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In Trümmern Bestandsaufnahme „Schwer beschädigt, aber es lebt“


Spiegel Geschichte - epaper ⋅ Ausgabe 1/2018 vom 29.01.2018

Der Krieg war vorbei, die Städte lagen in Schutt und Asche. Wie sollte es weitergehen? Tagebuchaufzeichnungen, Zeitungsberichte und Erinnerungen vermitteln dieStimmung der unmittelbaren Nachkriegszeit .


Artikelbild für den Artikel "In Trümmern Bestandsaufnahme „Schwer beschädigt, aber es lebt“" aus der Ausgabe 1/2018 von Spiegel Geschichte. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Spiegel Geschichte, Ausgabe 1/2018

Vom einst pulsierenden Berlin waren 1945 teilweise nur Ruinenfelder geblieben (l.). Mehr als 500000 Wohnungen waren total zerstört. Aus den Schutthalden in München und anderswo suchten Menschen Brauch bares wie Brennholz heraus (r.).

Video: Eine Zeitzeugin über das Leben in Trümmern

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„Wenn wir im Treppenhaus in den dritten Stock kamen, gab es ...

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„Wenn wir im Treppenhaus in den dritten Stock kamen, gab es darüber kein Dach mehr. An verregneten Tagen mussten wir einen Regenschirm aufspannen, um trocken zu unserer Tür zu kommen. In unserer Wohnung gab es keine Fenster, keinen Ofen und kein Badezimmer, noch nicht einmal Fensterrahmen. In der Wohnung gegenüber reichte ein Bombenkrater von der dritten Etage bis in das Erdgeschoss, genau in den Wohnzimmern der Familien. Ich fand das sehr sensationell. Sie mussten einen Zaun um das Loch bauen, sodass keiner herunterfallen konnte.“

Erinnerung von Margot Heller, Jg. 1938, damals Berlin

„Dieses Haus lebt; es ist schwer beschädigt und stützt sich auf Krücken, aber es lebt. Das ist symbolisch – wie alles in Deutschland. Alles spricht die starke Sprache der Symbole. Jeder Deutsche ist ein Symbol für den Niedergang, den Verfall, die Hoffnungslosigkeit seines Landes.“

Peter Weiss, Reportage aus dem Sommer 1947

„Ich muss mir ein bisschen oft sagen: Du bist jetzt im Paradiese, verglichen mit dem vergangenen Zustand. Es ist so, aber ich merke es allzu selten. Es wächst ein bisschen allzu viel Unkraut im Paradiesgarten.“

Victor Klemperer, Tagebuch, Dresden, 20. Juli 1945

„Ein Tag Ende Mai 1945: In meinem Wartezimmer reißt ein Schrei die Köpfe der dicht gedrängt sitzenden Patienten hoch. Als ich durch den Türspalt hineingucke, wirft sich mir eine Frau mit einem Wickelbündel entgegen. ‚Es atmet gar nicht mehr – Blut läuft ihm aus der Nase! Helfen Sie rasch, Herr Doktor.‘ Ich ziehe die jammernde Frau ins Sprechzimmer, führe sie zu einem Stuhl und nehme ihr den Säugling ab. Nach kurzer Untersuchung sage ich leise: ‚Ihr Kind ist tot.‘ – ‚Das ist ja unmöglich. Vor zehn Minuten hat Dieter noch eine Brotsuppe gegessen.‘ Ich kann nur nicken. Mir ist alles klar. Das Kind zeigt deutliche Merkmale des Hungertodes – trotz Brotsuppe.“

Aufzeichnungen von Otto Müllereisert, Berliner Facharzt für Inneres, Mai 1945

„Überall stehen russische Posten , die Russen treiben das Vieh fort, es herrscht Hunger, schon hört man: Unter Hitler habe jeder wenigstens bekommen, was auf den Marken versprochen war! Ich sehe die Situation sehr düster. Man macht alle früheren Fehler wieder und in verstärktem Maß. Man beschimpft die Gegner und lässt sie in manchem Besitz. Man predigt einseitigsten Pazifismus inmitten der gegnerischen Machtentfaltung. Und bei alledem wird täglich mehr gehungert. Man rühmt stündlich im Radio die großen Fortschritte, man rühmt die Güte der Alliierten, und beides stimmt doch nur teilweise, und jeder fühlt dies ‚nur teilweise‘. – Und das Volk ist so rettungslos dumm und gedächtnislos. Es denkt jetzt nur: ‚Vorher haben wir weniger gehungert‘, und alles andere ist vergessen. Es wird bald denken: All diese Hitler-Greuel sind erfundene Propaganda.“

Victor Klemperer, Tagebuch, Dresden, 20. Juli 1945

„Wenige Monate nach Kriegsende fuhr ich von Niebüll/Schleswig nach Hannover. Bis Hamburg auf der offenen Ladefläche eines Lkw-Anhängers, von dort mit der Reichsbahn in einem offenen Kohlen-Güterwagen, stehend. Auf dem Weg nach Süden kommt die Strecke nahe am Hamburger Hafen vorbei. Da lag nun der deutsche Glockenfriedhof: Auf einer ausgedehnten Betonfläche zum Wasser hin lagerten die zusammengekarrten Kirchenglocken, Glocke an Glocke als Rohmaterial für die Führungsringe von Artilleriegranaten.“

Erinnerungen eines Mannes, Jg. 1930

In Kellern oder in halb zerstörten Häusern hausten die ausgebombten Menschen (l. in Essen). Mühevoll begannen sie, die Trümmer wegzuräumen (r. in Dresden 1946).


