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In Sachen Henri


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Siegessäule - epaper ⋅ Ausgabe 10/2021 vom 24.09.2021

MUSIK

Artikelbild für den Artikel "In Sachen Henri" aus der Ausgabe 10/2021 von Siegessäule. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Henri Jakobs: Bizeps Bizeps (Audiolith), jetzt erhältlich

Henri Jakobs live, 06.10., 21:00, Badehaus

Du greifst in Sozialen Medien die Rolle des Transitionsexperten mittlerweile aktiv auf. Wie fühlt sich die Verantwortung an, die so ein Role-Model-Sein mit sich bringt?

Ich habe mir das nicht ausgesucht. Aber als es bei mir mit der Transition ernst wurde, hab ich mich umgeschaut und fast nur Leere gesehen – jede Stimme, die ich in der Zeit entdeckt habe, war hilfreich. Dessen bin ich mir heute bewusst. Also wenn mich mal wieder etwas aufregt, wie z. B. die Diskussion um das „Transsexuellengesetz“, dann kann ich einfach nicht anders und muss mich öffentlich äußern. Aber es ist natürlich auch anstrengend, sich immer wieder mit dem eigenen Struggle zu konfrontieren.

Du sagst, es gehe dir gar nicht um „Normalität“, sondern um „Selbstverständlichkeit“. Was verstehst du darunter?

Über eine sich ...

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Über eine sich verbreitende Selbstverständlichkeit kann das Thema Trans auch irgendwann wieder in den Hintergrund rücken, aber da sind wir natürlich noch lange nicht. Es ist vielmehr die Aufgabe unserer Generation, das alles für die kommenden entspannter, selbstverständlicher – oder auch nur einfach egaler zu machen. Sei es zwischenmenschlich, gesellschaftlich oder bürokratisch. Aktuell gibt es noch sehr viele Baustellen.

In dem Podcast „Transformer“ zeigte sich die Macherin darüber verwundert, dass du dir statt einer Selbsthilfegruppe lieber YouTube-Videos gesucht hast.

Das stimmt, ich funktioniere einfach nicht in Gruppen. Ab einer Menschenansammlung von über drei bin ich maximal überfordert.

Heißt das, du bleibst jetzt Solokünstler nach dem Ende deiner Band Tubbe?

Dass ich zuletzt allein auf Bühnen unterwegs war, ist eher Corona geschuldet. Für die Zeit danach hätte ich gern wieder eine Schlagzeug spielende Person und noch jemand für ein weiteres Instrument – neben mir und dem Bass und dem Computer. Das aber dann eher als Begleitung meines Soloprojekts. Dennoch muss ich sagen, Musik zu machen bringt mehr Spaß, wenn mehrere Leute daran beteiligt sind.

Du hast gerade mit „Bizeps Bizeps“ deine Debüt-EP veröffentlicht, darauf sind vier Songs ... für die ganze Corona-Wartezeit gar nicht mal so produktiv?

Ja, ich faules Arschloch!

Ach, man kann sich doch auch Zeit lassen mit seiner Kunst, aber sag doch mal, wie es weitergehen wird jetzt?

Ich schreibe weitere Lieder, textlich wird es natürlich um dieses ganze Männlichkeitsding gehen, der Wahnsinn muss verarbeitet werden. Es existieren auch schon diverse Demos, die noch auf das richtige Gewand warten.

Was für ein Sound schwebt dir vor?

Mir ist es wichtig, dass es sich live gut inszenieren lässt – und auch wenn „organisch“ ein doofes Wort ist, würde ich sagen, die neuen Stücke werden „organischer“ klingen ...

... also dürfen wir uns auf Panflöte und Didgeridoo freuen?

[lacht] Ja, und am besten auch noch eine Cajón, ich sehe, ich muss gar nichts mehr erklären.

Stimmt es eigentlich, dass du diesen sehr intimen Podcast über dich vorab gar nicht gehört hast? Wie hast du dich selbst erlebt, als du dir da dann begegnet bist?

Die Aufnahmen haben zeitgleich mit all den Ereignissen stattgefunden. Wenn man sich in so einem Prozess befindet – also dem bürokratischen, medizinischen, privaten – wird man davon so aufgesogen, fühlt sich oft auch ratlos oder einfach überfordert. Dann steht da immer mal ein Mikrofon zwischen dir und deiner guten Freundin und ich dachte: „Warum nicht?“ Dass diesem Projekt später so viel Aufmerksamkeit zukommen würde, konnte keiner ahnen. Ich war dementsprechend sorglos mit meinen Äußerungen – mit dem Abstand von heute würde ich das definitiv anders machen. Im Nachhinein ist es für mich auf jeden Fall auch ein Lehrstück, wie sich Menschen oder auch große Sender der Geschichte von queeren Personen bedienen, daraus Profit schlagen und so eine Hoheit gewinnen, ohne dass die Person selbst Mitsprache hat.

