. Der Riss, der sich von Menschenhand durch die Landschaft zieht, bildet bis heute das Leitmotiv seiner Arbeiten. Egal ob in Peru, Nordkorea, Vietnam oder in der Antarktis, Schink richtet den Fokus auf die Berührungspunkte zwischen Land und Stadt. Mit jedem Auslösen der Kamera stellt er die eine Frage, die heute wieder aktueller ist denn je: Wer wird am Ende die Oberhand haben - Mensch oder Natur?

In seinen Panoramen hat der Mensch bewusst keinen Platz. Einerseits spart Schinks Fotografie Personen seit jeher aus, andererseits haben sie an den Orten, die er in Hinterland behutsam vermessen hat, auch nicht mehr viel verloren. Hier und da weisen Spuren auf menschliches Leben hin: ein verlassener Bauernhof, ein dürftig geflickter Zaun, Strommasten mit gekappten Leitungen, Mauern, die ins Nichts führen, und zwei verschneite Bänke vor einer Hütte. Gesessen hat hier schon lange niemand mehr.


Abb.: Hans-Christian Schink