Männer kehrten zurück und verzweifelten, weil sie ihre Familie nicht fanden (l. in Frankfurt am Main 1946). Um NS-Täter verfolgen zu können, retteten die Alliierten Parteiunterlagen vor der Zerstörung (r. in München).


„Furchtbares ist schon vor dem Kriege in Deutschland und während des Krieges durch Deutsche in den besetzten Ländern geschehen. Wir beklagen es zutiefst: Viele Deutsche, auch aus unseren Reihen, haben sich von den falschen Lehren des Nationalsozialismus betören lassen, sind bei den Verbrechen gegen menschliche Freiheit und menschliche Würde gleichgültig geblieben; viele leisteten durch ihre Haltung den Verbrechen Vorschub, viele sind selber Verbrecher geworden.“

Schuldbekenntnis der Katholischen Bischofskonferenz vom 23. August 1945

„Der Hitler-Krieg und dessen Totalkatastrophe erfolgten, nachdem Deutschland in seiner Vergangenheit eine glanzvolle Kulturhöhe erreicht und eine große Arbeiterbewegung herausgebildet, nachdem Deutschland solche Genies wie Goethe, Hegel, Engels und Marx hervorgebracht hatte und nachdem bereits in der Sowjetunion eine neue, freiheitliche Menschenordnung geschaffen worden war. Weltanschauliches, politisches Neubeginnen, geistiger Neuaufbau verlangen, dass wir die geschichtliche Grundlage, das ideologische Fundament genauestens untersuchen. Wir können uns bei diesem hohen Beginnen auf die großen Genien unseres Volkes berufen, die uns ein reiches, humanistisches Erbe hinterlassen haben. Dieses reiche Erbe des Humanismus, der Klassik, das reiche Erbe der Arbeiterbewegung müssen wir nunmehr in der politisch-moralischen Haltung unseres Volkes eindeutig, kraftvoll, überzeugend, leuchtend zum Ausdruck bringen. Deutschland wird ein freiheitliches, demokratisches Deutschland sein – oder politisch-moralisches Trümmerland, geschichtliches Niemandsland.“

Ansprache von Johannes R. Becher auf der Gründungskundgebung des Kulturbundes am 4. Juli 1945 im Haus des Berliner Rundfunks

„Gestern früh fing ich einen schon mal gelaufenen Vortrag über Johannes Becher ab, den man jetzt immerfort von kommunistischer Seite überschwänglich feiert und zum größten deutschen Dichter erhebt. Ich hörte schon wiederholt als Zusammenstellung der Größten: Goethe, Heine, Thomas Mann, Becher. Gestern ging das Superlativieren noch weiter: Dante, Goethe, Heine, Becher.“

Victor Klemperer, Tagebuch, Dresden, August 1945

„Als wir nach Frankfurt kamen , sahen wir nur Trümmer. Selbst in den Anlagen und Alleen lagen Trümmerberge. Mich nahmen Freunde in ihrem Haus auf. Doch dieses Haus hatte kein Treppenhaus mehr. Mit einer Leiter krabbelten wir in den dritten Stock. Einige Zimmer dieser Wohnung hatten keine Wände. Die Absturzgefahr vom dritten Stock in die Tiefe war groß. Ich hatte Angst.“

Erinnerung von Hilde Mück, Jg. 1936, damals Frankfurt am Ma

„Und du , die du Vergewaltigung spielst mit deiner Puppe. Du hast die fremden Soldaten gesehen, die sich über deine Mutter stürzen. Wirst du jemals Versöhnung empfinden? Wirst du jemals den Mann ohne Angst betrachten können, ohne Hass?“

Peter Weiss über Kriegstraumata

Weil es an Heizmaterial fehlte, waren bald ganze Parks kahl geschlagen, wie hier der Tiergarten in Berlin 1946.


Westzonen 1945 bis 1949

Oktober 1945

Die Evangelische Kirche in Deutschland spricht imStuttgarter Schuldbekenntnis von ihrer Mitschuld für das Leid durch das NS-Regime.

November 1945

Das Internationale Militärtribunal eröffnet dieNürnberger Prozesse gegen die 24 Hauptkriegsverbrecher aus der Führung des Hitler-Regimes.