Von dir stammt der Satz, dass dich dein Weg in den richtigen Körper feministischer hat werden lassen, wie ist das zu verstehen?

Mir wurden ganz viele Missstände noch mal deutlicher, weil ich jetzt auf der anderen Seite stehe. Allein nur das Thema Tontechniker: Typen, die mich heute anders behandeln, weil sie mich als Mann lesen, dieselben Typen, die einer Frau dagegen technisch nichts zutrauen und das auch durchblicken lassen. Ein anderes Beispiel ist, dass ich heute, wenn ich durch eine dunkle Straße nach Hause gehe, keine Angst mehr habe. Das sollte doch für alle so sein. Mir fallen einfach wahnsinnig viele Situationen ein. So was speist heute meinen Feminismus.

Du hast mit deiner Band Tubbe mal auf dem CSD in Kiew gespielt – unter großer Gefahr deiner körperlichen Unversehrtheit. Jetzt kochte dieses Jahr zur Fußball-EM eine Debatte hoch, wie via Regenbogenfarben an der queerfeindlichen Politik eines anderen ehemaligen Ostblockstaates – nämlich Ungarn – Kritik geübt werden kann. Wie bewertest du das?

Die Situation ist mehr als trist für die Community in Staaten wie Ungarn oder Polen, sie wird mitunter eher schlechter als besser. Da muss sich noch so viel tun. Dennoch ist es für mich unfassbar heuchlerisch, wenn im Pride Month plötzlich alle die Rainbowfahne hissen. Das Einzige, was hier einen großen Schritt gemacht hat, ist das Marketing. Denn divers und fair sind diese ganzen Unternehmen doch gar nicht, sie möchten bloß bei einer bestimmten Zielgruppe so erscheinen. Aber wenn du vor dem Pride Month ein Arschloch warst und hinterher auch wieder – dann bist du es garantiert auch währenddessen. Eine gepostete Regenbogenfahne ändert das Leben eines queeren Menschen nicht im Geringsten. Wer wirklich was verändern will mit seinem Konzern, der soll erst mal intern anfangen. Da gibt’s genug zu tun.

Was verbindet dich mit der SIEGESSÄULE? Du hast hier früher auch mal eine Kolumne gehabt ... 

So einiges natürlich. Ich weiß zum Beispiel noch Folgendes: Es war zwei Wochen nachdem ich die erste Spritze in Sachen Henri in den Hintern gejagt bekommen hatte, ich spielte ein Konzert im Rahmen einer SIEGESSÄULE-Veranstaltung. Das war das erste Mal, dass ich von jemandem – in dem Fall von Chefredakteur Jan Noll – mit neuem Namen und neuen Pronomen angekündigt wurde. Das hat mich total überwältigt, aber auch überfordert, weil ich von einer entspannten Selbstverständlichkeit noch sehr weit entfernt war. Nicht nur ich, ich kann mich sehr gut an die Reaktionen des Publikums erinnern. Es waren viele lesbische Tubbe-Fans da, und einigen sind schon die Gesichter runtergefallen, als plötzlich ein Henri angekündigt wurde. Jan hat das gar nicht weiter thematisiert, einfach nur „so isses“ und los. Das ist eine unvergessliche Erfahrung für mich mit der SIEGESSÄULE.

Haben dir diese bestimmten Teile der lesbischen Community die Transition denn mittlerweile zugestanden?

Es gibt dienstags in der Bar Möbel Olfe eine Veranstaltung fürs lesbische Publikum. Dort bin ich Prä-Corona immer mal gewesen – und musste feststellen, wie ich mit fortschreitender Transition dort nicht mehr stattgefunden habe, also komplett unsichtbar wurde. Das war ein schmerzhaftes Erleben. Ich spreche nicht von mir unbekannten Lesben, klar, dass die sich nicht interessieren, was da für ein Typ rumhängt, aber das spiegelte sich auch wider in meinem eigenen lesbischen Freundes- und Bekanntenkreis.

„Selbst für euch werde ich unsichtbar? Wow!“, dachte ich. Und das war ziemlich ungeil – und ist es auch immer noch. Als trans Person weiß man nicht, wo man queer ausgehen kann, wo ist ein Raum für mich? Klar, da kommt dann dieses TERF-Argument, dass man keine Männer in Frauenräumen haben will. Aber was ist das für eine Haltung, anderen ihre Veränderung und ihr Glück nicht zugestehen zu wollen? Wie vermessen ist es, seine eigenen Sentimentalitäten und das Festhalten an der Vergangenheit über den Frohsinn einer anderen Person zu stellen? Mancher macht da einen großen Schritt, der ihm oder ihr das Leben rettet, das ist einfach wichtiger und größer. Ich denke, die Welt entwickelt sich gerade – und da sollte man mitgehen.