März 1946

Die CDU, neue überkonfessionelle Partei in der Britischen Zone, bestätigtKonrad Adenauer als Vor sitzenden.

Mai 1946

Mit der Direktive Nr. 30 ordnet der Alliierte Kontrollrat die Zerstörung allerNS-Denkmäler in Deutschland an.

Januar 1947

In Hannover erscheint unter der Heraus ge - berschaft vonRudolf Augstein am 4. Ja - nuar die erste Ausgabe des SPIEGEL.

Mai 1947

Die US-Behörden heben dasHeiratsverbot für US-Soldaten und deutsche Frauen auf. Bis 1949 gibt es 20000 amerikanischdeutsche Ehen.

Juni 1948

In den drei Westzonen wird am 22. Juni eineWährungsreform durchgeführt. Im Westen gilt nun anderes Geld als im Osten.

April 1949

Die amerikanische, britische und französische Besatzungszone werden zurTrizone vereint. Dies ist die Vorstufe zur Bundesrepublik.

Mai 1949

In Bonn wird feierlich dasGrundgesetz für die Bundesrepublik Deutschland ver - kündet. Der neue Staat steht unter Besatzungsstatut.

Ostzone 1945 bis 1949

August 1945

Die Siegermächte teilen imPotsdamer Abkommen Deutschland in vier Zonen: eine amerikanische, sowjetische, französische und britische.

September 1945

Gestützt auf Kommunisten und Sozial - demokraten, setzen die Sowjets eineBodenreform durch. Großgrundbesitzer werden enteignet.

April 1946

Unter sowjetischem Druck verschmelzen SPD und KPD zur Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands(SED).

Oktober 1946

In der Sowjetzone finden erstmals und letztmals halb freieLandtagswahlen konkurrierender Par - teien statt.

Oktober 1947

Am 3. Oktober hat dererfolgreichste deutsche Film der frühen Nachkriegszeit Premiere: „Ehe im Schatten“ der Defa über die Judenverfolgung.

Oktober 1947

Am 4. Oktober beginnt in Berlin der Erste DeutscheSchriftstellerkongress. Es kommt zum Streit über die Sowjetunion.

Juni 1948

Auf die Währungs - reform im Westen reagiert die Sowjetunion vom 24. Juni an mit derBlockade Westberlins , bis Mai 1949.

August 1948

Das durch amerikanische Bomben 1945 zerstörteNationaltheater Weimar wird mit Goethes Drama „Faust I“ wieder - eröffnet.

Oktober 1949

Im Osten Berlins kommt es zurGründung der DDR nach Absprache der SED mit Stalin. Staatssymbol ist ein Hammer, später mit Zirkel und Ährenkranz.

„Millionen verloren den Mann. Andere warten nach allen Lasten des Krieges, nach Jahren der angstvollen Sorge auch heute weiter oder von Neuem in Ungewissheit auf ihren Mann, da die sowjetische Besatzungsmacht unzäh - lige deutsche Männer erst nach dem Zusammenbruch verhaften ließ, ohne Angabe von Gründen oder Auskunft über deren Verbleib. Die Trümmerfrau, die bei Eiseskälte oder Sonnenglut den Mörtel von den Steinen abklopft, um sie dann aufzuschichten, und schwere Loren schiebt, dürfte eine Anklage gegen die ganze humane Welt sein. Vom Morgengrauen bis in die tiefe Nacht reißt die Arbeit dieser Frauen nicht ab. Sie tun sie stumm, selbst - verständlich, doch hoffnungslos. Denn sie sehen keine Möglichkeit, ihren Kindern die Basis für eine vernünftige Zukunft vorzubereiten. Sie leben in ihrer Weise auf den Tag hin; wie auch die ganz gleichgültigen Frauen, die sich treiben lassen und das Schicksal be trügen wollen, indem sie durch kleinere oder größere Ordnungs - verstöße nach Um- und Auswegen suchen.“

Aufzeichnung von Annedore Leber, Widerstandskämpferin und Frau des SPD-Reichstagsabgeordneten Julius Leber

„Gestern sind wir – trockene Formalität – auf dem Standesamt am Chemnitzer Platz (Rathaus) beide aus der evangelisch-lutherischen Landeskirche ausgetreten. Es ließe sich viel darüber sagen, gefühlsmäßig ist die Sache sehr kompliziert …“

Victor Klemperer, Tagebuch, 19. August 1945

„Wohl haben wir lange Jahre hindurch im Namen Jesu Christi gegen den Geist gekämpft, der im nationalsozialistischen Gewaltregiment seinen furchtbaren Ausdruck gefunden hat, aber wir klagen uns an, dass wir nicht mutiger bekannt, nicht treuer gebetet, nicht fröhlicher geglaubt und nicht brennender geliebt haben.“

Die Stuttgarter Erklärung des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland vom 19. Oktober 1945

„In unserer Nachbarschaft wohnte eine Familie, die nur aus Frauen bestand, eine Mutter mit drei Töchtern. Sie hatte im Krieg drei Männer verloren: ihren Mann und ihre zwei Söhne. Seitdem war sie immer in Schwarz gekleidet.“

Erinnerungen von Hans-Joachim Pescatore, Jg. 1939, damals Horrem, Bezirk Köln

„In einem geplünderten Laden ohne Tür und Scheibe finde ich im Schaufenster zwei papierumwickelte menschliche Körper, wie ägyptische Mumien verschnürt, die keinerlei Lebenszeichen mehr verraten. Ich lasse die Umhüllung entfernen und stehe vor einer völlig nackten männlichen Leiche. ‚Woher kommen die Toten?‘ – ‚Aus unserem Hauskeller. Hier!‘ Ich taste mich die dunkle, halb verschüttete Treppe hinunter, öffne die Tür und trete in den Luftschutzraum des schwer beschädigten Hauses. Etwa 20 Menschen liegen, in Decken gehüllt, auf dem Steinboden. Alle atmen schwer und sind kaum bei Besinnung. Der ganze Keller ist eine Fleckfieberhölle. Einige Soldaten in lehmverkrusteter Uniform und eine Familie, deren Kleidung auf Bauernflüchtlinge aus dem Osten schließen lässt, verraten, wie die furchtbare Krankheit in die Stadt verschleppt worden sein könnte. Rasch beende ich meinen Rundgang und nehme draußen den Mann beiseite, der mich geholt hatte. ‚Wir müssen den Keller von der Außenwelt völlig abschließen. Sorgen Sie für ständige Bewachung des Eingangs. Wahrscheinlich sind aber alle dort unten in wenigen Tagen tot.‘ – ‚Meine Frau liegt auch dort, was soll ich …?‘ Diese Worte des verzweifelten Mannes höre ich noch im Weggehen. Mehr kann ich hier nicht tun.“

Aufzeichnungen von Otto Müllereisert, Berliner Facharzt für Inneres, Mai 1945

„1 Ei: 15 Mark
1 Pfund Mehl: 35 Mark
1 Pfund Zucker: 85 Mark
1 Flasche Schnaps: 140 Mark
1 Pfund Kaffee: 600 Mark
1 Sack Kartoffeln: 500 Mark
20 Zigaretten: 150 Mark

Ehrlichkeit und Moral – sind keine gängigen Münzen. Schieber sei dein Beruf! Der Gulaschbaron baut seine schwarzen Mode-, Antiquitäten- und Teppichgeschäfte direkt in die Ruinen des Kurfürstendamms. Hier gibt es Glasscheiben und Zement, die Tausende kosten, während die Bevölkerung Pappe vor die leeren Fensterrahmen klebt. Es lohnt sich nicht, Kraft für eine anstän - dige Arbeit zu sammeln, wenn man durch einen bequemen Betrug in kürzester Zeit reicher werden kann. Nur die Allerbesten halten aus. Der Rest wird proletarisiert. Die Anarchie ist die unausweichliche Konsequenz. Aber nicht eine durchdachte, von Freiheit erfüllte Anarchie, sondern die Anarchie der Abstumpfung, der Sinnlosigkeit und der üblen Instinkte.“

Peter Weiss, Reportage aus dem Sommer 1947

In Berlin warteten Menschen auf den Bus oder suchten im Müll der Besatzer nach Nütz - lichem. In Essen wurden die Krupp-Werke demontiert (u.).


„Zusammen zog man durch die Ruinen der Innenstadt – ohne Ziel, aber in der Erwartung, etwas Spannendes, wenn nicht sogar Nützliches zu finden. Die wenigen Menschen, die man traf, waren meistens Frauen. Männer, und wenn, dann ältere, waren selten. Viele waren gefallen oder noch in Gefangenschaft. Man konnte in den Keller eines zusammengefallenen Geschäftshauses kriechen, dort im Archiv die Leitzordner durchblättern und Briefmarken von der Korrespondenz mitnehmen. Man konnte an den Resten des Zoolo - gischen Instituts vorbeikommen und dort eine ausgestopfte Schleiereule (ich) oder eine in Spiritus eingelegte Kreuzotter (mein Komplize) retten.“

Erinnerung von Norman Gumbricht, Jg. 1933, damals Kiel

„Es sind ausgewählte Männer und Frauen, meistens ältere Semester. Es fehlen Bücher und Lehrmittel, die auf Jahre nicht wiederbeschafft werden können. Es ist wenig wahrscheinlich, dass die alten Korporationen wieder erstehen. Anstelle von Kneipe und Mensur werden vielleicht geistige und künstlerische oder sportliche Beschäftigungen treten. Aber sicher ist, dass der überwiegende Teil der akademischen Bürger, Lehrer wie Lernende, die Politisierung der Hochschule, gleichviel in welcher Richtung, scharf ablehnt.“Bericht der

„Neuen Hamburger Presse“ vom 3. November 1945 über die Eröffnung des Wintersemesters an der Hamburger Universität

„Beiliegender Brief , nach langer Überlegung geschrieben, beantwortet recht hart ein rührend plump antastendes Anbandeln der Frau Hirche aus Oberlößnitz i. Erzgebirge. Sie hätten meinen Namen unter dem Kulturbund gelesen und sich so gefreut und so oft an uns gedacht, ich sei doch der Bürge ihres Hans, der noch in englischer Gefangenschaft lebe. Wüsste ich nicht zufällig, dass er Major im Generalstab war, und wäre nicht vor ganz kurzer Zeit durchs Radio gekommen, dass die Angehörigen des Generalstabs unter die Kriegsschuldigen zählen, so wäre ich vielleicht halbwegs auf die Anbiederung hereingefallen. Die Antwort ist gewiss hart, aber sie ist von meiner Seite aus auch Notwehr. Wenn der junge Hirche es zum Major im Generalstab gebracht hat, dann muss er politisch ein Musterknabe gewesen sein und muss auch gewusst haben, wem er seine Seele verkaufte.“

Victor Klemperer, Tagebuch, Dresden, 11. November 1945

„In seiner Weltscheu war immer so viel Weltverlangen, auf dem Grunde der Einsamkeit, die es böse machte, ist, wer wüsste es nicht!, der Wunsch, zu lieben, der Wunsch, geliebt zu sein. Zuletzt ist das deutsche Unglück nur das Paradigma der Tragik des Menschseins überhaupt. Der Gnade, deren Deutschland so dringend bedarf, bedürfen wir alle.“

Thomas Mann: „Deutschland und die Deutschen“, Rede vom Mai 1945

„Im Rahmen des realpolitischen Denkens wird auch das sogenannte deutsche Selbstmitleid angegriffen. Dieser Angriff ist berechtigt, solange er sich gegen die verbreitete, im Innern verständliche Ansicht richtet, dass Deutschland es unter dem Nazismus besser hatte. Zynisch wird der Angriff, wenn er sich gegen den verzweifelten Notruf des Hungrigen richtet. Falsch wird er, wenn er (wie bei Thomas Mann) generalisiert und den stummen Kampf der Millionen vergisst, wenn er die Mutter vergisst, die im Kellerloch versucht, die Überreste ihrer Familie zusammenzuhalten, den Flüchtling, der von Station zu Station irrt, bis er fällt.“

Peter Weiss, Reportage aus dem Sommer 1947

„Trotz gigantischer Zerstörung der Stadt erlebte ich sogar in der sehr frühen Nachkriegszeit in Hannover, dass Straßenbahnen fuhren, Strom und Wasser in ganzen Stadtvierteln verfügbar waren, das Einwohnermeldeamt Zuzugssperren verhängte, Post zugestellt wurde (sogar zweimal am Tag).“

Erinnerungen eines Mannes, Jg. 1930, damals Hannover

„Die Revolutionsfeier der Russen, 7. Oktober 1917, erfüllt den Berlin-Leipziger-Sender. Die Deutschen kriechen den Russen tief in den A., bisweilen (Rede der christlichen Union!) auf komisch gewundene Weise.“

Victor Klemperer, Tagebuch, Dresden, Oktober 1945

„Im Nebenzimmer traf ich den Chirurgen in Gummistiefeln und blutiger Schürze. Der Chefarzt hatte ihn in einer Kellerbehausung für Bombengeschädigte entdeckt und gleich mitgenommen. Zwei ältere Medizinstudenten leisteten Hilfe beim Operieren, Betäuben und Verbinden. Der Operationssaal enthielt außer drei rohen Holztischen und einigen Wassereimern keine weiteren Einrichtungsgegenstände. Der Geruch eitriger Verbände und brandiger Wunden mischte sich mit dem Gestank der Bedürfniszellen, die der Eingangstür gegenüberlagen. Dort waren die Abflussrohre verstopft und die Becken bis zum Rand gefüllt. Wasser und Hilfskräfte gab es nicht.“

Aufzeichnungen von Otto Müllereisert, Berliner Facharzt für Inneres, Mai 1945

„In den verlassenen Stellungen rund um den Bahnhof lag immer noch genügend Flakmunition zum Spielen. Den 3,8-Zentimeter-Granaten wurde das Projektil herausgebrochen, die Pulver - ladungen auf einen Haufen geschüttet und an gezündet. Manche Buben waren nicht schnell genug beim Weglaufen und verbrannten sich das Fell, einer meiner Klassenkameraden kam ohne Haare in die Schule, ein anderer überlebte die Explosion nicht.“

Erinnerung von Lothar Sonntag, Jg. 1933, Hausach im Schwarzwald

Besonders Kinder litten unter Hunger und der schlechten Versorgungslage (l. in Wetzlar); in Berlin aber hatten schon 1945 einige Cafés wieder geöffnet.


„Der nicht von Russland besetzte Teil Deutschlands ist ein integrierender Teil Westeuropas. Wenn er krank bleibt, wird das von schwersten Folgen für ganz Westeuropa, auch für England und Frankreich sein. Dem Verlangen Frankreichs und Belgiens nach Sicherheit kann auf Dauer nur durch wirtschaftliche Verflechtung von Westdeutschland, Frankreich, Belgien, Luxemburg, Holland wirklich Genüge geschehen. Wenn England sich entschließen würde, auch an dieser wirtschaftlichen Verflechtung teilzunehmen, so würde man dem doch so wünschenswerten Endziele ‚Union der westeuropäischen Staaten‘ ein sehr großes Stück näherkommen.“

Brief von Konrad Adenauer an den Duisburger Oberbürgermeister Heinrich Weitz, 31. Oktober 1945

„Bin ich feige , wenn ich eintrete … – bin ich feige, wenn ich nicht eintrete? Sie (die KPD –Red.) allein drängt wirklich auf radikale Ausschaltung der Nazis. Aber sie setzt neue Unfreiheit an die Stelle der alten! Es kommt mir wie eine Komödie vor: Genosse K.! Wessen Genosse?“

Victor Klemperer, Tagebuch, Dresden, 20. November 1945

„Im Haus Küttenstraße 56 wohnen sechs Familien. Hier ist kein Dach, kein Schutz gegen die Unbilden der Witterung. Die Treppe wird auf Pfählen gestützt. Der Sturm, der auf dieser Höhe immer sehr beträchtlich ist, braust mächtig durch alle Räume.“

Sozialbericht der Stadt Aachen 1947

„Als ich vorgestern Abend Seidemann unsere Anträge auf Beitritt zur KPD übergab, sagte er mehr ernst als scherzhaft: ‚Wollen Sie Ihre Frau nicht lieber draußen lassen, als Rückversicherung, wenn es wieder schiefgeht?‘ Mir ist es beinahe eine Erleichterung, dass mir niemand vorwerfen kann, ich liefe zur Siegerpartei; denn die Stimmung ist weiterhin antikommunistisch.“

Victor Klemperer, Tagebuch, Dresden, 30. November 1945

„In der ‚Tribüne‘ sind in der letzten Zeit einige Beiträge erschienen, die sich mit der Jugendkriminalität befassen. Die darin vertretene Ansicht stimmt, dass diese Kriminalität ganz reale Wurzeln hat. Nach unseren Erfahrungen sind wir zu dem Ergebnis gekommen, dass nicht allein der Krieg, nicht allein die Demoralisierung und Zersetzung der deutschen Jugend durch die Erziehung der faschistischen Machthaber die Schuld am heutigen Zustand eines Teils unserer Jugend tragen. Vielmehr mussten wir bei unseren Erhebungen in den Betrieben feststellen, dass auch noch andere sehr reale Gründe für diese schwierige Lage der Jugend vorliegen. Dabei kamen wir zu dem Ergebnis, dass die Betriebsjugend gewichtsmäßig nicht zu-, sondern abnimmt und dass der überwiegende Teil der Jugendlichen ein ganz beträchtliches Untergewicht aufweist. Einer der krassesten Fälle der letzten Zeit ist der der 16½-jährigen Lieselotte W., die in Tempelhof beschäftigt ist. Sie ist 1,50 Meter groß und wiegt 26 Kilo. Ein anderer Jugendlicher aus demselben Bezirk ist 1,69 Meter groß und wiegt 40 Kilo. Ein 15-jähriger Jugendlicher ist 1,38 Meter groß und wiegt 32 Kilo. Es geht hier nicht um irgendwelche Sonder - interessen, sondern um die vitalsten Sonderinteressen des deutschen Volkes. Es geht darum, dass das kostbarste Gut, das wir über Krieg und Zusammenbruch gerettet haben, unsere Jugend, nicht noch durch Hunger und Ent - behrungen so geschädigt wird, dass man mit dieser Generation späterhin überhaupt nicht mehr rechnen kann.“

Bericht in der „Tribüne“, der Zeitung des Freien Deutschen Gewerkschaftsbundes, am 3. März 1947

„Internationalismus und Versöhnung werden heute in Berlin auf besondere Weise praktiziert. Ein Stadtteil gleicht Palm Beach, mit Eisbars, Swimmingpools, flotten Villen, Cocktailpartys, rasenden Jeeps und Jazzmusik. Ein Stadtteil ist wie ein Vorort von London: mit kühlen, wohlgekleideten Damen auf dem Weg zum Shopping; schmucken Kindern, die mit ihrer Nurse spazieren gehen; und Whisky trinkenden, älteren Herren in den Klubs. Ein Stadtteil ist wie eine französische Garnison. Ein anderer scheint nach Russland versetzt zu sein, mit GPU-Gefängnissen (der sowjetischen Geheimpolizei –Red.), Verhaftungs- und Deportationsdrohungen und Gymnastikvorführungen von schneidigen Jungen und Mädchen. Aber überall, quer über die Straßen, ziehen wie im Halbschlaf diese gebeugten Deutschen, die weder Augen noch Ohren für den Verkehr zu haben scheinen. Doch sind sie sprungbereit, wenn die fremden Herren ihre Zigarettenkippen wegwerfen. Sie wühlen in den Mülleimern ihrer ausländischen Gäste nach Orangenund Grapefruitresten, nach Kartoffelschalen, Fleischknochen und Sardinenbüchsen. Sie verkaufen den Gästen ihre letzten Fotoapparate, den Familienschmuck und die Porzellanteller gegen lumpige Zigaretten. Sie graben mit den bloßen Händen in den abgeholzten Wäldern nach übrig gebliebenen Baumwurzeln.“

Peter Weiss, Reportage aus dem Sommer 1947

„Wer aber einen Ofen hat , der weiß nicht, was er in ihm brennen soll. Die meisten Hausfrauen sind froh, wenn sie täglich ein warmes Mittagessen kochen können. Für die Heizung bleibt bei ihnen aber nichts übrig. Dazu kommt die Sorge um den Arbeitsplatz. Vor wenigen Wochen noch fehlte es überall an Kräften. Inzwischen sind aber die meisten Plätze besetzt. Die Fabriken haben ihre Vorräte aufgebraucht. Zudem fehlt es ihnen an Kohle und Strom. Viele Produktionsstätten werden vielleicht in den nächsten Wochen auf Weisung der Militärregierung ihre Arbeit einstellen müssen. Zu Tausenden strömen die Flüchtlinge durch die Auffangläger unseres Bezirks. Viele werden für immer bei uns bleiben. Das verschärft nicht nur die Wohnungsnot, es macht uns auch andere Sorgen. Zu allen Umständen, welche die Stimmung der breiten Massen verdüstern, sind in den letzten zwei Wochen Maßnahmen der Militärregierung gekommen, welche für viele Leute sehr lästige und einschneidende Folgen haben. Bis Ende November müssen alle Uniformen der Wehrmacht umgefärbt werden. Viele der ehemaligen Soldaten haben nichts als das, was sie am Leibe tragen. Sie wissen nicht, was sie anziehen sollen, wenn ihre Uniform umgefärbt wird. Die Flut der schlechten Nachrichten hat manche unserer Mitbewohner zu hoffnungslosen Pessimisten gemacht. Gerade die Leute, welche zuvor die Schwierigkeiten nicht sehen wollten, haben den Kopf verloren. Immer wieder hört man von Selbstmorden, von Nervenzusammenbrüchen, von hoffnungsloser Verzweiflung.“

Bericht des Regierungspräsidenten Wilhelm Backhaus (SPD) in Hildesheim über den Winter 1945

„Die erste Nachkriegsmesse in Leipzig wurde genau am Jahrestag der Kapitulation Nazi-Deutschlands feierlich eröffnet. Diese Tatsache allein bedeutet einen ganz großen Erfolg. Der zweite Erfolg der Leipziger Messe liegt in der unter den Zeitumständen großen Zahl von 2746 Ausstellern, davon 204 aus den Westgebieten, und den vielen Besuchern, die bereits am zweiten Tage die Zahl von 120000, hierunter 12000 aus den westlichen Zonen Deutschlands, überschritten.“

Sonderbericht der „Frankfurter Rundschau“ zur ersten Leipziger Messe, 14. Mai 1946

„Schon an der Zonengrenze konnte man feststellen, dass alle ehemals zwei- und mehrgleisigen Strecken eingleisig geworden waren. Tausende von Kilometern Gleise sind in einem Jahr nach dem Osten gewandert. Vor leeren Fabrikgebäuden und ausgestorbenen Werkhallen weht die rote Fahne. Die Leipziger Bevölkerung hat aus Anlass der Messe Zuteilungen bekommen, auf die sie seit Wochen, manchmal Monaten wartete. In Dresden haben die Menschen aus dem gleichen Anlass seit acht Wochen keine Fettzuteilung erhalten. Das Brot ist erdenklich schlecht; man sagte mir, es werde mit Kastanienmehl gemischt. In jeder Gaststätte gibt es Schnaps; dafür kann man nirgends Kartoffeln erhalten. Der Hunger diktiert. Alle Kleingärten sind mustergültig ausgenutzt. Die Bauern klagen, dass ihnen frisch gelegte Kartoffeln bei Nacht aus den Feldern wieder ausgegraben werden. Aber ein Arzt berichtete mir, dass viele nach einer verhältnismäßig leichten Krankheit sterben. Todesursache: Grippe, Lungenentzündung oder dergleichen. Ganz selten sieht man Personenkraftwagen. Noch seltener als die Kraftfahrer sind die bei uns so zahl - reichen Ausländer. Nur wenige junge Männer traf ich. Ein junger Mann, den ich in Leipzig darüber befragte, sagte mir: ‚Ja, die hauen eben alle ab; ich werde auch bald verschwinden!‘“

Joachim Slawik in der „Süddeutschen Zeitung“ über seine Fahrt zur Leipziger Messe, 17. Mai 1946

„Wir gönnten uns zu Weihnachten 1945 einen Theaterbesuch. In einem halb zerbombten ehemaligen Kino wurde ‚Das Land des Lächelns‘ aufgeführt. Der Eintrittspreis betrug pro Person ein Brikett, damit wurde der Raum beheizt.“

Erinnerungen von Erika Reinicke, Jg. 1934, damals Berlin

Allmählich besserte sich die Lage. 1948 zeigte das Thalia Filmtheater in Darmstadt einen amerikanischen Film; am Frankfurter Römer traten Artisten auf.


„Morgens wurde das Potsdamer Communiqué im Radio verlesen. Erschütternd, ganz egoistisch erschütternd. Deutschland wird so kastriert, so arm – ein kleiner Ackerstaat –, so ausgestoßen. Nichts im Communiqué deutet darauf hin, dass die Alliierten sich der deutschen Juden annehmen wollen.“

Victor Klemperer, Tagebuch, Dresden, 4. August 1945. Er bezieht sich auf die Kurzfassung des Abschlussprotokolls der Potsdamer Konferenz der vier Siegermächte USA, Sowjetunion, Großbritannien und Frankreich

„Mein Vater hatte im Haus eines Arbeitskollegen einen leer geräumten Keller für die Familie herrichten können. Die Stapelbetten mit den Strohsäcken aus dem Bunker, einmal drei und einmal zwei übereinander, standen an der einen Seite. Es gab einen Ofen, einen Wasserhahn und eine Schüssel auf der anderen Seite. In der Mitte stand ein Tisch. An einen Kleiderschrank kann ich mich nicht erinnern, nur an einen Wäschekorb. In dem kleinen, dunklen Flur vor dem Kellerraum stand ein Blecheimer mit einem Holzbrett darauf. Das war jetzt unsere Toilette. Der Eimer wurde von den Erwachsenen draußen in den Trümmern geleert. Als wir in unser neues Zuhause kamen, sah ich als Erstes, dass ein unteres Bett belegt war. Hier lag teilnahmslos mein 16-jähriger Bruder, der inzwischen krank von der Ostfront zurückgekommen war. Ich erkannte ihn nicht wieder. Wie er mir später sagte, war er von vorher 75 Kilogramm Gewicht auf nur noch 50 abgemagert.“

Erinnerungen von Ulla Hofmann, Jg. 1936, damals Hannover

Die Teilung war nach Kriegsende nicht absehbar – im Ostseebad Travemünde konnte man 1949 per Teleskop auf die andere Seite spähen. Nur langsam hatte sich die Entstehung zweier deutscher Staaten angebahnt.


„Erkennen wir, was nötig ist: Der Sozialismus hat das Wort. Unser Sozialismus ist wesensverschieden vom Marxismus. Das christliche Sozialgesetz kann uns sozialistische Wege führen, da es an eine bestimmte Gesellschafts- und Wirtschaftsordnung nicht gebunden ist.“

Jakob Kaiser auf der Parteitagung der CDU am 16. Juni 1946

„Wenn heute bei Bürgerlichen von Sozialismus gesprochen wird, dann ist das ein kleiner Denkfehler. Es gibt keinen Sozialismus außerhalb der sozialistischen Arbeiterbewegung! Alles andere mag wohlmeinende Schöngeistigkeit sein.“

Kurt Schumacher auf der ersten Großkundgebung der SPD in Berlin am 20. Juni 1946

„Ich sagte heute zu Frl. Bernd , heute hätte ich eine gewisse Macht, aber ob ich sie morgen noch hätte, sei zweifelhaft; ich empfände den Boden als allzu schwankend unter mir. Und das ist schließlich mein Silvestergrundgefühl. Immerhin: dieses Jahr! Doch wohl das märchenhafteste meines Lebens.“

Victor Klemperer, Tagebuch, Dresden, Silvester 1945.

„Wie ernst und verhärmt diese Gesichter sind. Hier sitzen die Besten. Hier sitzen diejenigen, deren Stimme noch nicht zu hören ist, die nichts anderes wollen als lernen, lernen, sich eine neue Welt aufbauen, sich nach dem fürchterlichen Zusammenbruch eine neue Grundlage schaffen. Es liegt etwas Unheimliches über dieser stummen Arbeit, deren Ziel niemand kennt, über diesen schmalen Rücken, die sich über die Tische beugen, über den mageren Händen, die sich gierig um Bücher schließen. Eines Tages, wenn die Alten sich genug in Stücke gerissen haben, werden diese kritischen, noch schlaftrunkenen Menschen zu reden beginnen.“

Peter Weiss über die Bibliothek der Berliner Universität, Reportage aus dem Sommer 1947

Zusammengestellt von Markus Deggerich